Die Welt - 20.03.2020

(C. Jardin) #1

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20.03.20 Freitag,20.März2020DWBE-HP


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DIE WELT FREITAG,20.MÄRZ2020 FORUM 3


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D


ie Regierung spannt einen
riesigen Rettungsschirm über
die deutsche Wirtschaft, der
mit jedem Tag größer und größer wird.
Dies zeugt nicht von Panik, sondern
von Umsicht. Denn die Lage ist nicht
nur in medizinischer Hinsicht drama-
tisch, sondern auch in ökonomischer.
Die Hilferufe kommen nicht bloß von
Konzernen. Auch Millionen Kleinst-
unternehmer, Solo-Selbstständige und
Freiberufler bedroht die auf den Rat
von Virologen verordnete Lähmung
weiter Teile der Wirtschaft. Deshalb
wird jetzt geklotzt, nicht gekleckert.
Und das ist auch gut so.
Doch selbst in Extremsituationen
darf die Politik die Folgen für den
Staatshaushalt nicht aus den Augen
verlieren. Die staatliche Rettungs-
politik muss streng nach der Devise
erfolgen: Alles was unabdingbar ist,
aber nichts, was nicht unbedingt nötig
ist. Gemessen daran ist der angekün-
digte Hilfsfonds für Kleinstunterneh-
men und Solo-Selbstständige ein pro-

bates Instrument, um diejenigen ab-
zusichern, die nicht über das Sozial-
system geschützt sind. Das gilt für
viele freischaffende Künstler und Club-
Betreiber ebenso wie für Buchhändler,
Hoteliers und andere Dienstleister.
Übers Ziel hinaus schießt dagegen
Bayerns Ministerpräsident Markus
Söder (CSU), der zur Entlastung der
Wirtschaft und der Bürger ein Aus-
setzen der EEG-Umlage und der
Stromsteuer fordert. Es braucht in
dieser Situation keinen Vater Staat, der
an alle im Land teure Präsente verteilt.
Die Krise trifft momentan bestimmte
Gruppen und Branchen mit vernich-
tender Wucht. Aber keineswegs jeder
Akteur muss um seine Existenz ban-
gen. Die Rettungsaktionen müssen so
zielgenau wie möglich ausgestaltet
sein. Denn wir sollten uns dafür wapp-
nen, dass diese Ausnahmesituation
nicht Wochen dauert, sondern etliche
Monate. Nur wenn Deutschland als
Finanzstandort ein sicherer Hafen
bleibt, haben wir die Chance, unsere
wirtschaftliche Stabilität und damit die
Grundlage für ein funktionierendes
Gemeinwesen zu erhalten. Jetzt darf es
nur um Existenzsicherung gehen – und
darum, mit aller Kraft die Pandemie
einzudämmen.

Hilfe muss zielgenau sein


KOMMENTAR


DOROTHEA SIEMS

dorothea.siems@welt.de

F


rankreich ist ein Land, das zwar
verliebt ist in seine Vergangenheit,
das aber trotzdem immer nach vor-
ne blickt. Das war nach den Attenta-
ten so, es ist auch in dieser Krise so.
Das Land steht still seit Dienstag,
und für deutsche Leser ist hinzuzu-
fffügen: wirklich still. Präsident Macron hat seineügen: wirklich still. Präsident Macron hat seine
Landsleute nicht, wie Angela Merkel, darum ge-
beten, die Lage ernst zu nehmen, er hat stattdessen
angeordnet, dass fortan kein Bürger ohne Passier-
schein mehr die Straße betreten darf. Und dennoch
debattieren Philosophen, Soziologen, Psychologen
in Frankreichs Radiosendungen schon darüber, was
diese aufgezwungene gesellschaftliche Pause, von
der alle ahnen, dass sie nicht zwei, sondern wo-
möglich vier, sechs oder noch mehr Wochen dauert,
Gutes bringen kann.
Im Kleinen ist das leichter zu erörtern als im
Großen. Wenn ein äußeres Ereignis den großen
Resetknopf drückt, rumpelt es in Ehen, Familien,
Betrieben, in ganzen Gesellschaften, im System der
Ö

etrieben, in ganzen Gesellschaften, im System der
Ö

etrieben, in ganzen Gesellschaften, im System der
konomie. Verborgene Konflikte werden zutage
gefördert, verschleppte Reformen rächen sich, igno-
rierte Probleme werden laut. Frankreich hat Bau-
stellen, die nun vorübergehend geschlossen wurden


