FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG Feuilleton SAMSTAG, 31. AUGUST 2019·NR. 202·SEITE 11
C
hinastellt unsere Welt auf den
Kopf. Es ist groß, mächtig, in-
novativ, ehrgeizig, im Aufstieg
begriffen und illiberal. Der
Westen hat allen Grund, sich
vor China zu fürchten. Warum schauen
wir dann geradezu obsessiv auf Russ-
land? Stimmt es nicht, dass Russland eine
Mischung aus Scheitern und Banalität ist,
eher ein Gespenst aus der Vergangenheit
als ein Bote der Zukunft? Warum lassen
wir uns derart verstören von Putins jüngs-
ter Behauptung, der Liberalismus sei
„überholt“ und widerspreche den „Interes-
sen der Mehrheit der Bevölkerung“, und
das zu einer Zeit, da die Öffentlichkeit
sich gegen Einwanderung, offene Gren-
zen und Multikulturalismus wendet? Ist
nicht gerade Russland ein Paradebeispiel
für ein überholtes Regime? Was ist so ver-
störend an Putins Russland?
Ein Hinweis zur Erklärung unserer Ob-
session lässt sich in einem Klassiker der
russischen Literatur finden, in Fjodor
Dostojewskijs Erzählung „Der Doppel-
gänger“, der Geschichte eines kleinen Be-
amten, der im Irrenhaus landet, nachdem
er seinem Doppelgänger begegnet ist, ei-
nem Mann, der genauso aussieht und
spricht wie er selbst, aber all den Charme
und das Selbstbewusstsein besitzt, das
dem gequälten Protagonisten fehlt, und
der Schritt für Schritt zu „ihm“ wird.
In ihrer Reaktion auf den Autoritaris-
mus Russlands ähneln die westlichen De-
mokratien Dostojewskijs Protagonisten
im Angesicht seines Doppelgängers. In
Dostojewskijs Erzählung wirkt der Dop-
pelgänger allerdings wie eine Person, die
der Protagonist immer schon hätte sein
wollen. Russland dagegen ist für den Wes-
ten der Doppelgänger, der zu werden man
dort fürchtet. Amerikaner und Europäer
haben Angst, was da heute in Russland ge-
schieht, könnte morgen auch in westli-
chen Ländern geschehen.
„Im achtzehnten Jahrhundert kopierte
der russische Staat zeitgenössische euro-
päische Vorbilder“, schreibt der Historiker
Iver B. Neumann, „im neunzehnten Jahr-
hundert führte man dort das Europa des
Ancien Régime wieder auf, das der Rest
des Kontinents bereits aufgegeben hatte,
und im zwanzigsten Jahrhundert verkör-
perte er eine europäische sozialistische Be-
wegung, die der größte Teil des übrigen
Europas niemals zu verwirklichen be-
schloss.“ Im einundzwanzigsten Jahrhun-
dert gleicht Russland einem Hohlspiegel,
der die Ratlosigkeit und Selbstzweifel des
liberalen Europas reflektiert. Wir haben
Angst vor Russland, weil wir nach einem
Jahrzehnt der Krisen unser Selbstvertrau-
en verloren haben. Während des Kalten
Kriegs meinte der Historiker Robert Con-
quest, eine Science-Fiction-Sicht könne
„hilfreich für das Verständnis der Sowjet-
union sein. Es geht nicht wirklich darum,
ob die Sowjets gut oder böse sind, denn
wie wir selbst weder gut noch böse sind,
so sind auch sie weder gut noch böse. Es
wäre besser, in ihnen eher Marsianer zu se-
hen als Menschen wie wir.“ Heute wirkt
dieser Rat überholt. Wir erkennen, dass
das russische Regime den westlichen De-
mokratien ähnlicher ist, als wir wahrha-
ben wollen – wir haben dieselben Proble-
me und Befürchtungen, wir erleben einen
ähnlichen demographischen Niedergang,
und wir haben dieselben Zukunftsängste.
