Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1
FOTO: PRIVAT

(^) Konflikten wird um etwas Konkretes gestritten, bei Mobbing geht es um icht jede Gemeinheit unter Kin­dern ist Mobbing, und Mobbing ist kein normaler Konflikt. Bei
Macht. Weil bei einem Konflikt meistens nur wenige Kinder beteiligt sind, lässt er sich oft schnell lösen. Ausser er ist so gross, dass es den Kindern ohne ­
Hilfe von Erwachsenen nicht gelingt, ihn aus der Welt zu schaffen. Anders bei kleineren Konflikten. Sie können und sollen Kinder allein regeln. So lernen
sie, sich zu behaupten und ein gutes Selbstvertrauen aufzubauen. Das kann vor Mobbing schützen.
Wer mobbt?Beim Mobbing machen viele mit. Das mobbende Kind macht sich mit seinen
Taten in der Gruppe wichtig. Einige ha­ben Angst vor ihm, manche bewundern es. Mobbing funktioniert nur, wenn andere Kinder die Taten des Mobbers
gut finden, etwa indem sie über die ein­zelnen Mobbingsituationen lachen. Wenn ein Kind ein anderes gezielt
ärgert, die anderen in der Klasse dieses Verhalten aber ablehnen, hört dieses Kind schnell mit den Gemeinheiten auf. Viele Kinder lachen zwar nicht mit,
wenn ein Gspäändli gemobbt wird, sie nehmen das Opfer aber auch nicht in Schutz – und unterstützen mit ihrer
Passivität das Mobbing. Sie signalisie­ren dem Mobbenden, dass sein Verhal­ten in Ordnung ist. Warum stellen sich nicht mehr Kinder offen gegen den
Mobbenden? Weil sie Angst haben, das nächste Opfer zu sein.
Wie zeigt sich Mobbing?Es gibt viele Arten von Mobbing. Man­che Mobber schubsen das Opfer, schla­
gen oder bespucken es. Aber auch Be­schimpfungen, Drohungen, Erpressun­
gen können Mobbing sein. Oft machen Mobber Sachen kaputt, die ihrem Opfer gehören und die ihm wichtig sind. In all
diesen Fällen kennt das betroffene Kind den oder die Täter. Häufig verläuft Mobbing aber subtil. Die Kameraden des Kinds streuen Gerüchte, demütigen es ­
oder grenzen es aus. In diesen Fällen weiss das Kind nicht, wer hinter den Gemeinheiten steckt. Mobbing passiert ­
auch in den sozialen Medien – oft als Fortsetzung des Mobbings im Alltag. Besonders schlimm beim Cybermobbing: Viel mehr Leute erfahren davon, ­
und das Opfer entkommt den Gemein­heiten und Gerüchten auch zu Hause nicht. Kommt hinzu: Das Internet ver­
gisst nicht. Einmal gepostete Bilder sind auch Jahre später noch auffindbar. Das kompliziert etwa einen Schulwechsel.
Wer wird Opfer?Mobbing kann alle treffen. Mobbende wählen für ihre Angriffe meist die Per­
