Neue Zürcher Zeitung - 03.04.2020

(Tina Meador) #1

cenzuprofitieren. Daserklärt auch dasPara-
dox, weshalbinEuropa, indenUSA undin
Japantrotz dertiefenArbeitslosenraten nie-
mand zufriede nist.


Wielässtsich diesesProblemlösen?
DieSchweiz istein gutesVorbild,denn
Prinzipienwie Dezentralisier ungund Subsi-
diarität habenausmeinerSicht einenhohen
Wert.Klar, mankannein politischesSystem
nichteinfachaufein anderesLandübertra-
gen. DieVorteiledezentralisierter Struktu-
renwurdeninden letztenJahrzehnten aber
zu wenigbeachtet. Zu viel Machtist heutein
politischenZentren wieBrüssel, nationalen
Hauptstädten undinternationalen Organi-
sationenkonzentriert. Damitfragtsich, in
welchenKompetenzbereichen essich lohnt,
mehr Verantwortungandie Gemeindenzu
übertragen undneueInstitutionendortzu
schaffen, wo diebetroffenenLeute leben.


Wassinddie Vorteile davon?
Es magseltsam erscheinen, dass ichineiner
globalisierten Welt Lösungenauf derEbene
desGemeinwesens suche. VieleMenschen
glauben heute, dass sienichtsbewirkenkön-
nen. DasGemeinwesenkannuns deshalb
nichtnur eine Identität, sondern auch ein
Gefühl vonMitbestimmung geben.Gegen
ökonomischeKräfte lässtsichzwarwenig
ausrichten.Ineiner Gemeinschaftkönnen
wirihnen aber besser begegnen, sodass die
Herausforderungender Globalisierung we-
nigergross sind.Esgehtalsodarum,wie wir
alle drei Pfeilerunserer Gesellschaft stärken
können: dasGemeinwesen, gutfunktionie-
rende Märkte undeinen modernen Staat, der
denBürgern genügend Freiraum lässt.


Wielässtsich dasbewerkstelligen?
Es geht darum, dieWirtschaft in zurückge-
bliebenenRegionenzurevitalisieren. Dafür
muss eine Gemeinde fürInvestore nattrak-
tivsein. Eine wichtige Rollespieltdie Inf-


rastruktur.Inden USAzum Beispiel gibt es
noch immerWohngebiete ohne Breitband-
anschluss.Ebenso wichtigist,Interesse an
sozialemEngagementzuwecken. Packtman
es richtigan, entsteht einpositiv er Kreislauf,
in demimmer mehr Firmen in dieGegend
ziehen,die Menschen bessere Arbeitfinden,
soziale Proble menachlassen unddie Ge-
meinde zu einembeliebten Wohnortwird.

Undwie lässt sich vordiesemHinter-
grundeineglobale Bedrohungwieeine
Pandemie am besten entschärfen?
In gewisser Hinsicht istdas Coronavirus
eine soziale Krankheit, diewir alsGemein-
schaftambestenbekämpfen können. Jeder
trägtVerantwortung,weileineAnsteckung
auch Folgen fürdie andereninunseremUm-
feld hat. Dasbedeutet, dass wiruns alle tes-
tenlassenmüssen und–wennder Befund
positivausfäll t–unsfür dienotwendigeZeit
in Quarantäne begeben.Werhingegenkein
Gefühl fürdas Gemeinwesenhat,dem istes
ehergleichgültig, wenn er andere Menschen
ansteckt,was zentralisier te undautoritäre
Massnahmen erforderlich macht.

Waskönntedie Pandemie fürdie Globali-
sierung bedeuten,der immermehrMen-
schenkriti schgegenüberstehen?
Negative Effekte sind denkbar. Tatsache ist
aber auch,dasssichkeinLandinSicherheit
wiegen kann,wenndas VirusinChina,Iran,
ItalienoderSpanien wütet. Vernünftige Si-
cherheit svorkehrungensindnotwendig.
Schutzwällehochzufahren, bringt jedoch
wenig, denn dasVirus wird immereinen
Schlupfweg finden. In derglobal vernetzten
Welt vonheute brauchen wirintegrierte Lö-
sungen.Dasheisst,wirmüssen im Kampf
gegendas Virusauchden LändernAfrikas
helfen, diemedizinisch unzureichendaus-
gerüstet sind.Das hatberei ts derAusbruch
vonEbola gezeigt. Obschondie Versuchung
grossist,uns vonanderenLändern abzu-
riegeln, verspricht einglobaler Ansatz mehr

Erfolg, weil sonstimmer wieder neueKri-
senherde ausbrechen.

Wiegrossist dasRisiko einerglobalenRe-
zession?
EinAbschwungist wahrscheinlich,das
Ausmassaber unklar .Die Ausbreitungdes
Viruszuverlangsamen, istwichtig.Eben-
so bestehtdie Gefahr,dassUnternehmen
in KonkursgehenundArbeitsplätze verlo-
rengehen.Umsomehrbrauchtes gezielte
Massnahmen zurVerhinderungeiner Welle
vonKonkursen,besonders bei kleinenund
mittelgrossen Unternehmen. Istdas Virus
einmal gestoppt,kommtes darauf an,dass
dieMenschenVertrauen gewinnen, wieder
arbeitenund konsumieren.In dieser Phase
sind fiskal- undgeldpolitisch eImpulseam
wirksamsten. Vorersthat aber derKampf
gegendas Viruserste Priorität.

«ZuvielMacht ist

heuteinpolitischen

Zentrenwie

Brüssel, nationalen

Hauptstädten und

internationalen

Organisationen

konzentriert»

WelcheDimensionen könnteeineRezes-
sion im Vergleich zurFinanzkrisevon
2007/08annehmen?
Kategorischlässt sich dasschwersagen.
Dasgrösste Risiko istein Teufelskreis,bei
demdie Konjunkturschwächedie Probleme
im Kreditsektor verschärft,was dann wie-
derumdie Wirtschaftzusätzlichbelastet,

sodass dieVerunsicherung an denFinanz-
märktennochmehrwächst. Wenn sich die
Lage in einigenWochenentschärft,sicheine
Rückkehr zurNormalitäterkennenlässt und
derKonsumnichtallzu starkbeeinträchtigt
wird,könnten wirimspätere nJahresverlauf
eine kräftigeKonjunkturerholungerleben.
Darauf hoffen wiralle. Setztsichder Ab-
schwungaber längereZeitfort, undleidtra-
gendePersonen undFirmenerhaltenkeine
Direkthilfe, trüben sich diePerspektiven
weiterein.

Freitag, 3. April 2020 themarket.ch^15


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«Aufder JagdnachRenditehaben sich die Investoren tiefer undtieferindie Niederungen desKreditmarktes begeben.Niemand wollteetwas verpassen.»


Quelle: BCAResearch
3937 000000 000 $ DerUmfangder 2020weltweit bereitsbeschlossenenfiskalischen Stimulus massnahmen.
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