Nicht der Aufstieg des Autoritarismus,
sondern die Verwischung der Grenzen
zwischen Demokratie und Autoritaris-
mus lähmt das liberale Denken im Wes-
ten. Was ist der Unterschied zwischen der
Behauptung des Kremls, es gebe keine Al-
ternative zu Putin, und unserer These, es
gebe keine Alternative zur aktuellen Wirt-
schaftspolitik? Was unterscheidet Putins
Russland von Erdogans Türkei, Modis In-
dien oder Bolsonaros Brasilien? Und un-
terscheidet es sich so deutlich von Orbáns
Ungarn oder Trumps Amerika? Sind wir
sicher, dass wir noch in liberalen Demo-
kratien leben? Und ist die Unterschei-
dung zwischen Demokratie und Autorita-
rismus überhaupt noch sinnvoll in Gesell-
schaften, die vom großen Geld und von
neuen Technologien manipuliert wer-
den? Das sind die Fragen, die viele Ameri-
kaner und Europäer sich heute stellen.
Ende des neunzehnten Jahrhunderts
war die Monarchie, wie Walter Bagehot
schrieb, die einzig „verständliche Staats-
form,... Die Masse der Menschen ver-
steht sie, und andere sind ihr kaum ver-
ständlich.“ Anfang des einundzwanzigsten
Jahrhunderts ist in dieser Hinsicht die libe-
rale Demokratie an die Stelle der
Monarchie getreten. Die weltweite Aus-
breitung von – oft freien und manchmal
auch fairen – Wahlen und die nahezu uni-
verselle Anerkennung der Sprache der
Menschenrechte sind in der Welt nach
dem Kalten Krieg zu einem wesentlichen
Kennzeichen der Politik geworden. Als der
Kalte Krieg endete, schien die geopoliti-
sche Bühne bereit für die Aufführung ei-
nes Stücks nach Art des „Pygmalion“ von
George Bernard Shaw, eines optimisti-
schen und pädagogischen Stücks, in dem
es einem Professor für Phonetik (in unse-
rem Fall lies: „dem Westen“) innerhalb kur-
zer Zeit gelingt, einem armen Blumenmäd-
chen (lies: „der restlichen Welt“) beizubrin-
gen, wie die Queen zu sprechen und sich in
der feinen Gesellschaft zu bewegen (lies:
„eine liberale Demokratie zu werden“).
Im letzten Jahrzehnt nahm indes das
Spektakel der „Konversion“ nicht den er-
warteten Verlauf. Es war, als sähe die
Welt statt einer Aufführung des Pygmali-
on eine Darbietung des Frankenstein von
Mary Shelley, einer Horrorgeschichte
über einen Mann, der beschloss, Gott zu
spielen, indem er menschliche Körpertei-
len zu einem menschenähnlichen Wesen
zusammensetzte, und schließlich selbst
Opfer seines fehlgeschlagenen Selbstrepli-
kationsexperiments wurde. Das Jahrhun-
dert, das mit einem weltweiten Sieg des
Liberalismus begann, wird zwei Jahrzehn-
te später von einer weltweiten Gegenreak-
tion erschüttert.
Putins Behauptung, der Liberalismus
sei überholt, ist nur das Spiegelbild der
1989 von Fukuyama aufgestellten These,
die liberale Demokratie sei „der End-
punkt der ideologischen Evolution der
Menschheit“. Damals benutzte Fukuya-
ma den marxistischen Glauben an den te-
leologischen Charakter der Geschichte,
um die kommunistischen Eliten zur politi-
schen Abdankung zu zwingen. Für diese
im historischen Materialismus sozialisier-
ten Eliten war es leichter zu akzeptieren,
dass die kapitalistische Demokratie das
Ziel der Geschichte sei, als dass die Ge-
schichte gar kein Ziel besitze. Die spät-
kommunistischen Eliten verloren den Kal-
ten Krieg nicht, weil sie keine Marxisten
mehr sein wollten, sondern weil sie an ih-
rem Glauben an die Gesetzmäßigkeiten
der Geschichte auch als ehemalige Mar-
xisten festhielten. Zum Ausgleich machte
der Marxismus den letzten kommunisti-
schen Herrschern jedoch noch ein Ab-
schiedsgeschenk, indem er ihnen die
Überzeugung einimpfte, die Demokratie
sei nichts anderes als ein hinterhältig kon-
struiertes System zur Aufrechterhaltung
der Klassenherrschaft, weshalb sie keine
Angst davor haben sollten, da sie nun die
neue (alte) herrschende Klasse seien.
