FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG Wirtschaft SAMSTAG, 31. AUGUST 2019·NR. 202·SEITE 19
Der deutsche Staat soll mehr Geld
ausgeben, heißt es jetzt oft. Ob es
so kommt? Die Lounge.Seite 20
Kurz vor dem Klimagipfel in
New York sendet die australische
Regierung einen Hilferuf.Seite 24
Die Deutsche Bank treibt den
Umbau voran. Jeder siebten
Zweigstelle droht das Aus.Seite 28
Das Deutschland-Problem Korallen in Gefahr Filialen auf dem Prüfstand
D
ie amerikanische Öffentlichkeit
hat einen Hauptschuldigen für
die Opioid-Krise gefunden. Es ist die
Firma Purdue Pharma der Familie
Sackler. Sie hat das berüchtigte Oxy-
contin entwickelt. Mehr als 2000 Kla-
gen von Bundesstaaten, Kommunen,
Krankenhäusern und Privatpersonen
sind inzwischen gegen das Unterneh-
men eingereicht worden. Das Manage-
ment hat in den aktuellen Vergleichs-
gesprächen offenbar angeboten, Pur-
due in eine öffentliche Stiftung zu ver-
wandeln, die ihre Gewinne ausschließ-
lich zur Entschädigung der Opfer der
schweren Gesundheitskrise verwen-
det. Die Unternehmerfamilie soll zu-
sätzliche Milliarden Dollar zum Ent-
schädigungstopf beisteuern.
Der Umgang mit Purdue Pharma
hinterlässt ein ambivalentes Gefühl.
Man möchte die Unerschrockenheit
bewundern, mit der Amerikas Staats-
und Rechtsanwälte dem milliarden-
schweren Unternehmen die Hölle
heißmachen. Sie stillen damit die
Sehnsucht der Gesellschaft, einen
Schuldigen für das Leid dingfest zu
machen, das die Rauschgiftkrise in vie-
le Familien und Gemeinden gebracht
hat. Zugleich ist man abgestoßen von
den durch die Juristen gespeisten
Kampagnen, die dem Zweck dienen,
die angeklagte Firma öffentlich vorzu-
verurteilen, um sie zu einem kostspie-
ligen Vergleich zu zwingen.
Im Fall Purdue ruhen die Klagen
auf dem Verdacht, die Firma habe Ärz-
te, Krankenhäuser und Patienten sys-
tematisch irregeführt im Hinblick auf
die Suchtgefahr des Schmerzmittels
Oxycontin. Sie sei damit verantwort-
lich für Zehntausende Drogentote
und Hunderttausende Süchtige.
Ob Purdue Gesetze verletzt hat,
müssen Juristen entscheiden. Aber es
bestehen wenige Zweifel daran, dass
gesetzliche Arrangements und gesell-
schaftliche Einstellungen einen stärke-
ren Einfluss auf die Verschreibungs-
praxis hatten als Purdues manipulati-
ve Pharmareferenten. In den frühen
achtziger Jahren wurden opioidhalti-
ge Schmerzmittel in der Regel nur
schwerkranken Krebspatienten verab-
reicht. Ende der achtziger Jahre beka-
men auch Patienten mit chronischem
Rückenleiden oder schwerer Arthritis
die starken Mittel verschrieben. Ge-
wandelte Einstellungen von Medizi-
nern und Patienten zur Relevanz von
Schmerz spielten dabei eine zentrale
Rolle. Lange wurden chronische
Schmerzen nicht ernst genommen, ob-
wohl immer mehr Ärzte das für nicht
haltbar hielten: Sie hatten Patienten,
denen Schmerzen das Leben zur Höl-
le machten, trauten sich aber nicht,
opioidhaltige Mittel zu geben.
Die zweite entscheidende Entwick-
lung fand in der Forschung statt. Re-
nommierte Wissenschaftler veröffent-
lichten in den achtziger Jahren ein-
flussreiche Aufsätze mit dem Resul-
tat, dass die Verabreichung von opio-
idhaltigen Medikamenten nur in selte-
nen Fällen süchtig mache. Die Arbei-
ten wirkten wie ein Dammbruch: Me-
diziner waren erleichtert, ihren lei-
denden Patienten helfen zu können.
