Frankfurter Allgemeine Zeitung - 31.08.2019

(Jeff_L) #1

SEITE 12·SAMSTAG, 31. AUGUST 2019·NR. 202 Literatur und Sachbuch FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG


Wie einfach wären Krieg und Frieden,
wenn es keine Schnittmenge zwischen
Gut und Böse gäbe? Dann wären die
einen diegood guysund die anderen die
bad guys. Man könnte sich auf die eigene
Ehrenhaftigkeit konzentrieren und sei-
nen Feldzug gegen die Niedertracht fei-
ern. So wurde es propagiert in den Ver-
einigten Staaten der frühen siebziger Jah-
re, als amerikanische Bomben auf Nord-
vietnam fielen und unzählige Menschen
töteten, um einen Krieg am Laufen zu
halten, der da schon ungewinnbar war.
„Wegen Hitler ist alles erlaubt“, sagt
John Glueck in Steffen Kopetzkys „Propa-
ganda“ in einer passionierten Anklage
gegen sein Heimatland. „Wer gegen den
Teufel kämpft, braucht sich keine Schran-
ken aufzuerlegen.“
John Glueck ist Patriot im Zwiespalt.
Er ist Amerikaner, aber auch Deutscher.
1921 als Nachfahre rheinländischer Ein-
wanderer in der Bronx geboren, wächst
er im Banne seiner transatlantischen Her-
kunft auf. Seine Großmutter spricht
Pennsilfaanisch Deitsch mit ihm („es
gebt viele schwatze Schof, awwer sie gew-
we all weissi Millich“), später studiert er
Germanistik. Thomas Mann liebt er ge-
nauso wie Thomas Wolfe. Aus der Ferne
scheint ihm Deutschland, dichtend und
denkend, ein mythisches Theater- und
Burgenland. Als Hitler an die Macht
kommt, lässt John Glueck sich von der
Army rekrutieren, um gegen das Land zu

kämpfen, „das ich, ohne es je gesehen zu
haben, inniglich liebte“.
Er landet im Department for Psycho-
logical Warfare, kurz: Sykewar. Was sich
nach Seelenfolterkammer anhört, bedeu-
tet für John Glueck eine Redakteursstel-
le beim „Sternenbanner“ mit Sitz in Lon-
don. Die vierseitige Zeitung, die ameri-
kanische Flieger über dem Großdeut-

schen Reich abwarfen, sollte die Bevölke-
rung über die aussichtslose militärische
Lage unterrichten und ihr gleichzeitig
klarmachen, dass Rettung naht. Nach
Deutschland kommt Leutnant Glueck
1944 im Zuge einer Reportage, die er
über Ernest Hemingway schreiben soll,

der sich als Kriegskorrespondent in
Frankreich aufhält.
Das ist der eine Erzählstrang. Der an-
dere spielt im Jahr 1971 in einem Regio-
nalgefängnis des amerikanischen Bun-
desstaats Missouri. Wichtigster Insasse:
John Glueck. Nach Kriegsende hat er
eine Stelle bei der Denkfabrik Rand Cor-
poration angetreten und berät nun das
Pentagon. Dort fallen ihm Informatio-
nen zu, die ihn erstmals an der Doktrin
von Sankt Amerika zweifeln lassen. Ihm
wird klar, dass der Krieg in Vietnam heil-
los und mörderisch ist – und „ein Riesen-
geschäft“. „Ich fühlte mich wie ein sich
unschuldig wähnender, buchhalterischer
deutscher Offizier im Jahre, sagen wir,
1943, der gerade zum ersten Mal den Zu-
sammenhang zwischen mehr Zugfahrten
in die Lager, zugleich steigenden Kosten
für Zyklon B und Gaslieferungen für die
Krematorien zu verstehen begann.“ John
Glueck wird zum Whistleblower. Glueck
kommt vor Gericht.
Das alles ist packend erzählt. „Propa-
ganda“ bespielt zwar, wie schon Kopetz-
kys Vorgängerroman „Risiko“, eindeutig
das Gestern der historischen Fiktion: Da
murrt Hemingway mal etwas über die No-
blesse des Krieges; da schlägt, knapp drei-
ßig Jahre später, der inhaftierte John
Glueck eine „Washington Post“ auf, die
sich dem Publikationsveto der Nixon-Re-
gierung widersetzt. Das ist unriskanter
Stoff, abgesegnet durch Erzählung und

