Frankfurter Allgemeine Zeitung - 31.08.2019

(Jeff_L) #1

SEITE 16·SAMSTAG, 31. AUGUST 2019·NR. 202 Medien FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG


Biggi Lohmann schnappt sich ihren Re-
volver, schaut in den Spiegel und zielt.
Sie wendet sich ab, stiert ins Nichts, voll-
führt eine schnelle Drehung und nimmt
sich abermals ins Visier. Dann das glei-
che Spiel nochmal: wegschauen, hin-
schauen, anlegen. Mit dieser Figur, das
weiß der Zuschauer sofort, wird es übel
enden. Biggis kleine Choreographie ist
nämlich keine bedeutungslose Duellpro-
be, sondern ein Zitat. Seit Robert De
Niro alias Travis Bickle in der ikoni-
schen Szene aus Martin Scorseses „Taxi
Driver“ immer wieder eine Pistole ge-
gen sein Spiegelbild gerichtet hat, kann
aus diesem Verhalten nur eines folgen –
exzessive Gewalt.
Nun spricht nichts dagegen, sich vor
einem Klassiker der Kinogeschichte zu
verbeugen. Die Reverenz hebt allerdings
die unterschiedlichen Fallhöhen beider
Filme hervor. Biggi (Katharina Marie
Schubert) ist eben keine hintergründige
New-Hollywood-Gestalt, sondern die et-
was hölzerne Protagonistin eines von
Emily Atef inszenierten Frankfurter
„Tatorts“ namens „Falscher Hase“. Der
Titel mag nach feinem Anspielungsge-
flecht klingen, meint jedoch in der Tat
Hackbraten. Und der will richtig zuberei-
tet sein. Biggis Trick: „Buttermilch und
Gelatine, dann wird der so ganz zart
und saftig.“ Stimmt die Konsistenz, geht
es an den Geschmack, und da helfen vor
allem, man möchte es sich kaum vorstel-
len, Anchovis und Sojasoße. Kommissa-
rin Anna Janneke (Margarita Broich)
lässt sich auf die lukullische Unterwei-
sung ein und vergisst im Angesicht des
falschen Hasen prompt die falschen
Fährten, denen sie in der Ermittlung
nachgeht. Lieber erinnert sie sich an
den Braten ihrer Mutter: „Der war auch
immer hervorragend.“
Man könnte dieser zahmen Küchen-
schlacht stundenlang folgen, wäre da
nicht noch ein Fall, der gelöst werden
muss. Biggi und ihr Mann Hajo (Peter
Trabner) führen ein Unternehmen für
Solarmodule, das kurz vor der Pleite
steht. Weil alles andere weniger nahelie-
gend ist, versuchen sie sich an einem
Versicherungsbetrug und fingieren
einen Raubüberfall. Sie fesselt ihn an
einen Stuhl und zielt auf sein Bein. Er
zappelt, ist nervös. „Bist du dir denn
sicher, dass das die richtige Stelle ist?“,
fragt er mit weinerlicher Stimme. „Wir
haben das doch tausendmal gegoogelt“,
entgegnet sie. So geht es – dank Peter