Schmerzbekämpfung wurde zum zen-
tralen Anliegen von Krankenhäu-
sern. Mussten Ärzte, die hohe Dosen
opioidhaltiger Medikamente ver-
schrieben, früher mit juristischer Ver-
folgung rechnen, bekamen sie nun
freie Hand von der Justiz. Zweifellos
haben Purdue und andere Firmen die-
se Entwicklung unterstützt und ge-
nutzt, um ihre Medikamente zu ver-
kaufen. Schon seit 2005 allerdings
deutet alles darauf hin, dass die Sucht-
gefahr von Oxycontin und vergleichba-
ren Medikamenten größer ist als ge-
dacht. Mehrere Bundesstaaten be-
schränken deshalb inzwischen die Ver-
schreibung der Schmerzmittel, die
Bundesregierung begrenzt die Produk-
tion. Eingeschüchterte Ärzte zögern
seit einigen Jahren schon erkennbar
bei der Verschreibung der starken
Schmerzmittel.
All das hat fatale Konsequenzen.
Die stärkere Regulierung hat die Dro-
genepidemie dramatisch verschärft.
Patienten, die nicht mehr die ge-
wünschten Mittel bekommen, greifen
auf illegale Drogen zurück, die für
ihre Gesundheit viel gefährlicher
sind. Der schwarze Markt produziert
keine Beipackzettel mit Warnhinwei-
sen. Der Harvard-Ökonom Jeffrey Mi-
ron lenkt die Aufmerksamkeit in die-
sem Zusammenhang auf eine beson-
ders vielsagende Entwicklung: Im
Jahr 2010 änderte Purdue Pharma die
Rezeptur des Oxycontin in einer Wei-
se, die das Mittel deutlich weniger at-
traktiv machte für die süchtigen Kon-
sumenten. Seit jenem Jahr steigt die
Zahl der Heroin-Toten rapide, seit
2013 schießt die Zahl der Fentanyl-To-
ten nach oben. Fentanyl wirkt unge-
fähr 30-mal so stark wie Heroin und
kommt aus illegalen Labors in China
und Mexiko.
Die gewiss gutgemeinte gesetzliche
Einschränkung von Opioiden hat ei-
nen illegalen Markt erweitert, auf
dem täglich Menschen sterben. Mit
dieser Feststellung ist kein Freibrief
für Purdue Pharma verbunden. Es
wird aber deutlich, dass mehrere Ak-
teure eine wichtige Rolle spielen für
die Entstehung der Opioid-Krise. Zu
nennen sind medizinische Überzeu-
gungstäter, willige Patienten und ganz
besonders die Politik, die in der Bewäl-
tigung der Krise auf Prohibition setzt.
Als ob die nicht schon einmal geschei-
tert wäre.
W
er geglaubt hat, die Rolle der
Moralisierer sei im politischen
Wettbewerb schon vergeben, sieht sich
getäuscht. Plötzlich findet man auch in
Teilen der CSU Gefallen an Lösungen,
die einfach und gut klingen. „Klima-
schutz statt Kampfpreise“, tönt es von
Landesgruppenchef Alexander Do-
brindt. 9-Euro-Tickets für Flüge, das
habe weder was mit Marktwirtschaft
noch mit Klimaschutz zu tun. Deshalb
brauche es dringend eine „Kampf-
preis-Steuer“ für günstige Tickets. Mit
anderen Worten: Erst von 50,01 Euro
an ist fliegen moralisch vertretbar, völ-
lig egal, welche Kosten anfallen und
welche Distanz zurückgelegt wird.
Drei Tage vor den Landtagswahlen
und drei Wochen vor dem groß ange-
kündigten Reformpaket der Bundesre-
gierung brennen in der CSU offenbar
die ordnungspolitischen Sicherungen
durch – falls es sie überhaupt noch
gibt. Ja, das Flugzeug setzt CO 2 frei, ja,
Fliegen setzt je Kilometer weit mehr
CO 2 frei als jede Luxuskarosse. Des-
halb die Bepreisung, deshalb der Preis-
aufschlag nach dem Verursacherprin-
zip. Dass es all das für innereuropäi-
sche Flüge schon seit sieben Jahren
gibt und Fluggesellschaften längst
Emissionsrechte im CO 2 -Handel er-
werben müssen, ist zu Dobrindt wohl
nicht durchgedrungen. Man muss be-
fürchten: sollte nicht durchdringen.
Das EU-Zertifikatesystem ist trotz sei-
ner Lücken ein Riesenerfolg, aber nun
mal reichlich komplex. Da liegt es auf
der Hand, mit plumpen Forderungen
öffentlich punkten zu wollen, zumal
selbst ein „Tagesthemen“-Kommenta-
tor die Politik geradezu anflehte, Flie-
gen „verdammt teuer“ zu machen.
