Der Spiegel - 07.03.2020

(Ben Green) #1

sie, es seien russische Kampfflugzeuge ge-
wesen, die im Sommer 2019 zwei verhee-
rende Attacken auf einen Markt in Maarat
al-Numan und auf eine Gruppe von Zivi-
listen auf freiem Feld geflogen hatten, bei
denen 63 Menschen zu Tode kamen.
Welches strategische Interesse treibt
Putin? Laut dem offiziellen Mantra aus
Moskau bekämpfe man ausschließlich Ter-
roristen, greife selbstverständlich keine
Zivilisten an. Doch die aufmerksamen
Beobachter in Moskau mussten in diesen
Tagen nur Europas Reaktionen auf Er-
doğans Bruch des Flüchtlingsabkommens
verfolgen, um das Potenzial der Destabili-
sierung zu erkennen. Kaum waren die ers-
ten paar Tausend Flüchtlinge an die tür-
kisch-griechische Grenze gefahren worden
und hatten andere im Schlauchboot gen
Griechenlands Inseln ablegen dürfen, ge-
rieten EU-Politiker in größte Nervosität.
Es rächte sich, dass aus dem Exodus von
2015 in der EU nie jemand die Konse-
quenz gezogen hat, die Ursachen der
Flucht zu bekämpfen, anstatt nur die
Fluchtrouten zu schließen.
Der Ex-Weltbank-Berater und Analyst
des Global Public Policy Institute, Tobias
Schneider, hat aus Jahren in Hintergrund-
runden europäischer Außenpolitiker das
Fazit gezogen: »Die Lage in Syrien wird
nur noch als Grenzschutzproblem verstan-
den, nicht als außenpolitisches, strategi-
sches. Die Zusammenarbeit mit der Türkei
und höhere Zäune«, das sei alles.
Die Welt schaut der »fürchterlichsten
Horrorgeschichte des 21. Jahrhunderts«
weiter zu, wie Uno-Nothilfekoordinator
Mark Lowcock sie bezeichnet hat.
Am Montag erwähnte Bundeskanzlerin
Angela Merkel, man brauche in Nordsy-
rien »im Grunde eine geschützte Zone«.
Doch ihre stellvertretende Regierungsspre-
cherin stellte am Mittwoch klar, was ge-
meint sei: »Es geht nicht um eine Schutz-
zone als terminus technicus«, sondern um
eine Versorgungszone – sofern Russland
und die Türkei zustimmten.
Doch auf Bitten und Besorgnis hat Putin
in den vergangenen Jahren keine Rück-
sicht genommen. Wenn Europa die Millio-
nen Bedrängten nicht tot oder bald auf
dem Weg nach Europa sehen möchte,
müsste die Europäische Union endlich han-
deln: und tatsächlich Idlib zur Schutzzone
machen. Zusammen mit Erdoğan.
Zudem mit eigenen Truppen. Mit Sank-
tionen gegen Russland, die den Preis in
die Höhe treiben, Assads Feldzug voran-
zutreiben, der wohl auch von diesem Waf-
fenstillstand nicht aufgehalten wird.
Das mag in der gegenwärtigen Debat-
tenlage illusorisch klingen. Aber die An-
nahme, das drohende Unheil einfach igno-
rieren zu können, ist illusorischer.


Christoph Reuter

83

Flexibel bleiben.


Lesen Sie den SPIEGEL,


solange Sie möchten.


Frei Haus.
Der SPIEGEL jede Woche direkt nach Hause
4 % sparen.
Für nur € 5,10 pro Ausgabe statt € 5,30 im Einzelkauf
Ohne Risiko.
Jederzeit kündbar, Urlaubsservice möglich

Vergünstigte Tickets.
Für ausgewählte SPIEGEL-Veranstaltungen
auf http://www.spiegel-live.de

oder telefonisch unter 040 3007-2700
(Bitte Aktionsnummer angeben: SP-FLEX)

Einfach jetzt anfordern:


abo.spiegel.de/flexibel


Keine


Mindest-


laufzeit

Free download pdf