FOTO: PRIVAT
E
s war ein Tintenfisch. In goldbrauner
Farbe, ich erinnere mich genau. Er
schlängelte sich an einer Betontreppe
hoch, seine Tentakel streckten sich
nach oben, als käme er aus dem Boden. Der
3-D-Effekt, die aufpoppenden Saugnäpfe auf
der Haut – Wahnsinn. Graffiti, wenn gut gemalt,
begeistern mich. Dabei hatte ich mit Sprayen
nie etwas zu tun. Jetzt bin ich Graffiti-Beauf-
tragte der Stadt Zürich.
Mein Job ist in dieser Form
einmalig in der Schweiz, viel-
leicht sogar in Europa. Die
Stelle wurde 1997 geschaffen,
weil es in der Stadt vermehrt
politisch motivierte Schmie-
rereien gab. Ich habe Facility
Management studiert. Heute
kümmere ich mich um Graf-
fiti, die auf städtische Ge-
bäude gesprüht wurden und
weggeputzt werden sollen.
Ich berate Bauherren und
Architektinnen, zeige ihnen
auf, was sie gegen Schmiere-
reien tun können.
Eigenes Schutzmittel. Mit ei-
nem bauphysikalischen Labor durfte ich sogar
ein eigenes Schutzmittel für Fassaden von his-
torischen Bauten mitentwickeln. Das war Pio-
nierarbeit. Meine Arbeit ist wortwörtlich bunt,
und sie ist abwechslungsreich. Sie sorgt für
Gesprächsstoff und wird wahrgenommen –
auch von den Sprayern. In den letzten 14 Jah-
ren wurde mein Name einige Male auf Zug-
waggons und Hauswände gesprüht. Einmal
sogar mein Gesicht: In A4-Grösse an der Fas-
sade des Amtshauses IV, mit Krönchen auf
dem Haupt. «Miss Graffiti» nannten sie mich.
So etwas nehme ich inzwischen mit Humor.
Es ist ein Spiel, das sich nur auf meine Rolle be-
zieht. Katz und Maus. Eine «never-ending love
story». Dabei führe ich keinen Kampf, ich bin
keine Jägerin, die durch die Strassen zieht, um
die Stadt vor Graffiti zu retten. Im Gegenteil: Ich
mag diese Form der Strassenkunst – solange
sie legal ist. Bei illegalen Sprayereien diskutiere
ich nicht. Bisher gab es nur drei illegale Graffiti,
die mich beeindruckten. Wie der Tintenfisch.
Er war wunderschön, aber er gehörte nicht auf
diese Treppe. Dass er weggemacht wurde,
ging dennoch nicht auf meine Kappe. Die
zuständige Abteilung der Stadt liess ihn ent-
fernen. Klar, Sprayen ist ein Teil der Jugend-
kulturgeschichte. Graffiti sind ein Stilmittel, das
längst Teil der Gesellschaft ist.
Schulden. Trotzdem ist das
Bemalen von Fassaden
Vandalismus. Wer das tut, ist
sich der Konsequenzen oft
nicht bewusst. Einmal hatte
ich einen verzweifelten Vater
am Telefon. Er hatte 30 000
Franken Schulden und fürch-
tete Privatinsolvenz, weil
sein Sohn beim Sprayen
erwischt worden war. Oder
einen frustrierten Hausbesit-
zer, der die Reinigungen im-
mer wieder selbst bezahlen
muss. Da bringen auch der
vermeintliche «Respect» und
der «Fame» nichts, die sich
ein Sprayer, eine Sprayerin einholen will.
Echten Respekt und Ruhm verdienen mei-
ner Meinung nach nur diejenigen, die echte
Kunst machen und wirklich etwas zu sagen
haben. Da gehören die illegalen Tags nicht
dazu. In der Stadt gibt es legale Flächen, auf
denen sich die Street Artists austoben kön-
nen. In Zürich ist das auf über 9000 Quadrat-
metern möglich. Die Badi am Oberen Letten
war 2006 die erste Fläche, die ich freigegeben
habe. Dort hielt ich dann zum ersten Mal
eine Spraydose in der Hand. Solche Projekte
nehmen dem Sprayen die Illegalität – und sie
spalten die Szene. Für viele ist der Kick weg.
Andere schätzen die Spots. Ich finde, ein
Graffiti hat weniger Qualität, wenn der Sprayer
mit einem Fuss auf der Flucht ist.
«Bei
illegalen
Sprayereien
diskutiere
ich nicht.
Das ist Van-
dalismus.»
Priska Rast, 44,
Graffiti-Beauftragte
PRISKA RAST von der Fachstelle Graffiti der Stadt Zürich hat einen Job, den es in Europa
wohl nur einmal gibt. Mitunter leistet sie sogar Pionierarbeit.
«Miss Graffiti» an der Fassade
des Amtshauses IV
«Ich mag Strassenkunst,
solange sie legal ist»
AUGENZEUGIN
AUFGEZEICHNET VON MELANIE WIRZ
FOTO: THOMAS EGLI