Der Spiegel - ALE (2022-05-07)

(EriveltonMoraes) #1

DEUTSCHLAND


40 DER SPIEGELNr. 19 / 7.5.2022


D


ie Carrer Menhir im Westen Mallorcas
gehört zu den besten Adressen der
Insel. Die Straße windet sich den Berg
hinauf, entlang an Loch 14 des Golfklubs von
Andratx, vorbei an sandfarbenen Villen mit
Pools, die mit zunehmenden Höhenmetern
immer imposanter werden.
Ganz oben, am Ende der Sackgasse und hin­
ter einer Mauer, steht schneeweiß das Casa Os­
mani: ein weitläufiger Bungalowbau mit Glas­
front, Meerblick, drei Sonnendecks und großer
Terrasse. Es gibt ein Video aus dem Inneren des
Hauses, aufgenommen von einem Polizisten
während einer Durchsuchung. Die Handy­
kamera wackelt durch einen Flur in ein Wohn­
zimmer. Auf dem Boden stehen Dutzende ab­
gehängte Gemälde, von den Beamten inspiziert.
86 Bilder werden es am Ende sein. Ermittler
schätzen den Gesamtwert auf Millionen Euro.
Finanziell, so viel lässt sich sagen, hat es der
Hausherr geschafft. Nur wie er zu dem Reich­
tum gekommen ist, darüber gibt es sehr unter­
schiedliche Angaben. Die erste Geschichte geht
so: Vier Brüder aus einer Stadt im Kosovo


kommen in den Siebziger­ und Achtzigerjahren
nach Deutschland. Der Älteste arbeitet als Aus­
hilfsfahrer der Altkleidersammlung. In seiner
Freizeit verbringt er viel Zeit an den Spiel­
tischen auf dem Hamburger Kiez.
Dort, so die Legende, legt er den Grund­
stein für den märchenhaften Aufstieg der
Familie. Vom Glück geküsst, erleichtert der
Kosovo­Albaner am Spieltisch einen Zuhälter
nach dem anderen um sehr viel Geld. Den
Profit investiert er gewinnbringend. Schon
bald braust er im Ferrari durch die Stadt. Im

Milieu trägt er fortan den Spitznamen »Felix«,
der Glückliche. Auch mit seinen Brüdern
meint es das Schicksal gut. Schnell überneh­
men sie in Hamburg Stripteaselokale, Res­
taurants und Grundstücke. Mit Geschäftssinn
und ehrlicher Arbeit gelingt es den Osmanis,
in halb Europa ein Firmen­ und Immobilien­
imperium im Wert von wohl Hunderten Mil­
lionen Euro aufzubauen.
Die zweite Geschichte geht anders. Es ist
die Version der Behörden. Maßgeblich für
den wirtschaftlichen Erfolg des Osmani­Clans
sind demnach weder die Glücksfee noch
brillantes Unternehmertum. Sondern wohl
vor allem harte Drogen, an deren Import und
Vertrieb sich ein Netzwerk um die Brüder
eine goldene Nase verdient haben soll. Soll –
die Einschränkung ist wichtig. Denn über
Vermutungen und Verdächtigungen zu
Rauschgifthandel kamen Polizei und Nach­
richtendienste in Deutschland selten hinaus.
Die Brüder selbst wurden deswegen bislang
noch nie belangt. Schon immer haben die
Osmanis kriminelle Geschäfte abgestritten.
Doch zum Problem für die Familie könnte
sich jetzt eine von Europol koordinierte Ope­
ration entwickeln. Mitte Februar nahmen
Mafiajäger bei einer Razzia in sechs Ländern
45 Beschuldigte eines mutmaßlichen Kokain­
netzwerks mit angeblich besten Beziehungen
nach Kolumbien fest. Die überwiegend alba­
nischsprachigen Verdächtigen sollen über ver­
schiedene Häfen tonnenweise reines Kokain
nach Europa geschmuggelt haben.
Die gigantischen Profite sollen sie den Er­
mittlungen zufolge über Strohleute und kom­
plizierte Firmengeflechte unter anderem in
Kroatien und Spanien in sauberes Geld ver­
wandelt haben. Mutmaßlicher Pate des Netz­
werks: Bashkim Osmani, 55, ein jüngerer
Bruder von »Felix« und Hausherr der Villa
auf Mallorca. Er musste den Blick aufs Mittel­
meer erst einmal gegen eine Gefängniszelle
tauschen. Seit Anfang März sitzt er in Unter­
suchungshaft. Die Ermittler werfen ihm die
Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereini­
gung und Geldwäsche vor.
In der High Society Mallorcas schlug die
Nachricht von Osmanis Festnahme wie die
Vorhand von Rafael Nadal ein. Osmani gilt
dort als erfolgreicher Geschäftsmann mit bes­
ten Beziehungen. Rund 30 Millionen Euro
soll er den Ermittlungen zufolge allein auf der
Insel investiert haben. Über Strohleute soll
er mehrere Firmen kontrollieren, darunter
ein Hotel sowie das Promirestaurant Ritzi.
Das Lokal mit angeschlossener Champa­
gnerbar liegt direkt am Jachthafen von Puer­
to Portals, unweit Palmas. Serviert werden
Kaviar und Magnumflaschen »Armand de
Brignac Blanc de Blanc« für je 3550 Euro.
Fußballstar Lionel Messi war schon Gast,
selbst den früheren König Juan Carlos soll
Osmani in seinem Laden begrüßt haben.
Mehr Ansehen verschafft in Spanien wahr­
scheinlich nur ein Besuch vom Papst.
Doch folgt man den Ermittlern, diente das
Ritzi vor allem als perfekte Fassade für dunk­

Unter Saubermännern


KRIMINALITÄT Seit Jahrzehnten sind Drogenfahnder einem steinreichen


Albaner-Clan aus Hamburg auf der Spur, meist erfolglos. Nun sitzt ein


mutmaßlicher Pate in Spanien in Untersuchungshaft. Gelingt das bisher


Unmögliche – Taten zu beweisen?


»Sie betreiben sehr
profitable, saubere
Geschäfte und müssen
sich eigentlich nicht
mehr selbst die Hände
schmutzig machen.«

Festgenommener
Bashkim Osmani
auf Mallorca
Anfang März
Splash News / action press
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