Der Spiegel - 07.03.2020

(Ben Green) #1
sind, trennen sich zwar möglicherweise
schneller. Andererseits ist das Thema Ge-
walt weiterhin total schambesetzt. Wenn
sie beim ersten Zwischenfall nicht gegan-
gen sind, sondern über einen längeren Zeit-
raum misshandelt wurden, ist es fast un-
möglich, darüber zu reden. Gerade in den
sogenannten besser gestellten Milieus er-
statten Frauen selten Anzeige.
SPIEGEL: Man sollte meinen, gerade diese
Frauen würden ihre Rechte kennen.
Clemm:Tun sie auch. Aber die meisten
haben Angst vor den Verfahren, wollen
vor allem ein Ende der Gewalt. Viele be-
fürchten Nachteile: Wenn sie etwa den
Hauptversorger ins Gefängnis bringen,
gibt es keinen Unterhalt für die Kinder
mehr, und sie werden als Opfer stigmati-
siert. Es gibt andere Möglichkeiten als eine
Anzeige.
SPIEGEL:Welche denn?
Clemm:Einmal kam eine Frau zu mir, die
sich von ihrem gewalttätigen Mann tren-
nen, ihn aber nicht anzeigen wollte. Ich
schlug vor, die Schläge von einer Ärztin
dokumentieren zu lassen. Dann organi -
sierte die Betroffene die Flucht. Als das
gelungen war, setzte ich mich mit dem
Mann in Verbindung und sagte ihm, wir
hätten Beweise für seine Gewalttaten:
»Wir wollen keine Polizei, wir wollen das
anders regeln.«
SPIEGEL:Sie drohten ihm.
Clemm:Ich machte ihm ein Angebot. Das
ist manchmal das Beste. Wir kümmerten
uns um die Aufteilung des gemeinsamen
Vermögens, zogen die Scheidung durch
und fanden eine Lösung für die Kinder.
SPIEGEL:Haben Sie einer Frau mal gera-
ten, die Anzeige zurückzuziehen?
Clemm:Es würde trotzdem weiterermit-
telt. Und nein, ich erkläre meinen Man-
dantinnen und Mandanten, wie die Ver-
fahren ablaufen, um sie zu einer eigenen
Entscheidung zu ermächtigen. Manche er-
statten Anzeige, obwohl das Verfahren
ziemlich sicher eingestellt wird, damit die
Taten aktenkundig werden und die Polizei
Bescheid weiß.
SPIEGEL:Sie schreiben in Ihrem neuen
Buch, dass muslimische Frauen im Gericht
oft diskriminiert werden*.

* Christina Clemm: »AktenEinsicht. Geschichten von
Frauen und Gewalt«. Kunstmann; 300 Seiten; 20 Euro.

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Reporter

»Gewalt gibt es in allen


sozialen Milieus«


RechtGibt es heute weniger Partnerschaftsgewalt als früher? Die Berliner Anwältin Christina Clemm
berichtet, was sich in den vergangenen Jahren verbessert hat – und was nicht.

gig von Einkommen, Status und Ausbil-
dung. Ein Studienrat schlägt seine Frau
ebenso wie ein Arbeitsloser oder ein Vor-
standsvorsitzender. Natürlich haben viele
Gewalttäter häufig selbst massive Gewalt
erlebt. Eine kurdische Frau erzählte mir
etwa, ihr Mann verprügele sie und die Kin-

der erst, seit er von türkischen Sicherheits-
kräften gefoltert worden sei.
SPIEGEL:Heutzutage sind viele Frauen be-
rufstätig, eine Trennung ist keine Schande
mehr. Führt das zu weniger Gewalt in Be-
ziehungen?
Clemm:Mein Blick ist natürlich auf meine
Fälle beschränkt, aber ich glaube nicht.
Frauen, die ökonomisch unabhängiger

Rechtsanwältin Clemm, 52, unterstützt
Frauen, die Opfer von Gewalt oder Se -
xualverbrechen wurden, seit 1996 vor
Gericht.


SPIEGEL: Frau Clemm, Sie vertreten seit
fast 25 Jahren Frauen, die von ihrem Part-
ner geschlagen werden. Was hat sich in
dieser Zeit verändert?
Clemm:Das Gewaltschutzgesetz, das
2002 in Kraft trat, war ein Meilenstein.
Daraufhin wurden die Polizeigesetze an-
gepasst. Seitdem kann der Mann der Woh-
nung verwiesen werden, wenn die Polizei
wegen häuslicher Gewalt gerufen wird –
nach dem Motto »Wer schlägt, geht«. Es
gab viele Fortbildungen für Polizistinnen
und Polizisten. Vorher kam es vor, dass
die Beamten Frauen nicht ernst nahmen,
vor allem, wenn sie zum zweiten oder drit-
ten Mal bei derselben Familie waren. Häu-
fig wurde die Situation bagatellisiert. Da
hat sich viel getan, zumindest in den Städ-
ten. Auf dem Land ist es anders, höre ich
immer wieder.
SPIEGEL: Wie denn?
Clemm:Eine Betroffene aus Brandenburg
berichtete mir, sie habe sich aus Angst vor
ihrem gewalttätigen Ehemann in der Toi-
lette eingeschlossen und die Polizei geru-
fen und dann zwei Stunden warten müs-
sen, bis jemand kam. Das ist total gefähr-
lich. Gerade in ländlichen Gebieten gibt
es zu wenige Beratungsstellen und Frau-
enhäuser.
SPIEGEL: Beurteilen Gerichte häusliche
Gewalt heute anders als vor 20 Jahren?
Clemm: Heute würde keine Richterin und
kein Richter mehr sagen, es ist in Ordnung,
seine Frau ab und an mal zu schlagen oder
zu vergewaltigen. Aber die Verfahren dau-
ern viel zu lange, weil die Justiz überlastet
ist. Ich vertrete gerade eine Mandantin we-
gen einer Vergewaltigung. Vor fast drei
Jahren wurde Anklage erhoben, und es ist
noch immer kein Verhandlungstermin
beim Gericht abzusehen. Wenn die Ver-
fahren so lange dauern, ist das furchtbar
belastend für die Betroffenen. Wichtig
wäre eine schnelle Reaktion, damit klar
ist: Bestimmte Handlungen dulden wir
nicht.
SPIEGEL:Wer wird zum Gewalttäter?
Clemm:Geschlechtsspezifische Gewalt
gibt es in allen sozialen Milieus, unabhän-


AGATA SZYMANSKA-MEDINA / DER SPIEGEL

»Die Justiz erkennt oft
nicht, wie gefährlich
die Situation für
eine Frau sein kann,
die sich trennt.«

Juristin Clemm
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