Frankfurter Allgemeine Zeitung - 31.08.2019

(Jeff_L) #1

SEITE 18·SAMSTAG, 31. AUGUST 2019·NR. 202 Literarisches Leben FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG


V


orgut hundert Jahren, irgendwo im brau-
senden Berlin: Eine Frau hat sich mit
Äther weggeschossen und verspürt das Be-
dürfnis, die Welt zu umarmen. Um ihren
Rausch auszudrücken, genügen drei Stro-
phen zu je vier Zeilen. Leerzeilen zwischen
den Strophen sind unnötig, schließlich offen-
bart sich der Rauschzustand am eindrück-
lichsten in einem Guss. Die „vom Gesetz des
Eigensinns“ getriebene Bohemienne Emmy
Hennings kannte dieses Rauschgefühl nur
zu gut. Mitten im Flug durch den „großen
Raum“ wirft sie in ihrem Gedicht „Ätherstro-
phen“ das visionäre Lasso aus, um mit drei
umfassenden Reimen etwas von dem zu fas-
sen, was wir alle nicht verstehen. Wieso bin
ich hier (und nicht woanders)? Weshalb hält
mich die universelle Allmacht zusammen?
Und warum muss ich sterben?
Es ist das Wesen des Betäubungsmittels,
dass die Schmerzverarbeitung im Gehirn
ausgesetzt wird und die Reflexe der Muskula-
tur gehemmt werden. So zur wohligen Träg-
heit verdammt, wird die Fähigkeit zur Selbst-
kritik stark eingeschränkt, und eine euphori-
sche Stimmung setzt ein. So heißt es in Hen-
nings Parallelgedicht „Morfin“: „Wir warten
auf ein letztes Abenteuer / Was kümmert

uns der Sonnenschein!“ Ihr Bedürfnis nach
schmerzstillenden Mitteln lässt sich nach-
vollziehen: Denn sie war eine, die trotz War-
nung ihrer Mutter vor „Gitter, Gosse, Gins-
ter“ aus Flensburg loszog, um das Leben auf
dem Planeten Bohemia kennenzulernen.
Das hieß in ihrem Fall Tingeltangel, Cabaret
und Varieté. Das hieß rumhängen mit expres-
sionistischen Dichtern von späterem Welt-
ruhm. Und im Zürcher Cabaret Voltaire mit-
mischen am Urknall der vielleicht wichtigs-
ten Kunstbewegung bis heute: Dada. Eine
Nachtpflanze, eine Sängerin, Tänzerin, Pup-
penspielerin, Gesprächspartnerin, Dichter-
versteherin, Muse, Vielgeliebte; eine, die
vom Bühnenlicht in den Schatten stürzte. In
ihrem Tagebuch-Roman „Das Brandmal“,
der 1920 erschien (als sie sich dem Katholi-
zismus zuzuwenden begann), schildert sie
die Nöte ihrer schwersten Zeit: wie sie in den
Jahren nach 1910 als Schauspielerin ohne
Engagement Hunger litt und im Sumpf der
Vorweltkriegszeit immer wieder in die Prosti-
tution rutschte.
En passant zeigen ihre „Ätherstrophen“
auch die Narration des Rausches auf: Getra-
gen vom Impuls des Weltüberdrusses, einher-
gehend mit dem Gefühl, nicht am rechten