Wiedererzählung. Das große Verdienst
dieses Romans aber ist, dass er eindrucks-
voll zeigt, wie viele Berührungspunkte
die deutsche Kultur mit der amerikani-
schen hatte und hat.
Einige sind unmittelbar. An der West-
front etwa kämpften pennsilfaanische
Muttersprachler, Amerikaner also, aber
„wenn’s nicht ihre Aufgabe wäre, sich ge-
genseitig umzubringen, könnten sie sich
mit den Deutschen direkt über das
schlechte Wetter hier in dies’ finstern Ge-
birch unterhalten“. Andere Verbindun-
gen sind schemenhaft. Der Konzern Mon-
santo war im Vietnam-Krieg für die Ent-
laubung von Waldflächen zuständig, um
Guerrillakrieger zu behindern. Monsan-
to war damals Geschäftspartner der Le-
verkusener Bayer AG, seit vergangenem
Jahr gehört das Unternehmen zu Bayer.
Kopetzky bietet überraschende Wis-
sensbissen und Anekdoten. Von einem
Weggefährten, der dem Seneca-Stamm
angehört, erfährt John Glueck 1944,
dass die sechs Nationen der Iroquois
seit Jahrzehnten mit Deutschland im
Krieg stehen. 1917 hätten sie dem Kai-
serreich den Krieg erklärt, seien jedoch
in Versailles nicht berücksichtigt wor-
den und folglich noch, beziehungsweise
schon, mit der Weimarer Republik ver-
feindet gewesen.
Müsste man „Propaganda“ eines
anlasten, dann, dass die Wege des Prot-
agonisten sich mit so vielen Persönlich-

keiten kreuzen, dass es sich mitunter wie
namedropping ausnimmt. In Whit
Burnetts Schreib-Workshop an der
Columbia-Universität sitzt John Glueck
mit „Jerry“ Salinger und „Henry“
Bukowski. Im Krieg wird ihm Heming-
way gleich so vertraut, dass er ihn „Papa
Hem“ nennt. Später schreibt er Präsident
Kennedy den Satz „ISH-Pin-ain-Burlee-
nAh“ auf. Doch selbst wenn das Personal
manchmal überbesetzt ist, überwiegt am
Ende Kopetzkys Erzählgeist.
Propaganda, dieses Gruselwort: die
Wahrheit gewordene Lüge. Mit Blick in
die Welt – gerade nach Washington –
möchte man dieser Tage fragen: Wann
hört man damit auf? Als gelernter Propa-
gandist weiß John Glueck: „Versöhnung
mit der Realität gibt es nur am Schreib-
tisch.“ Dort entstehen die Klassifizierun-
gengood guysundbad guys.Das verlei-
tet Kopetzky keineswegs zu Apologien
der Letzteren. Wohl aber zu der Erkennt-
nis, dass Erstere fast immer Propaganda
sind. CORNELIUS DIECKMANN