  • wie die Rentenreform –, auf denen die Arbeit aber
    dennoch dereinst weitergehen muss. In dieser Phase
    der kompletten Entschleunigung ist jedoch Zeit,
    über bessere Methoden, bessere Wege nachzuden-
    ken, vielleicht auch über die Grundrichtung des
    eingeschlagenen Wegs.
    Was für ein Land wie Frankreich gilt, gilt auch für
    einen Kontinent wie Europa und seine prägende
    Organisation, die EU. Leider ist für den Moment
    festzuhalten, dass diese Krise, die gewiss zu den
    schlimmsten seit dem Zweiten Weltkrieg gezählt
    werden wird, nicht zur europäischen Einigung, son-
    dern zur weiteren Entfremdung beiträgt. Nicht nur
    reale Grenzen werden geschlossen, und wie es schei-
    nen will: mit einer gewissen Lust, sondern auch
    mentale Grenzen gehen zu. Eine erste, traurige Leh-
    re dieser Krise lautet: Wenn es hart auf hart kommt,
    sind in Europa die nationalen Egoismen noch immer
    stärker als jeder internationale Solidaritätsappell.
    Wie nah, darf man fragen, sind sich denn die an-
    geblich so dicken Freunde Deutschland und Frank-
    reich im Angesicht einer existenziellen Bedrohung?
    Wie nah sind sich Deutsche und Italiener, wenn es
    um mehr geht als um die Planung des Toskanaur-
    laubs? Was bleibt von der Italienliebe, wenn der
    Nachbar wirklich Hilfe braucht? Die Italiener werden
    jedenfalls so schnell nicht vergessen, dass von den
    deutschen und französischen Nachbarn wenig bis
    keine Hilfe kam, als das Coronavirus bei ihnen längst
    wütete. China hat jetzt Ärzte und Masken nach Ita-
    lien eingeflogen. Die Welt scheint Kopf zu stehen.
    Seit Deutschland Anfang März einen Ausfuhrstopp
    von Masken verordnete, sieht man in den sozialen
    Netzwerken in Italien Wut auf die „Kartoffelfresser“
    hochkochen. Und jeder Deutsche darf sich fragen, ob
    es ihm in einer vergleichbaren Situation nicht genau-
    so ginge. Von europäischer Solidarität war in den
    vergangenen Wochen wenig bis nichts zu spüren. In
    der Corona-Ansprache der Bundeskanzlerin fiel das
    Wort Europa am Mittwoch kein einziges Mal. Und
    keiner ihrer Gedanken ging an die Freunde in Italien,
    in Frankreich, in Spanien. Wenn die Krankheit
    kommt, gilt: Germany first.