Ort zu sein (etwa in Paris – wo „bunte Sei-
denfahnen wallen“), begibt man sich wenigs-
tens für ein paar Augenblicke in einen ande-
ren Seinszustand: dorthin, wo ein entgrenz-
tes Bewegen möglich ist – man fliegt im „gro-
ßen Raum“ in die Sphären, ja durch die Sphä-
ren anderer Menschen und mischt sich in de-
ren Träume ein – bis mit der Empathie die
Realität wieder einsetzt: Ein kranker Mann
starrt das lyrische Ich auf Volltrip mit einem
hypnotischen letzten Blick nieder. Und vom
gegenwärtig empfundenen Glück bleibt nur
ein Sehnen nach einem schönen Moment, ei-
nem Sommertag zurück. Die dick aufgetrage-
ne Todesmetaphorik (letzter Blick/schwar-
zes Kreuz) verweist aufs Ende – auch aufs
Ende des Ätherrausches. Das lyrische Ich
verleibt sich den todkranken Mann regel-
recht ein und die harte Landung naht: viel-
leicht in Form des kleinen Todes (Schlaf/Nar-
kose) – in jedem Fall aber wird der XXL-Hö-
henflug mit einem bösen Kater auf dem Bo-
den einer flüchtenswerten Realität zu bezah-
len sein.
Emmy Hennings gilt neben Else Lasker-
Schüler (die der erotische Freizügigkeit von
Hennings wenig Sympathie entgegenbrach-
te) als eine weitere Jahrhundertfrau der

Avantgarde. Ihr Gedicht „Ätherstrophen“ er-
schien 1913 in einem dünnen Bändchen mit
dem Titel „Die letzte Freude“ im
damals angesagten Kurt Wolff Verlag – und
zwar direkt nach den Bänden von Franz
Kafka und Ferdinand Hardekopf. Ihre späte-
re Hinwendung zum verbrämt Religiösen an
der Seite ihres Mannes Hugo Ball schien
auch nicht recht geheuer. Jedenfalls ist dem
bürgerlichen Spektrum Emmy Hennings bis
heute suspekt. Und so kann nicht einmal
in Flensburg, ihrer Geburtsstadt, eine Straße
oder Schule nach ihr benannt werden. Dabei
hätte diese Ausnahmefrau zweifellos ein
Denkmal verdient.

Emmy Ball-Hennings: „Hochaufgetürmte Tage“.
Gedichte. Herausgegeben von Hagen Schied. Hoch-
roth Verlag, Leipzig 2013. 40 S., br., 8,– €.

Von Arne Rautenberg ist zuletzt erschienen: „per-
mafrost“. Gedichte. Verlag Das Wunderhorn, Hei-
delberg 2019. 88 S., geb., 20,– €.

Eine Gedichtlesung von Thomas Huber finden Sie
unter http://www.faznet/anthologie.

Jetzt muss ich aus der großen Kugel fallen.


Dabei ist in Paris ein großes Fest.


Die Menschen sammeln sich am Gare de l’Est


Und bunte Seidenfahnen wallen.


Ich aber bin nicht unter ihnen.


Ich fliege in dem großen Raum.


Ich mische mich in jeden Traum


Und lese in den tausend Mienen.


Es liegt ein kranker Mann in seinem Jammer.


Mich hypnotisiert sein letzter Blick.


Wir sehnen einen Sommertag zurück...


Ein schwarzes Kreuz erfüllt die Kammer...


