Frankfurter Allgemeine Zeitung - 24.02.2020

(Wang) #1

SEITE 12·MONTAG,24. FEBRUAR2020·NR.46 Feuilleton FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG


Wenn Cowboys auf der Leinwand mitein-
ander kämpfenund Regisseuredas fil-
men, dannfließt oftBlut, dann klirren
Scheiben,werden Waffen gezogen. InKel-
ly ReichardtsFilm gehen die Männer zum
Prügeln nachdraußen und lassen ihr Baby
im Saloon auf der Thekestehen. Zeigt sich
so einweiblicher Blickauf das Genre? Je-
denfalls macht dieser späteWestern, der
auf einem HandelspostenAnfang des
neunzehnten Jahrhunderts im wilden Ore-
gon spielt, früh deutlich, dassernicht
groß auftrumpfen und besondereHärte
zeigen muss, um seinenStand und seine
Spannung zu behaupten. Gewalt steht
hier immer nur inAussicht, mussnicht ef-
fektvollvorgeführtwerden. Mut beweist
sichnicht durch Schusswaffengebrauch,
sonderndurch das nächtliche Melken ei-
ner einsamenKuh.
„Fir st Cow“ erzähltvoneiner Freund-
schaf tzwischen zweiAußenseitern. Coo-
kie, ein sanfterKoch aus Maryland, trifft
beim Pilzesammeln auf King-Lu, einen
chinesischen Seemann auf der Flucht.
Später treffensie sic hwieder,injener
Kneipe,vorder sic hdie Männer schlagen.
In einer kleinen Hüttevor denTorenzie-
hen sie zusammen und beginnen ein Le-
ben –Cookie pflückt Blumen, King-Lu
schlägt Holz,gemeinsam träumen sievon
einer besserenZukunft. Für einen Mo-
ment istunentschieden, ob das zwischen
ihnen nicht aucheine Liebesgeschichte
werden könnte, dann bekommt der Han-
delspostenchef eineKuh, und die beiden
entwerfeneinen wagemutigen Wirt-
schaftsplan: Mit der Milch, die sievon
dem ruhigenTier nachtsstehlen, bäckt
Cookie Butterkekse, die ihnen auf dem
Marktvonden Biberpelzjägernaus der
Handgerissen werden. Selbstder Leiter
des Handelspostens is tbegeis tert und
schmecktfern der zivilisiertenWelt einen
„Hauchvon London“.
Als er dann dochentdeckt, dassdie bei-
den heimlichseine Kuhmelken, beginnt
die Jagd auf die zwei einsamen Glücksrit-
ter, die einander dasgeworden sind,was
niemand hier kennt:Freunde.Füralle

Zeit. KellyReichardtgelingt mit „First
Cow“ Außergew öhnliches: EinFilm, der
getragen wirdvon sanfter Spannung. Eine
große Ruhe liegt über dem Geschehen,
die Bilder fügen sichwie in RobertAlt-
mans „McCabe &Mrs. Miller“zwanglos
aneinander.Die wildwüchsigeNatur tritt
in ihrergleichgültigen Schönheit auf: eine
Eule auf dem Ast,Ste rneamHimmel,
Milch, die in eine Schüssel schießt.Wenn
das Wort nicht so missbrauchtwäre,wür-
de manReichardts Blickauf das Land
gern romantisch nennen und die Gesich-
tervon John Magaround Orion Lee, wie
sie innigesZutrauen zueinander spiegeln,
edel und schön.
Andersgesagt:Das sind zwei Helden
für unserebindungsgestörte Zeit. Man
schaut ihnen auchdeswegen sehnsüchtig
zu, weil sie so selbstverständlichbeieinan-
der bleiben, niemalsetwasfestlegen müs-
sen oder nach Erklärungen suchen.Nur
einmal umarmen sie sichkurz, aber in die-