Trabner durchaus witzig – hin und her,
bis Biggi schließlich abdrückt. Dann spa-
ziert Jürgen (Thorsten Merten), ein
Sicherheitsmitarbeiter, überraschend
zur Tür herein. Weil Biggi sich gerade
warmgeschossen hat, bringt sie ihn mit
einem Treffer zwischen die Augen kur-
zerhand zur Strecke. Keine Absicht,
mehr ein Reflex.
Ernst muss man das alles nicht neh-
men, denn der Erzählton ist mal finster
und ambitioniert, dann wieder flapsig
und scherzhaft. Doch Kopfschusstragik
und Hackfleischgenuss liegen hier en-
ger beieinander, als der Handlung gut-
tut. Emily Atef sagt: „Für mich als Auto-
rin und Regisseurin ist es eine schwarze
Komödie, aber für die Figuren selbst ist
es ein krasses Drama.“ So krass tatsäch-
lich, dass ein Toter nicht reicht. Nach-
dem Biggi und Hajo ihren guten Plan mi-
serabel umgesetzt haben, melden sich
zwei Kleinganoven bei ihnen, die auf
das Versicherungsgeld scharf sind. Als
dann noch Großganoven auftauchen,
feiert die Schießwut fröhliche Urständ,
und die Ermittlung wird für Anna Janne-
ke und Paul Brix (Wolfram Koch) so
nebulös wie das Novemberwetter in fast
jeder Einstellung.
Zu Beginn unterhalten sich die Kom-
missare über die japanische Autorin Ma-
rie Kondo und deren Werk „Magic
Cleaning“. Brix erläutert ihre wichtigste
Empfehlung: „Man nimmt jeden Gegen-
stand, den man besitzt, in die Hand und
fragt sich: Bringt mir das Freude? Wenn
es einem keine Freude mehr bringt, weg
damit.“ Zum einen wäre ein solches Ent-
schlackungsprogramm für die Figuren
ein wichtiger Schritt, um dem Traum
vom schönen Wohnen näher zu kom-
men (LEDs unterm Schreibtisch, Stoff-
dromedar auf dem Sofa, Teddy-Zusam-
menrottung in der Zimmerecke). Zum
anderen wäre es eine gute Gebrauchs-
anweisung zur Entrümpelung dieses
„Tatorts“. Am Ende würden zwar nur
vierzig Minuten übrigbleiben. Aber die
wären nicht übel. KAI SPANKE
Tatort: Falscher Hase, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Eine „Freieninitiative“, zu der sich freie
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sen-
ders rbb-Kultur zusammengeschlossen ha-
ben, kritisiert die dort vorgesehenen Kür-
zungen am Programmetat scharf. Von
2021 an plant der Rundfunk Berlin-Bran-
denburg eine Million Euro weniger für
das rbb-Kultur-Radio ein. Die Kürzung
entspricht nach Angaben der Freieninitia-
tive zwanzig Prozent des aktuellen jähr-
lichen Programmbudgets. Der RBB selbst
teilte auf Anfrage mit, die Einsparung ma-
che zehn Prozent des Gesamtbudgets des
Kulturradios aus. Die freien Mitarbeiter
sehen durch diese Maßnahme, „vier-
tausend journalistische Beiträge über
gesellschaftliche Debatten, über Bildung
und Stadtentwicklung, Musik und Film,
Theater und Literatur“ bedroht. „Jeder
einzelne ,Tatort‘“, merkt die Initiative an,
„kostet die ARD mehr.“
Geschieht beim Rundfunk Berlin-Bran-
denburg also Ähnliches wie beim Hessi-
schen Rundfunk, dessen „Reform“ des Sen-
ders hr2-kultur – wie an dieser Stelle mehr-
fach berichtet –, auf eine Klassikabspielsta-
tion ohne oder mit wenig journalistischem
Programm hinauslaufen könnte? Auf
Nachfrage heißt es beim RBB, es sei bisher
noch nicht beschlossen worden, wie sich
die „Verringerung konkret auswirkt“. Mit-
te September solle ein „breit angelegter,
transparenter Diskussionsprozess“ begin-
nen. Angeleitet von der Programmchefin
Verena Keysers, sollen mögliche Änderun-
gen gemeinsam diskutiert werden. Der
Reformbedarf des Kulturradios sei im ge-
samten Haus „unstrittig“, hieß es.
Die RBB-Intendantin Patricia Schlesin-
ger sagte: „In diesem Prozess nehmen wir
die sehr verständlichen Sorgen der freien
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf, vor
allem freue ich mich aber über die Bereit-
schaft, sich an diesem Verfahren aktiv zu
beteiligen. Der RBB hat alle internen Ver-
änderungsprozesse bislang sozial verträg-
lich gestaltet und wird es auch in diesem
Fall tun.“ Einsparungen erwarteten den
gesamten Rundfunk Berlin-Brandenburg,
die Redaktion von rbb-Kultur sei jedoch
die erste, die sich dem „wichtigen und
unausweichlichen Prozess“ stelle, sagte
Schlesinger. Dieser sei mit dem Fall von


hr2-kultur nicht zu vergleichen, hieß es
auf Anfrage beim RBB.
Die Freieninitiative hat sich mit ihrem
Anliegen indes in einem offenen Brief an
die Intendantin und mit einer Protestnote
an den Rundfunkrat des Senders gewen-
det. Das Protestschreiben ist von 88 frei-
en und dreißig festen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern von rbb-Kultur gegen-
gezeichnet. Die Sparmaßnahmen bei rbb-
Kultur vergleichen die Freien sehr wohl
mit dem Prozess bei hr2-Kultur. Auch
dort seien „Programmeinschnitte und
eine weitgehende Entwortung“ des Pro-
gramms angekündigt. rbb-Kultur, so die
Initiative, mache die Kultur der Region
Berlin-Brandeburg „sicht- und hörbar“:
„Statt diesen Bereich kaputtzusparen, soll-
te er in der ARD noch viel sichtbarer wer-
den als bisher.“ NORA SEFA