Frankfurter Anthologie Redaktion Hubert Spiegel


Arne Rautenberg


Flugversuch im großen Raum


A


m 11. August 1917 erlitt
Franz Kafka in seiner Pra-
ger Wohnung einen Blut-
sturz, ein überdeutliches
Symptom der Lungentu-
berkulose, die seinem Le-
ben kaum sieben Jahre später ein Ende
setzen sollte. Wie reagierte er darauf? In
einem Brief an seine jüngste Schwester
Ottla, die auf dem Land eine Farm bewirt-
schaftete, überhöhte Kafka das Ereignis,
indem er sich selbst davor verkleinerte
und gleichsam zum Schuldigen erklärte.
Es liege „zweifellos Gerechtigkeit“ in die-
ser Krankheit, schrieb er der Lieblings-
schwester drei Wochen nach der Nacht, in
der er entsetzlich viel Blut gespuckt hatte,
„es ist ein gerechter Schlag, den ich neben-
bei gar nicht als Schlag fühle sondern als
etwas im Vergleich zum Durchschnitt der
letzten Jahre durchaus Süßes.. .“.
Während der behandelnde Arzt – ein
Herr mit dem sprechenden Nahmen Mühl-
stein – an der Diagnose noch ein wenig
herumzupfte, war für Kafka jetzt der Weg
frei, mit der Zukunft zu tun, was er woll-
te. So entschloss er sich, seine Schwester
auf dem Land zu besuchen. Acht bis zehn
Tage wollte er sich in Zürau, einem Nest
in Nordwestböhmen, aufhalten; dass dar-
aus am Ende acht Monate wurden, konn-
te Kafka nicht ahnen, doch der Umstand
zeigt, wie befreiend das Patientendasein
war. Endlich, endlich war das Büro mit
seinen literaturfeindlichen Schreibaufga-
ben fern! Endlich war auch die Geliebte,
Felice Bauer, abgewehrt, denn was konn-
te von einem Kranken in Liebesdingen bil-
ligerweise noch erwartet werden? Und
endlich durfte sich dieser so zwanghaft in
ein System von Schuldzuweisungen und
Selbstrechtfertigungen verstrickte Autor
mit vollem Recht zurücklehnen und den
eigenen Krankheitszustand wie eine Tro-
phäe herumreichen.
Die ländliche Welt, in der Kafka im
September 1917 landete, gefiel ihm
gleich, auch wenn sie den Städter des
Nachts mit Mäusen und einem entschiede-
nen Mangel an Annehmlichkeit konfron-
tierte. Kargheit, kein fließendes Wasser,
kein elektrisches Licht. Nicht nur wegen
des Kriegs, auch wegen des heißen Som-
mers herrschte Mangelwirtschaft. Den-
noch nahm Kafka zu und ließ sich die Son-
ne auf den nackten Oberkörper scheinen.
Ottla, die den Zwanzig-Hektar-Betrieb
auch mit der Hilfe von zwei Mägden
kaum gestemmt bekam, schonte ihren
Bruder, wo sie nur konnte. Hier und da
half Kafka bei leichten Arbeiten aus, aber
meistens konnte er lesen oder zu Spazier-
gängen in die Nachbardörfer aufbrechen.
Für den Schriftsteller Reiner Stach, der
Kafka die grundlegende dreibändige Bio-
graphie gewidmet hat, ist Zürau – tsche-
chisch Siřem – bis heute der Ort mit der
stärksten Kafka-Aura geblieben. Immer
wieder ist er in den vergangenen fünfzehn
Jahren hierhergekommen und hat die Lo-
kalgeschichte erkundet. Denn in der hüge-
ligen Landschaft, die einen besonders gu-
ten Hopfen hervorbringt, unter spärlich
besiedelten Weilern, unbegradigten Bä-
chen und anmutigen Wäldchen, hat sich
insgesamt wenig verändert. Die Kirche ist
noch da, die Kafka kannte, und auch der
kleine Teich davor, nur dass die Kirche we-
gen Renovierungsarbeiten geschlossen
und der Teich aus Sicherheitsgründen um-
zäunt ist. Die Wege sind noch immer
nicht asphaltiert, und statt zu expandie-
ren und sich zu verhübschen, hat sich „Zü-
rau bei Saaz“, wie es früher hieß, gleich-
sam in sich selbst zurückgezogen: Etwas
über dreihundert Einwohner gab es, als
Kafka im September 1917 mit der Kut-
sche, vom Bahnhof des Nachbarortes
kommend, in Zürau einfuhr; kaum fünf-
zig Leute sind im Jahr 2019 geblieben.
Auf dem Friedhof liegen Menschen, die
Kafka in seinen Briefen schilderte, dar-
unter auch der versoffene Knecht, der sei-
ne dreißig Jahre ältere Dienstherrin heira-
tete und dennoch vor ihr starb. Fragen
des Lebenswandels.
Wir haben für diesen Tag Verabredun-
gen, darunter mit einem schmalen blon-
den Mann von siebenundzwanzig Jahren,
der sich hier im letzten Jahr für nicht viel
Geld ein heruntergekommenes Haus ge-