Im Jahr 1963 veröffentlichte der Histori-
ker Joseph Wulf den Band „Literatur und
Dichtung im Dritten Reich“. Wie in den
meisten anderen seiner Bücher über die
Zeit des Nationalsozialismus hatte er dar-
in Originaldokumente aus den Jahren
1933 bis 1945 zusammengetragen und
kommentiert. In der kurzen Einleitung
ging Wulf ausführlich auf den Lebenslauf
von Ernst Jünger ein, von dem in dem
Band drei Briefe abgedruckt waren, dar-
unter ein Schreiben vom 16. November
1933, in dem Jünger die Berufung in die
gleichgeschaltete und von ihren jüdischen
Mitgliedern „gesäuberte“ Deutsche Aka-
demie der Dichtung ablehnte. Jünger, so
Wulf, habe sich im Gegensatz zu Schrift-
stellerkollegen für die „äußerste innere
Emigration“ entschieden und in den Jah-
ren bis 1945, selbst als Soldat im besetzten
Paris, ein Musterbeispiel „leidenschaftli-
chen Menschentums“ im „Dritten Reich“
abgegeben. Zum Beleg dieser Einschät-
zung zitiert Wulf auch aus einem Leser-
brief Jüngers vom Juli 1934 an den „Völki-
schen Beobachter“, in dem sich dieser
vom Abdruck einer seiner Texte in dem
Blatt distanzierte.
Wulf dankt Jünger ausdrücklich für die
Genehmigung, aus diesem Schreiben zitie-
ren zu dürfen, die er im Jahr zuvor schrift-
lich in Wilflingen eingeholt hatte. Seit die-
ser Zeit pflegten der Auschwitz-Überle-
bende Wulf, 1912 in Chemnitz geboren,
und der siebzehn Jahre ältere Jünger ei-
nen Briefwechsel, der nun erstmals voll-
ständig ediert vorliegt. Ende 2017 hatten
die Herausgeber Anja Keith und Detlev
Schöttker bereits einen Teil der ungewöhn-
lichen Korrespondenz in dieser Zeitung
vorgestellt (F.A.Z vom 11. Oktober 2017).
Die insgesamt 159 Schreiben aus den Jah-
ren 1962 bis 1974, zusammengetragen aus
dem Nachlass Jüngers im Deutschen Lite-
raturarchiv und aus dem Nachlass Wulfs
im Zentralarchiv zur Erforschung der Ge-
schichte der Juden in Deutschland in Hei-
delberg, füllen nur gut einhundert Druck-
seiten, ihre Lektüre aber inspiriert zum
Nachdenken über die eigene Zeitgenossen-
schaft und liefert eindrucksvolle Einblicke
in die Persönlichkeit der beiden so unglei-
chen Briefpartner.
Deren Schreiben sind von gegenseitiger
Wertschätzung, vor allem aber von der
Lust an der intellektuellen Kontroverse ge-
prägt. Wulf und Jünger stritten vor allem
über die Nachgeschichte des „Dritten Rei-
ches“, waren sich aber einig, dass es weni-
ge Jahrzehnte nach dessen Ende noch zu
viele ideelle und personelle Kontinuitäten
in der jungen Bundesrepublik gebe. Dabei
kannte Wulf Jüngers Vorgeschichte und
war über seine antiparlamentarischen
Aktivitäten und antisemitischen Ausfälle
in der Weimarer Republik bestens infor-
miert. Er referierte sie ausführlich in der
eingangs zitierten Einführung. Den „Hel-
den seiner Einleitung“ (so Wulf an Jünger
am 27. Dezember 1962) konfrontierte er
aber nie direkt damit. Dennoch will sich
bei der Lektüre der Briefe der Eindruck

des „Scheiterns“ dieses deutsch-jüdischen
Verständigungsversuchs, wie ihn der
Wulf-Biograph Klaus Kempter konstatier-
te, nicht so recht einstellen.
Denn vielmehr zeugt die Korrespon-
denz über Fragen und Formen der zeitge-
nössischen Auseinandersetzung mit der
NS-Vergangenheit von einem Austausch
auf Augenhöhe, dessen Themen von der
Beurteilung Beate Klarsfelds und Rolf
Hochhuths bis zur Rolle der Wehrmacht
oder der Frage der Fernsehpräsenz von
Intellektuellen reichten. Fast immer la-
gen der „germanophile“ Jünger und der
„bodenlose Kosmopolit“ Wulf (so ihre
Selbstzuschreibungen in den Briefen) da-
bei über Kreuz.
Anfangs noch etwas hölzern, eher dis-
tanziert und sprachlich distinguiert, ent-
wickelt sich im Verlauf des Briefwechsels
schnell eine persönliche Zuneigung zwi-
schen den beiden, die sich durch mehrere
im Band durch Fotografien dokumentier-
te Treffen in Wilflingen und Charlotten-
burg noch verstärkte. „Hoffentlich rau-
chen Sie nicht zuviel“, ermahnt Jünger,
der auch gerne über seine Wetterfühlig-
keit schrieb, und riet Wulf dringend zur Er-
holung von der kraftraubenden Arbeit an
seinen Büchern.
Als Wulfs Frau Jenta 1973 starb, schick-
te Jünger Geld nach Berlin, um Blumen
für deren Grab in der Nähe von Tel Aviv
zu kaufen. Stattdessen ließ Wulf fünf Bäu-
me in Israel pflanzen und sandte Jünger
die Schenkungsurkunde des Jüdischen Na-
tionalfonds. Der bedankte sich in einem
seiner letzten Briefe an Wulf im Juli 1974
mit Worten, die das Fundament der inzwi-
schen erreichten Verbundenheit zwischen
den beiden Hommes de lettres des Jahr-
hunderts der Extreme offenlegen: „Daß
Sie nun gerade meine Blumenspende zur
Baumstiftung erhöhten, hat mich gerührt.
Wir Beide, nach Art und Herkunft so ver-
schieden, begegnen uns mit Frau Jenta im
Humanen – das reicht tiefer als Überein-
stimmung in der Meinung und hält länger
vor.“ Mit dem Freitod Wulfs nur drei
Monate später nahm der Briefwechsel ein
jähes Ende. RENÉ SCHLOTT

