Ihr seid viel stärker als ihr denkt

(mfitzner) #1

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Diagnose und dazu auf einen Schlag eine Gemeinschaft von Freunden und gu-
ten Bekannten, die über Stottern plauderten, wie andere über ihre Reise- oder
Freizeiterlebnisse. In der gruppeneigenen Bibliothek lieh ich mir alles aus, was
ich zum Thema „Stottern“ finden konnte und verschlang es mit glühendem In-
teresse. Für mich war es selbstverständlich, mich zur Expertin in eigener Sache
machen zu wollen. Ich wollte mein Stottern selbst in die Hand nehmen, wollte
wissen, was autorisierte Experten über mein Handicap dachten und schrieben.
So wurde mein scheinbares Defizit zu meiner Kompetenz. In langsamen Schrit-
ten erarbeitete ich mir kommunikative Souveränität, wechselte den Studien-
gang (hin zu einem Sprechberuf, dem der Lehrerin), suchte mit vielen Personen
das Gespräch über mein Stottern und war stolz darauf sagen zu können: „Ich
stottere, und das ist nämlich so: ...“


Ich lernte stotternde Stottertherapeuten kennen und es entwickelte sich der
Wunsch mich ebenfalls beruflich mit diesem Thema zu befassen und Erfahrun-
gen, die ich selbst in der Auseinandersetzung mit meinem Stottern gemacht
hatte, vielleicht weiterzugeben. So war mir mein eigenes Stottern bei der Be-
werbung um einen Ausbildungsplatz zur Logopädin schließlich von Vorteil –
nein, nicht mein Stottern selbst, sondern mein offensiver Umgang damit und
die Tatsache, dass und wie ich bereits daran gearbeitet hatte. Das qualifizierte
mich zu jemandem, der weiß wovon er spricht.


Wenn ich heute mit stotternden Patienten arbeite, helfen mir meine Erfahrun-
gen dabei ein authentisches Modell in Sachen Desensibilisierung und Transfer
von Techniken abzugeben. Ich kann mich womöglich besser in die Nöte, Äng-
ste und Widerstände Stotternder hineinversetzen als dies ein flüssig sprechen-
der Therapeut vermag – aber ich muss mich auch davor hüten, meinen eigenen,
individuellen Weg auf meine Patienten, die ja eine ganz andere Stotterbiogra-
phie haben als ich, eins zu eins zu übertragen. Und ich darf bei meinen Patien-
ten nicht die unrealistische Hoffnung schüren, ich, die ich heute fast immer
ganz flüssig spreche, könne ihnen ein Allheilmittel gegen Stottern offerieren.


Heute selbst Kommunikationstherapeutin zu sein ist für mich immer wieder
ein erstaunliches, beglückendes Wunder. Dann denke ich kurz: „Wow, dass ich
das trotz meines Stotterns geschafft habe!“ Und weiß dann doch sofort: Dass
ich das wegen meines Stotterns geschafft habe – das ist doch das eigentliche
Geschenk meines Stotterns.

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