Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1

FOTO: PD, 123RF


Meldungen aus den USA über gravierende
Lungenprobleme durch E-Zigaretten
machen Angst. Sind Ihnen Fälle aus der
Schweiz bekannt?
Reto Auer: In Wissenschaftskreisen wird
viel darüber diskutiert. Meines Wissens
wurden in der Schweiz noch keine sol­
chen schweren Lungenprobleme ge­
meldet. Der Konsum von E­Zigaretten
(E ­Dampfern) nimmt in der Schweiz aber
stark zu, und so werden möglicherweise
auch solche Fälle auftauchen. Man weiss,
dass E ­Dampfen bei gewissen Benutzern
Asthmaanfälle auslösen kann. Auch Ver­
ölungen der Lunge wurden gemeldet,
besonders bei Personen, die die Geräte
exzessiv benutzen. Jetzt haben sich
Ärzte in den USA wegen auffälliger
Patienten an die Behörden gewandt,
und die klären nun die Ursachen ab.

Eine kalifornische Studie spricht zudem
von einem erhöhten Risiko von chroni-
schem Husten und Bronchitis durch
E-Zigaretten. Gibt es solche Fälle bei uns?
E ­Dampfer sind ein Gesundheitsrisiko,
zwar ein geringeres als normale Zigaret­
ten, aber ebenfalls ein Risiko. Im jetzigen
Umfeld kann man das sehr schwierig er­
forschen, weil der Markt total unreguliert
ist. Bei Medikamenten schaut Swiss­
medic Risiken genau an. Bei den E­Ziga­
retten gibt es keine solche Instanz.

Die grosse Frage ist, ob E-Zigaretten
der Einstieg zum Rauchen sind.
Wie beurteilen Sie das als Hausarzt?
Jeder zweite Raucher stirbt langfristig
am Tabak. Mein Ziel als Hausarzt ist, dass
die Leute nicht sterben. In der Hausarzt­
medizin gehen wir deshalb pragmatisch
vor. Rauchern, die schon alle möglichen
Rauchstopp­Methoden erfolglos auspro­
biert haben, empfehle ich E­Dampfer. Ich
habe festgestellt, dass viele eine deutli­
che Verbesserung ihres Gesundheits­

zustands erleben und später ganz auf­
hören. Mit E­Dampfern kann man das gut
steuern. Man dosiert nach dem Umstieg
von der Zigarette anfänglich das Nikotin
hoch und fährt dann langsam herunter.

Und als Einstieg zum Rauchen?
Ich sehe bisher eigentlich kaum Jugend­
liche, die über das Dampfen zum Rau­
chen gekommen sind. In den USA stellt
man fest, dass die Zahl Jugendlicher, die
Zigaretten rauchen, sehr stark abnimmt.

Stattdessen dampfen sie. Richtig gesund
ist das auch nicht.
Korrekt. Bei der neuesten Generation
E ­Zigaretten, wo Nikotinsalze verdampft
werden, wie bei der Marke Juul, muss
man am Anfang nicht einmal mehr hus­
ten. Bei den Geräten, die wir in unserer
Studie verwenden, husten hingegen we­
gen des Nikotins viele am Anfang. Bei der
neuesten Gerätegeneration kann man
also offensichtlich wesentlich höhere
Nikotinkonzentrationen einsetzen, ohne
dass die Nutzer einen Hustenreiz spüren.
Dadurch werden sie schneller süchtig.

Was muss man regulieren?
Frankreich hat als eines der ersten Län­
der gewisse Inhaltsstoffe verboten, etwa
Vanille­ und Zimtaromen. Von denen
weiss man, dass sie krebserregend sind.
Manche Liquid­Hersteller spielen aber
immer noch damit herum. Da braucht es
eine klare Regulierung. Bei den Geräten
ist es komplizierter. Wenn man dort re­
guliert, bekämpft man unter Umständen
Innovationen, die weniger Risiken für die
Benutzer bringen. Das Minimum wäre,
dass man Empfehlungen für den Ge­
brauch von E­Zigaretten und Liquids hät­
te. Zudem benötigen wir unabhängige
Analysen von Behörden, was bei E­Ziga­
retten zurzeit überhaupt rauskommt.
INTERVIEW: THOMAS ANGELI

ABHÄNGIGKEIT. Auch E-Zigaretten sind gefährlich, warnt Experte Reto Auer.
Er sieht aber auch positive Effekte und Chancen.

«Mit den neuen


E-Zigaretten wird man


schneller süchtig»


«In der
Schweiz
wurden
noch keine
schweren
Lungen­
probleme
gemeldet.»
Reto Auer ist Professor
für Hausarztmedizin
an der Universität
Bern. Er leitet eine
grosse Studie, die
herausfinden will,
wie wirksam und
sicher nikotinhaltige
E-Zigaretten bei der
Raucherentwöhnung
sind. Raucherinnen
und Raucher über 18,
die einen Rauchstopp
anstreben, können
sich informieren
und anmelden:
http://www.estxends.ch
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