Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1

Unterschiede bei der Ökobilanz. Ge-
mäss der Stiftung Myclimate ist der
CO2-Ausstoss für die Strecke Zürich–
Mailand mit dem Flugzeug über
53-mal höher als mit dem Zug. Die
beste Ökobilanz haben Fussgänger.
Allerdings müssen sie für den Ausflug
nach Mailand etwas mehr Zeit ein-
rechnen. Zu Fuss braucht man rund
75 Stunden – für den Hinweg.


Ökologischer Fernbus. Anders sieht es
bei Zielen über 500 Kilometer Distanz
aus – was Preis und Zeitaufwand betrifft.
Die Zugfahrt von Bern nach Rom etwa
dauert 6,5 Stunden, nach London
8,5 Stunden, nach Wien 9 Stunden,
nach Barcelona fast 10 Stunden. Die
Kosten für weite Zugreisen können viel
höher sein als mit dem Flugzeug. Doch
die Preisspanne ist bei Flugtickets
einiges grösser als beim Zug. Je nach-
dem kann sich der Umstieg auf die
Schiene also dennoch lohnen.
Wer Geld sparen und trotzdem eini-
germassen ökologisch unterwegs sein
möchte, nimmt den Fernbus. Er ist
meist billiger als die anderen Verkehrs-
mittel und klar ökologischer als ein
Flug. Der Nachteil: Mit dem Fernbus
kann die Reise schnell deutlich länger
dauern als mit dem Zug – erst recht,
wenn es Staus auf den Strassen hat.
Wie man reist, wirkt sich auf die
CO2-Bilanz von Ferien dramatisch aus.
Reisen zum und am Ferienort sind für
90 Prozent der Gesamtbelastung des


Tourismus verantwortlich. Reisende
können sich an drei einfache Faust-
regeln halten, sagt Kai Landwehr von
Myclimate. Die erste ist: Das Flugzeug
ist immer die klimaschädlichste Opti-
on. Die zweite: Die Umweltbilanz wird
umso negativer, je mehr Platz und
Masse man für sich beansprucht. «Ein
voll besetztes Auto ist auch im Vergleich
mit einem normal ausgelasteten Bus
gut unterwegs. Als Einzelperson mehr
als eine Tonne Gewicht von A nach B
zu bewegen, ergibt hingegen nicht viel
Sinn», so Landwehr.
Wer zum Beispiel allein im Auto von
Zürich nach Mailand fährt, kommt auf
eine CO2-Belastung von über 93 Kilo und
fast so viel wie bei einem Flug. Fährt
man zu viert, ist man mit etwas über
23 Kilo CO2 pro Kopf weniger klima-
schädlich unterwegs. Landwehrs dritte
Faustregel lautet, dass man mit dem Zug
immer die beste Ökobilanz hat.

Hilfe im Labeldschungel. Doch nicht nur
Nachhaltigkeit ist relevant, auch gesell-
schaftliche und soziale Aspekte zählen,
sagt Therese Lehmann von der For-
schungsstelle Tourismus an der Univer-
sität Bern. «Als Reisender hat man sehr
viele Handlungsmöglich keiten. Etwa
indem man ein lokales Ökohotel wählt
und lokale Restaurants und Anbieter
unterstützt, statt das Geld in grosse
internationale Unternehmen zu ste-
cken.» Reisebüros geben oftmals
Angaben zu Labels und Qualitätsstan-

dards an. «Bei vielen wird deklariert,
dass beispielsweise nicht mit Unter-
nehmen zusammengearbeitet wird, die
Kinderarbeit unterstützen.» Man könne
sich aber auch im Internet informieren.
Die Website fairunterwegs.org gebe
Orientierung im Label-Dschungel und
helfe, die richtigen Anbieter zu finden.

Zu Hause bleiben? All das kann Reisen
nachhaltiger machen – nicht aber nach-
haltig. «Ökologisch gesehen ist Reisen
nie gut», sagt Stefan Forster, Professor
am Institut für Umwelt und Natürliche
Ressourcen an der Zürcher Hochschule
für Angewandte Wissenschaften. Aber
man könne Mobilität nicht aus unserer
Gesellschaft wegdenken. «Deshalb ist es
keine sehr realistische Forderung, dass
wir nun alle einfach zu Hause bleiben.»
Nachhaltigkeit habe sich in den
letzten 20 Jahren vom Nischenthema
zum Verkaufsargument entwickelt. Das
ist laut Forster ein grosses Problem.
«Nachhaltigkeit ist ein Konsumstil ge-
worden und damit genau das Gegenteil
von dem, was es eigentlich sein sollte:
Mass halten.» Denn Nachhaltigkeit
bedeute in erster Linie weniger von
allem. «Solange Überfluss sozial akzep-
tiert wird, weil er das Gütesiegel ‹nach-
haltig› trägt, ist das eben auch nicht
ideal.» Aber Bewusstsein für einen öko-
logischeren Lebensstil zu schaffen, sei
ein erster Schritt, und bis es zu Verhal-
tensänderungen komme, letztlich eine
Frage der Zeit, ist sich Forster sicher.

6000 Kilometer reisen
Schweizer jährlich mit dem
Flugzeug. Das muss nicht sein.


FOTO: KEYSTONE
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