ser plötzlichen Umarmung liegt dieganze
Freiheit,von der wir so träumen.Unfrei je-
denfalls ist,werenttäuscht zählen muss,
wievieleFrauen indiesemFrauenfilmauf-
treten: nämlichfastkeine. Wernicht er-
kennt, wasfür eine emanzipatorischsinnli-
cheKraft in diesem Spätwesternliegt, der
soll in seinenFesseln bleiben.
Das Amerikavon gestern, das Amerika
vonheute: „One of These Days“heißt ein
Film, der in derPanorama-Sektion läuft
und vielvonsichreden macht.Ineiner
Kleinstadt in Ost-Texas, wo der Autopark-
platz vordem Outle tStore unddie Gegen-
sprechanlagen bei denDrive-ins diewich-
tig sten Knotenpunkteder Vergesellschaf-
tung bilden, hat sichdie örtliche Kfz-
Händlerin ein öffentlichkeitswirksames
Gewinnspiel ausgedacht:Zwanzig per
Los bestimmte Kandidatinnen undKandi-
daten bekommen jedes Jahr die Chance,
einen nagelneuen Truckzugewinnen.

Weramlängstenmit beiden Händen auf-
gestützt amAuto stehenbleibt, wirdsein
neuer Besitzer.Eine GruppevonGlücks-
ritternversammelt sichalso um den blau-
en Truckund legt ihm die Hände auf;von
der Bibelleserin über den dunkelhäutigen
Hutträger und musikvernarrten Yuppie
bis zumvorlauten Collegejungen und ar-
beitslosenJungvater isthier fast die ge-
samteBreiteder Gesellschaftvertre ten.
Wiebei einer peinlichen Dinnerpartyste-
hen sie dicht beieinander,haben sichaber
nichts zu sagen. Klar wirdnur,dassder
Jungvater den Gewinn am nötigstenhat.
Verbissen ehrgeizig gibt er sichvon Be-
ginn an,während die anderen nochSpä-
ße machen. Je mehrStunden undTage
vergehen, desto mehrKandidatengeben
auf, erliegen Schwächeanfällen, schlagen
aufeinander ein.
Wasals spaßige, live übertragene Unter-
haltungsshowbegann, entpupptsichbald
als grausamer Menschenversuch, derkata-
strophale psychischeVersehrungen an-
richtet. Der Menschwirdhier zum uner-
bittlichenWettbewerber,dem seineWil-
lensfreiheitnur suggeriertwird. Irgend-
wann sagt einerzum verzweifelten Jungva-
ter: „Egal, ob dugewinnstoder nicht, du
wirst immer der Loser sein, der sichkein
Auto leistenkonnte.“ Bei ihm, derFreun-
din und Kindversprochen hat, zugewin-
nen, brennen schließlichalle Sicherungen
durch,und er bringt das böse Spiel zu ei-
nem tragischen Ende.
UnterBastian Günthersanwahren Er-
eignissen orientierterRegie istsoein Por-
trät der amerikanischen Gegenwart ent-
standen, einefilmische Metapher auf den
Wahnsinn desWettbewerbs, bei dem alles
Mitgefühlverlorengeht und nur nochdie
Schadenfreude über das Scheiternder an-
deren übrig bleibt.Der amerikanische Sü-
den erscheint in „One of These Days“als
ein Ort, an dem heutedieselbenTräume
vonFreiheit geträumtwerden wievorgut
zweihundertJahren imWilden Westen.
Wasdamals eineKuhwar,ist heutedas
Auto:Aufstiegsversprechen für dieAbge-
stiegenen, letzter Hoffnungsschimmer für
die Gedemütigten. SIMONSTRAUSS

F


ür mancheRegisseuresind die
BerlinerFilmfestspiele eine Art
Relegationsrunde. Der Italiener
Matteo Garrone beispielsweise
warzuletzt mit jedem seiner Filme in
Cannes, für „Gomorrha“ bekam er dort
vorzwölf Jahren den Jurypreis. Jetzt läuft
Garrones „Pinocchio“ jenseits des Berlina-
le-Wettbewerbs in der „Special“-Reihe des
Festivals, und damit istder Film nochgut
bedient.Denn Garrone hat Carlo Collodis
unsterbliches Kinderbuchsolieblos bebil-
dert, dassman sic hfragt, wasihn an die-
sem dutzendfachverfilmtenStoff interes-

