Die Zeit Wissen - 01.2020 - 02.2020

(Barry) #1

AM ANFANG DREI FRAGEN 


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Igor Borisov


/ Trunk Archive



  1. Steigern starke


Freunde das eigene


Selbstbewusstsein?


Nichts kann mir passieren, wenn solche
Freunde neben mir stehen. Schönes Gefühl.
Und wenn sie mal nicht da sind?

die Freunde unerschrocken auf ihre Mitmenschen zu,
sind auch wir im Umgang mit anderen selbstbewusster.
Bekommen sie allerdings schon schweißnasse Hände,
wenn sie nach dem Weg fragen, färbt auch dieses Ver-
halten ab. Dabei übt die stärkere Emotion den größeren
Einfluss aus. »Freunde fungieren oft als Vorbilder«, sagt
Neyer. Oder, wie es die mittlerweile verstorbene ameri-
kanische Schriftstellerin Susan Sontag einst ausdrückte:
»Mut ist genauso ansteckend wie Angst.«
Starken Freunden kommt noch eine weitere Auf-
gabe zu: Sie bestätigen unsere Persönlichkeit. Für eine
im Journal of Personality and Social Psycholog y erschienene
Studie haben sich über 200 deutsche Studierende vier
Wochen lang täglich selbst bewertet. Dabei fiel auf, dass
sie besonders zufrieden mit sich waren, wenn sie an die-
sem Tag Zeit mit ihren Freunden verbrachten. »Von
Freunden wird erwartet, dass sie das eigene Selbstkonzept
verstärken«, sagt Franz Neyer. Wen wir als Freund wäh-
len, zeigt also, wie wir uns selbst wahrnehmen und wie
wir von anderen gesehen werden möchten. Dadurch
könne es passieren, dass sich eher zurückhaltende Ju-
gendliche einer Gruppe draufgängerischer Teenager
anschließen. Passen wir uns den Mitmenschen jedoch
an und geben uns anders, als wir eigentlich sind, fühlen
wir uns oft unwohl, so der Psychologe. Denn nur wenn
man sich vor seinen Freunden nicht verstellen muss,
steigern gemeinsame Kochabende oder Spaziergänge das
Selbstwertgefühl. Gleichzeitig gilt: Fühlen wir uns un-
terstützt und umgeben uns mit Freunden, die uns gut-
tun, werden wir automatisch ein wenig selbstbewusster


  • unabhängig vom Charakter der Freunde.
    »Niemand sollte die eigene Persönlichkeit aufge-
    ben, wenn er eine Freundschaft eingeht«, sagt Neyer.
    »Jawohl«, bestätigt der kleine Bär. »Ich bin stark wie ein
    Bär und du bist stark wie ein Tiger. Das reicht.« —


W


ie gut«, sagt der kleine Tiger in Ja-
noschs Kinderbuch Oh, wie schön ist
Panama, »wenn man einen Freund
hat, der ein Floß bauen kann. Dann
braucht man sich vor nichts zu
fürchten.« Die Stärke des kleinen
Bären macht ihm Mut. In seiner Nähe fühlt er sich ge-
borgen und selbstbewusst, sodass die beiden Freunde
sorgenfrei ihre Reise nach Panama antreten.
»Die eigene Identität wird besonders im Kinder-
und Jugendalter stark von Freundschaften geprägt«, sagt
Franz Neyer, Persönlichkeitspsychologe an der Univer-
sität Jena. Gleichgesinnte zeigen neue Wege und Lö-
sungen auf und helfen einander, sich von den Eltern zu
lösen. Und auch bei Erwachsenen machen Freunde
stark, zeigte der Psychologe Markus Heinrichs von der
Universität Freiburg. Er ließ Probanden Vorträge vor
einem Publikum halten – eine nervenaufreibende Auf-
gabe für die meisten. Während manche einen Freund
mitbringen durften, mussten sich die anderen allein
vorbereiten. Das Ergebnis: Diejenigen, die einen guten
Freund an ihrer Seite wussten, waren entspannter und
weniger aufgeregt. In ihrem Speichel maß Heinrichs
eine niedrigere Konzentration des Stresshormons Cortisol
als bei denen, die nicht vor Ort unterstützt wurden.
Grund dafür ist das Bindungshormon Oxytocin. Es
reduziert Stress, Angst und Unsicherheit. Forscher ge-
hen davon aus, dass unser Körper das Hormon vermehrt
ausschüttet, wenn wir von Freunden umgeben sind.
Können also ängstliche Menschen durch ihre
Freunde dauerhaft selbstbewusster werden? Das hängt
davon ab, ob die Freunde selbst mutig und souverän
oder zurückhaltend und unsicher sind. Britische For-
scher fanden heraus, dass sich die Wahrnehmungen
enger Freunde unbewusst einander annähern. Gehen

Text Rebekka Gottl Foto Igor Borisov
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