Es ist nervtötend, heute, drei Jahrzehn-
te später, mit ansehen zu müssen, wie der
russische Führer dieselbe Strategie, die
1989 die Liberalen benutzten, um den Os-
ten zu überreden, den Kommunismus zu
begraben, heute dazu benutzt, die westli-
che Öffentlichkeit davon zu überzeugen,
dass der Liberalismus ein radikales Expe-
riment darstelle, dessen Zeit abgelaufen
sei, und dass politische Ideologien wie
verpackte Lebensmittel ein Verfallsda-
tum besäßen, nach dem eine Verwendung
krank machen könne – mit dem einzigen
Unterschied, dass das Verfallsdatum poli-
tischer Ideologien anders als bei Lebens-
mitteln nicht auf der Verpackung angege-
ben werde.
P
utins beunruhigende Macht be-
ruht nicht auf einer russischen
Erfolgsgeschichte, sondern auf
der Behauptung, der Verlierer
verstehe die Zukunft besser als
der Sieger. Das Erstaunlichste an Putins
jüngsten Reden und Interviews ist, wie
der russische Präsident sich in den Man-
tel eines allwissenden Propheten hüllte.
Während des Kalten Kriegs redeten die
Sowjets stets so, als wüssten sie genau,
wie die Zukunft aussehen werde. Anders
als seine sowjetischen Vorgänger spricht
Putin nicht im Namen einer Ideologie, die
behauptete, die Zukunft zu kennen. Er be-
zieht seine Selbstsicherheit vielmehr aus
der unausgesprochenen Überzeugung,
wonach nicht der Sieger, sondern der Be-
siegte besser verstehe, welche Gefahren
die Zukunft bereithalte. Er spricht nicht
als Bezwinger des Liberalismus, sondern
als Überlebender des liberalen Zeitalters.
Seine These lautet, Moskaus Niederlage
im Kalten Krieg sei ein versteckter Segen,
der sein Land für den brutalen, amorali-
schen Konkurrenzkampf in der künftigen
Welt gestählt habe. Er zeichnet den Auto-
ritarismus russischer Prägung nicht als Al-
ternative zum Liberalismus, sondern als
Default-Option für Gottes Computer.
Überlebende schätzen keine Ideologien,
auch wenn sie mit ihnen spielen. Sie schät-
zen Widerstandskraft, Macht und vor al-
lem Erfahrung.
Heute ist es Mode, Russland als Anfüh-
rer einer konservativen Gegenrevolution
zu zeichnen, aber während russische Füh-
rer einen Erzkonservatismus predigen, ist
die russische Gesellschaft alles andere als
konservativ, und in den russischen Eliten
wimmelt es von skrupellosen Opportunis-
ten, nicht von Ideologen. So sind Ehen
heute in Russland weniger stabil als in der
Sowjetzeit, als die Scheidungsraten des
Landes bereits berüchtigt hoch waren.
Von hundert Ehen werden 56 geschieden
- ein unvollkommener, aber aufschlussrei-
cher Indikator für den Rückgang des ma-
trimonialen Traditionalismus. Könnte es
sein, dass wir Russland nicht fürchten,
weil es die konservative Alternative zum
westlichen Liberalismus wäre, sondern
weil es nicht einmal konservativ ist?
Während China uns ängstigt, weil es er-
folgreich einen autoritären politischen
Apparat aufbaut, der bestens zu den Emp-
findlichkeiten des 21. Jahrhunderts passt,
ängstigt Russland uns mit etwas ganz an-
derem, nämlich seiner erfolgreichen Ver-
wischung der Grenzen zwischen Demo-
kratie und Autoritarismus. Es lässt uns
glauben, im 21. Jahrhundert seien Demo-
kratie und Autoritarismus wie Dr. Jekyll
und Mr. Hyde zwei Gesichter ein und des-
selben Regimes.
Für viele westliche Liberale ist Russ-
land ein erschreckendes Beispiel für eine
Nichtdemokratie, die sich hinter der insti-
tutionellen Fassade einer Demokratie
versteckt: eines politischen Regimes, in
dem zwar regelmäßig Wahlen stattfin-
den, die herrschende Partei aber niemals
Gefahr läuft, die Macht zu verlieren. Pu-
tins Russland lehrt uns, dass Wahlen und
gewählte Regierungen keineswegs bedeu-
ten, dass die Stimme des Wahlvolks auch
gehört wird. Könnte es sein, dass die kon-
kurrenzorientierten Wahlen im Westen –
geprägt von der manipulativen Macht
des Geldes, entstellt von der wachsenden
politischen Polarisierung und durch ei-
nen Mangel an echten politischen Alter-
nativen ihres Sinns entleert – den vom
Kreml inszenierten Wahlen ähnlicher
sind, als wir glauben möchten? Ist der
Aufstieg des Populismus im Westen ein
Indiz für eine Konvergenz zwischen De-
mokratie und Autoritarismus?