sierthat.Die Besetzungkann es jedenfalls
nichtgewesen sein, dennRoberto Beni-
gni, der den Geppetto spielt, hatvoracht-
zehn Jahren schon selbsteinen besseren
„Pinocchio“ inszeniert, und dieFranzösin
MarineVacth alsZauberfeeTurchina hat
sichtlichMühe, beim Sprechenihrer Dialo-
ge nicht einzuschlafen,während alle übri-
genDarsteller unter ihrer dickaufgetrage-
nen Maskerade beinahe verschwinden.
VomStaunen darüber,dasseine Holzpup-
pe die Augen aufschlägt und zureden be-
ginnt, istindieser traumlosen und mit
wunderschönen italienischen Landschaf-
tenwie ausgestopftenPflichtübung nicht
das Geringste zu spüren.
ChristianPetzolds „Undine“dagegen,
der er stedeutsche Beitrag imWettbewerb,
istpraktischvollständig im Modus des
Staunensgedreht .Schon die Anfangssze-
ne funktioniertwie einWeckruf, denn die
Frau mit denrote nHaaren, die mit ihrem
Freund im Café vordem Märkischen Muse-
um in Berlin sitzt undgerade er fahren hat,
dassermit ihr Schlussmachen will, bricht
nicht etwa in Beschimpfungenoder haltlo-
ses Schluchzenaus,sondernsagtseelenru-
hig: „Duweißt, wenn du michverläs st,
muss ichdichtöten.“ Derganze Film,
könnteman sagen, zittertimNachklang
dieses Satzes, denn auchwenn Undine
(Paula Beer) schließlich daraufverzichtet,

ihren untreuen Loverumzubringen,weil
sie mit Christoph (F ranz Rogowski) eine
neue Liebegefunden hat, liegt derTod
dochständig als Möglichkeit in derLuft.
Er begleitet das Liebespaar zu derTalsper-
re bei Wuppertal,wo Christoph als Indus-
trietaucher arbeitet,und er schleicht sich
in ihr eUmarmungen,wenn sie über den
DächernBerlins das nächtliche Spiel der
Lichter betrachten. Einmal, als die beiden
zusammen zu jenem Mauerstückinder
Tiefedes Stausees tauchen, auf demUndi-
nes Name wie seit Ewigkeitengeschrie-
ben ste ht, is tdie Geliebteplötzlichver-
schwunden, und als Christoph aufschaut,

sieht er sie an die Flosse einesFischesge-
krallt ohneAtemmaskedurch die Fluten
schweben. Dann treibtUndine wie leblos
an derWasseroberfläche, aber als er siere-
animiert, erwachtsie, als hättesie nur
kurz geschlummert. So zieht der Mythos
die beiden in seinverborgenes Spiel.
„Undine“wäre kein Film vonChristian
Petzold,wenn er die Märchenwelt, bei der
er sic hbedient, nicht zugleichdurchleuch-
tenund zergliedernwürde. BeiPetzold ist
die MeerjungfrauUndine Historikerinim
Dienstder Berliner Senatsbauverwaltung,
sie führtTouristengruppen vordie großen
Stadtmodelle amKöllnischenPark und er-