son, die ihnen am wenigsten gefährlich werden kann. Oft trifft es Kinder, die wenig Selbstbewusstsein haben oder
die nicht gut in die Klasse integriert sind. Kinder, die schon einmal gemobbt wurden, haben ein grösseres Risiko, er­neut zur Zielscheibe von Gemeinheiten
zu werden. Häufig geben Mobbende dem Opfer Schuld, dass es ausgewählt wurde. Sie sagen zum Beispiel: «Sie
trägt altmodische Kleider.» Oder: «Er verhält sich immer so seltsam.» Wichtig zu wissen: Das betroffene Kind ist un­schuldig, es wurde zufällig ausgewählt.
Und es kann sich nicht ohne Hilfe aus dieser Rolle befreien.
Was macht Mobbing so komplex?Am Mobbing sind viele beteiligt, und es findet im Verborgenen statt. Mobbing
zu erkennen ist nicht einfach. Studien zeigen, dass in vier von fünf Mobbing­
fällen die Lehrpersonen nichts davon mitbekommen. Das liegt auch daran, dass die verschiedenen Mobbingsitua­
tionen, wenn man sie einzeln betrach­tet, oft nicht als schlimm wahrgenom­men werden. Und es ist schwierig, zu erkennen, welche Rollen die Kinder
beim Mobbing haben. Mobbende sind sehr geübt darin, ihr Umfeld zu mani­pulieren. Oft können sie sich gut aus­
drücken und haben ein sicheres Auftreten. Nicht selten gelingt es ihnen, sich als Opfer darzustellen und das tat­sächliche Opfer zum Täter zu stempeln.­
Was sind die Folgen?Mobbing kann für Opfer fatale Folgen haben. Manche leiden jahrelang da­
runter. Doch auch Mobber kommen oft nicht unbeschadet davon. Studien zeigen, dass sie ein grösseres Risiko
haben, auf die schiefe Bahn zu geraten. Etwa indem sie kriminell werden oder Drogen konsumieren. Mobbende Mäd­chen laufen Gefahr, eine Beziehung ein­
zugehen, in der sie Gewalt erfahren. Es ist deshalb für Opfer wie Täter wichtig, dass Mobbing früh gestoppt wird.
Wie kann man Mobbing vorbeugen?Klare Werte helfen, vor Mobbing zu schützen. Am wirkungsvollsten sind
Klassenregeln, die die Kinder selber formulieren. Sie nützen aber nur etwas, wenn die Klassenlehrperson zusammen mit den Kindern regelmässig über­­
prüft, ob sie eingehalten werden. Auch Sozialarbeiterinnen, die eng mit den Lehrpersonen zusammenarbeiten,
können helfen, beginnendes Mobbing zu erkennen. Wichtig ist auch, dass Eltern und Kinder regelmässig über soziale Werte diskutieren. Darüber,
wie wichtig es ist, Rücksicht zu nehmen und schwächeren Mitmenschen Hilfe anzubieten.
SCHULE. werden, leiden lange unter den Folgen. Schulsozialarbeiter können die Pein beenden. Schubsen, sticheln, ausgrenzen – Kinder, die von ihren Gspäändli gemobbt
Psychoterror im
Klassenzimmer
64 Beobachter 17/2019
RATGEBER

