Der Spiegel - ALE (2022-01-08)

(EriveltonMoraes) #1
DEUTSCHLAND

Nr. 2 / 8.1.2022DER SPIEGEL 15

A


tomstrom soll auf lange Sicht
ökologisch akzeptabel sein?
»Unglaublich«, schnaubt Eck-
hard Tietke, Landwirt und Co-Kreis-
verbandssprecher der Grünen in Lü-
chow-Dannenberg. »Aber nach 40
Jahren Widerstand überrascht uns so
schnell nichts mehr.« Auch nicht die
Nachricht aus Brüssel, dass die EU-
Kommission in der sogenannten
Taxonomie Kernkraft als nachhaltig
bezeichnet und so vielleicht für viele
Jahrzehnte bewahren helfen wird.
Im Landkreis Lüchow-Dannen-
berg liegt der Ort Gorleben, der bis
2020 als mögliches Endlager für ra-
dioaktiven Atommüll vorgesehen
war. 40 Jahre lang haben Leute wie
Tietke dagegen angekämpft. Dieser
Widerstand gehört zum Gründungs-
mythos der Grünen.
Die Pointe aus Tietkes Sicht: Ernst
Albrecht (CDU) war der Minister-
präsident, der 1977 aus Gorleben ein
»nukleares Entsorgungszentrum«
machen wollte. Die Frau, die nun zu
verantworten hat, dass Atomstrom
als nachhaltig eingestuft werden
soll, ist seine Tochter: Ursula von der
Leyen, Präsidentin der EU-Kommis-
sion.
Mittwochabend, Tietke hat die Ak-
tiven seines Kreisverbands auf seinen
Bauernhof eingeladen. Fünf Autos
sind draußen geparkt, auf dem Tisch
stehen Rhabarberschorle und eine
mächtige Pumpkanne Kaffee. Die
Grünen regieren in Berlin, und eine
der ersten Nachrichten ist ein Angriff
auf den Gründungsmythos.
Hätten die Spitzen der Partei das
verhindern müssen? Bei aller Em-
pörung, Tietke und seine Mitstreiter
kritisieren die eigenen Leute nur
sanft. Es überwiegt die Freude darü-
ber, endlich mitzuregieren, besonders
bei den Jungen im Kreisverband.
Eine zerrissene Gefühlslage, das
ist, was für die Grünen für diese Le-
gislaturperiode zu erwarten war. Re-
gieren ist schön, aber auch hart, vor
allem für eine Partei, die hohe mora-
lische Ansprüche erhebt. Nach nur
einem Monat an der Macht über-
wiegen für die Grünen derzeit die
Härten. Sie schlucken Kröten, müssen
hinnehmen, dass die EU Atomkraft
als nachhaltige Übergangstechnologie
einstuft, müssen hinnehmen, dass
Bundespräsident Frank-Walter Stein-
meier eine zweite Amtszeit bekommt,
obwohl sie damit nicht glücklich sind,
müssen in der Außenpolitik hinneh-
men, dass Bundeskanzler Olaf Scholz
die Richtlinien bestimmt und dabei
gegen grüne Vorstellungen verstößt.
Das ist ein ziemlicher Absturz,
gemessen an dem Selbstbewusstsein,

mit dem die Partei in die Sondie-
rungsverhandlungen für die Ampel
gegangen ist. Ein Selfi e der Vorsitzen-
den Annalena Baerbock und Robert
Habeck mit den Spitzen der FDP soll-
te damals suggerieren, dass hier nicht
Juniorpartner nach einem Bündnis
mit der SPD streben, sondern starke
Verbündete.
In der Praxis ist davon wenig zu
sehen. In der Praxis gibt es drei ein-
zelne Regierungsparteien, und von
denen wirken die Grünen bislang am
schwächsten. Das liegt auch an der
Moral, die in der Opposition leichter
zu pfl egen ist. In der Regierung hat
man es schwer damit, weil man auf
Bündnispartner trifft, die andere Vor-
stellungen haben. Und der Moralist
sieht besonders schlecht aus, wenn er
Kompromisse verkaufen muss, denn
dafür ist die Moral eigentlich nicht
gemacht.
Die Grünen offenbarten aber auch
Schwächen in strategischen und kom-
munikativen Fragen, scheinen nicht
gut gerüstet für das Machtspiel, das
Politik auch ist. Timing zählt dabei zu
den wichtigen Faktoren, und fürs
Krötenschlucken gilt: lieber früh als
spät. Denn politische Kröten wach-
sen, während man wartet. Umso be-
schwerlicher ist dann das Schlucken,
wie sich in den vergangenen Tagen
bei der Präsidentenfrage zeigte.
SPD und FDP hatten sich früh auf
Amtsinhaber Frank-Walter Stein-
meier festgelegt. Die Grünen hätten
lieber eine Frau im Schloss Bellevue
gesehen, unterließen es aber bei den
Koalitionsverhandlungen, darauf zu
drängen. Das Thema spielte dem Ver-
nehmen nach keine große Rolle. Weil
die SPD Bärbel Bas zur Bundestags-
präsidentin machte, fi el das Argu-
ment weg, mindestens eine der höchs-
ten Staatsämter müsse von einer Frau
eingenommen werden.
Die Grünen warteten trotzdem
und ließen damit Spekulationen zu,

