Süddeutsche Zeitung - 19.03.2020

(Nancy Kaufman) #1

Meinung


Wirkungsvolle Hilfen für die


Wirtschaft sind teuer. Aber nichts


zu tun wäre noch teurer 4


Politik


Die Hotline des ärztlichen


Bereitschaftsdiensts ringt


mit der Überlastung 6


Panorama


Neues aus der Schreibwerkstatt


Johnson: Die Schwester des


Premiers simuliert Kritik 8


Feuilleton


Bücher als Lebenselixier:


Die Kinderbuchautorin


Kirsten Boie wird 70 11


Wirtschaft


Plötzlich ging es ganz schnell:


Der erste Cum-Ex-Prozess endet


mit einer Verurteilung 20


Medien, TV-/Radioprogramm 23,
Forum & Leserbriefe 14
Rätsel 23
Traueranzeigen 26


Washington– Nach drei weiteren Niederla-
gen bei den US-Vorwahlen wächst der
Druck auf Bernie Sanders, aus dem Ren-
nen um die Präsidentschaftskandidatur
der Demokraten auszusteigen. Sein Rivale
Joe Biden liegt mit Siegen in Florida, Arizo-
na und Illinois nun nahezu uneinholbar
vorn. ap  Seiten 4 und 7

von jens schneider

Berlin –Bundeskanzlerin Angela Merkel
hat in einer Fernsehansprache zur Corona-
Krise einen eindringlichen Appell an die
Menschen in Deutschland gerichtet. „Es
ist ernst“, sagte die Kanzlerin und fügte hin-
zu: „Nehmen Sie es auch ernst.“ Das Coro-
navirus verändere das Leben dramatisch.
„Unsere Vorstellung von Normalität, von
öffentlichem Leben, von sozialem Mitein-
ander – all das wird auf die Probe gestellt
wie nie zuvor.“ Sie glaube aber fest daran,
„dass wir diese Aufgabe bestehen, wenn
wirklich alle Bürgerinnen und Bürger sie
als ihre Aufgabe begreifen“, so Merkel.
Neue Einschränkungen für das öffentliche
Leben kündigte sie nicht an. „Wir werden
als Regierung stets neu prüfen, was sich
wieder korrigieren lässt, aber auch: was wo-
möglich noch nötig ist“, so die Kanzlerin.
In der Ansprache, die am Mittwoch-
abend über mehrere Sender ausgestrahlt
wurde, sagte sie, dass es seit dem Zweiten
Weltkrieg keine Herausforderung mehr
für das Land gegeben habe, bei der es so
sehr auf gemeinsames solidarisches Han-
deln angekommen sei. „Dies ist eine histo-
rische Aufgabe und sie ist nur gemeinsam
zu bewältigen“, sagte Merkel. Weil es kei-
nen Impfstoff und keine Medikamente ge-
gen das Virus gebe, komme es jetzt darauf
an, seine Ausbreitung zu verlangsamen:
„Wir müssen das Risiko, dass der eine den
anderen ansteckt, so begrenzen, wie wir
nur können.“ Es sei deshalb existenziell,
das öffentliche Leben so weit es geht herun-
terzufahren.
Auch wenn Deutschland ein exzellentes
Gesundheitssystem habe, wären die Kran-
kenhäuser völlig überfordert, wenn in kür-
zester Zeit zu viele Patienten eingeliefert
würden, die einen schweren Verlauf der Co-
rona-Infektion erleiden, sagte Merkel. Sie
betonte: „Das sind nicht einfach abstrakte
Zahlen in einer Statistik, sondern das ist
ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder
Großmutter, eine Partnerin oder Partner,
es sind Menschen.“ Es gehe darum, die Ver-
breitung des Virus zu strecken und Zeit zu
gewinnen, damit die Forschung ein Medi-