I


m Haus der Presse in Dresden ge-
nießt man bei gutem Wetter von der
gewaltigen Terrasse im zwölften
Stock einen königlichen Ausblick.
Als Mitarbeiter der „Sächsischen Zeitung“
kann man in diesem Ambiente sein Mittag-
essen einnehmen. Freitags gibt es zum
Beispiel Grießbrei, den isst Chefredakteur
Uwe Vetterick immer und feixt darüber
mit dem Koch. Zwölf Jahre ist er schon im
Amt, doch scheint er gerade jetzt richtig
aufzublühen. Die „Sächsische Zeitung“
muss den Sprung in den bezahlten Online-
Journalismus meistern. Als Regionalblatt
beschränkt sich die Bekanntheit der „Säch-
sischen“ zwar vor allem auf das Bundes-
land Sachsen, doch werden unter Vette-
ricks Ägide Dinge ausprobiert, die auch in
anderen Teilen Deutschlands Interesse we-
cken dürften. Die „SZ“, wie sie hier
genannt wird, gehört mit täglich knapp
200 000 verkauften Zeitungen und 180 an-
gestellten Journalisten zu den größten Zei-
tungen Deutschlands. Kurz vor der Land-
tagswahl, bei der die AfD zweitstärkste
politische Kraft werden könnte, lässt sich
„die Sächsische“ in die Karten schauen.
Im brandneuen „NewSZroom“ sieht es
ein bisschen nach „Star Trek“-Kontrollbrü-
cke aus. An einem erhöhten Tresen sitzen
nebeneinander sieben Redakteure vor gro-
ßen Bildschirmen. Von hier aus werden
die Seite eins, die Sachsenseite und alle
digitalen Produkte produziert. Die Stim-
mung ist gelassen, Stichworte zu Artikeln
fliegen umher. Man habe sich viele Model-
le angesehen, auch in Übersee und Nor-
wegen beim „Aftonbladet“, und sich dann
für eine Coffeeshop-Atmosphäre entschie-
den. Denn im Coffeeshop, ob in Wien, Ber-
lin oder Leipzig, säßen die verschiedens-
ten Menschen zusammen, läsen in Zeitun-
gen, auf Tablets, am Smartphone. Nur eins
fehlt: die Kaffeemaschine. Wegen der Laut-
stärke des Mahlwerks habe man entschie-
den, beim Filterkaffee zu bleiben.
Vetterick macht sich keine Illusionen,
man steht in puncto digitaler Entwicklung
am Anfang. Erst seit letztem Winter steht
der Verkauf digitaler Abonnements ganz
oben auf der Agenda. Mit knapp viertau-
send Digitalkunden ist der Start gemacht.
In der Mediennutzung hat man festge-
stellt, dass es fast keine Überschneidung
zwischen Print- und Digital-Lesern gibt.
Die Print-Abonnements sind rückläufig.
Die Entwicklung des Digitalen ist alterna-
tivlos, aber nicht so leicht umzusetzen.
Das Selbstverständnis der Redaktion und
der Arbeitsablauf lassen sich aufs Netz
nicht eins zu eins übertragen, sind aber
notwendig für den Zeitungsbetrieb, der
den Kern der „Sächsischen Zeitung“ aus-
macht. Um diesen zu erhalten und als Ba-
sis für die Entwicklung des Digitalen zu
nutzen, braucht es Zeit, Einsatz, Impulse.
Uwe Vetterick formuliert ein im Journa-
lismus eher ungewöhnliches Selbstver-
ständnis, welches wohl auch von seiner
Zeit beim Springer-Verlag geprägt ist: Die
Zeitung, sagt er, sei zuallererst ein Pro-
dukt, für das die Leser bezahlen. Der besse-