Russland ist außerdem ein Paradebei-
spiel für die weltweit zunehmende Bereit-
schaft von Gesellschaften, die im 21. Jahr-
hundert wachsende ökonomische Un-
gleichheit hinzunehmen. In den letzten
25 Jahren tat sich in Russland eine unvor-
stellbare Kluft zwischen märchenhaftem
Reichtum in den Händen weniger und
hoffnungsloser, schreiender Armut auf.
Aber könnte es nicht sein, dass im Westen
Roboter und fortgeschrittene Technolo-
gien zu ebenjenem Ergebnis geführt ha-
ben, das in Russland durch die Boden-
schätze ermöglicht wurde: zu einer Ge-
sellschaft, in der wenige Privilegierte
nicht einmal versuchen, ihre Mitbürger zu
beherrschen oder zu kontrollieren, son-
dern ihnen schlicht den Rücken kehren?
S
o quält die meisten westlichen Li-
beralen nicht die Angst, Russ-
land könne die Welt beherr-
schen, sondern die Befürchtung,
dass weite Teile der Welt in nicht
ferner Zukunft auf dieselbe Weise regiert
werden wie Russland heute. Die Neigung,
Russland zu sagen, wenn man über die
Ängste des Westens spricht, erklärt also,
weshalb wir nicht wirklich daran interes-
siert sind, was in Russland geschieht.
Es ist Präsident Putin weitgehend ge-
lungen, die öffentliche Meinung durch ei-
nen Cocktail aus Wirtschaftswachstum,
triumphalistischer militärischer Expansi-
on und nationalistischer Rhetorik für sich
zu gewinnen. Wie jedoch die jüngste Pro-
testwelle in Moskau zeigt, hat der Über-
gang Russlands zu einem Post-Putin-Re-
gime bereits begonnen. Und die jüngste
Welle der Repression signalisiert Panik
an der Spitze. Wie Russland nach Putin
aussehen wird, vermag man im Kreml
nicht zu sagen – mehr noch, man wagt die-
se Frage nicht zu stellen. Der gefährlichs-
te Fehler, den die liberalen westlichen De-
mokratien machen könnten, wäre es, das
Ende der liberalen Vorherrschaft nach
dem Kalten Krieg für das Ende des Libera-
lismus zu halten. „Die Geschichte ist größ-
tenteils ,protestantisch‘, geprägt von äu-
ßerst vielfältigen politischen, kulturellen,
sozialen und ökonomischen Institutio-
nen“, schrieb der amerikanische Politik-
wissenschaftler Ken Jowitt Anfang der
Neunziger Jahre, aber, so fuhr er fort, „es
gibt in der Geschichte auch ,katholische
Momente‘, in denen man die innere Viel-
falt des gesellschaftlichen Lebens einem
autoritären institutionellen Standardfor-
mat unterwirft... und aus dem ideologi-
schen Wort institutionelles Fleisch wird“.
Die Zeit nach dem Ende des Kalten
Kriegs war solch ein „katholischer Mo-
ment“. Es war eine Zeit, in der wir über-
zeugt waren, dass alle Länder der Erde
letztlich – wenn nicht heute, so doch mor-
gen – zu liberalen Demokratien würden.
Heute lässt sich dieser Glaube schwer
aufrechterhalten. Präsident Putin hat
recht mit seiner Feststellung, die Libera-
len könnten „nicht einfach weiter allen
alles diktieren, wie sie es in den letzten
Jahrzehnten versucht haben“. Die libera-
le Vorherrschaft ist tatsächlich vorüber,
nicht aber der Liberalismus. Wir erleben
heute nicht die Krise der liberalen De-
mokratie und den Aufstieg des Autorita-
rismus, sondern einen „Wettstreit des
Niedergangs“, eine Zeit, in der sowohl
der Liberalismus als auch der Putinis-
mus sich in einer Krise befinden und
eine naheliegende Strategie darin be-
steht, die Aufmerksamkeit der Öffent-
lichkeit auf die Schwierigkeiten des je-
weiligen Rivalen zu lenken, in der Hoff-
nung, die eigenen Probleme dadurch
überdecken zu können. Die Krise des Li-
beralismus ist real, aber der Illiberalis-
mus ist nicht die Default-Option des gött-
lichen Computers.