kament und einen Impfstoff entwickeln
könne, und „vor allem Zeit, damit diejeni-
gen, die erkranken, bestmöglich versorgt
werden können“, sagte Merkel. „Wir sind
nicht verdammt, die Ausbreitung des Vi-
rus passiv hinzunehmen.“ Doch staatliche
Maßnahmen gingen ins Leere, „wenn wir
nicht das wirksamste Mittel gegen die zu
schnelle Ausbreitung des Virus einsetzen
würden: Und das sind wir selbst“.
Eine bundesweite Ausgangssperre kün-
digte Merkel nicht an. In Bayern wurde ei-
ne solche Maßnahme bisher nur in der
Stadt Mitterteich in der Oberpfalz ver-
hängt, sie soll bis 2. April gelten, wie das
Landratsamt Tirschenreuth am Mittwoch
mitteilte. Die Bundesrepublik weitet unter-
dessen die geltenden Einreisebeschrän-
kungen aus, auch EU-Bürger dürfen nun
nicht mehr per Flugzeug oder Schiff aus Ös-
terreich, Spanien, Italien, der Schweiz, Lu-
xemburg und Dänemark nach Deutsch-
land reisen, wie das Innenministerium mit-
teilte. Österreich kündigte an, ab diesem
Donnerstag die Grenze zu Deutschland zu
kontrollieren.

In Berlin warnte Lothar Wieler, Präsi-
dent des Robert-Koch-Instituts (RKI), dass
im schlimmsten Fall in einigen Monaten
zehn Millionen Menschen in Deutschland
infiziert sein könnten, wenn die Maßnah-
men zur Einschränkung sozialer Kontakte
nicht eingehalten würden. Weltweit war
die Zahl der Infektionen mit dem Co-
vid-19-Virus am Mittwoch erneut stark an-
gestiegen. Für Deutschland wies die Statis-
tik der US-amerikanischen Johns-Hop-
kins-Universität mehr als 10 000 Fälle und
27 Todesfälle aus. Das Robert-Koch-Insti-
tut (RKI) meldete am Mittwoch 8200 bestä-
tigte Fälle, rund 1000 mehr als am Vortag.
Mit dem Ostalbkreis in Baden-Württem-
berg gibt es nun einen weiteren Infektions-
schwerpunkt. Von dort waren Anfang
März 200 Skifahrer ins österreichische
Ischgl gereist, das inzwischen als Risikoge-
biet gilt. Nach ihrer Rückkehr wurden bis
Mittwochvormittag 109 Infizierte regis-
triert. Es seien noch nicht alle Testergebnis-
se da, so Landrat Klaus Pavel (CDU), mehr
als 1000 Bürger seien in Quarantäne. Noch
gebe es keine schweren Erkrankungen.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) kün-
digte an, dass die Bundesregierung mit Mil-
liardenprogrammen die Folgen der Epide-
mie lindern wolle. Der Staat verfügt nach
SZ-Informationen über genug Reserven.
Bund, Länder und Sozialversicherungen
hatten bis Ende 2019 knapp 200 Milliar-
den Euro Rücklagen aufgebaut. Allein der
Bund verfügt über fast 55 Milliarden Euro.
Wegen der soliden Haushaltspolitik sei „ge-
nügend Geld“ vorhanden, um die Gesund-
heit der Menschen zu schützen sowie Ar-
beitsplätze und Unternehmen zu sichern,
so Scholz. Das Kabinett hatte zuvor plan-
mäßig die Eckwerte für den Bundeshaus-
halt 2021 und die Finanzplanung bis 2024
beschlossen. Die Bundesregierung war bis-
her von steigenden Steuereinnahmen aus-
gegangen, hatte ohne Kredite geplant.
Scholz sagte nun, dass das nicht länger zu
halten sei. Arbeitsminister Hubertus Heil
(SPD) und Wirtschaftsminister Peter Alt-
maier (CDU) haben mit Arbeitgebern und
Gewerkschaften Maßnahmen für Eltern
vereinbart, die wegen der Kita- und Schul-
schließungen nicht arbeiten können.
Im Kampf gegen das Coronavirus sollen
nun in Deutschland auch Mobilfunkdaten
genutzt werden. Die Telekom hat dem RKI
ein erstes Datenpaket von fünf Gigabyte
zur Verfügung gestellt. Damit wollen die
Wissenschaftler versuchen, Vorhersagen
zur weiteren Ausbreitung des Virus zu tref-
fen. Die anonymisierten Daten sollen hel-
fen, Bewegungsströme nachzuzeichnen.