re Journalismus sei derjenige, für den Men-
schen zahlen wollen. Da man annehmen
könne, dass die in der Vergangenheit ge-
wonnenen Kunden aus guten Gründen
treu sind, bestehe auch kein Rechtferti-
gungszwang für Bisheriges. Das Produkt
gedruckte Zeitung funktioniere.
Die Zeitung als Gesamtobjekt wirkt
ganz anders als einzelne digital konsumier-
te Inhalte. Die Leseerfahrung ist orches-
trierter, Leichtes wird mit Schwerem kom-
biniert. Online bekämen Leser so etwas
wie eine folgenreiche Überdosis, viele wen-
deten sich dadurch von den Nachrichten
gar ganz ab oder hätten eine dramatisierte
Wirklichkeitswahrnehmung, sagt Vette-
rick. Das sei auch ein Problem der Zeitun-
gen, nicht nur der Leser: „Würden Sie für
etwas bezahlen, dass Sie jeden Tag un-
glücklich zurücklässt?“
Die Antwort sei jedoch kein billiger
Wohlfühljournalismus. Leser sehnten sich
„zutiefst nach konstruktiven Lösungen“.
Daher müsse man sich als Journalist dar-
auf konzentrieren, Probleme zu erkennen
und Lösungen anzuregen, an Machbarkeit
orientiert und nicht utopisch. Das sei viel-
leicht aufwendiger, doch dafür bekomme
man auch zahlende Leser, sogar online.
Resultat der bisherigen Gratiskultur im
Netz sei, dass kaum erfolgreiche Produkt-
ansätze für bezahlten Online-Journalis-
mus existierten. Vetterick stellt das Thema
vornan. Im Haus scheint man gewillt, den
Weg mitzugehen. Die Stimmung ist gut,
Redakteure berichten von angenehmem
Arbeitsklima, zumindest im Newsroom,
wo entschieden wird, was mit welchem In-
halt passiert, was noch verändert werden
muss und was im Blatt, online oder hinter
der Bezahlschranke landet.
Dabei kann die Redaktion auf präzise
Daten zurückgreifen. Bei der „Sächsi-
schen“ wird alles gemessen, aber behut-
sam. Das Klischee sagt, bei der gedruckten
Zeitung werde rein qualitativ geurteilt,
während Online zur kontextbefreiten Opti-
mierungsmaschine verkomme.
Bei der „Sächsischen“ glaubt man sich
einen Schritt weiter: Es wird alles gemes-
sen – auch die gedruckte Zeitung. Das
Stichwort lautet „Lesewert“, für dieses
wurde ein verlagseigenes Start-up gegrün-
det: Jeden Tag lesen Hunderte Abonnen-
ten mit einem digitalen Stift die gedruckte
Zeitung. Jeder einzelne markiert in jedem
gelesenen Artikel jene Stelle, an der er zu
lesen aufgehört hat. Die Daten landen
nahezu in Echtzeit in der Redaktion. Oft
zeigt sich schnell ein Muster, wenn etwa
mehrere Leser an einer Formulierung hän-
genbleiben, oder Artikel gar nicht erst gele-
sen werden. Die Redaktion kann nun ande-

re Formulierungen, Überschriften, Dar-
stellungen ausprobieren. Das Leseverhal-
ten lässt sich fürs ganze Blatt ermitteln.
Um nicht der reinen Zählerei auf den
Leim zu gehen, wird jeder Testleser vorab
kontextualisiert, die Erwartungshaltung
wird abgefragt. Was wünschen sich Leser
von ihrer Zeitung? Dabei kommt häufig et-
was ganz anderes heraus, als sich im tat-
sächlichen Leseverhalten offenbart. Viele
wünschen sich etwa, dass ihre Zeitung ein
Feuilleton hat, lesen aber oft nur die Über-
schriften. Inzwischen weiß man, wieso das
so ist. Zum Lesen gehört ein Gefühl von –
bürgerlicher – Zugehörigkeit. Man will,
dass in der Zeitung über Kultur geschrie-
ben wird und zwar richtig.
Der Musikkritiker, der, eben noch be-
seelt von gutem Expertenfeedback, plötz-
lich betrübt um seinen Job fürchte, könne
also beruhigt sein, sagt Chefredakteur Vet-
terick. Neun Prozent Lesequote seien für
Klassik ein sehr guter Wert, nicht ein sehr
schlechter. Solche Daten seien hilfreich,
um digitale Ergebnisse einzuordnen. In
der Mischung aus Messung und qualitati-
ver Analyse könne man die Verzerrungen
digitaler Metriken beleuchten. Ein Click

