Frankfurter Allgemeine Zeitung - 08.08.2019

(Joyce) #1

SEITE 28·DONNERSTAG, 8. AUGUST 2019·NR. 182 Sport FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG


D


ie Selbstkasteiung gehört zu
den größten Tugenden des Men-
schen. Nicht auf den Spruch eines
Richters, eines Gremiums zu warten,
sondern selbst zu urteilen: drei Mona-
te will Clemens Tönnies sein Amt als
Aufsichtsratschef von Schalke 04 ru-
hen lassen. Weil er, Zitat, so „töricht“
war, die Familienplanung von ganz
Afrika in ein paar Halbsätzen herab-
zuwürdigen, als er behauptete, nach
dem Bau von zwanzig Kraftwerken
auf dem Kontinent würden die Afri-
kaner aufhören, in der Dunkelheit so
viele Kinder zu produzieren.
Töricht? Das bedeutet: unklug, un-
vernünftig, dümmlich, einfältig. Tön-
nies mag vieles sein, dumm ist der
Fleischgroßhändler und Milliardär
wohl kaum. Er ist der starke Mann
auf Schalke, er kontrolliert nicht nur
den Vorstand, sondern mehr oder we-
niger den gesamten Verein, einen der
populärsten, einen, der äußerst
schwer auf Kurs zu halten ist. Tön-
nies gibt den Ton vor. Schalke scheint
von ihm abhängig.
Daraus einen entscheidenden Ein-
fluss auf den Ehrenrat des Klubs ab-
zuleiten, der am Dienstag die Ent-
gleisung Tönnies beriet und beurteil-
te, wäre ehrenrührig für das überwie-
gend mit Rechtsgelehrten besetzte
Gremium. Es tagte lange und präsen-
tierte eine feinsäuberliche Unter-
scheidung: Tönnies wurde vom „Vor-
wurf des Rassismus“ freigespro-
chen. Allerdings erkannte der Ehren-
rat eine „Diskriminierung“ und da-
mit einen Verstoß gegen die Sat-
zung: „Von uns Schalkern geht keine
Diskriminierung oder Gewalt aus.
Wir zeigen Rassismus die Rote Kar-
te und setzen uns aktiv für Toleranz
und Fairness ein.“ Ganz zufällig
passt die Selbstbestrafung wenigs-
tens zu den Buchstaben des ehren-
werten Gesetzes: Kein Spielverbot,
sondern eine Zeitstrafe.
Tönnies sagte nicht, was er in den
kommenden drei Monaten tun wird.
Vielleicht verpasst er eine der weni-
gen Aufsichtsratssitzungen. Viel-
leicht reist er nach Afrika und stellt
dann abermals „bestürzt“ (Tönnies)
fest, wie sachlich falsch und diskrimi-
nierend er die Menschen eines gan-
zen Kontinents mit seiner Stamm-
tischparole während einer Rede zum
„Tag des Handwerks“ in Paderborn
beurteilt hatte. Dann könnte er be-
greifen, was er angerichtet hat. Dass
man kein Rassist sein muss, um als
einflussreicher Mensch, als Person
der Öffentlichkeit mit ein, zwei For-
mulierungen den Rassisten im Land
aus deren dunklen Herzen zu spre-
chen, sie zu bestätigen, zu animieren,
ihr dumpfes, zerstörerisches Denken
hinauszutragen in die Welt. Wenn
doch schon der Schalke-Boss so unge-
schoren „töricht“ sprechen darf.
Weder Tönnies noch der Ehrenrat
haben die weitreichende Wirkung
des Falles und ihres Umgangs damit
verstanden. Sie verharmlosen ihn, sie
wollen der Öffentlichkeit verkaufen,
mit der Unterscheidung zwischen
Rassismus und Diskriminierung sei
der Weg gefunden, die Affäre zu be-
enden. Sie täuschen sich gewaltig.
Wenn der erste Mann des Klubs seine
Verantwortung über das Geschäft
hinaus nicht erfasst und entspre-
chend handelt, dann zertrümmert er
die Basis eines Vereins, seinen Geist,
die Glaubwürdigkeit. Schalke sollte
der Klub der Herzen bleiben.