Den vernunftgeleiteten Bürger
schreckt so viel Symbolpolitik indes
nur noch ab. Die Hemmschwelle für
staatliche Markteingriffe ist mittlerwei-
le erschreckend niedrig. Was ist ein
„Kampfpreis“? Was der CSU-Landes-
gruppenchef aus der Portokasse zahlt,
sind für andere Menschen keine Pea-
nuts. Und sie leisten ja auf dem Flug
nach Mallorca ihre Klimaabgabe, da
die Fluggesellschaft für die dabei emit-
tierte Menge CO 2 Zertifikate vorhal-
ten muss. Der Luftverkehr steht für
rund 3 Prozent aller globalen Treib-
hausgasemissionen. Es ist billig und
mutlos, ihn als Prügelknabe herzuneh-
men. Mutiger wäre es, das Dickicht an
Steuern und Abgaben zu entrümpeln
und den Verbrauch fossiler Energieträ-
ger eindeutig am CO 2 -Ausstoß auszu-
richten. Ob sich die Bundesregierung
auf ihrem Klimagipfel dazu durchrin-
gen kann, indem sie jede Woche eine
neue Sau durchs Dorf treibt, steht in
den Sternen. Das gilt auch für die Fra-
ge, ob der Steuerzahler diesen Klima-
populismus überhaupt mitträgt.
tko.FRANKFURT, 30. August.Die For-
derungen reichen von einer „Kampfpreis-
Steuer“ bis zu einem „Mindestpreis“ für
Flüge, der mit einer „Preistreiberei nach
unten“ nun „ganz schnell Schluss“ mache.
Die Diskussion um zusätzliche Belastun-
gen für die Luftfahrt – und somit auch die
Finanzierung von Klimaschutzanstrengun-
gen für die Flugbranche – ist neun Tage
nach der ersten nationalen Luftfahrtkonfe-
renz vollends entbrannt. Den Auftakt
machte Alexander Dobrindt, CSU-Landes-
gruppenchef und früherer Bundesver-
kehrsminister. Er forderte in der „Bild“ ei-
nen „Mindestpreis für Flugtickets“ und
eine „Kampfpreis-Steuer“ für Gesellschaf-
ten, die Tickets unter 50 Euro anbieten.
Während die eigene Partei Dobrindt zu-
rückpfiff, gab es Beifall von der SPD.
CSU-Generalsekretär Markus Blum sagte
zu Dobrindts Äußerungen: „Dies ist kein
abgestimmter Vorschlag der CSU. Gene-
rell gilt: Die CSU ist eine Steuersenkungs-
und keine Steuererhöhungspartei.“ Der
SPD-Verkehrspolitiker Sören Bartol sagte
indes zur Steuer-Idee: „Dann ist mit der
Preistreiberei nach unten auf Kosten von
Beschäftigten und Klimaschutz ganz
schnell Schluss.“ Der Vorschlag gehe „in
die richtige Richtung.“ Dobrindt verteidig-
te sich. Es gehe ihm darum, dass Bahnfah-
ren gegenüber dem Luftverkehr attrakti-
ver werde. Daher sei es sinnvoll, die Mehr-
wertsteuer auf Fernzugtickets zu reduzie-
ren und für faire Flugpreise zu sorgen. In
der Summe sei dies ein Vorschlag, der zu
erheblichen Steuerentlastungen führe.
In der Opposition bekam Dobrindt den-
noch keinen Beifall. Die FDP bezeichnete
eine Strafsteuer als „völlig ineffizient“ –
diese helfe dem Klima nicht, sagte Bay-
erns Landeschef Daniel Föst. Der Grü-
nen-Finanzfachmann Stefan Schmidt for-
derte zwar eine höhere Besteuerung von
Flügen, eine „symbolische Strafsteuer“ sei
aber der falsche Weg.
Auf der Tagung in Leipzig hatten Vertre-
ter von Bund, Ländern und Branche nach
außen einvernehmlich ein „Leipziger
Statement für die Zukunft der Luftfahrt“
präsentiert. Es enthielt Bekenntnisse zur
Luftfahrt als „wesentlichem Faktor für den
künftigen Wohlstand unserer global ver-
netzten Volkswirtschaft“ und zur Technik-
entwicklung „mit dem Ziel eines CO 2 -neu-
tralen Fliegens“. Die Frage, wie und vom
wem die Entwicklung finanziert werden
sollen, blieb unerwähnt. Die Branche hat-
te vorgeschlagen, die bisherige Luftver-
kehrsteuer, die 1,2 Milliarden Euro im Jahr
einbringt, zu einer Klimaschutzabgabe um-
zufunktionieren. In Regierungskreisen
wurde das wohlwollend aufgenommen.