sei weniger wichtig als ein wiederkehren-
der, zahlungsbereiter Leser.
Den Korridor zu Uwe Vettericks Büro
mit den durchsichtigen Wänden säumen
penibel gerahmte Auszeichnungen, es
sieht aus wie bei einer Werbeagentur.
Auch sein Zimmer ist eine dekorative Affä-
re, bunt, modern, viel Glas, lauter leere
Oberflächen und Sitz- oder Stehgelegen-
heiten. Alles ist zum Besprechen, aber
nicht zum Verweilen angelegt.
Vetterick hält hier die tägliche Konfe-
renz ab, aber nicht in großer Runde, son-
dern mit seinem Vize Heinrich M. Löb-
bers und den Ressortleitern aus Politik,
Wirtschaft, Feuilleton, Sport, der Stadt
Dresden und den lokalen Ressortchefs,
welche die Regionen Sachsens betreuen.
Sie stellen Themen vor, zu dritt wird ent-
schieden, wer was wie angeht. Entschei-
dungen werden digital festgehalten, pro
Artikel eine Karteikarte beim Projektma-
nagement-Tool Trello. Der große Bild-
schirm ist also keine Angeberei. Hinter
Vettericks Schreibtisch hängen zwei Aus-
zeichnungen als „Journalist des Jahres“.
Auf der einzigen blickdichten Wand steht
in weißer Serife: „Suche das Beste“.
Dieses „Beste“ zu finden ist für Vette-
rick in seinen nunmehr zwölf Jahren als
Chefredakteur zu einer Art Dogma gewor-
den. Auch das Motto der Zeitung spielt dar-
auf an: „Wir suchen das Beste über Sach-
sen und die Menschen, die hier zu Hause
sind.“ Vetterick unterstreicht diesen Satz,
er kann daraus fast alles ableiten: die Rolle
des Journalisten, die Funktion der Zeitung
und das Selbstbild, das die „Sächsische“
hat. Im Wort „Suche“ steckt bereits das
nicht auftrumpfende Berufsverständnis.
Die Suche ist Pflicht und Privileg des Jour-
nalisten, der von seiner Leserschaft für die
Recherche bezahlt wird. Das beinhalte
nicht nur, ein Problem zu erkennen, son-
dern auch, nach Lösungen zu suchen.
Um sein Argument zu untermauern,
ruft Vetterick einen Klassiker des Lokal-
journalismus auf: Vor einer Schule kommt
es allmorgendlich zum Stau durch Eltern-
taxis. Das Problem ist bekannt, journalisti-
scher Mehrwert aber entsteht erst dann,
wenn die Berichterstattung weiterhilft.
Bei der „Sächsischen“ gibt es dafür drei
Optionen. Entweder hat eine andere Kom-
mune ein solches Problem schon zufrie-