Lazio-Ultra erschossen


Der Anführer der Ultra-Gruppe „Irri-
ducibili“ vom italienischen Fußball-
Erstligaklub Lazio Rom ist am Mitt-
woch in einem Park in Rom erschossen
worden. Laut übereinstimmenden ita-
lienischen Medienberichten wurde La-
zio-Capo Fabrizio Piscitelli am helllich-
ten Tag mit einem gezielten Kopf-
schuss getötet. Er wurde 53 Jahre alt.
Medienberichten zufolge war Piscitelli
kürzlich ins Visier von Drogenermitt-
lern geraten. Die „Irriducibili“ sind die
führende Ultra-Gruppe der Curva
Nord (Nordkurve) im Stadio Olimpico
in Rom. (sid)


Großkreutz länger gesperrt


Kevin Großkreutz vom KFC Uerdingen
ist für vier Drittliga-Spiele gesperrt wor-
den, im DFB-Pokal gegen Borussia
Dortmund darf er aber spielen. Dies
teilte der Deutsche Fußball-Bund am
Mittwoch mit. Großkreutz hatte Dimi-
try Imbongo Boele von der SG Sonnen-
hof Großaspach absichtlich von hinten
in die Wade getreten. Weil Schiedsrich-
ter Robert Hartmann die Szene nicht
gesehen hatte, erhob der Kontrollaus-
schuss nachträglich Anklage. Das Sport-
gericht belegte Großkreutz wegen ei-
nes krass sportwidrigen Verhaltens in
Form einer Tätlichkeit mit einer Sperre
von insgesamt sechs Liga-Spielen; zwei
davon werden bis Ende Juni 2020 zur
Bewährung ausgesetzt. (dpa)


City verpflichtet Cancelo


Der englische Fußball-Meister Man-
chester City hat den portugiesischen
Rechtsverteidiger Joao Cancelo von Ju-
ventus Turin verpflichtet. Der 25-Jähri-
ge unterschrieb einen Vertrag bis zum
Sommer 2025 und soll umgerechnet 65
Millionen Euro Ablöse kosten. Im Ge-
genzug wechselt der Brasilianer Danilo
für 37 Millionen Euro zu Juve, wo er ei-
nen Fünfjahresvertrag erhält. (sid)


Mainz 05 holt St. Juste


Mainz 05 hat den niederländischen In-
nenverteidiger Jeremiah St. Juste von
Feyenoord Rotterdam verpflichtet.
Der 22-Jährige erhielt einen Vierjah-
resvertrag bis 2023. Das gab der Fuß-
ball-Bundesligaklub am Mittwoch be-
kannt. Über die Ablösemodalitäten
wurde Stillschweigen vereinbart. St.
Juste hat in der vergangenen Saison 26
Pflichtspiele für niederländischen Eu-
ropa-League-Teilnehmer absolviert
und drei Tore erzielt. (sid)


Golfprofi Olesen suspendiert


Der dänische Ryder-Cup-Gewinner
Thorbjørn Olesen ist wegen seiner Ver-
fehlungen an Bord eines Flugzeugs vor-
läufig von der Europa-Tour der Profi-
golfer ausgeschlossen worden. Ein
Sprecher teilte mit, dass der 29-Jährige
„bis zum Ende des Gerichtsverfah-
rens“ suspendiert worden sei. Olesen
soll auf dem Flug aus den Vereinigten
Staaten nach London laut Medien un-
ter anderem eine schlafende Frau be-
lästigt und sich mit Flugbegleitern an-
gelegt haben. (sid)