Die Debatte über Dobrindts Vorstoß
sorgt auch in der deutschen Luftfahrtbran-
che für Diskussionen. Der Branchenver-
band BDL hatte sich überraschend nicht
ablehnend geäußert. Es „wäre grundsätz-
lich nichts dagegen einzuwenden, wenn
die Politik nun, statt den wettbewerbsver-
zerrenden Weg der Luftverkehrsteuer wei-
terzugehen, einen adäquaten Weg fände,
unwirtschaftlichen Billigpreisen und einer
künstlich angeheizten Nachfrage Einhalt
zu gebieten“, sagte BDL-Hauptgeschäfts-
führer Matthias von Randow.
Mancher Luftfahrtmanager hätte sich
eine andere Reaktion gewünscht. Der Prä-
sident des Flughafenverbands ADV und
Fraport-Chef Stefan Schulte bezeichnete
die angestoßene Debatte als „unnötige
Diskussion“. Werbeaktionen einzelner Ge-
sellschaften für 9,90-Euro-Tickets spiegel-
ten nicht den tatsächlichen Wert und
Durchschnittspreis eines Fluges wider. Zu-
letzt kostete nach Branchendaten ein In-
landsflug im Mittel 160 Euro. In Branchen-
kreisen hieß es zudem, die von Dobrindt
kritisierten 9-Euro-Tickets werde es im In-
landsverkehr sowieso nicht mehr geben,
wenn Ryanair im Herbst wie angekündigt
seine letzte innerdeutsche Strecke von
Köln nach Berlin einstelle. Lufthansa ver-
marktet indes Inlandstickets zu Preisen,
die auffällig nahe an der von Dobrindt er-
wähnten 50-Euro-Schwelle liegen. Der
Marktführer wird daher in Kreisen als Pro-
fiteur von Dobrindts Vorschlag gesehen.
Man vertreibe damit ungeliebte Billigflie-
ger-Konkurrenz wie Ryanair, die dann kei-
nen Preisvorteil mehr hätte. Gleichzeitig
würde die Politik wohl davon abgebracht,
zusätzlich noch nationale Alleingänge wie
eine deutsche Kerosinsteuer anzustreben.
Der Vorschlag einer Zusatzsteuer auf
Flüge bis 50 Euro hatte in Flug- und Reise-
branche für Fragen gesorgt – ob die CSU
wünsche, dass Mallorca-Flüge 50,01 Euro
kosten, ob der Rückflug aus Spanien wei-
ter für 9 Euro gebucht werden könne, und
wie die Steuer auf Flüge angewendet wer-
den solle, die Teil einer Pauschalreise sei-
en, für die nur ein Gesamtpreis genannt
wird. Wie der Bund den Klimaschutz in-
tensiveren will, soll durch ein Konzept
deutlich werden, dass das Klimakabinett
Mitte September vorlegen will. Branchen-
manager sehen nur über einen Abbau von
Überkapazitäten ein Ende der Niedrigprei-
se als erreichbar an. TUI-Chef Fritz Jous-
sen hatte jüngst darauf hingewiesen, dass
das Aus von Air Berlin nicht zu weniger
Kapazitäten geführt habe, sondern die
Flugzeuge nun für Lufthansa, Ryanair und
Easyjet unterwegs seien.
Amerikas Schmerz
Von Winand von Petersdorff, Washington
Ein Sündenbock für die
Drogenepidemie scheint
gefunden. Doch auch der
Staat hat seinen Anteil.
sibi.FRANKFURT, 30. August. Knapp
zwei Wochen vor der Septembersitzung
des Rates der Europäischen Zentralbank
(EZB), auf der über ein neues Lockerungs-
paket für die Geldpolitik entschieden wer-
den könnte, wird vehement um die künfti-
ge Linie gerungen. Auch die künftige
EZB-Präsidentin, Christine Lagarde, mel-
dete sich jetzt in einem Schreiben auf Fra-
gen des Wirtschafts- und Währungsaus-
schusses des EU-Parlaments zu Wort. Sie
sehe bei den Zinsen „Spielraum nach un-
ten“, schreibt Lagarde. Die effektive Un-
tergrenze bei den Leitzinsen sei noch
nicht erreicht. Es sei aber auch klar, dass
die niedrigen Zinsen mit Folgen für die
Banken und für die Finanzstabilität gene-
rell verknüpft seien. „Die EZB hat einen
breitgefächerten Werkzeugkasten zur Ver-
fügung und muss bereitstehen zu han-
deln“, schreibt Lagarde, die im November
EZB-Chef Mario Draghi ablösen soll.
