National Geographic Germany - 03.2020

(backadmin) #1

EXPLORER (^) | SCHLITTENHUNDE
mit spitzen Ohren aus den Säcken herausschauen.
Sofort fragte ich den Fahrer, ob er kurz warten könne,
und rannte los, um die Szene zu fotografieren. Die
Tierärzte erklärten mir, diese Hunde seien aus ihren
Teams herausgenommen worden. In den Säcken
blieben sie ruhig und fühlten sich während des Heim-
flugs wohlbehalten und sicher.
Schlittenhunde, von manchen als die großartigsten
Ausdauersportler der Welt betrachtet, sind für das
Leben in kalter, verschneiter Wildnis gut gerüstet.
Bei einem so langen Rennen ist es trotzdem nichts
Ungewöhnliches, Hunde aus dem Team zu nehmen.
Es kommt vor, dass ein Hund erschöpft ist, sich ver-
letzt oder das Interesse am Rennen verliert. Einmal
wurde einer der Hunde krank, weil er die Schühchen
gefressen hatte, die seine Pfoten schützten.
Ein Hundeteam in vollem Lauf ist ein wunder-
schöner Anblick: das Getrappel der Pfoten auf dem
Schnee wie zarter Chorgesang, der gleichmäßige
Rhythmus der vor- und zurückschnellenden Beine,
der heiße Atem, der in der kalten Luft rauchschwa-
dengleiche Wolken bildet. Leicht vergisst man, dass
jeder Hund anders ist. Die ausgeschiedenen Tiere
einzeln zu sehen, voneinander getrennt, noch dazu
in Säcken, war eine eindrückliche Erinnerung daran.
Während der nächsten Tage konzentrierte ich
mich wesentlich mehr auf Hunde, die aus dem Ren-
nen ausschieden, als auf die potenziellen Sieger. Die
Vertreter der Lokalmedien und der Rennleitung fan-
den das wahrscheinlich schräg. Heute denke ich, dass
ich mich vielleicht auch mit den ausgeschiedenen
Hunden verbunden fühlte. Ich wusste, was es hieß,
sein Leben lang auf ein Ziel hingearbeitet zu haben,
nur um durch ein unvorhergesehenes Ereignis vom
Kurs abgebracht zu werden.
In Eagle zog schlechtes Wetter auf, tagelang star-
tete und landete kein einziges Passagierflugzeug.
Beinahe hätte ich den Zieleinlauf in Fairbanks für
meinen ersten großen NATIONAL GEOGRAPHIC-
Auftrag verpasst. Aber ich hatte Glück und konnte
spät abends noch in einem Charterflug mitfliegen



  • einer kleinen Maschine voller aus dem Rennen
    genommener Hunde. j
    Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell


die mit einem Mosaik aus blauem und weißem Eis
überzogen waren. Der gesamte Nadelwald schien
mir mit schimmerndem Schnee beschichtet zu sein.
Erst später lernte ich, dass es sich dabei um Raureif
handelte – das Schönste, was ich je gesehen hatte.
An manchen Tagen wünschte ich, ich könnte in
der Zeit zurückreisen, nur um meine ersten paar
Stunden in Dawson City noch einmal zu erleben.
Die Kälte jedoch war so brutal wie das Land schön.
Als ich ausstieg, schlug mir die Luft entgegen, so
trocken, dass ich kaum atmen konnte. Doch in dem
Moment waren die geliehenen Kleidungsstücke
und die Freundlichkeit von Fremden alles, was ich
brauchte, um warm zu werden. Mich überkam ein
Gefühl, das ich schon nicht mehr zu kennen glaubte:
Solange ich meine Kamera hatte, war alles okay. Ich
wollte wieder Fotos machen.
Nach mehr als der Hälfte des Rennens flog ich
zu einem Checkpoint in Eagle, Alaska. Ein Pick-up
erwartete mich und weitere Passagiere – regionale
Presse und freiwillige Helfer –, um uns zu unserer
Unterkunft zu fahren: der örtlichen Schulbücherei.
Bevor wir abfuhren, fielen mir zwei Veterinäre auf,
erkennbar am Aufnäher auf ihren roten Anoraks. Sie
luden Säcke in ein kleines Flugzeug – dem Anschein
nach schwere Kartoffelsäcke. Dann sah ich Fellköpfe

KARTE: NGM MAPS

Ein, zwei Tage nach Beginn ihrer ersten Reise in den Norden 2014
trifft Katie Orlinsky (o.) einige Teilnehmer des als Yukon Quest
bekannten Schlittenhunderennens im kanadischen Dawson City.

Die US-Fotografin Katie Orlinsky berichtet seit mehr als fünf Jahren
über die Arktis. In dem Feature „Die Gefahr von unten“ (siehe
Ausgabe 9/2019) beschäftigte sie sich mit der Permafrost-Schmelze.

1000


Geschätzte Anzahl von Hunde-
Schühchen, die jeder Schlittenführer
beim Yukon Quest dabei hat, um die
Pfoten der Tiere zu schützen.

ASIEN
Eagle,
Alaska

PAZIFISCHER
OZEAN

NORD-
AMERIKA
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