Reader\'s Digest Germany - 08.2019

(Elliott) #1
08.2019 reader's digest 37

liegen viele lebenswichtige Organe,
und infolge der Beckenverletzungen
konnten die Ärzte die inneren Blu-
tungen nicht stoppen.
Zu alledem war meine Oberschen-
kelarterie durchtrennt. Das Blut lief
vom Transfusionsbeutel in meinen
Arm und unten wieder aus mir heraus.
Das Blutvolumen eines Erwachsenen
beträgt vier bis sechs Liter. An diesem
Tag benötigte ich 37 Liter Vollblut.
Einige Male hatte mein Herz nicht
mehr genügend Blut zum Pumpen.
Dennoch durfte Sean zu mir auf
die Intensivstation. Ich hatte Schläu-
che in Mund und Nase, war blutver-
schmiert, alles war geschwollen. Mein
Bauch war so aufgebläht, als bekäme
ich demnächst Drillinge. Sean nahm
meine zerschundene Hand behut-
sam in seine. Er hatte sich kaum ne-
ben mich gesetzt, als eine Schwester
frische Blutflecken an meinem OP-
Hemd entdeckte.
„Ihre Frau muss noch einmal ver-
sorgt werden. Gehen Sie bitte sofort!“,
sagte sie streng. Sean küsste meine
Stirn und sprach ein kurzes Gebet, be-
vor er zurück in den Warteraum ging.

M


ein labiler Zustand veran-
lasste die Ärzte, mich in ein
künstliches Koma zu verset-
zen. Dabei werden Stoffwechsel und
Sauerstoffbedarf des Gehirns gedros-
selt, um die Schädigung der Nerven-
zellen durch einen zu hohen Hirn-
druck zu verhindern oder wenigstens
zu reduzieren.

Rettungsdecke aus dem Verbandskas-
ten seines Autos. Er brüllte Anweisun-
gen: „He Sie, halten Sie den Verkehr
an! Sie stützen ihren Kopf, er darf nicht
bewegt werden. Und Sie nehmen das
hier, um ihren Bauch abzudecken.
Großer Gott. Halten Sie durch!“
Der Rettungswagen mit drei Sanitä-
terinnen traf ein. Sie rollten mich vor-
sichtig auf eine Schaufeltrage. Später
erfuhr ich, dass es für eine von ihnen
nicht nur der erste Tag im Rettungs-
dienst, sondern der erste richtige Ein-
satz überhaupt gewesen war.

K


napp 20 minuten dauerte die
Fahrt ins Krankenhaus. Man
brachte mich auf die Unfall-
station, wo Ärzte und Schwestern
während der nächsten acht Stunden
um mein Leben ringen sollten. Mehr-

mals blieb mein Herz stehen, immer
wieder wurde ich reanimiert und zu-
rückgeholt. Unfallchirurgen säuberten
meine Wunden von Steinen, Sand und
Schmutz.
Ich hatte tiefe Verletzungen am
Bauch und am Rücken, mein Becken-
knochen war gebrochen. Im Becken

MEHRMALS BLEIBT
MEIN HERZ STEHEN,
IMMER WIEDER
WERDE ICH
REANIMIERT
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