EU-Präsidentin Ursula von der Leyen hat sich –
spät, aber immerhin – mit einer freundlichen Video-
botschaft an die „cari amici italiani“ gewandt, und
wurde dort nur dafür verspottet. Südeuropa fühlt
sich nach der Migrationskrise zum zweiten Mal al-
lein gelassen, nun mit Covid-19.
Die Franzosen wundern sich vor allem darüber,
dass die Deutschen den Schuss immer noch nicht
gehört zu haben scheinen. Deutschland ist nun um-
geben von Ländern, die in allgemeinen Ausgangs-
sperren die einzige Möglichkeit sehen, die Pandemie
einzudämmen. Aber während aus Paris, Barcelona,
Mailand Geisterstädte geworden sind, wird auf Berli-
ner und Hamburger Straßen und Wiesen noch im-
mer gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Die Lage sei
ernst, sagt Angela Merkel. Aber die Bilder und die
Worte passen nicht zusammen.
Wie so oft stellt sich aus der französischen Ferne
das Gefühl ein, Deutschland fühle sich überlegen,
besser gerüstet, in gewisser Weise unbesiegbar. Als
sich die Grenzen schlossen, sagten deutsche Politi-
ker, die eigene Grenze sei nur dicht gemacht worden,
weil die Franzosen die ihre geschlossen hätten – und
man verhindern wolle, dass die Franzosen nun in
Scharen nach Deutschland zum Einkaufen kämen.
Das ist nicht eben die Sprache der Brüderlichkeit. Es
ist das Denken in alten nationalstaatlichen Mustern.
Und das reißt wieder Wunden. Seit Wochen kämp-
fen Ärzte und Schwestern im Elsass gegen die Pan-
demie. Das Robert-Koch-Institut hat die Region
Grand-Est früh als Krisengebiet eingestuft, Pendler
aus Straßburg durften deshalb nicht mehr über die
Grenze. Covid-19-Patienten wurden mit Militär-
flugzeugen nach Südfrankreich geflogen, obwohl 20
Minuten entfernt, einmal über den Rhein, ausrei-
chend Kapazitäten in Krankenhäusern vorhanden
waren. Das ist die Lage im angeblich vereinten Eu-
ropa: Ja, Franzosen und Deutsche bauen die alte, im
Krieg zerstörte Rheinbrücke zwischen Freiburg und
Breisach wieder auf, aber nein, die Kranken von
heute müssen leider draußen bleiben.
Man mag solche Überlegungen naiv finden. Aber
wenn diese Zwangspause auch zu etwas gut sein soll,
dann muss das Nachdenken darüber, wie es in Eu-
ropa weitergehen könnte, dazugehören. Der aktuelle,
katastrophale Befund lautet, dass Europa nicht exis-
tiert, wenn es den Europäern ans Eingemachte geht,
und zwar nicht erst seit Corona.
Die chronische Krise um eine gerechte Verteilung
von Flüchtlingen auf dem Kontinent war bereits ein
dramatisches Präludium zur Corona-Krise. Und
wenn, womit ja zu rechnen ist, Italien aufgrund des
Shutdown bald in Zahlungsschwierigkeiten gerät?
Und wenn Spanien wieder folgt? Und Portugal einen
Rettungsschirm braucht? Wird Europas Solidarität
dann wie durch ein Wunder plötzlich wieder funk-
tionieren? Und die Deutschen werden sich nicht
mehr als ewige Zahlmeister fühlen, sondern ihren –
durch den Brexit noch höheren – Verpflichtungen
gerne nachkommen? Das kann niemand glauben.
Ein Zerbrechen der EU in ihrer jetzigen Form ist
so wahrscheinlich wie ihr Zusammenhalt, und die
Corona-Krise bringt für den Moment eher negative,
zerstörerische Gefühle hervor. Frankreich betrachtet
dieses Problem durch eine besondere Brille: Prä-
sident Macron darf für sich in Anspruch nehmen,
alles versucht zu haben, das dümpelnde Schiff wie-
der flott zu machen. Würde das Virus in seinem
Sinne wirken, wäre das eine schöne Nebenwirkung.
Große Hoffnung darauf besteht nicht.
forum@welt.de

Der Rhein ist


wieder Grenze


Die Corona-Krise


zeigt, dass es mit


der Freundschaft


zwischen Deutschland


und Frankreich nicht


weit her ist. In Paris


fragt man sich, warum


die Bundesregierung


keine Ausgangssperre


verhängt


In der Ansprache der Kanzlerin


ging kein Gedanke


an die Freunde in Europa


LEITARTIKEL


ǑǑ


MARTINA MEISTER

EEs„r ist der große Maler der Einsamkeit:dward Hopper! Seine verlorenen Men-chen in ausgestorbenen Kulissen – hier:Cape Cod Morning“ – sind legendär. Nun
hBverloren im Museum ängen seine Bilder, die die Fondationeyeler gerade ausstellt, selbst einsam und (Seite 24)
Cgeschlossen. Doch in der Einsamkeitschlägt die Stunde der Schriftsteller. DerÖsterreicher Thomas Glavinic („Das größe-orona-Krise wurde auch diese Ausstellung. Wegen der
re Wunder“) ist bekannt für seine Poetolo-gie der Katastrophe. Seine Bücher handelnoft von Ereignissen, die so gewaltig sind,d
ass seine Protagonisten einiges erleidenmüssen, um ihnen auf Augenhöhe zu be-gegnen. Für uns verfasst Glavinic in Zeitender Corona-Epidemie ein Tagebuch als
uzzzozwischen Autofiktion und Frontberichtns spricht, mag manch einem bekanntszilliert. Das Ich, das aus diesen Texten zueitgenössischen Fortsetzungsroman, derwischen Autofiktion und Frontbericht
vseine Depression geschrieben, über dasNorkommen: Glavinic hat hier schon überichts-mehr-tun-Können und über den
Bankrott. Der Zustand der Quarantäne istihm so vertraut, dass er erst einmal Zeitbrauchte, um die Ausgangssperre zu bemer-ken. Lesen Sie ab heute täglich eine Folge
im Feuilleton (Seite 10).

