FOCUS - ALE (2022-05-07)

(EriveltonMoraes) #1

WISSEN ARCHÄOLOGIE


Fotos:

K. Wothe/Lookphotos, imago images

König aus der Ilias. Er staffiert seine Frau
Sophia mit dem prachtvollen Schmuck
aus. Ihr Bild geht um die Welt, Schlie-
mann gilt fortan als Entdecker Trojas.
Die Schätze schmuggelt er außer Landes,
zahlt dem Osmanischen Reich nach lang-
wierigen Auseinandersetzungen einen
geringen Preis und schenkt sie schließ-
lich dem deutschen Volk. Noch heute gilt
Schliemann den Türken als Dieb.
Sein spektakulärer Fund befeuert
Schliemanns Ehrgeiz. Er will weitere
Schauplätze der Ilias entdecken. Bei
Homer heißt es, das griechische Heer
habe Troja unter Führung Agamemnons
angegriffen, dem König von Mykene. Ab
1876 gräbt Schliemann also in Griechen-
land. Die Griechen haben seine Arbeit im
Nachbarland verfolgt und überwachen
ihn streng. Ein Aufseher soll verhindern,
dass Artefakte verschwinden. Schliemann
muss ihm jeden Abend seine Funde vorle-
gen. Der Selfmade-Archäologe hat dazu-
gelernt, geht vorsichtiger vor, interpretiert
seine Funde aber weiterhin nach Homer.
Als er auf prunkvoll ausgestattete Grä-
ber und eine goldene Totenmaske stößt,
ist er sicher, es handle sich um die letz-
te Ruhestätte von König Agamemnon.
Schliemann meldet die Sensation an den
griechischen König. Erst später wird klar,
dass er auch hier Zeugnisse einer älteren
Kultur entdeckt hat.
Lange bevor es Twitter gibt, lässt Schlie-
mann die Öffentlichkeit fast live an seiner
Arbeit teilhaben, indem er wöchentlich
Berichte in der britischen „Times“ und
der „Augsburger Allgemeinen“ veröf-
fentlicht. „Sein Werbemittel ist das Tele-
gramm, so produziert er Schlagzeilen“,


meint Biograf Vorpahl. Er nennt ihn einen
frühen Influencer, der sein Leben und sei-
ne Entdeckungen akribisch dokumentier-
te und schönte, was ihm nicht aufregend
genug erschien. „Archäologische Arbeit
kostet ja auch Zeit. Da er ständig etwas
Neues liefern muss, hat er bisweilen eben
auch fantasievoll interpretiert.“
Die 13 Kilogramm Gold, die Schlie-
mann in Mykene findet, lagern die grie-
chischen Behörden ein. Sie gehen später
an das Archäologische Nationalmuseum
in Athen, wo sie heute zu sehen sind.

Schliemanns Vermächtnis
Trotz seiner heute fragwürdig erschei-
nenden Methoden hat Schliemann einen
festen Platz in der Archäologie. „Er hat
bei seinen Ausgrabungen in Troja ohne
es zu ahnen die älteste ägäische Kultur
entdeckt. Dass es vor der Antike noch
ältere bedeutende Kulturen gab, war bis
dahin nicht bekannt. In Mykene legte
er Zeugnisse der ersten großen abend-
län dischen Kultur des europäischen
Festlandes frei. Beides sind unschätzbare
Entdeckungen“, urteilt Vorpahl.
Noch heute wird an Schliemanns Fun-
den geforscht. Bis Dezember arbeiteten
die staatlichen Museen in Berlin mit
russischen Kollegen daran, mit moder-
nen Analysemethoden den Goldgehalt
des nach Priamos benannten Schatzes
zu ermitteln. Erst nach dem Mauerfall
war bekannt geworden, dass Russland
Schliemanns Goldgeschenke und zahlrei-
che andere Schätze aus Berliner Museen
verschleppt und in heimischen Muse-
umskellern versteckt hatte. Gegen alle
Konventionen erklärte Russland sämtli-