Lagarde führt weiter aus, die Geldpoli-
tik der EZB müsse „datengetrieben“ sein,
nicht marktgetrieben, und sich an den In-
flationsprognosen orientieren. Damit wi-
dersprach sie, wie zuvor auch schon EZB-
Ratsmitglieder, der Position des finni-
schen Notenbankchefs Olli Rehn, der an-
gedeutet hatte, die Notenbank müsse im
Zweifel mit ihren Schritten weiter gehen,
als die Finanzmärkte es erwarteten. Es
sei besser, die Markterwartungen zu über-
treffen, als sie zu verfehlen, hatte Rehn
dem „Wall Street Journal“ gesagt. La-
garde kündigte für ihre Präsidentschaft
weiterhin an, die Veränderungen im Um-
feld könnten ein Überdenken der Strate-
gie der EZB notwendig machen. Inner-
halb der Notenbank scheint offenbar strit-
tig zu sein, ob eine Strategie-Diskussion
noch unter dem alten Präsidenten oder
erst unter der künftigen Präsidentin ge-
führt werden soll.
Die Inflation in der Eurozone verharr-
te unterdessen im August wie im Juli bei
1,0 Prozent, wie die europäische Statistik-
behörde Eurostat in einer ersten Schät-
zung mitteilte. Das ist das niedrigste Ni-
veau seit November 2016. Die meisten
Ökonomen rechnen inzwischen damit,
dass die EZB auf ihrer nächsten Sitzung
am 12. September in Frankfurt ihre Geld-
schleusen weiter öffnen wird, um die
Wirtschaft zu stützen. Fraglich sind aller-
dings noch die Instrumente. Die Noten-
bank könnte den Einlagenzinssatz für
Banken von derzeit minus 0,4 Prozent
weiter ins Minus senken, die Anleihekäu-
fe wieder aufnehmen und den Einlagen-
zinssatz für Banken staffeln.
In letzter Zeit mehren sich allerdings
Stimmen, die sich kritisch zu weiteren An-
leihekäufen äußern. Bundesbankpräsi-
dent Jens Weidmann hatte der F.A.S. ge-
sagt, er mahne bei Staatsanleihekäufen
besondere Vorsicht an, weil sie die Trenn-
linie zwischen Geldpolitik und Fiskalpoli-
tik zu verwischen drohten. Bewusst habe
der EZB-Rat in der Vergangenheit bei
den Anleihekäufen Grenzen eingezogen.
„Innerhalb dieser Grenzen gibt es noch
gewisse Spielräume – ich hielte es aber
nicht für richtig, die Kriterien grundsätz-
lich in Frage zu stellen.“ Der Chef der nie-
derländischen Notenbank, Klaas Knot, äu-
ßerte sogar, er sehe aktuell keine Notwen-
digkeit für Staatsanleihekäufe: Die Wirt-
schaft der Eurozone sei nicht so schwach.
Auch EZB-Direktoriumsmitglied Sabine
Lautenschläger sagte, sie sehe derzeit kei-
ne Notwendigkeit für einen Neustart des
Anleihekaufprogramms. Dies wäre nur
im Falle einer drohenden Deflation ge-
rechtfertigt, diese sei aber nirgendwo in
Sicht. Zinssenkungen seien hingegen Teil
der herkömmlichen Geldpolitik, sagte
Lautenschläger.
Klimapopulismus
Von Niklas Záboji
jch.FRANKFURT, 30. August. Die Kom-
munen nehmen mit ihren eigenen Steuern
so viel Geld ein wie lange nicht. Beson-
ders stark stieg im vergangenen Jahr das
Aufkommen aus der Gewerbesteuer, das
Unternehmen vor Ort zahlen: Hier lagen
die Einnahmen mit 55,8 Milliarden Euro
um 5,6 Prozent höher als im Vorjahr.