Ddie Poesieer Isolation

©HEIRS OF JOSEPHINE HOPPER/ VG BILD KUNST BONN, 2019

Dtägliche Leben der Bürger die-ses Landes dar. Es handelt sichhie Schließung aller Ikea-Filialen stellt einenerben Einschnitt ins
ja nicht einfach um schnödeMöbelhäuser, sondern um sys-temrelevante Kulturzentren.Der Ikea-Katalog gilt als li-
terarisch ambitioniertes Werk,das gesellschaftliche Trendsbesser analysiert als viele Sozio-logen. Niemand würde bestrei-
ssten, dass es gesundheitlichinnvoll ist, die Bällebäder zuchließen, aber wie wird jetzt
dmHscheinungen kommen, die manie Versorgung der Bevölkerungit Köttbullar sichergestellt?ier könnte es zu Mangeler-
num die Ecke“ ausgleichen kann,wEinwanderungspolitik keineicht einfach beim „Schwedeneil es aufgrund verfehlter
schwedischen Imbissbudengibt, die aber sowieso dem-nächst geschlossen wären. Und
omit sollen sich die Deut-uarantäne beschäftigen? Da-schen in der monatelangenQwQuarantäne beschäftigen? Da-Qmit es nicht zu sozialen Unru-
hebhen kommt und alle zu tunaben, sollte Ikea jedem Bürgerinen 4000-teiligen Schrank-ausatz zur Verfügung stellen,
bei dem drei Schrauben fehlen.

ZZZippert zapptippert zappt

#tFree hem all
Khaled Drareni

In Kooperation mitREPORTER OHNE GRENZEN

Untersuchungshaft des Journa-listen EJahres eine Verlängerung der Khaled Drareni in Gericht in der algeri-schen Hauptstadt Algierhat am 9. März dieses
net. Der Mitgründer der Nach-richtenseite „Casbah Tribune“und der Organisation For theangeord-
Rescue of the Algerian Presswar ursprünglich am 7. Märzwährend einer Demonstrationim Zentrum von Algier fest-
genommen worden. Laut Be-richten der Nachrichtenseite„al-Watan“ wird gegen Drareniseitdem wegen „illegaler Ver-
sammlung“ ermittelt. Das Ko-mitee zum Schutz von Journa-listen (CPJ) forderte dieBehör-
rungskritischer Proteste imden dazu auf, Drareni umge-hend freizulassenSeit dem Ausbruch regie-.
vergangenen Jahr werdennalisten in Algerien immer wie-der an ihrer Arbeit gehindert. Jour-

Am Wochenende sorgte PapstFranziskus für Aufsehen, als erd
„Herr, halte die Epidemie mit deiner Hand auf. Dafür habe ich gebetet“
Der Papst im