Was hilft gegen Mobbing?Eines der bewährtesten Vorgehen bei Mobbing ist der No-Blame-Approach.
Bei dieser Methode wird niemand als Schuldiger geoutet und niemand bestraft. Der Ansatz verfolgt das Ziel, das Mobbing konsequent zu beenden. Die -
Person, die die Intervention durchführt – meist eine Schulsozialarbeiterin –, bildet eine Unterstützungsgruppe für
das gemobbte Kind. In diese Gruppe wird auch der Täter aufgenommen, allerdings ohne als solcher bezeichnet zu werden. Die Sozialarbeiterin spricht
nicht von Mobbing, sondern schildert, was ihr aufgefallen ist: dass es einem Kind nicht gut geht. Den Kindern in der
Unterstützungsgruppe erklärt sie, wes-
halb sie für die Gruppe ausgewählt wurden. Dem Mobber kann sie etwa sagen: «Ich habe dich ausgewählt, weil die anderen Kinder auf dich hören.» In der -
Gruppe überlegen die Kinder nun, was sie machen können, damit es dem ge-mobbten Gspäändli wieder besser geht, und sie formulieren Vorschläge. Sehr
oft hört das Mobbing danach auf.Was tun, wenn alles nichts nützt?
Kinder, die beim Mobbing mitmachen, erzählen lange niemandem davon, auch das Opfer schweigt in der Regel. Wenn Eltern vom Mobbing erfahren, ist
die Situation meist festgefahren. Für sie ist es enorm belastend, ihr Kind leiden zu sehen. Trotzdem sollten sie Kurz-
schlusshandlungen vermeiden, etwa das Kind überstürzt an einer Privatschule anzumelden – sie müssten sie selbst bezahlen. Wenn sie wollen, dass -
ihr Kind an eine andere Schule wech-selt, müssen sie die Schulbehörde von diesem Schritt überzeugen. Es hilft, wenn eine anerkannte Stelle, zum Bei-
spiel der schulpsychologische Dienst, dasselbe empfiehlt. Ordnet die Schul-behörde einen Wechsel an, muss sie die
Kosten der neuen Schule übernehmen. Falls sie so weit entfernt ist, dass das Kind nicht zu Fuss gehen kann, muss die Schulbehörde die Transportkosten
tragen. Bevor das Kind an der neuen Schule startet, sollte es das Mobbing verarbeitet haben – mit professioneller
Unterstützung. CORINNE STREBEL
Niemand will mit ihr spielen: Ausgrenzung gehört zu
den subtilen Mobbingarten.
Mobbingfakten„Rund 10 Prozent der Kinder werden im Lauf der Schul-
„zeit Opfer von Mobbing.Mobbing kommt auf allen Schulstufen vor. Am häu-
„figsten werden Kinder in der fünften und sechsten Primar klasse gemobbt.Mobbing findet über einen
„längeren Zeitraum statt und ist systematisch gegen eine Person gerichtet.Den Täter oder die Eltern
des Täters mit dem Mobbing zu konfrontieren verstärkt das Mobbing oft.
Buchtipps Françoise Alsaker:gegen Mobbing»; Hogrefe, 2016, 272 Seiten, Fr. 41.90 «Mutig
Heike Blum, Detlef Beck:«No Blame Approach»; Fairaend, 2019, 224 Seiten, Fr. 36.90
Beobachter-BuchKurt Albermann (Hg.): «Wenn
Kinder aus der Reihe tanzen. Psychische Entwicklungs-
störungen von Kindern und Jugendlichen erkennen und behandeln»; 2016, 408 Sei-
ten, Fr. 49.– (für Beobachter- Mitglieder Fr. 39.–).Beobachter-Edition, Telefon 058 269 25 03,
beobachter.ch/buchshop
Beobachter 17/2019 65
LESERFORUMLESERFORUM
Beim Fussballfeld Ipsach BE gibt es einen
eingezäunten, kostenpflichtigen Parkplatz mit
mehreren Feldern. Teils auf Kies, teils auf Rasen.
Eine wirkliche Abgrenzung dazwischen existiert
nicht. Für das Parkieren auf der Rasenfläche
erhielt ich nun eine Busse von 120 Franken, weil
das ohne Erlaubnis des Eigentümers verboten
sei. Woher soll ich das wissen, wenn doch das
ganze Gelände als Parkplatz eingezäunt ist?
Neben mir waren allein an diesem Tag noch
13 andere Autofahrer betroffen. Die Ge meinde
Ipsach beharrt jedoch darauf, die Abgrenzung
sei allein durch das unterschiedliche Terrain er-
sichtlich. Die Gesetzeslage sei klar, in der Regel
sei der Rasen auch mit einem Band abgesperrt.
Andreas Ruefer, Ipsach BE
Jedes Jahr lädt das Seniorenzentrum der Stadt
Zofingen uns Bewohner zu einer 1.-August-Feier
ein. Auch Pflegende sind dabei. Die aber sitzen
teils vor leeren Tellern, denn: Während wir einge-
laden sind, müssen sie für ihr Essen zahlen oder
selber etwas mitnehmen. Gleichzeitig richtet die
Stadt eine separate Feier aus, bei der alle gratis
bewirtet werden. Auch wenn das Geld dafür aus
einer anderen Kasse kommt, finde ich das be-
schämend kleinlich gegenüber dem Personal des
Zentrums. Geschäftsleiter Felix Bader erklärt:
«Die Mitarbeitenden sind bei der Feier im Rah-
men ihrer Arbeit dabei. Wer es einrichten kann,
darf mit den Bewohnern das Feiertagsmenü
zum vergünstigten Mitarbeiterpreis geniessen.»
Lydia Büchler-Karrer, Zofingen AG
Busse auf Parkplatz
ohne Grenzen
Pflegende müssen
selbst bezahlen


