08.2019 reader's digest 39Personal stellte ihm ein Bett in den
Aufenthaltsraum. Nach einer Woche
fuhr er das erste Mal nach Hause,
aber er hielt es ohne mich nicht aus.
Er weinte in der Dusche und wollte
erst wieder zu Hause schlafen, wenn
ich mitkommen durfte.
Ende Oktober begann das Ärzte-
team, meine Medikamentendosis
zu drosseln. Sie wollten sehen, ob
und wie ich reagierte. Drei Tage lang
wurde zunächst das Beatmungs-
gerät mehrfach an- und ausgeschal-
tet, um zu testen, ob meine Lungen
wieder selbstständig arbeiteten. Am- Oktober, drei Wochen nach mei-
ner Einlieferung, entfernte man den
Atemschlauch. Damit meine Lungen
wieder richtig arbeiteten, mussten die
Betäubungsmittel reduziert werden.
Dies hatte zur Folge, dass ich wieder
zu mir kam.
Meine erste Erinnerung nach dem
Erwachen aus dem Narkoseschlaf ist,
wie Sean an meinem Bett steht. Auch
ein Arzt war anwesend, also musste
ich mich in einem Krankenhaus befin-
den. Schließlich entdeckte ich meine
Eltern am anderen Ende des Zimmers.
Ich wollte etwas zu Sean sagen, aber
meine Stimmbänder waren verküm-
mert. Meine Lippen formten die Frage:
„Seit wann sind meine Eltern hier?“
„Sie sind übers Wochenende her-
gekommen, um dich zu besuchen“,
antwortete er.
„So schnell?“
Ich dachte, der Unfall sei gerade
erst passiert, darum wunderte ich
mein Blutdruck in solchen Situatio-
nen in die Höhe, und mein Gesicht
verzog sich zu einer Grimasse. Auch
in diesem Zustand spürte ich den
Schmerz, aber weil mein Gehirn ihn
nicht einordnen konnte, interpretierte
es ihn als das einzig Naheliegende –
einen Angriff, einen Überfall.
Selbst ein künstliches Koma kann
den Schmerz nicht ganz ausschalten.
Allerdings lässt er sich so weit kontrol-
lieren, dass ein schmerzbedingter töd-
licher Schock vermieden wird. Aber
auch eine zu hohe Medikamenten-
dosis kann lebensgefährlich sein.
Für die Ärzte ist es eine Gratwan-
derung. Der Patient wird in einen
künstlichen Dämmerzustand ver-
setzt, in dem das Gehirn trotz allem
versucht, einen Sinn herzustellen. Es
ist nicht vergleichbar mit einem rich-
tigen Koma, bei dem der Patient über
längere Zeit das Bewusstsein vollkom-
men verliert und das Gehirn auf null
zurückgesetzt wird. Es ist eher eine
Art tiefer Traum, in dem der Patient
Teile seiner Umgebung wahrnimmt.
Sean wachte immer an meiner
Seite. Er erzählte mir, dass ich die
Augen zusammenkniff, wenn die Ver-
bände gewechselt wurden. Ich riss
den Mund auf, ohne dass ein Ton he-
rauskam. Es sei furchtbar gewesen,
meine Schmerzen und Hilflosigkeit
mitanzusehen, sagte er. Er konnte nur
sanft auf mich einreden, mich strei-
cheln und bei mir bleiben.
Eine Woche lang harrte er nach
dem Unfall im Krankenhaus aus, das