Mittwoch-Lotto(18.03.2020)
Gewinnzahlen:13, 19, 22, 28, 31, 34
Superzahl: 5
Spiel 77: 2052349
Super 6:0 0 1 0 9 0 (Ohne Gewähr)

Berlin –Wegen der Corona-Epidemie hat
die Bundesregierung Umsiedlungspro-
gramme für Flüchtlinge ausgesetzt. Beson-
ders schutzbedürftige Menschen, die bis-
her gezielt nach Deutschland geholt wer-
den, können zunächst nicht mehr einrei-
sen. Aufgrund europaweiter Beschränkun-
gen im Reiseverkehr und der jüngsten Ent-
wicklung bei Hilfsorganisationen wie der
Internationalen Organisation für Migrati-
on (IOM) seien die Programme „faktisch
ohnehin schon vergangenen Freitag zum
Erliegen gekommen“, sagte der Sprecher
des Bundesinnenministeriums am Mitt-
woch in Berlin. „Sie werden wieder aufge-
nommen, sobald das faktisch möglich ist.“
Resettlement dient dem Schutz beson-
ders verletzlicher Flüchtlingsgruppen. Ins-

besondere Familien, alleinreisende Frau-
en und Kinder, aber auch Kranke, alte Men-
schen oder Opfer sexueller Gewalt werden
aus Flüchtlingslagern nach Europa geholt.
Dies geschieht nach Sicherheitsüberprü-
fungen und in Zusammenarbeit mit dem
UN-Flüchtlingshilfswerk und der IOM.
Deutschland hatte sich verpflichtet, bis
Ende 2020 insgesamt 15 700 Plätze für
das Resettlement bereitzustellen. Bis zu
9000 Menschen sollten dabei im Rahmen
des EU-Türkei-Abkommens nach Deutsch-
land kommen. Tatsächlich eingereist sind
in diesen humanitären Programmen bis-
her nur 8727 Menschen. Bis auf Weiteres
kommt das Programm nun zum Erliegen.
Zur Begründung der Aussetzung ver-
wies die Bundesregierung auch auf das UN-

Flüchtlingshilfswerk und die IOM. Diese
hatten bereits am Dienstag erklärt, wegen
der Reisebeschränkungen an zahlreichen
europäischen Grenzen lasse sich das Re-
settlement-Programm nicht länger auf-
rechterhalten. „Eine Lebensader für vulne-
rable Familien, die gezwungen waren, ihre
Heimat zu verlassen, wurde zum Opfer von
Covid-19“, teilten die Organisationen mit.
In den letzten Tagen seien viele Fami-
lien beim Versuch gescheitert, im Rahmen
der Aufnahmeprogramme die legale
Einreise nach Europa anzutreten. Die
Bundesregierung holte zudem alle Mit-
arbeiter des Bundesamts für Migration
und Flüchtlinge (Bamf) aus dem Ausland
zurück, die an den Resettlement-Program-
men mitwirken.

Für Geflüchtete wird die legale Einreise
in die EU damit auf unbestimmte Zeit nahe-
zu unmöglich. Bereits am Dienstag hatten
die Staatschefs der EU Einreisen von Nicht-
EU-Bürgern untersagt. Nach der Wieder-
einführung von Kontrollen an vielen Lan-
desgrenzen hatte Bundesinnenminister
Horst Seehofer (CSU) am Abend auch weit-
reichende Reisebeschränkungen im inter-
nationalen Luft- und Seeverkehr angeord-
net. Sie gelten zunächst für 30 Tage und
für Reisen, die ihren Ausgangspunkt au-
ßerhalb der Europäischen Union hatten.
Regelrechte Flugverbote habe man jedoch
nicht angeordnet, teilte das Innenministe-
rium mit. Der internationale Luftfrachtver-
kehr soll nicht eingeschränkt werden.
constanze von bullion

München– Auch BMW und Porsche stop-
pen wegen der Ausbreitung von Corona ih-
re Autoproduktion. Damit stehen fast alle
Fahrzeugfabriken aller Hersteller in Euro-
pa still. BMW gibt sich zuversichtlich, die
Krise gut zu überstehen. Man gehe von ei-
ner Normalisierung der Situation in Euro-
pa innerhalb einiger Wochen aus, sagte Vor-
standschef Oliver Zipse.sz  Wirtschaft

Biden ist die Kandidatur


kaum noch zu nehmen


München– Wegen des Coronavirus wird
in Bayern der Beginn der Abiturprüfungen
vom 30. April auf den 20. Mai 2020
verschoben. Prüfungen für andere Schul-
abschlüsse könnten angesichts des flä-
chendeckenden Unterrichtsausfalls eben-
falls später stattfinden. Auch andere Bun-
desländer beraten über eine Verschiebung
der Prüfungen.sz  Seite 5 und Bayern