S


ogar im Dunklen leuchtete er, der
schillernd rote Schriftzug vor dem
imposanten Fotoatelier auf dem
Boulevard des Capucines in Paris:
Nadar. Ein Schriftzug, der damals, in der
zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhun-
derts, ein Versprechen war. Wer sich in
diesem opulent eingerichteten Atelier fo-
tografieren ließ, auf wessen Porträtbild
das geschwungene N-Signet prangte, der
durfte sich als Teil einer erlauchten Ge-
sellschaft fühlen. Denn von Nadar ließ
sich die Prominenz aus Kunst und Kultur
ablichten: George Sand, Claude Monet,
Eugène Delacroix, Victor Hugo, Charles
Baudelaire, Jules Verne. Man konnte im
Schaufenster des Ateliers ihre Porträts be-
trachten, die Aufnahmen käuflich erwer-
ben, sie zu Hause in vorgefertigte Alben
stecken und das eigene Konterfei gleich
dazu. Inhaber des Ateliers und nicht nur
Fotograf, sondern auch Freund vieler
Künstler, war der 1820 geborene Félix
Tournachon. Er hatte, wie in Bohemekrei-
sen üblich, einen Teil seines Namens
durch ein „dar“ ersetzt: aus Tournachon
wurde Tournadar, aus Tournadar wurde
Nadar und aus diesen fünf Buchstaben „ei-
nes der ersten Markenzeichen der photo-
graphischen Bildindustrie“.
Bernd Stiegler, Literaturwissenschaft-
ler und Experte in Sachen Fotografie,
hat ein Buch vorgelegt, das auf den ers-
ten Blick daherkommt wie eine Biogra-
phie des Jahrhundertfotografen Nadar –
der auch Karikaturist, Feuilletonist und
Ballonfahrtpionier war –, auf den zwei-
ten Blick aber genau das nicht ist und
auch nicht sein will. Zum einen deshalb,
weil nicht allein Félix, sondern auch sein
fünf Jahre jüngerer Bruder Adrien und
sein 1856 geborener Sohn Paul am Ruhm
des Namens Nadar mitwirkten, zum ande-
ren, weil Stiegler einen spezifischen, kul-
turgeschichtlichen Ansatz verfolgt: Foto-
grafien von Félix, Adrien und Paul Nadar
dokumentieren die Pariser Moderne seit
Mitte der 1850er Jahre, „begleiteten ihre
Verwerfungen und Transformationen, Vi-
sionen und Neuorientierungen und
brachten sie in Bilder“. Diese Moderne
mit Hilfe der drei Nadars zu erkunden ist
Stieglers Anliegen.
So präsentiert er verschiedene Bildseri-
en mit oft abseitigen Motiven und erläu-
tert in weit ausgreifenden Exkursen de-
ren gesellschaftliche, wissenschaftliche
oder künstlerische Entstehungs- und Re-
zeptionszusammenhänge. Da erfährt
man etwa, was es mit den merkwürdigen
Aufnahmen eines Mannes auf sich hat,
dem Elektroden ins Gesicht gehalten wer-
den und der mal mit erschrecktem,
schmerzverzerrten oder irren Blick in die
Kamera starrt. Die Physiognomik, die
Idee, aus den Gesichtszügen des Men-
schen Rückschlüsse auf seine Seele, sei-
nen Charakter ziehen zu können, war da-
mals in Mode. Adrien dokumentierte
1855 eine Versuchsreihe des Neurologen
Duchenne de Boulogne, bei der die Ge-
sichtsmuskeln eines gelähmten und daher
schmerzunempfindlichen und selbstän-
dig kaum zur Mimik fähigen Mannes so
stimuliert wurden, dass in seinem Antlitz
verschiedene Ausdrücke sichtbar wurden:
Entsetzen, Angst, Verzweiflung, Freude.
Allein „die wie ein Spiegel treue Photogra-
phie“, so Duchenne, sei in der Lage, das
nur für einen kurzen Moment hervorgeru-
fene Gesichtsspiel festzuhalten.
Adriens Bilder wurden Teil eines um-
fangreichen Atlas der Gesichtsausdrü-
cke, den sich später Charles Darwin
gleich in doppelter Ausführung ins Bü-
cherregal stellte. Duchenne de Boulogne
reihte sich mit dieser Arbeit allerdings
nicht in die physiognomische Tradition
ein, er ließ sie vielmehr „ins Leere lau-
fen“, so Stieglers pointiertes Resümee.
Denn die Experimente zeigten, dass man
mit Hilfe der Elektrizität Veränderungen
des Gesichts hervorrufen konnte, denen
keine Regung im Innenleben der betref-
fenden Person zugrunde liegen musste
und die zudem bei jedem gleich waren.
Der Atlas dokumentierte somit keine
physiognomischen Typen oder Charakte-
re, sondern wollte eine universale Spra-
che des Gesichts dokumentieren.