KUNDENSERVICE 0 8 0 0 / 9358537 DONNERSTAG,19.MÄRZ

B
undeskanzlerin Angela Mer-kel (CDU) hat die Bürger ineinem bislang einzigartigen
drohung durch das Coronavirus aufgeru-fen. „Das ist eine historische Aufgabe,Appell zur Solidarität undDisziplin angesichts der Be-
und sie ist nur gemeinsam zu bewälti-gen“, sagte Merkel nach einem vorab ver-breiteten Redetext in einer Fernseh-An-sprache zur Corona-Krise, die am Mitt-
wochabend ausgestrahlt werden sollte.„Es kommt ohne Ausnahme auf jedenEinzelnen und damit auf uns alle an“, er-gänzte die Kanzlerin.
fen. Das heißt: Es wird nicht nur, aberauch davon abhängen, wie diszipliniert„Die Situation ist ernst, und sie ist of-
jeder und jede die Regeln befolgt undumsetzt“, sagte Merkel. „Seit dem Zwei-ten Weltkrieg gab es keine Herausforde-rung an unser Land mehr, bei der es so
drastischere Maßnahmen wie eine allge-meine Ausgangssperre verkündete diesehr auf unser gemeinsames solidari-sches Handeln ankommt.“ Zusätzliche
Kanzlerin nicht. Sie sagte aber auch:„Halten Sie sich an die Regeln, die nunfür die nächste Zeit gelten. Wir werden
als Regierung stets neu prüfen, was sich

wieder korrigieren lässt, aber auch: waswomöglich noch nötig ist.“ Man werde inder dynamischen Situation lernfähigbleiben, „um jederzeit umdenken und
mit anderen Instrumenten reagieren zukönnen“. Abgesehen von den jährlichenNeujahrsansprachen ist es das erste Mal
in ihrer bald 15-jährigen Amtszeit, dasssich die Kanzlerin direkt in einer TV-An-sprache an die Bevölkerung wandte.Zuvor hatte das Robert-Koch-Institut
(RKI) vor bis zu zehn Millionen Co-vid-19-Infizierten bis Juni gewarnt, wenndie Menschen sich nicht an Abstands-und Hygieneregelungen hielten. Die Vi-
rusinfektionen beschleunigten sich ra-sant, sagte RKI-Chef Lothar Wieler. „Wirhaben ein exponentielles Wachstum.“
und Monate“ andauern. Nach Angabendes RKI waren bis Mittwoch 8198 Men-schen in Deutschland mit dem Coronavi-Die Epidemie werde „noch viele Wochen
rus infiziert – ein Plus von 1042 zum Vor-tag. Die in der US-Stadt Baltimore ansäs-sige Johns-Hopkins-Universität meldete10.069 Infizierte in Deutschland. Wieler
dämpfte Hoffnungen auf einen baldigenImpfstoffImpfstoffImpfstoffrealistisch ein, dass es im Frühjahr 2021. „Ich persönlich schätze es als. „Ich persönlich schätze es als
sein wird“, sagte er.

nigen Grenzen. dorf wuchs der Stau auf der Autobahn 4aufgrund der polnischen Grenzkontrol-Derweil verschärft sich die Lage an ei-Am Übergang Ludwigs-
len auf bis zu 60 Kilometer an. „Es ist ausunserer Sicht eine humanitär bedenkli-che Situation“, hieß es vom Deutschen
Roten Kreuz. Teils stünden die Men-schen bis zu 20 Stunden im Stau. AmAbend weitete Deutschland die bereitsan fünf Landesgrenzen geltenden Einrei-
EU-Bürger künftig nicht mehr per Flug-sebeschränkungen auf Flüge und denSchiffsverkehr aus. Wie das Bundesin-nenministerium mitteilte, dürfen auch
zeug oder Schiff aus Österreich, Spanien,Italien, der Schweiz, Luxemburg und Dä-nemark nach Deutschland reisen.
verhängte auch Belgien eine Ausgangs-sperre. chende Sondergesetze. Als erste Stadt inNach Italien, Spanien und FrankreichGroßbritannien plant weitrei-
Bayern traf Mitterteich eine Ausgangs-sperre. Absagen von Großveranstaltungen fort.Unterdessen setzt sich die Reihe von
Der für Mitte Mai geplante EurovisionSong Contest (ESC) in Rotterdam findetnicht statt. Auch die Internationale Luft-
fahrtmesse Berlin (ILA) wurde abgesagt.