Triumphalismus endet oft in Fatalis-
mus. Wie wir nach 1989 glaubten, nun
würden alle Länder zu liberalen Demokra-
tien werden, so fürchten heute viele, Pu-
tin könnte recht haben mit seiner These,
der Liberalismus sei „überholt“. Selbst
die augenfälligen Misserfolge der putin-
schen Spielart des Autoritarismus veran-
lassen sie nicht, sein Verdikt anzuzwei-
feln. Die gegenwärtige Wiederbelebung
sozialistischer Ideen in den Vereinigten
Staaten (nach den jüngsten Meinungsum-
fragen finden junge Amerikaner den So-
zialismus attraktiver als den Kapitalis-
mus) und rechter nationalistischer Vor-
stellungen in Europa ist indes ein klarer
Beweis dafür, dass politische Ideologien
sich zwar zurückziehen mögen, aber nie-
mals gänzlich aufgeben.
Die Liberalen haben die Wahl, die ver-
lorene weltweite Vorherrschaft der libera-
len Ordnung zu betrauern oder die Rück-
kehr in eine Welt mit politischen Alterna-
tiven zu begrüßen. Doch sie sollten nicht
übersehen, dass der Liberalismus weiter-
hin die politische Idee bleibt, die im 21.
Jahrhundert am ehesten zu Hause ist.
Ivan Krastev, Jahrgang 1965, ist bulgarischer
Politologe und leitet das Centre for Liberal
Strategies in Sofia. Am 4. November erscheint
sein gemeinsam mit Stephen Holmes verfasstes
Buch „Das Licht, das erlosch“ im Ullstein Verlag.
Aus dem Englischen vonMichael Bischoff.
Andreas Nachama wird am 9. Septem-
ber in Berlin mit der Moses Mendels-
sohn Medaille ausgezeichnet. Die Lau-
datio auf den siebenundsechzigjähri-
gen Rabbiner hält Kulturstaatsministe-
rin Monika Grütters, wie die Konrad-
Adenauer-Stiftung mitteilt. Sie vergibt
die Auszeichnung gemeinsam mit der
Moses Mendelssohn Stiftung. Nacha-
ma ist seit 1994 geschäftsführender Di-
rektor der Stiftung Topographie des
Terrors, zum Jahresende geht er in den
Ruhestand. Seit 2016 ist er zudem jüdi-
scher Vorsitzender des Deutschen Ko-
ordinierungsrates der Gesellschaften
für christlich-jüdische Zusammenar-
beit. Die Moses Mendelssohn Medaille
wird seit 1993 an Persönlichkeiten ver-
liehen, die sich im Sinne und in der Tra-
dition des Denkens von Moses Men-
delssohn für Toleranz und Völkerver-
ständigung und gegen Fremdenfeind-
lichkeit engagiert haben. Moses Men-
delssohn (1729 bis 1786) war als Philo-
soph einer der wichtigsten Vertreter
der Aufklärung. KNA
W
enn man schon Sport machen
muss, dann doch am besten im
Sitzen. Rudern zum Beispiel: tolle
Sache! Auch beim Fahrradfahren kann
man sich einreden, dass man es gerade
ganz bequem hat, während man auf
einem lächerlich kleinen und harten
Sattel sitzt und strampelt wie ein Irrer,
aber gut, so funktioniert der Mensch
nun mal. Da ist der nächste Schritt fast
unausweichlich: Warum sitzen, wenn
man auch liegen kann? Liegen ist be-
kanntlich das bessere Sitzen und den
Konzepten Gehen und Stehen ohnehin
weit überlegen. Allerdings gibt es nicht
viele Sportarten, die man im Liegen
ausüben kann. Drachenfliegen ist
schwer in den Alltag zu integrieren,
und Schwimmen lässt sich nur mit viel
gutem Willen dazuzählen. Deshalb stei-
gen findige Menschen auf Liegefahr-
räder um, oder besser: Sie sind längst
auf Liegefahrräder umgestiegen, denn
sie wirken allesamt, als seien sie mit