Adrien hatte diese Mimik-Bilder und
andere mit „Nadar jeune“ signiert, was
dem älteren Bruder Félix nicht passte,
war er doch dabei, mit diesem Namen sei-
ne eigene Marke zu etablieren. Er streng-
te einen Prozess gegen den Bruder an,
den er gewann – eine Karikatur von Ho-

noré Daumier zeigt, mit welchen Mitteln
und vor allem mit welchem Ergebnis: Fé-
lix fliegt in einem Ballon hoch über Paris
und schießt in abenteuerlicher Pose Fo-
tos der Stadt. Aus dem Häusermeer ra-
gen die Werbeschilder der vielen Pariser
Fotoateliers, beschriftet alle mit „Photo-
graphie“. Auf Félix’ Ballon dagegen
steht: „Photographie Nadar“. Der Titel
der Grafik: „Nadar erhebt die Fotografie
auf die Höhe der Kunst.“ Im Laufe des
Prozesses hatte Félix dargelegt, dass die
Fotografie eine Kunst und nicht Wissen-
schaft oder gar industrielles Massenpro-
dukt sei – wie man es ihr, als immer mehr
Ateliers eröffneten und Porträtfotos im-
mer billiger wurden, vorwarf. Mit dem
cleveren Schachzug, sich in der Diskussi-
on um Fotografie, Kunst und Massenwa-
re zu positionieren, gelang es Félix nicht
nur, den Bruder aus dem Rennen zu wer-
fen – ein „Photograph ist ein Künstler“
und brauche folglich eine ihm allein ge-
hörige Signatur, urteilte der Richter –,
sondern zugleich einen finanziellen
Mehrwert für sein Atelier zu schaffen.
Dort entstand echte Kunst, die freilich ih-
ren Preis hatte.
Noch mehr als Adrien war Félix faszi-
niert von der Wissenschaft und den Neue-