Volkswirten zufolge wegen der Corona-virus-Krise in diesem Jahr einbrechen.Das Hamburgische Weltwirtschaftsinsti-Die Konjunktur in Deutschland wird
tut rechnet mit einem Rückgang derWirtschaftsleistung von 2,5 Prozent. DerBundesverband deutscher Banken erwar-tet
lisierte Einsatzbereitschaft als Krisen-feuerwehr. Falls nötig, werde man weite-zent. sogar ein Minus um vier bis fünf Pro-Die Europäische Zentralbank signa-
re Impulse setzendität im Bankensystem zu sichern. schaftsminister Peter Altmaier (CDU)warnte im Gespräch mit WELT: „Wir ha-. Es gehe darum, Liqui-Wirt-
ben eine andere Situation als in der Fi-nanzkrise 2008/2009. Wir haben diesmaleine Krise, die in die Breite der Wirt-
schaft hineinreicht und große wie kleineUnternehmen betrifft. Darauf dürfen wirkeinesfalls kleinkariert reagieren.“ Sozialpolitiker fordern für Berufe, die
als „systemrelevant“ eingestuft werden,bessere Arbeitsbedingungen und Bezah-lung. „Es wird und es muss mehr Wert-schätzung für bestimmte Berufe, die of-
traler Bedeutung sind, geben“, sagte Ge-org Nüßlein (CSU), Vizefraktionscheffensichtlich für die Gesellschaft von zen-
der Union im Bundestag, WELT. DW

Kanzlerin ruft Bürger in Fernseh-Ansprache dazu auf, die Coronavirus-Krise gemeinsam zu bewältigen
Merkel: Es kommt auf jeden an

Udem Kindergärten und Schulen ge-schlossen wurden. Angestellte werdenns allen verlangt die Krise ei-niges ab. Eltern wissen nicht,wohin mit den Kindern, nach-
ins Homeoffice geschickt und ver-zweifeln oft an der Technik, die siemit dem Büro verbinden soll. Doch beiall der Anpassungsleistung, die die
Pandemie uns abverlangt, sollte nichtaus dem Blick geraten, wer die wahrenFrontkämpfer sind. Es sind Ärzte undKrankenschwestern, die das Überle-
ben von Infizierten sicherstellen,während sie sich selbst in Gefahr brin-gen. Es sind die Verkäuferinnen, die
aussetzen. Und viele andere mehr.klaglos die geplünderten Regale füllen– und die sich an den Supermarktkas-sen einem höheren Infektionsrisiko
von der kritischen Infrastruktur, diees im Konfliktfall zu schützen gelte.Das klingt nach kalter Hardware,In der Sicherheitspolitik redet man
nach Brücken, Kraftwerken und In-ternetknoten. Die Corona-Krise zeigtjedoch, was die eigentlich kritische
Infrastruktur ist: die Menschen, diedafür sorgen, dass unser fein austa-riertes System nicht zusammen-bricht. Die Internetserver warten, da-
mit unsere Kinder weiter Netflixstreamen können. Die per Lkw le-bensnotwendigen Nachschub in dieStädte fahren. Und die in den Labors
der Republik Überstunden leisten,um Corona-Tests auszuwerten.Viele dieser Jobs bekommen nicht
die Anerkennung, die sie verdienen.Gerade im Kranken- und Altenpflege-bereich ist der Frauenanteil sehrhoch, die Arbeit ist auch in normalen
Zeiten sehr anstrengend und die Be-zahlung schlecht. Und dennoch set-zen diese Mitbürger nun ihre eigeneGesundheit aufs Spiel, um uns vor
der Pandemie zu schützen. Dazukommen große seelische Belastun-gen, wenn Patienten nicht zu retten
sind oder Krankenhauspersonal wienun in Italien über Leben und Todentscheiden muss, weil die Ressour-cen nicht für alle reichen.
In Amerika ist es Tradition, dassnormale Bürger sich bei denen be-danken, die Risiken eingehen, um die
Soldaten, Rettungskräfte oder Poli-zisten. „Thank you for your service“klingt, auf Deutsch übersetzt, ein we-Gesellschaft zu schützen, seien es
nig hüftsteif. Das sollte uns jedochnicht abhalten, uns auch persönlichbei denjenigen zu bedanken, die inder Krise Dienst an der Gesellschaft
leisten und den Laden zusammenhal-ten. Weil sie die wahren Helden sindin dieser bedrückenden Zeit.

