Todesopfer an der Berliner
Mauer 1961–
1961 1989
0
5
10
15
20
25
Flüchtlinge
sowjetischer
Soldat
Grenzsoldaten
Menschen ohne
Fluchtabsicht
(West)
Menschen
ohne Flucht-
absicht (Ost)
Tote an der Mauer
140
101
8
22
8
1
GRAFIK DER WOCHE
Infografik: Brian Sipple Foto: BILD
16 FOCUS 46/
Der Streifen
des Todes
Mehr als 28 Jahre lang trennte
die Berliner Mauer die Stadt.
Das Bauwerk war ein perfider
Angriff auf die Menschlichkeit
A
m 22. August 1961 sprang Ida
Siekmann um 6.50 Uhr in den
Tod. Sie war das erste Opfer der
Berliner Mauer. Anderthalb Wochen
zuvor hatte die DDR mit Zustimmung
der Sowjetunion mit dem Bau begon-
nen. Die Berliner Grenzbefestigung
war das letzte Teilstück der bereits
1952 errichteten, 1378 Kilometer
langen innerdeutschen Grenze.
Die Schließung der Sektorengrenze
sollte den Flüchtlingsstrom stoppen.
Innerhalb von zwölf Jahren hatten
2,7 Millionen Menschen Ostdeutsch-
land verlassen.
Die 58-jährige Ida Siekmann wohn-
te im dritten Stock eines Grenzhauses
an der Bernauer Straße. Als die Haus-
tür zum im Westen gelegenen Bürger-
steig verbarrikadiert wurde, erkannte
die alleinstehende Frau den Ernst der
Lage, warf ein paar Habseligkeiten
aus dem Fenster und sprang hinter-
her.
Vom Bau bis zum Fall der Mauer
am 9. November 1989 sind an allen
DDR-Grenzen vermutlich rund 800
Menschen zu Tode gekommen. Allein
an der Berliner Mauer sollen es min-
destens 140 gewesen sein. 70 000
Fluchtwillige nahm der Staat bereits
bei der Planung oder auf dem Weg
zur Grenze fest und verhängte Haft-
strafen bis zu drei Jahren.
Nach dem Ende der DDR mussten
sich die Mauerschützen vor Westge-
richten verantworten. Es kam zu 112
Verfahren gegen 246 Grenzer. 132
davon wurden verurteilt. Die längste
Freiheitsstrafe betrug zehn Jahre.
Ida Siekmann schlug nach dem
Sprung auf der Straße auf und ver-
letzte sich so schwer, dass sie auf der
Fahrt ins Krankenhaus starb. Im Rap-
port der Ostberliner Volkspolizei hieß
es: „Die S. wurde durch die Westfeuer-
wehr abtransportiert. Die Blutlache
wurde mit Sand abgedeckt.“ n
AXEL WOLFSGRUBER
MAUER IN ZAHLEN
Länge: 167,8 Kilometer
Kosten: 400 Mio. DDR-Mark
Personal: 11 500 Soldaten
Organisation: 31 Führungsstellen
spezielle
Einrichtungen:
259 Hundelaufanlagen,
20 Bunker
geplant waren bis
zum Jahr 2000:
Infrarotkameras und
Erschütterungsmelder
Kontrollstreifen
Die Erde wurde sorgfältig
geglättet, damit Fußspuren
sofort erkennbar waren.
Dahinter folgten Panzer-
sperren. Es gab bis zu elf
unterschiedliche
Hinderniszonen
Gotteshaus
1985 ließen die DDR-
Behörden die Versöh-
nungskirche sprengen,
um den Grenzstreifen
besser kontrollieren zu
können. Seit 2000
steht auf dem alten
Fundament die Ver-
söhnungskapelle
Betonmauer
Die Wand war bis zu 4,
Meter hoch. Eine 50 Zenti-
meter dicke Betonröhre
verlief entlang der Ober-
kante. 1965 wurde die
Konstruktion von Armee-
sportlern getestet. Keinem
gelang die „Flucht“
Erich Honecker
erklärte im August
1961, dass „gegen
Verräter und
Grenzverletzer die
Schusswaffe
anzuwenden ist“
251 weitere Todesopfer gab es bei
Grenzkontrollen mindestens, die meisten
davon starben an Herzinfarkten
Holzplattform
Die Westberliner
Polizei ließ diese
Bauten zur Beob-
achtung errichten.
Später wurden die
Plattformen, etwa
auch am Branden-
burger Tor, von
Touristen genutzt
Außentor
Durch diese Türen
gelangten Wachsoldaten
auf die andere Seite
der Mauer. Einige Meter im
Westen zählten noch
zum DDR-Territorium