rungen seiner Zeit. Seine Leidenschaft
für die Luftfahrt trieb ihn beinahe in den
Ruin, er fertigte medizinisch-klinische Bil-
der eines Hermaphroditen und hielt 1865
in einer Serie die städtebaulichen Moder-
nisierungen der Haussmann-Jahre fest,
die nicht nur überirdisch, sondern auch
unterirdisch vonstattengingen. Félix
stieg, anders als viele Kollegen seiner
Zeit, die den sichtbaren Wandel in den
Straßen dokumentierten, in die unsichtba-
re Welt des Untergrunds hinab. Dort wur-
de die Abwasserversorgung der Stadt um-
strukturiert und erneuert. Im Gegensatz
zur Literatur, die die Pariser Unterwelt
bis dahin meist als geheimnisvollen und
finsteren Ort gezeichnet hatte, leuchtete
Félix Nadar, wie Stiegler schildert, „diese
romantische Tradition mit elektrischem
Licht aus“. Er hatte sich die Fotografie
mit elektrischem Licht patentieren lassen
und zeigte nun in klaren Bildern eine
neue, technische Welt: Gänge mit Glei-
sen, Rohre, Maschinen und modernste
Konstruktionen.
Auch der jüngste Nadar, Félix’ Sohn
Paul, war mit seiner Arbeit auf der Höhe
der Zeit. Gemeinsam mit seinem Vater
entstand 1886 ein Projekt, bei dem der re-
nommierte Chemiker Eugène Chevreul,
der unter anderem ein wichtiges Werk zur
Farbentheorie geschrieben hatte, anläss-
lich seines hundertsten Geburtstags inter-
viewt und abgelichtet wurde. Félix stellte
die Fragen, und Paul schuf nicht etwa ein
paar Porträts des Befragten, sondern do-
kumentierte das Gespräch in über siebzig
Aufnahmen. Der Name Nadar steht somit
auch für die erste Fotoreportage der Pres-
segeschichte.
Die Filme, die Paul für die Interviewbil-
der benutzte, waren von der amerikani-
schen Firma Eastman und erlaubten sehr
kurze Verschlusszeiten und viele Aufnah-
men kurz hintereinander. Aus Eastman
wurde einige Jahre später Kodak, und
Paul übernahm die Generalvertretung in
Frankreich. „The Kodak“, eine kleine
kompakte Kamera, die Paul verkaufte, er-
möglichte „100 aufeinanderfolgende Auf-
nahmen ohne nachzuladen“, wie es in ei-
nem Werbeprospekt hieß. Und: „Anybo-
dy can use the Kodak.“ Die Ära der Knip-
ser, der Amateurfotografen, begann. Die
Zeit der großen Fotoateliers und die des
legendären „Kollektivsingular“ Nadar da-
gegen, eine Zeit, in die Stieglers Buch ei-
nen so erkenntnisreichen Einblick liefert,
war passé. KATHARINA RUDOLPH

Steffen Kopetzky:
„Propaganda“. Roman.

Rowohlt Berlin Verlag,
Berlin 2019.
496 S., geb., 25,– €.

Ernst Jünger/Joseph Wulf:
„Der Briefwechsel
1962–1974“.

Hrsg. von Anja Keith und
Detlev Schöttker.
Vittorio Klostermann Verlag,
Frankfurt am Main 2019.
168 S., Abb., br., 29,80 €.

Bernd Stiegler: „Nadar“.
Bilder der Moderne.

Verlag der Buchhandlung
Walther König, Köln 2019.
312 S., Abb., br., 19,80 €.

Sankt Amerika gegen den Teufel


Ist im Krieg und in der Vaterlandsliebe alles erlaubt? Steffen Kopetzkys zutiefst bilateraler Roman „Propaganda“


Ein Fotograf geht in die Luft


Begegnung


imHumanen


Streitkultur: Ernst Jüngers


Briefwechsel mit Joseph Wulf


Félix Nadar: „Selbstporträt in zwölf
Ansichten – Studie für eine Foto-
skulptur“, 1861–1867, und „Kanalar-
beiter in einem Boot“, 1865. Honoré
Daumier: „Nadar erhebt die Fotogra-
fie auf die Höhe der Kunst“, 1862
Fotos Bibliothèque nationale de France, Paris

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Markenbewusst: Bernd Stiegler beschreibt kenntnisreich und elegant den


Aufstieg des Ateliers Nadar als Bildfinder der Pariser Moderne.

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