KOMMENTAR
des Alltagsdes AlltagsdHHHeldenelden

clemens.wergin@welt.de

CLEMENS WERGIN

**D2,80EUROBNr. 67

Ihre Post an:
DIE WELT, Brieffach 2410, 10888 Berlin,
Fax: (030) 2591-71606, E-Mail: forum@welt.de
Leserbriefe geben die Meinung unserer Leser
wieder, nicht die der Redaktion. Wir freuen
uns über jede Zuschrift, müssen uns aber das
Recht der Kürzung vorbehalten. Aufgrund der
sehr großen Zahl von Leserbriefen, die bei
uns eingehen, sind wir leider nicht in der Lage,
jede einzelne Zuschrift zu beantworten.

welche vollkommen richtig ist und von
uns im Grundgesetz auch so gesehen
wurde. Der Mensch ist nicht auto-
matisch ein kollektives Tier. Unsere
moderne Auffassung vom Menschen
kommt auch vom Individuum, welches
sich aus sich selbst heraus genügt.
UWE KOCH

Wie Crash-Filme


Zu: „Warum man jetzt ,Die Pest‘
lesen muss“ vom 17. März

Lese den Roman auch zur Zeit. Obwohl
die Pest natürlich viel schlimmer ist,
sind die Beschreibungen in diesem
Roman zur Reaktion der Behörden, die
gesellschaftlichen Reaktionen, die Re-
aktionen jedes Einzelnen etc. bis zu
einem gewissen Grad vergleichbar mit

mals gab es – in der ersten Hälfte des


  1. Jahrhunderts – eine Pestwelle. Die
    Maßnahmen dagegen waren ähnlich
    den heutigen Maßnahmen. Nur das
    Medizinwesen war noch nicht so ent-
    wickelt. ECKHARD BOLLMANN


Wenige profitieren


Zu: „Kehrseite der Globalisierung“
vom 16. März

Eine interessante Konsequenz der
Krise wird meines Erachtens ein wei-
teres Wachsen der weltweiten Ver-
mögensschere sein. Während der Mit-
telstand unter der Krise massiv leiden
wird, werden sehr Vermögende diese
historische Chance genutzt haben, um
aus einem Höchststand der Börsen
auszusteigen, um dann einige Wochen

darauf zu einem Spottpreis wieder
einzusteigen. Ich bin gar nicht nei-
disch, einfach mal nur so als Beobach-
tung angemerkt. So war es während der
Weltwirtschaftskrise 1929/30 auch.
DANIEL STORM

Die Bundesrepublik Deutschland hat in
sicheren Grenzen für breite Schichten
der Bevölkerung Wohlstand geschaffen
und ein Sozialsystem, das sich sehen
lassen konnte. Die Globalisierung und
die Migration haben den Reichtum der
Reichen ins Unermessliche steigen
lassen und die Kluft zwischen Arm und
Reich weiter und weiter vertieft. Breite
Schichten der Bevölkerung sind die
Verlierer der Globalisierung, aber de-
ren Vertreter nehmen, mit Bezug auf
die Migration, für sich in Anspruch, die
Guten zu sein. Was für ein verhäng-
nisvoller Irrtum! HANS-PETER PAUL

LESERBRIEFE


dem, was bei uns abläuft und vermut-
lich noch bevorsteht. Eine Pest ist
dennoch viel extremer (Todesrate ca.
80 Prozent!) HARTMUT HENNINGER

Toller Tipp, danke. Das ist ungefähr so,
als wenn ich mir kurz vor meinem
nächsten Flug ein paar Flugzeug-
Crash-Filme anschaue. Das ist dann
echt hilfreich, um die Flugangst zu
bekämpfen. JAN GÄRTNER

1959 als Au-pair-Mädchen in Paris zu
lesen versucht, nichts verstanden, nur
dass es von Ratten handelte. Jetzt un-
ter Sicherheitsmaßnahmen in Paris
lebend, werde ich dieses Buch mit
mehr Verständnis lesen können.
GESA DROZE