kauft hat. Was Zdenek Kunst, seines Zei-
chens Straßenbauingenieur (Josef K. war
Landvermesser), damals beim Kauf aller-
dings nicht wusste: Dies war achtzehn Mo-
nate lang Ottlas Haus und damit die Un-
terkunft, in der Kafka ein- und ausging.
Kunst findet diesen Zusammenhang
schön. Er bereitet Kaffee für die Gäste,
stellt Gebäck auf den Tisch und zeigt
freundlich jedes Zimmer.
Im „Ottla-Haus“ ist alles renovierungs-
bedürftig – kaputte Böden, bröckelnde
Wände, fehlende Installationen. Oben
auf dem Dachboden hat Kunst seinen
Hobbyraum, hier lagern Möbel, Lampen,
Krempel, Autotüren und alte Industrie-
uhren. Seit seine Freundin ihn verlassen
hat, ist es einsamer im Haus geworden.
Immerhin, vor zwei Monaten ist ihm ein
Hund zugelaufen. Geschlafen wird, solan-
ge die anderen Räume noch nicht benutz-
bar sind, in der Küche.
Der Tag ist sonnig, und Zürau fühlt sich
an wie ein aus der Zeit gefallenes Idyll.
Wir gehen ums Haus, spähen durch vergit-
terte Fenster und träumen Kafka hinter-
her. Links neben Ottlas Haus hat ein Be-
wohner eine Fotowand angebracht: Statio-
nen in Kafkas Leben. Der Herr ist Vorsit-
zender der Zürauer Kafka-Gesellschaft –
Mitgliederzahl: drei –, leider ist er am Tag
unseres Besuchs nicht da. Aber gemessen
am üblichen Trott tobt heute in Zürau das
entfesselte Leben: Auch Edita Sebesta
Langpaulová ist gekommen, eine junge

Zeitschriftenredakteurin, die in einem
der Nachbarorte wohnt und von ihrer
Idee erzählt, eine Art „Kafka-Lehrpfad“
einzurichten und Zürau damit weit über
die Provinzgrenzen hinaus bekannt zu ma-
chen. Verschiedene Dörfer wollten sich
zusammentun, sagt sie, und richtig etwas
auf die Beine stellen.
Die Bürgermeisterin Dagmar Břehov-
ska, die für sechs dieser Dörfer zuständig
ist, sitzt dabei und schweigt. Sie ist nicht
zum ersten Mal mit Kafka-Enthusiasten

in Zürau, und immer sind die Begeister-
ten und Erleuchteten wieder abgefahren.
Sie würde ja alles mitmachen, sagt Bre-
hovska. Aber sie sehe noch nicht so ge-
nau, wo die Leute herkommen sollen, die
eine Kafka-Gedächtnisroute mit Leben
füllen. Und eigentlich hat sie ja auch
recht: Man kann sich Mozartkugeln vor-
stellen, aber keine Kafkakugeln.
Reiner Stach spricht von Kafkas „dreifa-
chem Leben“ in Zürau. Einmal war er ein
gesellschaftliches Wesen, der Herr Dr.
Franz Kafka, bei dem man die Nennung
des Titels natürlich nie vergaß, niemand
hier war akademisch so herausgehoben
wie der schmale, feingliedrige Jurist aus
Prag mit dem höflichen Lächeln. Dann
war er ein genauer Beobachter, der in sei-
nen zahlreichen Briefen mit sonderbar gu-
ter Laune vom Landleben berichtete und
ständig den Beweis dafür lieferte, dass er
nicht nach den medizinisch besten Um-
ständen, sondern vor allem nach einer an-
genehmen Landschaft suchte – eine unge-
wöhnliche Tendenz für einen Tuberkulo-
sekranken.
Und seine dritte Rolle war die heimli-
che und wahre, die er ganz für sich be-
wohnte, denn niemand konnte in seinen
Kopf schauen. Diese dritte Welt spielte
sich ab, wenn er auf der Wiese im Liege-
stuhl lag oder nachts, bei Schlaflosigkeit,
in seinem Zimmer, und Kafka hielt sie ge-
genüber der Mitwelt vollständig versie-
gelt. Im Wesentlichen dachte er nach und