sie könnten mit der Union stimmen,
falls die eine Frau, überparteilich und
modern, für das Präsidentenamt no-
minieren würde. Noch zu Wochen-
beginn hofften einige in der Unions-
spitze auf die Grünen. Auch der de-
signierte CDU-Chef Friedrich Merz
führte Gespräche in dieser Angele-
genheit. Dabei fi elen Namen von
möglichen Kandidatinnen. Einen
konkreten Plan gab es aber offenbar
nicht. »Die Union ist schlecht sortiert
aufgetreten«, heißt es bei den Grü-
nen, womit man wohl auch von eige-
nen Schwächen ablenken will.
Am Montagabend rangen sich die
Grünenspitzen offenbar durch, für
Steinmeier zu votieren, und beriefen
eilig eine Fraktionssitzung für den
folgenden Morgen ein. Der Vorschlag
wurde dort präsentiert und miss-
gelaunt, aber ohne allzu viel Wider-
spruch angenommen. Auf einmal
wirkten die Grünen nicht mehr wie
pragmatische Koalitionspartner, son-
dern wie gescheiterte Rebellen.
Am Mittwochmorgen gaben sich
auch die Spitzen von CDU und CSU
in einer gemeinsamen Schaltkonfe-
renz alle Mühe, so zu tun, als hätte
man die Wiederwahl von Bundesprä-
sident Steinmeier immer unterstützt.
Auch Heucheln gehört zum Geschäft.
Bloß nicht Verlierer sein. Bayerns Mi-
nisterpräsident Markus Söder (CSU)
twitterte, die Union werde den Amts-
inhaber »ganz bewusst wieder unter-
stützen« – der dürfte erstaunt sein,
wie beliebt er plötzlich ist.
Für die Grünen ist der Fall Stein-
meier, für sich genommen, keine Tra-
gödie, eher ein Warnschuss.
Schwerer wiegt die Taxonomie,
weil es um den Gründungsmythos
geht, um den Kern der Grünen.
Die Idee einer Taxonomie für um-
weltfreundliche und nachhaltige Pro-
dukte stellte die EU-Kommission be-
reits vor knapp vier Jahren vor. Ziel
ist, das sogenannte Greenwashing zu
verhindern, das Anpreisen von Pro-
dukten als »grün« und umweltfreund-
lich, obwohl sie es nicht sind. Ein ein-
heitliches Klassifi kationssystem, so
die Idee, soll Investoren und Privat-
leuten dabei helfen, ihr Geld nach-
haltig anzulegen und damit den Aus-
bau einer klimafreundlichen Energie-
versorgung voranzutreiben. Im Prin-
zip also ein ökologisches Projekt, gut
für die Grünen.
Heraus kam die EU-Verordnung
Nummer 2020/852. Sie legte im Juni
2020 fest, welche Wirtschaftsakti-
vitäten Klima und Umwelt schützen
oder eine nachhaltige Entwicklung zu-
mindest nicht behindern. Die genauen
Details der Taxonomie sollten an-

Klimafreund-
liche AKW?

Richtig

Falsch


»Wie finden Sie, dass
die EU-Kommission
plant, Investitionen
in Atomenergie über-
gangsweise als klima-
freundlich einzustu-
fen?«, Angaben in
Prozent

S‚Quelle: Civey-Umfrage
für den SPIEGEL vom 4. bis


  1. Jan.; Befragte: 5003; die
    statistische Ungenauigkeit
    der Umfrage liegt bei bis
    zu 2,5 Prozentpunkten;
    an 100 fehlende Prozent:
    »unentschieden«


Atomkraftwerk im
französischen Cruas:
In Deutschland
verpönt, in Frankreich
wichtig für
die nationale
Souverä nität

[M] Guillaume Horcajuelo / EPA-EFE

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