Törichtes


Schalke


Von Anno Hecker


In Kürze


HAMBURG. Er ist ein Spieler, wie ihn
sich Trainer wünschen. Ehrgeizig, beschei-
den, mannschaftstauglich, beliebt. Dazu
rennt Bakery Jatta auf dem Rasen wie ein
Pferd. Voller Einsatz in jeder Partie sollte
eine Eigenschaft sein, die jeder Profi als
Grundausstattung mitbringt. Doch für vie-
le Spieler sind das oft Lippenbekenntnis-
se. Nicht so bei Bakery Jatta. Er arbeitet
Fußball. Auch unter dem neuen Trainer
Dieter Hecking gehört der 21 Jahre alte
Linksaußen zum Stammpersonal des Ham-
burger SV in der Zweiten Bundesliga.
Man muss es nicht Dankbarkeit nen-
nen, aber bei dem Geflüchteten aus dem
kleinen westafrikanischen Staat Gambia
meint man zu spüren, dass er dem Verein
etwas zurückgeben möchte. War es doch
der HSV, der ihm als No-Name die Chance
gab, im Profifußball Fuß zu fassen. Allem
Anschein nach handelte es sich bei Jatta
doch um ein außergewöhnliches Talent
des Jahrgangs 1998 – mit einer Besonder-
heit: Er habe nie bei einem Verein ge-
spielt, sagte Jatta. Doch hinter der Cinde-
rella-Story um den Waisenjungen, der vor
vier Jahren als Minderjähriger über die Sa-
hara und das Mittelmeer nach Deutsch-
land floh, ehe er via Bremen 2016 beim
HSV landete, steht nun ein Fragezeichen.
Wie die „Sport-Bild“ am Mittwoch be-
richtete, soll es sich bei Bakery Jatta um


den zweieinhalb Jahre älteren Bakary Daf-
feh handeln. Jatta/Daffeh soll demnach
seit 2009 bei Vereinen in Gambia, Nigeria
und dem Senegal teils professionell ge-
spielt haben. Auch für die gambische
U-20-Auswahl sei er im April 2014 zum
Einsatz gekommen. Bilder von Daffeh mit
einer verblüffenden Ähnlichkeit zu Jatta il-
lustrieren den vermeintlichen Identitäts-
tausch. Zwei Zeugen aus Gambia, die ihn
trainierten, haben die Magazin-Version be-
stätigt. Daffehs Spur als Fußballer in Afri-
ka verliert sich demnach etwa zum Zeit-
punkt von Jattas Ankunft in Deutschland.
Der HSV verwies am Mittwoch auf eine
schriftliche Erklärung Bernd Hoffmanns:
„Wir haben Bakery Jattas gültigen Reise-
pass inklusive Aufenthaltsgenehmigung
vorliegen. Bakery Jatta hat sich bei uns als
tadelloser Sportsmann und verlässlicher
Mitspieler gezeigt. Er hat sich schnell in
unsere Mannschaft und unseren Klub inte-
griert. Wir schätzen ihn als Spieler und
Menschen“, so der Vorstandschef.
Der Hintergrund der möglichen „Ver-
jüngung“ könnte ein rechtlich relevanter
sein: Als er im Sommer 2015 als Asylsu-
chender nach Deutschland kam, war er
mit Geburtsdatum 6. Juni 1998 noch nicht
volljährig. Damit genoss er hierzulande
den speziellen Flüchtlingsschutz eines „un-
begleiteten Minderjährigen“. Selbst wenn

keine Schutzbedürftigkeit vorliegt (nur we-
nige Asylsuchende aus Gambia fallen hier-
zulande unter die Schutzquote), werden
solche Personen nur dann in ihr Heimat-
land zurückgeschickt, wenn dort eine Ver-
sorgung durch Eltern, Großeltern, Onkel
oder Tanten gesichert ist. Da Jatta stets an-
gab, ohne Eltern und Angehörige aufge-
wachsen zu sein, durfte er in Bothel nahe
Bremen bleiben. Dort lebte er in einer Un-
terkunft für benachteiligte Jugendliche.
Sein Fußballtalent fiel auf.
Im Januar 2016 hatte Jatta ein Probetrai-
ning beim HSV absolviert, und der damali-
ge Trainer Bruno Labbadia war angetan

von seinen Fähigkeiten. Damalige Zweifel
am Alter des körperlich robusten 17-Jähri-
gen wurden nach Untersuchungen im Uni-
versitätsklinikum zerstreut. Jattas Ver-
bleib als Minderjähriger in Deutschland
war über einen Aufenthaltstitel gesichert.
Nach seinem 18. Geburtstag am 6. Juni
2016 stattete ihn der HSV mit einem Profi-
vertrag aus. Als Volljähriger mit einer fes-
ten Beschäftigung bekam Jatta seine Auf-
enthaltsgenehmigung. Danach wechsel-
ten sich Einsätze unter verschiedenen Trai-
nern in der Bundesliga und Regionalliga
ab, ehe er sich in der vergangenen Saison
unter Trainer Hannes Wolf „festspielte“