schrieb dann etwas in Oktavhefte. Es wa-
ren blasse Bleistiftnotizen, manchmal nur
ein paar Zeilen, oft in Kurzschrift, und
was sich später in Kafkas Nachlass fand
und unter dem zweifelhaften Gattungsbe-
griff „Aphorismen“ veröffentlicht wurde,
sind ebendiese sorgsam verborgenen Zü-
rauer Aufzeichnungen – Sentenzen, Denk-
bilder, Notate zu Religion, Philosophie
und der Existenz selbst.
„In Zürau hatte Kafka das Gefühl, dass
er mit dem Erzählen ans Ende gekom-
men ist“, sagt Reiner Stach. „Natürlich
hat er auch später noch erzählende Prosa
geschrieben, aber ein Roman wie ,Das
Schloss‘ enthält viel mehr Reflexion als
frühere Sachen.“
Unter dem Titel „Du bist die Aufgabe“
hat Stach die Aphorismen jetzt im Wall-
stein Verlag in einer kommentierten Aus-
gabe herausgegeben und sie nicht nur in
den biographischen Kontext gestellt, son-
dern auch mit den Bildern und Gedanken-
motiven des übrigen Werks verknüpft.
Der neu gewählte Titel spielt auf den mög-
licherweise bekanntesten Aphorismus
der Sammlung an: „Du bist die Aufgabe.
Kein Schüler weit und breit.“ Daneben
gibt es andere leuchtende Sätze, mal sehr
einfach und unmittelbar verständlich –
„Wie ein Weg im Herbst: kaum ist er rein
gekehrt, bedeckt er sich wieder mit trocke-
nen Blättern.“ –, an anderer Stelle von pa-
radoxem Witz, der mitten ins Kafka-Uni-
versum hineinführt: „Ein Käfig ging ei-
nen Vogel suchen.“

Was der Kommentar des Herausgebers
einem an dieser Stelle erzählt, hat unmit-
telbar mit Kafkas Denkbewegung und,
weiter gegriffen, mit dem philosophi-
schen Gehalt der Aphorismen zu tun. Im
ersten Entwurf hieß der Satz nämlich:
„Ein Käfig ging einen Vogelfangen.“ Das
Verb „suchen“ in der verbesserten Versi-
on macht das Bild offener, auch geheim-
nisvoller, denn als Leser weiß man nicht,
was der Käfig mit dem Vogel machen
wird, wenn er ihn gefunden hat. „Die Ge-
walt, die vielleicht daraus folgt“, sagt
Stach, „die muss der Leser in seinem
Kopf erzeugen.“
Die Sonderstellung der Aphorismen in
Kafkas Werk ist nicht nur daran erkenn-
bar, dass er sie wie ein geheimes, von sei-
nem literarischen Kommunikationssys-
tem völlig getrenntes Projekt betrieben
hat; auch Max Brod, der sonst alles aus
der Hand seines Freundes zu sehen be-
kam, hat von der Existenz der 109 nume-
rierten Texte zu Kafkas Lebzeiten nie er-
fahren. Selbst im Kafka-Kanon stehen sie
am Rand, besonders dann, wenn sie
ethisch-theologische Fragen berühren.
Hier wirft der Kommentar viel Licht ins
Dunkel, denn statt an bisweilen krypti-
schen Texten herumzudeuten, zeigt Stach
Wiederholungen, Variationen und sonsti-
ge Werkbezüge auf und macht die Apho-
rismen als Teil eines langen Denkprozes-
ses begreifbar. „Unvorbereitete Leser
könnten es schwer haben“, sagt Stach,
„wenn sie mit den Texten alleingelassen
werden. Man muss die Vernetzungen zei-
gen und das System erschließen, dann be-
ginnen die Texte zu sprechen.“