klärtihnen daran die Geschichte der Me-
tropole. Ihr Ritter Christoph dagegen hat
etwasvon einem modernen Don Qui-
chotte,denn dieTurbinen, die er bei sei-
nen Tauchgängenrepariert, sind selbst
schon museumsreif, ihreErhal tung dient
mehrder Landschaftspflegeals der Strom-
gewinnung. Das Humboldt-Forum in der
Hülle des Berliner Schlosses, heißt es ein-
mal in „Undine“, sei der Beweis dafür,
dasseskeinenFortschrittgebe. Petzolds
Film zeigt, dassdas Gegenteilstimmt: Das
Alte, Überkommene lässt sichmit heuti-
genGeschichten beleben, ohne dassdie
Form zerbricht, das Museumkann zum
Aktionsraum der Gegenwart und zugleich
zur Bühne desmythischen Geschehens
werden. Undine kehrtamEnde in ihr un-
terirdischesReichzurück, aber nicht, um
den Geliebten für sichzuhaben, sondern
um ihn derWelt zu erhalten. Das Märchen
besteht die Probe der Gegenwart.Die Er-
zählung besteht die Probe der Geschichte.
Petzolds „Undine“warbislang derstärks-
te Beitrag imWettbewerb der Berlinale.
Die mythischeZeit des heutigen Kinos
istdie NouvelleVague. Philippe Garrel,
1948 geboren,kamzuspät, um amAuf-
bruc hder frühen sechziger Jahreteilha-
ben,abergeraderechtzeitig, um derBewe-
gung über ihr Ende hinaus dieTreue hal-
tenzukönnen. Er hatmit de nStars vonda-
mals gedreht, mit Jean Seberg, Jean-Pierre
Léaud, Catherine Deneuve, und dabei
Truffauts Maxime, im Kino müsse man
mitschönenFrauen schöne Dingetun, dut-
zendfachinZelluloidgegossen. Diegröße-
re Hälfte seinerFilme istschwarzweiß,
darunter auch„Le sel des larmes“, sein
jüngster, der im Berlinale-Wettbewerb
läuft. Es istder Purismus des Epigonen,
des Antiquars. Seltsam nur,dassGarrels
Kino sogarnicht antiquarischwirkt.
Luc, ein JünglingvomLand, fährtnach
Paris, um eine Prüfung abzulegen. An ei-
ner Bushaltestelle lernt er ein Mädchen
kennen, sieverabreden sich, aber Djemila
will nicht mit ihm schlafen, die Liebe wird
vertagt.In seinem HeimatorttrifftLuc sei-
ne Schulfreundin Genevièvewieder,die
beidenwerden einPaar,während Djemi-
la, dieLuchinterhergereistist,vergeblich
im Hotel auf ihnwartet.Luc wirdander
Pariser Fachhochschule für Kunsthand-
werk angenommen und trennt sichvon
Geneviève, dievonihm schwanger ist. Er
kommt mit Betsy zusammen, die ihn in
eine Ménage-à-trois mit einemKollegen
zieht. Um seine Eifersucht zu dämpfen, be-
sucht er Djemila, aber sie erwartet ein
Kind. So dreht sichdas Karussell dieses
Films, eineFolgevon Situationen, die alle
auf diegleichePointehinauslaufen:Luc,
der Unentschiedene, lässt andereden
Preis für seine Schwäche bezahlen. Denn
es sind dieFrauen, die bei Garrel das Salz
der Tränen kosten, die Bitterkeit desVer-
lassenseins. EinFilm, mit anderenWor-
ten, der unter seiner altmodischen Hülle
vollkommen heutigist,wachund präzise,
ein poetischüberhöhtesStückGegen wart.
Aber dann hörtdie Geschichte mittendrin
einfachauf, als hättesie Angstvor ihrer ei-
genen Konsequenz. Auchdas erlebt man
auf Festivals: wie einFilm endet, ohne
dasserzuEnde ist. ANDREASKILB

Ein sanfterKochingleichgültig schönerNatur:John Magaro in „First Cow“

Foto Allyson Riggs/A

Histori keri nals Nixe:Paula Beer inPetzolds „Undine“ FotoChristian Schulz/SchrammFilm

Weiteres
zur 70. Berlinale
finden Sie im
Interne tunter
http://www.faz.net/
Berlinale