und zum Profikader gehörte. In der Win-
terpause 2018/19 verlängerte er seinen
Vertrag beim HSV bis zum 30. Juni 2024.
Die Zweifel an seiner Geschichte haben
Bakery Jatta begleitet. Der Verein und er
selbst begegneten dem öffentlichen Inter-
esse. Jatta selbst hatte auf der HSV-Home-
page vor drei Jahren erzählt, er habe sich
Fußball barfuß auf der Straße beigebracht;
das wiederholte er später gegenüber der
„Bild“-Zeitung. Die HSV-Verantwortli-
chen sollen die Vorwürfe schon einige
Zeit kennen und ließen sich Jattas Spielge-
nehmigung jüngst von der DFL bestäti-
gen. Auch haben sie sich noch einmal ein-
gehender mit ihm unterhalten. Jatta und
sein Berater Efe-Firat Aktas stritten die
Vorwürfe ab und verwiesen auf gültige Pa-
piere. Allerdings erklärten am Mittwoch
sowohl das zuständige Bezirksamt Ham-
burg-Mitte als auch der DFB-Kontrollaus-
schuss, den Sachverhalt prüfen zu wollen.
Welche Sanktionen folgen könnten, soll-
te Jatta seine Identität vertuscht haben,
sind aktuell nicht seriös zu prognostizie-
ren. Am Mittwochabend teilte der DFB
mit, dass der 1. FC Nürnberg fristgerecht
Einspruch gegen die Wertung des 4:0-Sie-
ges der Hamburger am Montag in Nürn-
berg eingelegt habe, weil Jattas Spielbe-
rechtigung unter diesen Umständen un-
wirksam sei. FRANK HEIKE

Schwimmen, Kunstspringen, Europameister-
schaft in Kiew, Männer, 1 m: 1. Hausding (Berlin)
388,85 Pkt., 2. Kolodi (Ukraine) 381,50, 3. Marsa-
glia (Italien) 380,15.


Tennis,WTA-Tour der Damen in Toronto, Einzel
(2,83 Mio. US-Dollar) 2. Runde: Bencic (Schweiz)



  • Görges (Bad Oldesloe) 5:7, 6:3, 6:4.


Lotto(Mittwoch): 15 – 21 – 27 – 30 – 46 – 47.
Superzahl: 2
Spiel 77:4 1 8 9 5 4 4. – Super 6: 7 1 6 5 4 8


Das Fußball-Märchen und die Zweifel


Die Geschichte des HSV-Profis Bakery Jatta, der aus Gambia geflüchtet war, erscheint plötzlich in einem anderen Licht


MONTEVIDEO (dpa). Uruguays
Fußball-Ikone Diego Forlán hat seine
Karriere im Alter von 40 Jahren been-
det. Er gab seinen Rücktritt unter ande-
rem via Twitter bekannt. „Eine wunder-
schöne Etappe mit großartigen Erinne-
rungen und Emotionen geht zu Ende,
es beginnt aber eine andere mit neuen
Herausforderungen“, schrieb der Süd-
amerikaner. Forlán spielte 21 Jahre auf
Profi-Niveau. Zu seinen großen Zeiten
stand der Angreifer bei Klubs wie Man-
chester United, Atlético Madrid und In-
ter Mailand unter Vertrag. Zuletzt
spielte Forlán im ersten Halbjahr 2018
in Hongkong beim Kitchee SC. Für
Uruguay bestritt Forlán 112 Länder-
spiele und erzielte 36 Tore. 2010 er-
reichte er mit seinem Heimatland den
vierten Platz bei der WM und wurde
zum besten Spieler des Turniers in Süd-
afrika gewählt. Nun liebäugelt er da-
mit, eine Laufbahn als Trainer einzu-
schlagen.