Ich lese gerade ein Buch über die Zeit
des Barock in Deutschland. Auch da-

Kollektives Tier


Zu: „Pflicht zur Einsamkeit“
vom 17. März

Eine Sicht, die dem aktuellen Zeitgeist
entspricht, aber eben nicht unwider-
sprochen bleiben kann. Die Reduktion
auf die Familie ist mitnichten eine
Anomalie. Viele Familien haben diese
Situation aktuell, insbesondere durch
Krankheit, aber auch Tod. Die Gesell-
schaft akzeptiert keine Individuen, die
gänzlich anderen Prioritäten folgen
müssen als die ohne existenzielle Pro-
bleme behaftete Familie. Hier findet
tatsächliche Ausgrenzung statt. Aber
diese Familien funktionieren. Jede
Familie, die eine Familie sein will, muss
den Test der Reduktion auf sich selbst
bestehen, ansonsten ist sie keine. Des-
wegen auch die Ansicht von Hegel,

Z


uerst war’s der Drummer. Auf
ärztlichen Rat. Dann sagte der
Bassist ab. Spielen wir eben als
Trio, sagten wir uns. Es kamen sieben
Gäste. Da merkt selbst der bescheuert-
ste Rock ’n’ Roller: Es wird ernst. Das
war am Freitag, dem 13. März. Vor einer
WWWoche. In einer anderen Zeit. Inzwi-oche. In einer anderen Zeit. Inzwi-
schen werden die mühsam ergatterten
Gigs abgesagt: auf dem Rummel, bei
WWWochenmärkten, in Clubs. Bis in denochenmärkten, in Clubs. Bis in den
Frühsommer hinein sind wir arbeitslos.
Gut: Wir machen das nur aus Spaß
an der Freude. Aber in Berlin leben
Tausende Musiker von Kleinauftritten.
Ich denke an den großen Elvis-Imitator
Dirk Jüttner, der noch die drögste Party
mit seinen Hüftschwüngen und Grät-
schen rettet. Nachdem er uns in einer
ehemaligen Grenzerkantine irgendwo
im Niemandsland zwischen Ost und
WWWest die Schau gestohlen hatte, sagteest die Schau gestohlen hatte, sagte
er beim raschen Umziehen auf dem
Kneipenklo, er müsse den Abend noch
vier Auftritte absolvieren. Damit ver-
dient Dirk ein Geld, für das der ge-
wöhnliche Manager nicht einmal auf-
stehen würde, geschweige denn sich
einen Glitzeranzug anziehen, ein Play-
back-Tape anwerfen und zum x-ten Mal
tänzelnd „You ain’t nothing but a

hound dog!“ grölen. Andere verdienen
sich ein Zubrot als Musiklehrer. Etwa
mit Hausbesuchen. Die fallen jetzt weg.
AAAuch an den Musikschulen sind dieuch an den Musikschulen sind die
wenigsten fest angestellt. Chorleiter
müssen hoffen, dass die Chormitglieder
auch dann weiterzahlen, wenn man sich
auf absehbare Zeit nicht treffen kann.
Die Miete wird ja trotzdem fällig.
Derweil geht es den Clubs und Knei-
pen richtig dreckig. Selbst in guten
Zeiten geht es ihnen nicht gut: Live-
musik ist kein Geschäft. Ob sie aber
den Sommer überstehen, wissen die
Betreiber nicht. Studentische Hilfs-
kräfte werden entlassen, um die Fach-
kräfte zu halten. Bier ist eingekauft
worden, es trinkt bloß keiner. Die Mie-
ten sind gestiegen. Die Vermieter hät-
ten ja nichts dagegen, wenn statt des
lauten Musikbetriebs eine leise Geld-
waschanlage einziehen würde. Oder: die
Bude einreißen. Stattdessen: Eigen-
tumswohnungen!
Nach der Epidemie soll alles anders
werden, heißt es. Manche sehnen sich
ffförmlich danach. Ich will, dass alles soörmlich danach. Ich will, dass alles so
wird wie früher. Dass Dirk Jüttner beim
Deutsch-Amerikanischen Volksfest
seine Elvis-Moves macht, dass der Ak-
kordeonlehrer meiner Frau wieder seine
RRRunden dreht, dass seine Klezmerkapel-unden dreht, dass seine Klezmerkapel-
le ebenso wieder auftreten kann wie
meine Rockband. „You don’t miss your
water/ Till your well runs dry“, heißt es
in der alten Soul-Nummer von William
Bell: Das Wasser vermisst du erst, wenn
dein Brunnen austrocknet.

WWWann wird es wie früher?ann wird es wie früher?


PLATZ DER REPUBLIK


ALAN POSENER

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