Spektrum der Wissenschaft Spezial - Biologie Medizin Hirnforschung Nr3 2017

(Ann) #1

armen wie in reichen Ländern. Einige Befunde haben
heftige Kontroversen ausgelöst, da sie den Veröffent­
lichungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und
anderer UNO­Organisationen widersprechen.
Doch Agnes Binagwaho, Gesundheitsministerin von
Ruanda, gehört mit vielen anderen in den Entwicklungs­
ländern zu den Fans des Makroskops. »Es ist nicht bloß
ein neues Werkzeug, sondern eine Revolution«, sagte sie
2013 bei seiner offiziellen Vorstellung. »Wir gewinnen
damit eine Universalsprache für Wissenschaftler und
Gesundheitspolitiker ... und ein besseres Leben für unsere
Menschen.«
Einen wichtigen Anstoß gab Anfang der 1990er Jahre
der Weltbankökonom Dean Jamison, der das weltweite
Zusammenspiel von Gesundheit und Wirtschaft analy­
sieren wollte. Jamison beauftragte Murray, den wirtschaft­
lichen Verlust zu bewerten, den Krankheiten und Verlet­
zungen im Jahr 1990 verursacht hatten. Später kam Alan
Lopez hinzu, ein Epidemiologe der WHO.


Bescheidene Anfänge in einer Scheune
»Wir arbeiteten hauptsächlich in Christophers Scheune
in Maine«, erzählt Lopez, der jetzt an der University of
Melbourne in Australien für das GBD­Projekt tätig ist.
»Wir jagten gnadenlos nach allen verfügbaren Daten zu
120 Krankheiten und zehn Risikofaktoren. Wir schufteten
20 Stunden pro Tag, völlig besessen.«
Verglichen mit der aktuellsten GBD­Studie, die 317 Ur ­
sachen für Tod und Behinderung in jedem Land mit mehr
als 50 000 Einwohnern erhebt, fiel der Weltbankbericht von
1993 recht bescheiden aus. Dennoch erwies er sich als
äußerst einflussreich. Microsoft­Mitgründer Bill Gates und


seine Frau Melinda widmeten daraufhin den größten Teil
ihrer gemeinnützigen Stiftungsgelder von gut 37 Milliarden
Dollar dem Kampf gegen ansteckende Krankheiten (siehe
»Eine Stiftung zur Erforschung der globalen Gesundheit«,
S. 50). Und 1998 beauftragte Gro Harlem Brundtland, die
damalige WHO­Generaldirektorin, Murray damit, für ihre
Organisation ein ähnliches System zu entwickeln.
Murrays Team wagte dabei einen Leistungsvergleich
verschiedener nationaler Gesundheitssysteme. Die Rang­
ordnung provozierte einen Sturm der Kritik – sowohl
von professionellen Epidemiologen als auch von Regie­
rungsbeamten, deren Länder schlecht abschnitten. Die
USA kamen beispielsweise auf Rang 37, Russland auf
den 130sten Platz. Die WHO, die ihren Mitgliednationen
verpflichtet ist, hat nie wieder solche Ranglisten publi­
ziert. »Es gab heftigen politischen Streit«, berichtet Mur­
ray. Dadurch kam sein ganzes WHO­Projekt zum Erlie­


gen. Er verließ die Weltgesundheitsorganisation und ging
2003 an die Harvard University in Cambridge (Massachu­
setts). Das Ganze war ihm eine Lehre: »Wir müssen
unsere Arbeit unbedingt strikt gegen Regierungseinflüsse
abschirmen.«
Murray begann sich nach privater Unterstützung für ein
von politischer Einmischung freies Forschungsinstitut
umzusehen. In Seattle traf er Bill Gates, mit dem er fast
sofort einig wurde. Die Bill & Melinda Gates Foundation
spendete 105 Millionen Dollar für die Gründung des
IHME – und schon bald nahm das Makroskop Form an.

Aufwändige Kontrolle der Krankheitsdaten
Es ist nicht leicht, in einer ungeordneten Welt einen ech­
ten Überblick über gesundheitliche Leiden zu gewinnen.
Doch Murray fand Forscher, die wie er die Mängel der
Statistiken von Regierungen, Interessengruppen, der WHO
und anderer UNO­Organisationen beheben wollten – nicht
zuletzt, um langfristig Leben zu retten.
Bevor die von Gesundheitsministerien, Hilfsorganisa­
tionen oder aus der Fachliteratur stammenden Rohdaten
in Murrays System gespeist werden, durchlaufen sie
strenge Qualitätskontrollen. »Bei jedem neuen Datensatz
ist unsere erste Frage: Was stimmt damit nicht?«, betont
Lopez. »Wir sortieren Datenmüll aus – zum Beispiel Tod
durch ›höhere Gewalt‹ – und finden an seiner Stelle wis­
senschaftlich begründete Ursachen.« Durch diese Kontrol­
le werden statistische Ausreißer aufgespürt. So treten in
Frankreich scheinbar besonders wenige Todesfälle durch
Herzkrankheiten auf – trotz starker Risikofaktoren. Wie
sich herausstellte, geben französische Ärzte bei Herz­
infarkt häufiger einen Nebengrund als Todesursache an.
»Diese kulturell geprägte Praxis erklärt rund die Hälfte des
so genannten französischen Paradoxons«, meint Theo Vos,
ein leitender Wissenschaftler bei IHME.
Hunderte Experten aus aller Welt, die jede Krankheit
und Region kennen, normieren die Datensätze, indem sie
regional unterschiedliche Krankheitsdefinitionen berück­
sichtigen. Auf diese Weise, erklärt Lopez, »können wir
Krebs in Ungarn mit demselben Leiden in El Salvador,
Südafrika oder sonst wo vergleichen«.
Nicht zuletzt spielt politischer Einfluss eine Rolle. »Zwar
fällt es den Regierungen immer schwerer, der WHO und
der UNO Zahlen zu diktieren«, berichtet Murray, »aber es
gibt subtilere Einwirkungen. UNAIDS (das UNO­Programm
gegen die Aidspandemie) schätzt jedes Jahr die Verbrei­
tung von Aids, doch einigen Ländern wie China passt das
nicht. Also werden die Zahlen für diese Länder nicht
veröffentlicht.« 2015 betraf das 83 Staaten.
Das größte Problem sind fehlende Daten. Gerade für
die gesundheitlich instabilsten Regionen der Welt gibt es
einfach keine verlässlichen Krankheitsstatistiken. Das
GBD ­Team stopft die Lücken auf zwei Arten. Erstens
verarbeitet es Daten, die eine kleine Armee von Intervie­
wern bei Besuchen von Dorf zu Dorf – oder gar von Haus
zu Haus – durch Auswertung handgeschriebener Auf­
zeichnungen oder bei Gesprächen über Krankheit und Tod
in der Familie gesammelt hat. Nach dieser Methode
arbeitet gegenwärtig die groß angelegte Million Death

»Wir jagten gnadenlos nach allen


verfügbaren Daten. Wir


schufteten 20 Stunden pro Tag,


völlig besessen«

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