Das Goldene Blatt - 29. Juli 2019

(Jeff_L) #1
durchs Abi gerasselt. Und er war
auch während der Hamburg-Reise
immerzu an ihrer Seite.“
„Aber?“, hakte Svenja nach.
„Er hat in den Sommerferien
nach unserer Klassenfahrt geheira-
tet. Wir wussten das, und ein paar
von uns Mädels, auch Gabi, haben
vor der Kirche gewartet. Wir waren
halt total neugierig auf die Braut
und ihr Kleid ... Also, zum einen
haben er und seine Frau sehr ver-
liebt und glücklich gewirkt, und
zum anderen hat sich Gabi mit kei-
ner Regung irgendwie auffällig be-
nommen. Wenn er wirklich dein
Vater wäre, hätte ihr das doch was
ausgemacht – man hätte es doch
merken müssen, oder?“
„Vermutlich schon“, gab Svenja
zu. „Aber war sie eine erstklassige
Schauspielerin, wenn es darum
ging, ihre Gefühle zu verstecken.“
„Stimmt. Wie schon gesagt, Vi-
sier runter, Klappe zu.“
„Hast du die Namen oder gar
Adressen von Martin, Rudolph und
Friedolin Ansmann?“
„Ansmann ist damals ans Luit-
pold-Gymnasium gewechselt. Dort
ist er soweit ich weiß immer noch.
Die Nachnamen und Adressen von
Martin und Rudolph stehen auf der
Liste für unsere Klassentreffen.
Die schicke ich dir per E-Mail.“
Nachdem sie aufgelegt hatte,
ließ sich Svenja das alles gründlich
durch den Kopf gehen und kam zu
dem Schluss, dass am ehesten Frie-
dolin Ansmann als ihr Vater in Be-
tracht kam. Vermutlich war es nur
ein Ausrutscher gewesen. Ein jun-
ger Lehrer, der bald heiraten wür-
de, und eine Schülerin – das wäre
ein Skandal gewesen! Mit derarti-
gen Schlagzeilen an die Öffentlich-
keit gezerrt zu werden, das hätte

ihre Mutter niemals ausgehalten.
Lieber kein Wort darüber verlieren
und das Kind allein großziehen.
Friedolin Ansmanns Adresse
hatte sie schnell herausgefunden.
Sie setzte sich ins Auto, fuhr hin
und parkte in der Nähe seines Hau-
ses. Es war ein altes, nach dem
Krieg renoviertes Einfamilienhaus
in einem Vorort von München.
Sie hatte es kaum ein paar Mi-
nuten beobachtet und überlegte
gerade, ob sie klingeln sollte, als
ein junger Mann ihres Alters aus
dem Haus trat und die Tür hinter
sich zuzog. Im ersten Moment
glaubte sie, Friedolin Ansmann vor
sich zu haben, denn er sah genau
aus wie auf dem Foto. Aber dann
fiel ihr ein, dass der Lehrer ja be-
reits Anfang sechzig sein musste.
Der dort war vermutlich sein Sohn.

Svenja nahm eine


Krawatte. „Zu Ihren


Augen passt diese!“


Schnell stieg sie aus und folgte
ihm. Zwei Straßen weiter betrat er
eine kleine Boutique, in der es nur
Krawatten gab. Durchs Schaufens-
ter sah sie, dass die Verkäuferin mit
einer Kundin beschäftigt war und
er sich deshalb allein umsah.
Sie zögerte nicht, ging hinein,
stellte sich in seine Nähe und tat,
als suchte sie ebenfalls nach einer
Krawatte. Als er eine fliederfarbene
in die Hand nahm, deutete sie auf
eine taubenblaue, die daneben lag
und sagte: „Nehmen Sie die, die
passt wunderbar zu Ihren Augen.“
„Ach!“ Neugierig sah er sie an.
„Sie kennen meine Augenfarbe?“,
meinte er mit einem Schmunzeln.

Svenja wurde rot. Sie realisierte,
dass ihr Vorpreschen wie eine An-
mache auf ihn wirken musste. „Ich
bin Raumausstatterin von Beruf,
mit Farben umzugehen ist mein
täglich Brot“, tat sie gleichgültig.
„Und jetzt suchen Sie nach einer
Krawatte für einen Kunden, die zu
seinem Interieur passen soll?“ Sein
Lächeln wurde noch breiter.
„Ich suche ein Geschenk für
einen Freund“, schwindelte sie.
Er nahm die taubenblaue in die
Hand, trat vor einen Spiegel und
hielt sie sich vor. „Sie haben recht“,
bestätigte er. „Sie passt zu meinen
Augen. Allerdings suche ich eine
Krawatte für meinen Vater.“

̈


„Und der hat braune Augen?“
„Nein, er hat die gleiche Augen-
farbe wie ich!“ Er lachte herzlich.
Die Verkäuferin hatte ihre Kun-
din inzwischen verabschiedet und
trat auf die beiden zu. „Kann ich
Ihnen behilflich sein?“
„Danke, ich habe meine Wahl
bereits getroffen“, sagte Ansmann,
wobei er Svenja in die Augen sah
und lachte. „Und für welche Kra-
watte entscheiden Sie sich?“
Svenja griff nach der Fliederfar-
benen, die er zuerst in der Hand
hatte. „Für die.“ Jetzt lachte sie.
„Dann ging es Ihnen also nur um
diese Krawatte? Deshalb sollte ich
eine andere nehmen?“ Theatralisch
warf er beide Hände in die Luft.
„Wer nur einmal einer Frau ver-
traut, ist auch schon verloren!“
Mit Unschuldsmiene sah sie ihn
an. „Sie scheinen ja sehr schlechte
Erfahrungen gemacht zu haben.“
Svenja folgte der Verkäuferin zur
Kasse und bezahlte 75,90 €. Dabei

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en Vater kennenlernen

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