Beobachter Nr. 6/2008
DAS IST PASSIERT: Ursula
Biondi, 69, wurde als
17-Jährige in der Strafanstalt
Hindel bank BE versorgt –
ohne von einem Gericht
verurteilt worden zu sein.
Ihr Vergehen: Sie war un-
verheiratet und schwanger.
Mit ihrer Geschichte trug sie
massgeblich dazu bei, dass
sich Bundesrätin Eveline
Widmer-Schlumpf bei den
Betroffenen entschuldigte.
Für ihr Engagement wurde
Biondi mehrfach geehrt, etwa
mit der Ehrendoktorwürde
der Universität Freiburg.
Als ich meine Geschichte
zuerst als Buch veröffent
lichte, musste ich viel Häme
über mich ergehen lassen.
Erst als 2008 der Beobachter
darüber berichtete, wurde ich
ernst genommen. Die offi
zielle Entschuldigung von
Bundesrätin Eveline Widmer
Schlumpf von 2010 war für
mich lebenswichtig. Das war
der Durchbruch zu einer
breiten Aufarbeitung und
zur Rehabilitierung von uns
Betroffenen. Ich bin froh, dass
ich mich damals geoutet habe.
Dadurch konnte ich helfen,
eine gesellschaftliche Diskus
sion in Gang zu setzen. Solche
Behördenwillkür darf sich nie
mehr wiederholen.
Zurzeit erfahre ich eine grosse
Genugtuung. An vielen Vor
trägen vor Schulklassen treffe
ich auf junge Leute, die sich
stark für Menschenrechte
interessieren.
In den letzten Jahren war es
für mich immer wieder
unerträglich. Manchmal wurde
ich fast aufgerieben zwischen
den Ansprüchen einzelner
Betroffener und der Behörden
am runden Tisch.
Ich war drauf und dran, alles
hinzuschmeissen. Aber ich
habe gelernt, dass Wut und
Schmerz ein fantastischer
Motor sein können, um sich
neu zu entfalten. Hass kann
dies nicht. Heute müssen wir
aufpassen, dass wir nicht
wieder neu stigmatisiert
werden. Offiziell nennt man
uns administrativ Versorgte.
Damit wird uns erneut ein
Stempel aufgedrückt, statt
dass der Fokus auf die Täter
gerichtet wird. Wir sind nichts
anderes als ehemalige
Behördenopfer.
Ursula Biondi: «Wir sind nichts anderes als Behördenopfer»
16 BEOBACHTER6/2008
FOTO:PRIVAT
BEHÖRDENWILLKÜR
ZuUrsulaBiondisasrErziehunginsGefängnisseinJahrlanginderStrafanstaltHindelbankhinterGittern–
ohneeineStraftatbegangenzuhaben.SosahderAmtsvormundschaftZürichaus.AufeineEntschuldigungwartetsiebisheute.vor40JahreneineErziehungsmassnahme
TEXT:DOMINIQUESTREBEL;FOTOS:URSULAMEISSER
Angeblichschwererziehbar:UrsulaBiondi
kämpftheutefürmoralischeWiedergutmachung.
UrsulaBiondiwischtsichdie
wegundschautaufdenTiTrsch,deränen
ten.«Wiesollicherklären,dassichimgrösstenFrauengefängnisderSchweizsassübersätistmitAktenundDokumen-
- WounddochkeineStrafgefangenewar?»hnungamZürichberggehtaufdieDerBlickausdemFensterihrer
Stadt,denSeeunddieGlarnerAlpen.derFensterfrontdiegrosseDachterrasse.IhreWohnunggleichteinemwarmenNest,Vor
vollerKissenunBiondihaErfolgreichen.tesgeschafft.HierwohnendidNippsachen.Ursulae
gangen;ichbinniewegeneinersolchenverurteiltworden»,sagtdi«Ichhabenieeinekriminellee58-jährigeehe-Tatbe-
maligeAngestellteeinerUno-Organisation.«AberichhabeeinJahrmeinesLebensdieZeitvom17.bis18.Lebensjahr–im–
FrauengefängnisHindelbankverbracht.»DortwurdesieaufGeheissderZürcherVormundschaftsbehördeversorgt–alsEr-
ziehungsmassnahme.GleichwieihrseiesdamalsHundertenvonFrauenergangen.«KeineBehördehatsichjeentschuldigtfür
dasLeid,dasmanunsangetanhat.»gesundhübschesMädchen.Ursulawareinunternehmungslusti-Vielleichtzu
unternehmungslustigundzuhübschfürdiesechzigerJahre.SiewächstinZürichundRapperswilineinfachenVerhältnissen
auf.IstdiezweitenischenSchweizeingewandertwarVaters,dessenUrgrossvaterindieTochtereinesitalie-,undeiner
SchweizerMutterBürgerrechtabgebenmusste.,diemitderHeiratihr
DasOpMit13verliebtsichUrsulaineinengleich-altrigenKnaben.Erdrängtsie,beeinflusstferwirdzurTäteringemacht
durchseineälterenKollegen,zumerstenSex,derschmerzhaftistundfolgenreich.EtwasBlutbleibtanseinemSlip,denerzu
HauseindenterstelltihnzurRede.Erweichtaus.DieMutterlässtdasBlutimLaboranalysieren.Wäschekorbwirft.DieMut-
Esstelltsichheraus,dassesnichtdasBlut