K

afkas Denken zeigt sich
hier einerseits abstrakt –
und bleibt andererseits
meist an Bilder gebunden.
Selbst wo die dünne Luft
reiner Gedanken herrscht
wie in Text Nummer 75 – „Prüfe Dich an
der Menschheit. Den Zweifelnden macht
sie zweifeln, den Glaubenden glauben.“
–, weist einen der Kommentar auf vorher-
gehende Aphorismen hin, die den Sinn
der Zeilen erhellen. Manchmal, wie etwa
in Nummer 37, reicht es aber auch, ein-
fach nur die Sätze zu nehmen und sie laut
zu lesen, dreimal, viermal, ohne etwas
Tieferes damit zu wollen: „Früher begriff
ich nicht, warum ich auf meine Frage kei-
ne Antwort bekam, heute begreife ich
nicht, wie ich glauben konnte fragen zu
können. Aber ich glaubte ja gar nicht, ich
fragte nur.“
Am zweiten Tag in Zürau hat die Bür-
germeisterin eine Überraschung: ein
Gang hinauf zum „Schloss“, dem großen
Gebäude auf der Anhöhe, das mit Augen
wie Schießscharten auf Zürau hinunter-
blickt und – folgt man der Theorie von Vá-
clav Havel und seinem Freund MilošFor-
man, die schon als Studenten hier waren


  • das Modell für das „Schloss“ in Kafkas
    Roman geliefert hat. Das ominöse Haus,
    das die Bürgermeisterin für uns auf-
    schließt, entpuppt sich als mehrstöckiger
    Kornspeicher. Alles darin ist aus Holz
    und erstaunlich gut erhalten. Eine der we-
    nigen Kutschen in Zürau steht auch noch
    da; mit diesem Gefährt könnte Kafka
    vom Bahnhof abgeholt worden sein.
    Auf dem Spaziergang durch Zürau ent-
    decken wir noch weiteres Mobiliar aus
    der Welt des „Schloss“-Romans – etwa
    die kleine Brücke über den Bach am Orts-
    eingang, das Wirtshaus gleich darauf
    oder den großen, zweistöckigen „Herren-
    hof“ im Ortskern, wo Josef K. seine Ge-
    liebte Frieda findet. Viel spricht dafür,
    dass diese Gebäude, die Kafka so lange
    und bei so ruhiger Tätigkeit vor Augen
    hatte, in seine Phantasien eingedrungen
    und die physische Erscheinung der Ro-
    manschauplätze beeinflusst haben.
    Schon die Studenten Václav Havel und
    MilošForman haben in den fünfziger Jah-
    ren versucht, die Kafka-Orte zu bewah-
    ren. Sie sprachen deswegen sogar mit
    dem kommunistischen Bürgermeister.
    Doch der verstand nichts von Literatur,
    und auch alles andere war damals so
    schwierig wie heute. Keines der Zürauer
    Gebäude steht unter Denkmalschutz, und
    es könnte sein, dass Kafkas böhmische
    Welt irgendwann einfach untergeht.


Emmy Ball-Hennings


Ätherstrophen


Die beste Zeit seines Lebens


In dem böhmischen Dorf Zürau verbrachte Franz Kafka von 1917 auf 1918 acht Monate der


Rekonvaleszenz. Während seine Schwester Ottla in der Landwirtschaft arbeitete, ersann Kafka


seine Aphorismen. Eine Ortsbegehung aus Anlass der Neuausgabe.Von Paul Ingendaay


Viel hat sich in Zürau nicht getan, seit Franz Kafka hier 1917/18 die glücklichste Zeit seines Lebens verbrachte. Nur die Häuser sind weniger geworden. Foto Jan Jindra


Franz Kafka mit seiner Schwester Ottla in
Zürau Foto Archiv Kritische Kafka-Ausgabe
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