GELSENKIRCHEN.Clemens Tönnies
wird nach seinen rassistischen Aussagen
erst einmal von der Bühne des Bundesliga-
fußballs verschwinden. Das kündigte der
Aufsichtsratschef des FC Schalke am spä-
ten Dienstagabend im Rahmen einer An-
hörung vor dem Ehrenrat an. Er werde
„sein Amt als Mitglied des Aufsichtsrats
und dessen Vorsitz für einen Zeitraum
von drei Monaten ruhen lassen“, teilte der
Verein mit, danach wird er seine Tätigkeit
als oberster Kontrolleur des operativen
Geschäftes wiederaufnehmen. Offenbar
hoffen die Schalker, dass die Debatten um
Tönnies’Weltbild, die weit über die Fuß-
ballbranche hinaus geführt wurden, damit
erst mal verstummen werden, zumal die
neue Saison an diesem Wochenende mit
der ersten Runde des DFB-Pokals startet
und damit der Sport wieder in den Mittel-
punkt rückt. Aber eine gewisse Skepsis ge-
genüber dem millionenschweren Fleisch-
fabrikanten wird auch ohne aktiven Tön-
nies an der Spitze des Klubs in der Welt
bleiben. Zumal die Entscheidung auf deut-
liche Kritik stieß – innerhalb wie außer-
halb des Vereins.
Zum einen wirkte es befremdlich, dass
Tönnies mehr oder weniger selbst über die
Sanktion befand; die dreimonatige Aus-
zeit war ihm nicht vom Ehrenrat auferlegt
worden, es war der Schluss, den Tönnies
selbst aus dessen Beratungen zog. Inhalt-
lich wiederum wirkte dessen Differenzie-
rung zwischen Rassismus und Diskrimi-
nierung, die eine Grundlage für die Sankti-
on war, nicht überzeugend. „Wenn ich ei-
nen ganzen Kontinent und seine Bevölke-
rung letztlich in eine Ecke stelle, dann er-
füllt das für mich schon eher den Tatbe-
stand des Rassismus als‚nur‘den der Dis-
kriminierung“, kritisierte Dagmar Frei-
tag, Vorsitzende des Sportausschusses im
Bundestag, bei NDR Info. Die SPD-Politi-
kerin warnte vor den vermeintlich weitrei-
chenden Folgen. „Solche Entgleisungen
sind ein Tabubruch ohne Skrupel (.. .) –
und ihre Wirkung in die Gesellschaft, die
sie haben, ist – insbesondere in diesen Zei-
ten – verheerend“, sagte sie. Der Deutsche
Fußball-Bund (DFB) müsse eine „klarere
Haltung“ zu der Thematik finden. Beim
Verband steht der Fall auf der Agenda für
die kommende Sitzung des Ethikrats am


  1. August.
    Der Ehrenrat als höchste moralische
    Instanz bei Schalke 04 war nach der stun-
    denlangen Anhörung am Dienstagabend
    zu dem Schluss gekommen, dass der „Vor-
    wurf des Rassismus unbegründet ist“,
    das Gremium hielt aber fest, dass der
    Multimillionär „gegen das in der Vereins-
    satzung und im Leitbild verankerte Dis-
    kriminierungsverbot verstoßen“ habe.
    Übersetzt heißt das ungefähr, dass Tön-
    nies sich diskriminierend, ja vielleicht
    rassistisch, geäußert habe, aber eher ver-
    sehentlich und aus Fahrlässigkeit. Ein
    überzeugter Rassist sei er nicht. Ähnlich
    hatten sich zuletzt schon Weggefährten
    wie Huub Stevens geäußert: „Wer ihn
    kennt, wer seit langem mit ihm zusam-
    menarbeitet, der weiß, dass Clemens die
    Menschen mag, wie sie sind – völlig unab-
    hängig von Hautfarbe, Herkunft oder Re-
    ligion. Ihm geht es stets um den Charak-
    ter eines Menschen – nie um die Farbe
    seiner Haut“, erklärte der ehemalige Trai-
    ner, der inzwischen neben Tönnies im
    Aufsichtsrat sitzt.
    Allerdings ist schon jetzt klar, dass
    auch im Verein einige Gruppierungen die-
    se Form der Buße nicht für ausreichend
    halten, nachdem Tönnies öffentlich vorge-
    schlagen hatte, den Klimawandel mit der