ihren Gefährten seit Jahrzehnten ver-
wachsen. „Nonkonformismus seit
1992“ wäre ein schöner Aufkleber für
Liegefahrräder, aber er ist nicht nötig,
denn die Vehikel transportieren genau
diese Botschaft ganz von selbst. Wie
überhaupt Radwege neuerdings von
immer mehr Gefährten mit Aussagen
bevölkert sind: all die Lastenfahrräder
mit dem Nachwuchs in vorgelagerten
Wagen („Wir haben die Welt nur von
unseren Kindern geliehen“), die Elek-
tro-Tretroller („Werde den Teufel tun,
mich mit dem Pöbel in die U-Bahn zu
setzen“) und die im Stadtverkehr ab-
surd anmutenden Fatbikes mit ihren
dicken Reifen („Schenk! Mir! Beach-
tung!“). Die Liegefahrräder nehmen
aber tatsächlich immer noch eine Son-
derposition ein: Wer sich aktiv dafür
entscheidet, den Kopf im Straßen-
verkehr so niedrig zu halten, dass er
weder selbst einen guten Überblick hat
noch leicht von anderen gesehen wird,
muss etwas ganz Besonderes sein. Der
Preis des Nonkonformismus sind all
die Abgase, die auf Kniehöhe ausgesto-
ßen und von den Liegeradlern direkt
an Ort und Stelle eingeatmet werden.
Man müsste schon bäuchlings auf
einem Skateboard liegend durch die
Stadt rollen, um sich für den Individua-
lismus noch mehr aufzuopfern. Viel-
leicht wird das ja der nächste Trend.
Aber versuchen Sie mal, auf ein Skate-
board umzusteigen, wenn Sie auf Ih-
rem Liegefahrrad festgewachsen sind –
da ist nichts zu machen. bähr
Die estnische Universitätsstadt Tartu
ist zur europäischen Kulturhauptstadt
2024 gekürt worden. Die Entschei-
dung wurde von einer internationalen
Jury getroffen und im estnischen Kul-
turministerium bekanntgegeben.
Außer Tartu, mit knapp unter hundert-
tausend Einwohnern der zweitgrößten
estnischen Stadt, die auch als geistiges
Zentrum des Landes gilt, hatte sich die
drittgrößte, Narva, um den Titel bewor-
ben. Der Status als Kulturhauptstadt
beschert Tartu zusätzliche Mittel für
die Umsetzung des für die Ausschrei-
bung präsentierten Programms. Der
estnische Staat wird dieses mit bis zu
zehn Millionen Euro fördern. Die Euro-
päische Kommission wird den mit an-
derthalb Millionen Euro dotierten Me-
lina-Mercouri-Preis an Tartu verlei-
hen. Die verschiedenen Länder der Eu-
ropäischen Union haben seit 1999
nach festgelegtem Rotationsprinzip
das Recht, eine Kulturhauptstadt zu be-
nennen; seit 2004 gibt es in jedem Jahr
mindestens zwei davon, damit die Pau-
sen dazwischen für die einzelnen Län-
der nicht zu groß werden. Tartu wird
sich 2024 den Titel mit einer österrei-
chischen Stadt teilen, deren Name
noch nicht bekanntgegeben wurde.
Die nächste deutsche Kulturhauptstadt
wird es zusammen mit einer sloweni-
schen 2025 geben. In diesem Jahr am-
tieren das italienische Matera und das
bulgarische Plowdiw. F.A.Z.
Mendelssohns Sinn
Ehrung für Andreas Nachama
Abgelegt
Der Überlebende
des liberalen Zeitalters
Was wollen uns die kalten Blicke sagen? In der Blindenbibliothek im sibirischen Krasnojarsk studiert eine Besucherin das
Tastbildnis von Präsident Putin. Foto Reuters
Auf nach Tartu
Europäische Kulturhauptstadt 2024
Ein Besiegter prophezeit dem Sieger dessen Zukunft: Der Westen
ist von Russland unter Wladimir Putin so fasziniert, weil er
fürchten muss, ihm immer ähnlicher zu werden.Von Ivan Krastev