che Beutekunst zu Staatseigentum. Der
Schatz des Priamos wurde damit ein zwei-
tes Mal geraubt.
Wemhoff und Vorpahl sind beide an-
wesend, als Angela Merkel 2013 in Sankt
Petersburg den Fund zurückfordert. Wla-
dimir Putin sieht dazu keinen Anlass.
Man einigt sich schließlich auf eine Ko-
operation. Die Arbeit steht noch am An-
fang, als die russische Armee die Ukraine
überfällt. Die Zusammenarbeit ist damit
beendet. „Ein großer Verlust für die Ar-
chäologie“, klagt Vorpahl.
Auch der türkische Präsident Erdogan
beansprucht Schliemanns Schätze. Der-
zeit prangert eine Ausstellung bei Troja
den Raub des Deutschen an. „Schliemann
hat gehandelt wie alle damals. Heute
muss man darüber diskutieren und ge-
rechte Lösungen mit den Herkunfts-
ländern treffen“, sagt Vorpahl.
Aber wie gelangten Schliemanns Funde
in Berliner Haushalte? Im Zweiten Welt-
krieg wurde der Martin-Gropius-Bau zer-
stört, Hort der größten archäologischen
Schätze des Deutschen Reichs. Während
sowjetische Soldaten das Gold nach Russ-
land schafften, lagen Schliemanns übrige
Gaben unter Schutt. Hobby-Archäologen
bargen in den Nachkriegsjahren Tausen-
de Artefakte. Erst 1966 wurde die Ruine
unter Denkmalschutz gestellt.
Jetzt fanden sich 1500 der Stücke wie-
der. Eine Berliner Witwe hatte sie im
Nachlass ihres Mannes entdeckt und
dem Museum für Vor- und Frühgeschichte
übergeben. Direktor Wemhoff hofft, dass
noch viel mehr zu ihm zurückkehrt. n

ALINA REICHARDT

Mythos trifft Realität So erzählt es der Dichter Homer: Im trojanischen Krieg ver-
sucht das griechische Heer unter Agamemnon, König von Mykene, die Stadt Troja
unter König Priamos zu erobern. Grund ist eine Liebesgeschichte: Der trojanische
Prinz Paris hat die schöne Helena entführt, Ehefrau von Menelaos, König von Sparta.
Wütend ruft der seinen mächtigen Bruder Agamemnon zur Hilfe. Eine gewaltige
Armee segelt nach Troja. Nach zehn Jahren erfolgloser Belagerung täuschen die

Griechen auf Rat des Kriegers Odysseus einen Abzug vor und lassen ein riesiges höl-
zernes Pferd vor Trojas Toren zurück. In dessen Inneren aber halten sich Griechen-
lands beste Kämpfer versteckt. Die Trojaner ziehen das vermeintliche Geschenk in
ihre Festung und besiegeln damit ihren Untergang. Ob dieser Krieg tatsächlich
stattgefunden hat, ist unklar. Dass es die Siedlungen Mykene und Troja tatsächlich
gab, gilt hingegen als sicher. Beide Kulturstätten sind heute Unesco-Welterbe.

Hisarlık Tepe

Mykene

Antikes Troja

TÜRKEI

GRIECHENLAND

250 km

Dieser Text


zeigt evtl. Pro-


bleme beim


Text an


Muffe


vor Dem


Nächsten


Schritt?


Dann


Mach ich


eben einen


Sprung!


ANZEIGE
FÜR FOCUS-LESER*INNEN
AUSGEWÄHLT

Hier abtrennen!

Einlösung im Onlineshop

90999344

FÜR FOCUS
LESER*INNEN

Einlösung in der Filiale

(^9099934490999344)
EXKLUSIV
10
%
RABATT^
Gültig bis zum 10.06.2022. Gilt nicht auf bereits gekaufte Artikel oder den Kauf von Geschenk-
karten. Nur einmalig einlösbar pro Kunde. Ist nicht mit anderen Aktionen oder Gutscheinen
kombinierbar. Folgende Marken sind ausgeschlossen: Dr. Martens, Ecco, Floris van Bommel,
Geox, Högl, Josef Seibel, Lloyd, Lurchi, Marc O‘Polo,Pius Gabor, Peter Kaiser, Superga, Superfit,
UGG, Vagabond, Legero, Camel Active, Woden. Verantwortlich für die Angaben ist die Görtz
Retail GmbH, Spitalerstr. 10, 20095 Hamburg

Free download pdf