Finanzierung von 20 Kraftwerken in Afri-
ka zu bekämpfen. „Dann würden die Afri-
kaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie
hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu
produzieren“, hatte er erklärt. Die Schal-
ker Fan-Initiative, die sich seit Jahrzehn-
ten gegen Rassismus und Diskriminie-
rung aller Art engagiert, hat Widerstand
angekündigt. „Ich kann mir nicht vorstel-
len, wie ein Mensch damit umgehen
kann, den Verein öffentlich zu repräsen-
tieren. Es wird auf jeden Fall Proteste ge-
ben, sollte alles beim Alten bleiben“, sag-
te Susanne Franke von der Fan-Initiative
dem Fernsehsender „Sky“.
Die „aktion ./. arbeitsunrecht“ will am


  1. September im Rahmen einer großen
    Kundgebung in Rheda-Wiedenbrück Ge-
    werkschafter, Bürgerrechtler sowie Um-
    welt- und Tierrechtsaktivisten aus ganz
    Deutschland mit aktiven Fußballfans zu-
    sammenbringen, um auf die Schattensei-
    ten von Tönnies’Wirken, als Fußballfunk-
    tionär, Fleischfabrikant und Arbeitgeber,


aufmerksam zu machen. Die Vorwürfe rei-
chen von zweifelhaften Bedingungen in
der Schweinemast über die Ausbeutung
von Arbeitern bis hin zum Verdacht, Tön-
nies’Rolle im Klub gehöre zu den Grün-
den für die zuverlässig wiederkehrenden
Krisenphasen bei Schalke 04.
Am Mittwoch nahm der Vorstand Stel-
lung, mit der Absicht, den Fall nicht zu ei-
nem Schalker Sinnbild werden zu lassen.
„Wir sind uns des Schadens bewusst, den
der Verein in den letzten Tagen erlitten
hat. Wir werden noch intensiver daran ar-
beiten, um innerhalb und außerhalb des
Vereins deutlich zu machen, dass der FC
Schalke 04 für die Werte einer weltoffe-
nen, freien und multikulturellen Gesell-
schaft steht“, heißt es in einer Erklärung
des Führungstrios Jochen Schneider
(Sport), Peter Peters (Finanzen und Orga-
nisation) und Alexander Jobst (Marke-
ting und Kommunikation). „Bei aller
Emotionalität und Aufgeregtheit der letz-
ten Tage lassen wir den Ruf des Vereins

nicht auf eine diskriminierende Aussage
reduzieren.“ Wie Tönnies seinen Vorsatz
umsetzt, das Amt ruhen zu lassen, bleibt
unterdessen abzuwarten. Sicher wird er
nicht an den Aufsichtsratssitzungen wäh-
rend der kommenden drei Monate teilneh-
men, aber nach allem, was zu hören ist,
mischt er – jenseits seiner kontrollieren-
den Funktion, die sein Amt ihm zu-
schreibt – seit Jahren sehr aktiv im opera-
tiven Alltag mit. Der vormalige Manager
Christian Heidel hat von täglichen Telefo-
naten berichtet, es kursieren Geschichten
über Gespräche von Tönnies mit Spieler-
beratern, auf deren Basis er dann Vor-
schläge fürs Transfergeschäft macht, und
Berichte über viele andere Eingriffe ins
Tagesgeschäft, mit dem ein Aufsichtsrat
eigentlich nichts zu tun hat.
In jedem Fall hat Clemens Tönnies
Glück, dass die Mitglieder ihn gerade erst
für drei weitere Jahre gewählt haben,
denn nach den vergangenen Tagen müss-
te er bei einer Abstimmung ernsthaft um
ein zustimmendes Votum fürchten.

Ergebnisse


Forlán beendet


dieKarriere


Was ist schon Rassismus?


Strapaziertes Verhältnis:Der Verein ist bemüht, den Fall Tönnies nicht zu einem Schalker Sinnbild werden zu lassen. Foto dpa


Jatta oder Daffeh – das ist hier die Frage. Foto Witters


Der Irrweg bei Tönnies


Schalkes Ehrenrat sieht in den Äußerungen von Clemens Tönnies „nur“ Diskriminierung.


DerAufsichtsratschef will sein Amt drei Monate ruhen lassen – und erntet neue Kritik.Von Daniel Theweleit

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