National Geographic Germany - 03.2020

(backadmin) #1
mir eine ferne, kalte Gegend vor, das Reich rauer
Männer mit grau melierten Bärten, die von noch
raueren Männern großgezogen worden waren. Mein
Vater war ein Theaterproduzent aus New York City.
Ich hatte meine Lektionen fürs Leben hinter den
Kulissen gelernt, nicht hinter dem Mond.
Dass die Arktis mir Angst machte, ist dennoch
erstaunlich. In meinen Zwanzigern hatte ich haupt-
sächlich Konflikte und gesellschaftliche Probleme
in Nahost, Afrika und Lateinamerika dokumen-
tiert, mit besonderem Fokus auf Mexiko und dem
Drogenkrieg. Ich wollte unbedingt Geschichten
erzählen, ungeachtet der Risiken. 2011 wurde ich
selbst Teil der Geschichte – einer Tragödie –, in
der meine Kolleginnen und Kollegen die Opfer
waren, ich die Überlebende. Danach fiel es mir
schwer, die Inspiration zum Fotografieren zu fin-
den. Ich arbeitete zwar weiter, da ich das Geld
brauchte. Aber ich tat es oft nur mechanisch.
Noch auf dem Flug nach Kanada hatte ich keine
Ahnung, was mich beim Yukon Quest erwartete.
Gegen Mitternacht landeten wir auf einer schnee-
bedeckten Landebahn in Whitehorse. Als ich mein
Flugzeugfenster berührte, konnte ich schon die
eisige Kälte spüren.
Ich war im Norden angekommen ... mein Gepäck
nicht. Darin befand sich alles, was ich zu brauchen
glaubte: geliehene Schneehosen, die mir zu groß
waren, lange Unterwäsche, die ich zuletzt auf einer
Highschool-Skireise getragen hatte, und ein brand-
neuer, teurer, plustriger Anorak – das Etikett hatte
ich drangelassen, damit ich ihn zurückgeben konnte,
wenn ich wieder zu Hause war. Von Whitehouse aus
sollte ich nach Dawson City fliegen, um gleich am
nächsten Morgen das Rennen zu fotografieren. Alles,
was ich dabei hatte, waren ein grauer Kapuzenpullo-
ver und ein Rucksack voller Kameraausrüstung. Ich
erklärte meine Misere den beiden Frauen am Schalter
von Air Canada. Eine von ihnen verschwand im
Büro und kam kurz darauf mit einer marineblauen
Air-Canada-Wolljacke zurück. Die andere bat ihren
Mann, Stiefel und eine Jacke vorbeizubringen. Sie
gab mir ihre eigene graue Daunenjacke, die Pelz-
stiefel, die sie an den Füßen trug, und ein Paar rote
Fleecehandschuhe.
Später am Morgen, es war immer noch dunkel,
stieg ich ins Flugzeug nach Dawson City. Als schließ-
lich die Sonne aufging, kamen Gebirgsketten in Sicht.
Sie waren beeindruckend, schier endlos – pink- und
beigefarbene, zerklüftete Gipfel, grauschwarze Berg-
kuppen und weiße Hügellandschaften, so weit das
Auge reichte. Etwas so Zauberhaftes hätte ich mir
nicht träumen lassen. Ich fotografierte durchs Fens-
ter, bis dichter Nebel aufzog.
Als ich aus dem Flugzeug stieg, funkelte der knir-
schende Schnee unter meinen Füßen, als hätten eine
Million kleine Kinder ihn mit allem Glitter der Welt
besprenkelt. Auf der Fahrt zum Hotel schwieg ich
ehrfurchtsvoll, während wir an lavendelfarbenen
Bergketten und zugefrorenen Flüssen entlangfuhren,

DER YUKON QUEST ist ein Schlittenhunderennen, das


über 1 600 Kilometer durch die subarktische Wildnis
Alaskas und Kanadas führt. Das Rennen findet im


tiefsten Winter statt und folgt einer Strecke, auf der
zu Zeiten des Goldrausches mit Schlittenhunden


Post und Vorräte ausgeliefert wurden. Es gilt als
eines der härtesten Sportereignisse der Welt: Die


Temperaturen sinken bis auf minus 45 Grad, der
Wind kann Geschwindigkeiten von über 65 Kilometer


pro Stunde erreichen. Die Tage sind so kurz, dass
sich das Rennen überwiegend im Dunkeln abspielt.


Als ich diesen Auftrag annahm, wusste ich von alle-
dem nichts. Ich hatte nie vom Yukon Quest gehört.


Wenn – falls – ich an die Arktis dachte, stellte ich


MÄRZ 2020 35
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