denstellend gelöst, dann stelle man diese
Lösung vor. Oder aber man suche einen
Experten und bitte um Rat. Ist beides
nicht gegeben, sei der Einfallsreichtum
des Journalisten selbst gefragt. Journalist
und Zeitung werden so zum Impulsgeber.
Nähe zur Leserschaft entsteht ebenfalls.
So lässt sich auch das Problem einer ne-
gativen Realitätswahrnehmung adressie-
ren. Daran scheitere in Sachsen viel, sagt
Vetterick. Es gebe einige, die gut schimp-
fen könnten, und wenige, die sich um Lö-
sungen kümmerten. Das Ehrenamt sei
chronisch unterbesetzt, zwischenmenschli-
cher Zusammenhalt fehle. Viele, die Schaf-
fenslust und Gemeinschaftssinn hätten,
seien fortgegangen und hätten die Miese-
peter zurückgelassen. Das verändere sich
langsam, doch sei dies ein Hauptgrund für
den Zuspruch für Pegida und AfD. Auffäl-
lig sei, dass religiöse Menschen am wenigs-
ten AfD wählten. Den Menschen fehle
„Glaube, Liebe, Hoffnung“, sagt Vetterick,
der aus Greifswald stammt und eigentlich
Theologie studieren wollte. Er kam zum
„Greifswalder Tageblatt“, später zur
„Bild“-Zeitung, machte eine kurze Stipp-
visite beim „Tages-Anzeiger“ in Zürich, be-
vor er im Februar 2007 die SZ übernahm.
1991 war die „Sächsische Zeitung“ pri-
vatisiert worden. Davor hatte sie seit 1946
als „Organ der Bezirksleitung Dresden der
Sozialistischen Einheitspartei Deutsch-
lands“ fungiert. Das Bewusstsein für die
neu gewonnene Freiheit ist in der Redakti-
on bis heute verankert. Die Hierarchien
sind flach, die Unabhängigkeit ist heilig.
Von den beiden großen Gesellschaftern
verspüre man keine inhaltliche Einfluss-
nahme. Seit 1991 hält die SPD aufgrund er-
folgreich ausgefochtener Restitu-
tionsansprüche über ihre Medienholding
DDVG vierzig Prozent der Verlagsanteile.
Vor 1946 war die „Sächsische Zeitung“ zur
Hälfte noch die „Volksstimme“ der SPD
gewesen. Die anderen sechzig Prozent ge-
hören Gruner + Jahr.
Chefredakteur Vetterick weiß selbstver-
ständlich nur Gutes über die verlegerische
Zusammenarbeit zu berichten. Zu einem
anderen Zeitpunkt im Gespräch, als es um
die Verdrossenheit in Sachsen geht, be-
mängelt er aber die Fremdbestimmtheit
im Osten. Viele leitende Kulturpositionen
seien mit Westdeutschen besetzt. Die gro-
ßen Parteien würden primär aus den alten
Bundesländern gesteuert, obwohl Lokal-
politiker um Stimmen werben. Das Ver-
hältnis sei ein wenig wie gegenüber einer
Kolonialmacht. Den Leuten gehe es gut,
gemessen an Arbeitslosenquoten und Steu-
ereinnahmen, aber „Geld wärmt nicht“.
Sachsen hat die geringste Pro-Kopf-Ver-
schuldung in Deutschland, es gibt viel
Geld für Kitas und weitere Infrastruktur,
doch viele Menschen seien „herzensbit-
ter“, sagt der Greifswalder.
Dass sich die AfD großer Popularität er-
freut, wundert Vetterick nicht. Gemein-
sam mit der Universität Leipzig hat die SZ
tausend AfD-Wähler und tausend Nicht-
AfD-Wähler befragt und festgestellt, alle
sähen dieselben Probleme, aber nur die
eine Hälfte traue der AfD zu, diese zu
lösen. Trotz aller Politisierung, sagt Vette-
rick, müsse man weiter streng journalis-
tisch arbeiten. Das bedeute, Menschen mit
Machtanspruch persönlich und inhaltlich
zu konfrontieren, aber auch, differenziert
mit Sympathisanten umzugehen. Man
befasse sich ausführlich mit den Lebens-
läufen und Strafakten der oft unterqualifi-
zierten Amtsanwärter der AfD, aber eben
auch mit den Anliegen der Wähler.
Inwieweit die Leser der „Sächsischen
Zeitung“ potentielle AfD-Wähler sind,
will Vetterick nicht mutmaßen. Er ver-
weist aber darauf, dass bei fünfundzwan-
zig Prozent pro AfD noch fünfundsiebzig
Prozent der Wähler in Sachsen übrig blie-
ben. JANNIK SCHÄFER

Wir stellen Lokalzeitungen vor.
DieSerie beginnt in Sachsen.

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Krauss ist im Alter von 78 Jahren gestor-
ben. Krauss wurde bekannt mit seiner Rol-
le in der Kindersendung „Löwenzahn“.
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1981 bis 2005 an der Seite von Peter Lus-
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Sie hat große Themen.


Ein Redaktionsbesuch.


Im nagelneuen Newsroom der „Sächsischen Zeitung“ soll gelassene Coffeeshop-Atmopshäre herrschen. Nur die Kaffeemaschine fehlt. Foto Thomas Kretschel


Hat Print und Online im Blick: Chefre-
dakteur Uwe Vetterick Foto Ronald Bonss
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