Der Spiegel - 31.08.2019

(lily) #1

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Wirtschaft

Digitalisierung

Milliardenteures Computerdebakel


Der Aufbau einer modernen IT für alle Bundesbehörden stockt, das Mammutprojekt steht auf dem Prüfstand.

 Das wichtigste und teuerste Digitalprojekt der Bundes -
regierung, die Modernisierung der IT der Bundesverwaltung,
wird zum Fiasko. Der Haushaltsausschuss des Bundestags
sperrte bereits im November wegen der »unerwartet hohen
Kostensteigerung des Gesamtprojekts« mit rund 400 Millio-
nen Euro wesentliche Teile des Budgets und forderte dessen
»Neuordnung«. Das geht aus einem aktuellen Schreiben
aus dem Finanzministerium hervor. Die sogenannte IT-Kon-
solidierung des Bundes wurde vom Kabinett 2015 beschlossen
und ursprünglich mit einer Milliarde Euro veranschlagt.
Dabei sollen unter anderem einheitliche IT-Arbeitsplätze
in knapp 200 Behörden und Ministerien eingerichtet werden.

Bisher herrscht dort ein Wildwuchs bei Rechnern, Software
und Verfahren. Das Mammutvorhaben war auf zehn Jahre
angelegt, doch die Kosten explodierten schnell. Nach dem
aktuellen Papier summieren sich die Mehrkosten schon jetzt
auf rund 2,5 Milliarden Euro. Die Parlamentarier bremsten
das Vorhaben deshalb nicht nur finanziell, sie forderten auch,
es »noch einmal von Grund auf zu durchdenken«. Einen klei-
nen Teil der gesperrten Mittel gab der Ausschuss dem Bericht
zufolge im Juni frei. Allerdings darf die Bundesregierung sie
nur für »nachhaltig unabweisbare Maßnahmen« verwenden.
Mindestens bis in den Herbst soll die »Überprüfung des
Gesamtprojekts« noch dauern. KIG, REI, ROM

»Guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war.«‣S. 60

DER SPIEGEL Nr. 36 / 31. 8. 2019

Eisenbahnen


Vorzug für Siemens?


 Siemens hat Ärger in Lettland. Die dor-
tige staatliche Eisenbahn (LDz) hat drei
Großprojekte für insgesamt rund hundert
Millionen Euro ausgeschrieben, die teils
aus EU-Geldern finanziert werden. Sie-
mens-Konkurrenten reichten bei den letti-
schen Behörden eine Vergabebeschwerde
ein: Teile der Ausschreibung seien auf


Siemens zugeschnitten, das benachteilige
Wettbewerber. Mitte dieser Woche gab
das lettische Büro für Beschaffungsauf-
sicht einem der Siemens-Konkurrenten
in einem Punkt recht. Die Lettische Bahn
muss nun die Ausschreibung ändern.
Zudem hat die lettische Organisation
»Impact 2040« EU-Wettbewerbskommis-
sarin Margrethe Vestager und das EU-
Amt für Betrugsbekämpfung aufgefordert,
das Vergabeverfahren mit Blick auf die

EU-Mittel zu prüfen. Es liege der Ver-
dacht nahe, »dass es möglicherweise
unlautere Versuche gegeben hat ... damit
internationale Unternehmen ... die Aus-
schreibung gewinnen können«. Siemens
sagt, die Vergabekammer habe den Kon-
zern »über mögliche Unregelmäßigkeiten«
informiert. Man gehe »den darin enthal -
tenen Vorwürfen nach«. Die Beschwerden
richteten sich indes nicht gegen Siemens,
sondern gegen die lettische Bahn. JS

CHRISTIAN JUNGEBLODT / LAIF

Elektroschrott in einer Berliner Behörde
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