München– Die Rückholaktion der Bundes-
regierung für Urlauber, die aufgrund der
Corona-Krise im Ausland gestrandet sind,
hat begonnen. Am Mittwoch flogen die ers-
ten 30 Maschinen in Länder, in denen die
Situation besonders schwierig ist. Das Aus-
wärtige Amt rechnete damit, dass bis zum
Abend aus Ägypten ungefähr 4000, aus
der Dominikanischen Republik 1500 und
aus Marokko 1900 Urlauber zurückkeh-
ren. Insgesamt sind derzeit weit mehr als
100 000 Deutsche im Ausland unterwegs.
Viele beschreiben ihre Lage als verzweifelt.
Die beispiellose Aktion zu ihrer Heim-
holung konzentriert sich zunächst auf
Pauschalurlauber. sz  Reise

Und jetzt alle zusammen:Die Kanzler-
ansprache in der Geschichte  Seite 2
Mann für alles:In der Krise findet Markus
Söder in eine ganz neue Rolle  Seite 3
Unseriös:Im Netz kursieren Warnungen
vor Medikamenten  Seite 16
Am Abgrund: Tausende Unternehmen
hoffen auf schnelle Hilfe  Seite 18
 Alle aktuellen Entwicklungen im Netz:
http://www.sz.de/coronavirus

Xetra Schluss
8442 Punkte

N.Y. Schluss
19899 Punkte

21 Uhr
1,0897 US-$

HEUTE


Die SZ gibt es als App
für Tablet und Smart-
phone: sz.de/zeitungsapp

Über den Mittelgebirgen dichte Wolken
und etwas Regen. Sonst ist es nach örtli-
chem Hochnebel oft freundlich und tro-
cken. Temperaturen: acht Grad an der
Nordsee und 20 Grad am Ober- und Hoch-
rhein.  Seite 14 und Bayern

Flüchtlinge finden keinen Zugang mehr in die EU


Bundesregierung setzt humanitäre Hilfe aus. Reisebeschränkungen an Europas Grenzen behindern Aufnahme von Migranten


BMW und Porsche


stoppen die Produktion


Bayern verschiebt


Abiturprüfungen


„Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.“


In einer Fernsehansprache appelliert Angela Merkel an die Bürger, soziale Kontakte zu minimieren.


Eine bundesweite Ausgangssperre gibt es nicht. Im Kampf gegen das Virus sollen Handydaten helfen


Alles zu, Zeitung auf


Außerdem in


dieser Ausgabe



  • 5,56% - 6,30% - 0,


20 °/0°
Ausnahme zur Corona-Krise: Bisher hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel nur
in Neujahrsansprachen direkt an die Bevölkerung gewandt. FOTO: STEFFEN KUGLER/DPA

So wie diese Mitarbeiter der Essener Uniklinik appellieren Ärzte, Pflegekräfte und Polizisten weltweit mit Fotos im Internet an die Bevölkerung. FOTO: DPA

MÜNCHNER NEUESTE NACHRICHTEN AUS POLITIK, KULTUR, WIRTSCHAFT UND SPORT


WWW.SÜDDEUTSCHE.DE HMG MÜNCHEN, DONNERSTAG, 19. MÄRZ 2020 76. JAHRGANG / 12. WOCHE / NR. 66 / 3,20 EURO


FOTO: IMAGO/ZUMA

Hilfe für


Urlauber läuft an


Im Ausland gestrandete Deutsche
werden nach Hause geflogen

Unter diesem Motto erscheint von heute an eine
tägliche Kinderseite in der SZ: Damit wollen wir
allen Kindern, die wegen der Corona-Krise zu
Hause bleiben müssen, Unterhaltung und Ablen-
kung bieten (Seite 15). Weil nicht nur Schulen
und Kitas schließen, sondern auch Kultureinrich-
tungen, entfallen derweil die Veranstaltungs-
rubriken im Feuilleton und im Lokalen sowie die
Filmseite. Zugleich haben wir unsere Online-Be-
richterstattung deutlich ausgebaut und informie-
ren Sie auf http://www.sz.de rund um die Uhr über alle
aktuellen Entwicklungen in der Corona-Krise.