SO


NICHT! Gefreut? Geärgert?


Zuschriften bitte an:

Beobachter, Bravo/So nicht, Postfach, 8021 Zürich;

E-Mail: [email protected]

ten, kein Beton, grüne Wiesen, mit
Wind. Nur logisch, dass das die Hitze­
prognosen verfälscht.
Verena Lenz, Basel

Strategie entwickeln
Schule: Psychoterror im Klassenzimmer
(Nr. 17)
Meist kann und muss man das Kind, das
als Mobbingführer wirkt, wie auch seine
Eltern mit dessen Verhalten konfrontie­
ren. Wichtig ist, dass alle Beteiligten
eine Strategie entwickeln, wie sie beide
Kinder, das gemobbte und das als Täter
auftretende, unterstützen können. Ein
zu schneller Schulwechsel kann ins
Geld gehen und hat manchmal weit
schlimmere Auswirkungen. Das Kind
kann ihn als persönliches Versagen
empfinden, hält sich in der nächsten
Schule noch mehr zurück und erscheint
erneut als geeignetes Mobbingopfer.
Jürg Kollbrunner, Mamishaus BE

Kein Widerrufsrecht
Mons Solar: Geschäft an der Tür,
Drohung im Briefkasten (Nr. 16)
Der Artikel veranlasst uns zu folgenden
Klarstellungen: Der Kunde hat auf dem
Onlineportal Angaben für eine Offerte
ausgefüllt und ausdrücklich einen Be­
ratungstermin gewünscht. Vom Online­
portal ­Betreiber wurde er daraufhin
angefragt, ob er innert eines Jahres eine
Anlage zu kaufen beabsichtige, was er
bejahte. Ein Berater/Verkäufer der Mons
Solar AG erbat danach telefonisch wei­
tere Angaben für eine konkrete Offerte
mit diesem Ziel und vereinbarte auf
Wunsch des Kunden einen Besuchs­
termin. Die Vertragsanbahnung erfolgte
somit durch den Kunden, weshalb –
selbst wenn ein Haustürgeschäft vor­
läge – gemäss Artikel 40c Obligationen­
recht kein gesetzliches Widerrufsrecht
besteht. Mit dem Kunden wurde die
Offerte beim Besuchstermin eingehend

besprochen. Dem Kunden stand es da­
bei frei, den vorbereiteten Werkvertrag
zu unterzeichnen, abzulehnen oder
sich Bedenkzeit auszubedingen. Doch
auf das ihm vertraglich eingeräumte,
dispositive Rücktrittsrecht von sieben
Tagen verzichtete der Kunde ausdrück­
lich, damit mit den Arbeiten umgehend
begonnen werde.
Mons Solar AG, Diepoldsau SG

Nur die Liebe zählt
Psychologie: Mein Neffe heiratet
einen Mann – was soll ich tun? (Nr. 17)
Ist es nicht wichtiger, den Neffen glück­
lich zu sehen, als sich Gedanken da­
rüber zu machen, was man tun sollte?
Liebe kennt keine Norm. Was zählt,
sind Respekt und Liebe und nicht das
Geschlecht der Partner.
Denise Hochstrasser, via Social Media

Man kann mit vielem Mühe haben, aber
wenn Sie sich da schon Gedanken da­
rüber machen, was «im Bett» passiert,
dann müssten Sie noch mit ganz ande­
ren Leuten viel mehr «Mühe» haben.
Birgit Schwager, via Social Media

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Mobbing:

«Einen zu
schnellen
Schulwechsel
kann das Kind
als persönliches
Versagen
empfinden.»
Jürg Kollbrunner, Mamishaus BE
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