Ebenfalls bedeutend ist die Grundsteu-
er B für bebaute und bebaubare Grundstü-
cke, die 13,8 Milliarden Euro einbrachte
und damit 1,8 Prozent mehr als im Vor-
jahr. Hinzu kommt die Grundsteuer A für
agrarische Flächen mit Einnahmen von
0,4 Milliarden Euro, was einem Plus von
0,4 Prozent entspricht. Die Kommunen le-
gen für die drei Steuern die Hebesätze
selbst fest. Sie erhielten dadurch im ver-
gangenen Jahr zusammen 70 Milliarden
Euro. Das teilte das Statistische Bundes-
amt am Freitag mit. Demnach sind die
Grundsteuereinnahmen auf dem höchs-
ten Stand seit 1991.
Der Anstieg der kommunalen Steuerein-
nahmen ist zum einem auf die gute wirt-
schaftliche Lage zurückzuführen, wo-
durch etwa die Gewinne der Unterneh-
men steigen und damit die Höhe der Ge-
werbesteuer. Zum anderen erhöhen die
Gemeinden seit langem die Hebesätze
und steigern so deren Aufkommen, wenn
auch manche Gemeinde die Hebesätze
senkt oder sich mit einer geringeren Ge-
werbesteuerlast als Standort zu profilie-
ren versucht. Im vergangenen Jahr haben
die Kommunen generell seltener als zuvor
die Steuersätze angehoben.
Öfter noch als zu einer Anhebung der
Gewerbesteuer greifen Gemeinden zu ei-
ner Erhöhung der Grundsteuer – wohl
auch, weil Hausbesitzer als weniger mobil
im Vergleich zu Unternehmen gelten. Das
trifft jeden: Die Zahlung der Grundsteu-
er B reicht der Hausbesitzer über die Ne-
benkostenabrechnung an den Mieter wei-
ter. Zur Berechnung der Grundsteuer, zu
der auch ein Einheitswert des Grundstü-
ckes und eine Grundsteuermesszahl die-
nen, braucht es bis Jahresende eine neue
Regelung, da die Immobilienwerte zu lan-
ge nicht angepasst wurden. Der Hebesatz
der Grundsteuer B stieg laut Statistischem
Bundesamt bundesweit im Durchschnitt
um 2 Prozentpunkte auf 472 Prozent im
Vergleich zum Vorjahr.
Große Unterschiede zeigen sich in der
kommunalen Finanzlage und auch bei den
Hebesätzen von Bundesland zu Bundes-
land. In Nordrhein-Westfalen haben viele
Städte hohe Schulden, wozu Kommunalpo-
litiker auch auf den Strukturwandel verwei-
sen. Hier ist der durchschnittliche Hebe-
satz unter den Flächenländern am höchs-
ten (siehe Grafik). Die stärkste Zunahme
im Aufkommen aus der Grundsteuer B er-
zielte im Jahr 2018 unter den Flächenlän-
dern das Saarland mit einem Plus von 6,
Prozent und unter den Stadtstaaten Bre-
men mit einem Plus von 2,9 Prozent.
Der durchschnittliche Hebesatz aller
Gemeinden für die Gewerbesteuer blieb
wie im Vorjahr bei 402 Prozent. Gleichzei-
tig lag das Gewerbesteueraufkommen in
allen Bundesländern im Jahr 2018 über
dem des Vorjahres: Hamburg erreichte
Mehreinnahmen von 14 Prozent, Rhein-
land-Pfalz von 12,1 Prozent und das Saar-
land von 11,4 Prozent.
Lagarde sieht für Zinsen „Spielraum nach unten“
Künftige EZB-Präsidentin weist aber auf Folgen für Banken hin / Inflation im Euroraum verharrt bei 1 Prozent
Politik streitet über Kampfpreis-Flüge
Die Kommunen langen kräftig hin
Aufkommen aus Grund- und Gewerbesteuern stark gestiegen / Hebesatz in Berlin am höchsten
Airbus im Anflug, eine neue Luftfahrtsteuer auch? Foto Imago
Quelle: Destatis/F.A.Z.-Grafik Niebel
Berlin
Bremen
Nordrhein-Westfalen
Hamburg
Sachsen
Hessen
Saarland
Thüringen
Niedersachsen
Mecklenburg-Vorp.
Sachsen-Anhalt
Brandenburg
Rheinland-Pfalz.
Baden-Württemberg
Bayern
Schleswig-Holstein
Hebesatz der Grundsteuer B
Durchschnitt 2018, in Prozent
810
687
570
540
498
473
439
435
431
427 472
419
Deutschland
408
402
397
394
393
Alexander Dobrindt
fordert eine Steuer auf
billige Tickets. Die CSU
pfeift ihn zurück, die
SPD lobt ihn. Auch die
Luftfahrt ist uneins.