Süddeutsche ZeitungGmbH,
Hultschiner Straße 8, 81677 München; Telefon 089/2183-0,
Telefax -9777; redaktion@sueddeutsche.de
Anzeigen:Telefon 089/2183-1010 (Immobilien- und
Mietmarkt), 089/2183-1020 (Motormarkt),
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ES (Kanaren): € 3,80; dkr. 29; £ 3,50; kn 30; SFr. 4,

Dax▼ Dow▼ Euro▼


Überall Absagen: Die Not freischaffender Künstler Feuilleton


(SZ) Der Schauspieler Lars Eidinger hat in
jüngster Zeit den öffentlichen Raum für
sich entdeckt. Was für ein gefährliches
Pflaster das seit dem Auftauchen des Coro-
navirus ist, war vor einigen Monaten noch
nicht absehbar. Gefährlich wurde es trotz-
dem für Eidinger, weil er sich mit einer
schick entworfenen Designertasche neben
einem Obdachlosen ablichten ließ und da-
mit die übliche Empörungslawine lostrat.
Aber Eidinger hatte bereits zuvor in Videos
für die BandDeichkindgezeigt, was aus
dem oft als technokratische Ödnis belä-
chelten öffentlichen Raum Schönes wer-
den kann, wenn ein großer Mann um die
40 mit stampfenden Beinen, einem ge-
konnt gekrümmten Rücken und so konzen-
triert wie sinnfrei an Regalen, Schaufens-
tern und Fahrradständern vorbeihopst
und sich um nichts und niemanden schert.
Manchem Zuschauer fehlten da die Wor-
te, um sprachlich auszumessen, warum ein
gefeierter Schauspieler sich zu solch einem
Kokolores hinreißen lässt. Eidingers Trei-
ben wird wohl am besten mit einem Begriff
eingefangen, der aus der Zeit Shakespeares
stammen könnte, dessenHamleter an der
Berliner Schaubühne spielt. Eidinger hat in
denDeichkind-Videos nichts anderes ge-
tan, als jeden Ort in eine Tanzlustbarkeit zu
verwandeln. Würden in diesen anstrengen-
den Tagen doch alle so durch die Regale
hüpfen – da bliebe nicht mehr viel Zeit zum
Streiten um die Extraportion Klopapier.
Aber dieses Gedankenspiel ist hinfällig ge-
worden, weil der Berliner Senat eine Verord-
nung beschlossen hat, der zufolge „Tanz-
lustbarkeiten, Messen, Ausstellungen, Spe-
zialmärkte, Spielhallen, Spielbanken, Wett-
annahmestellen“ zu schließen seien. Was
nach Shakespeare klingt, hat die preußi-
sche Gesetzgebung als „öffentliche Tanz-
lustbarkeit“ kategorisiert. Das Wort hat die
Zeit, gut konserviert, im Paragrafen 33b
der Gewerbeordnung überdauert. Es steht
zumeist im Konflikt mit Trauerfeiern und
stillen Feiertagen. 1963 wurde einem Tanz-
lokal in Freiburg für fünf Tage die Tanzer-
laubnis entzogen, weil Altbundespräsident
Theodor Heuss gestorben war.
Das Tanzen war der Obrigkeit, der kirch-
lichen zumal, in früheren Zeiten schon im-
mer ein großes Ärgernis. Menschen, die der
Tanzlust frönten, Spaß an einer nur der
Musik und dem Spaß gehorchenden Bewe-
gung sowie der Begegnung mit Gleichge-
sinnten hatten und während der Tanzerei
wenig Sinn für die überschaubaren Freu-
den der Ordnungsliebe und Arbeitsdiszi-
plin aufbrachten. Ineinander verschlungen
herumhüpfende Menschen verströmten
für die Kirche keine Gottesfurcht. Dabei
wird leicht vergessen, dass die wirtschaft-
lich erfolgreichste Sekte der USA im



  1. Jahrhundert dieShaking Quakers, also
    sich im Tanz schüttelnde Quäker, waren:
    Die Shaker gaben im Moment der religiösen
    Ekstase göttliche Offenbarungen von sich.
    Vielleicht sollten wir alle mehr tanzen, um
    endlich auf die rettende Idee zu kommen.


DAS WETTER



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