D


as Bösekommt fürsie aus Is-
tanbul. Doch dieDemons-
tranten, diejüngst in Press-
burg(Bratislava) vordem
Präsidentenpalastprotestierten, war-
nennicht etwavoreiner möglichen
muslimischen Masseneinwanderung.
Vielmehrbringt„Istanbul“ dasBlut
konservativer und fundamentalisti-
sche rChris teninder SlowakeiinWal-
lung .Hinter demReizwortsteht ein
vonden meisteneuropäischenStaaten
längs tratifiziertesÜbereinkommen
desEuroparats zurVerhütung und Be-
kämpfungvonGewaltgegenFrauen
undhäuslicher Gewalt, die sogenann-
te Istanbul- Konvention. „Sieist gegen
Gott,gegenden gesunden Menschen-
verstand, gegendie Natur“, ließ derka-
tholische PriesterMariánKuffa im De-
monstrationsaufrufverlauten. DasAb-
kommen, das „gesellschaftlich gepräg-
te Rollen“ erwähnt, seiAusdru ck der
„schädlichen Gender-Ideologie“.
DiePredigte nKuffas, des Dorfpfar-
rers aus demostslowakis chenŽakov-
ce,werden überYoutube imganzen
Landgehört. Mittlerweile istder cha-
rismatischePriesterauchein politi-
sche rFaktor .Umseine Sichtweisen zu
verbreiten ,gründete dessen Bruder
Štefan Kuffadie christlich-nationale
Partei KDŽP. IhreKandidatentreten
beider Parl amentswahl, dieamkom-
menden Samstagstattfinden wird, auf
derListe der rechtsextremen Partei
ĽSNS an. Ihrtrauen Umfragen ein
zweis telliges Ergebniszu. Kuffas
Standpunktewerden jedochnicht nur
rechts außengeteilt.Das Parlament
sprac hsichimNovember mit denStim-
mender sozialdemokratischen Regie-
rungsparteiSmer-SDgegendie vom
Europarat geforderte Ratifizierung
derIstanbul-Konvention aus.Zuvor,
im September,marsc hierten in Press-
burg 50 000 Menschen„für das Le-
ben“ .NebenPro-Life-Aktivistenlie-
ßensichauf denStraßen auchĽSNS-
Funktionäreund sämtliche katholi-
sche nBischöfeblicken.
Der jüngsteProtest solltedie slo wa-
kische PräsidentinZuzanaČaputová
dazu bewegen, die Istanbul-Konventi-
on nicht nurnicht in Kraftzusetzen,
sonderndie Unterschrift derSlowakei
rückgängigzumachen. 2011hat das
Land dasAbkommen unterzeichnet,
wasdie fünfeinhalb Millionen Slowa-
kendamal snicht weiter interessierte.
Gegenwärtig, understrecht so kurz
vorder Wahl,haben jedoc hdie Feind-
bilder desliberalen„Bösen“ Hochkon-
junktur.PfarrerKuffa und seine An-
hänger,die auf dieUnterstützungder
amtierenden, demPopulismus nicht
abgeneigten Regierung zählen kön-
nen, wollen verhindern, dass ein künf-
tigesKabinett vielleichtdochnoch
denvermeintlichenPakt mit demTeu-
felumsetzt.

Kommunistische Denktradition

JozefŽuffa gefälltdiese neue Artdes
christlichen Aktivismus nicht. Der ka-
tholische Pastoraltheologe lehrt an
der UniversitätvonTrnava,das mit sei-
nenvielen Kirchen al s„slowakisches
Rom“ gilt.Zugleichkandidiert er für
dasliberale ParteienbündnisPS-Spolu
beider Wahl. „Esgibt keineeinfachen
Antworten“, sagt er.Žuffa lehnt die
Fundamentaloppositiongegen„Istan-
bul“, Abtreibungen undregistrier te
Partnerschaftenvon Homosexuellen
ab. Der unter anderem inWien promo-
vier te Theologe hat aber eineErklä-
rung,weshal bviele Gläubigein
Schwarzweißbilderndenken. Žuffa
nennt es das Erbe desKommunismus.
„Die Kirchewar gegendas Regime
undfür di eWahrheit.“Das habevor
1989 Sinngehabt.Dochauchdanach
seidie Strömung,gegen etwa szu
kämpfen, sehrstarkgewesen.
Mitseinem alternativen Glaubens-
verständnisstehtŽuffa nicht allein.
Der politischeNeulinggehör tder
Plattform„Prog ressiveGläubige“ in
derPartei„Prog ressiveSlowakei“ (PS)
an. Religiöser Glaubebringeden Men-
sche noft voranund gebe ihm Hoff-
nung, heißt es in ihrem Manifest.Aber
ebenso,dassVielfalt keineBedro-
hung, sondern eineBerei cherung sei.
Unterzeichn et hatimJuli 2018 auch
die heutige PräsidentinČaput ová. Ihr
Werdegang macht deutlich: Liberale
Positionen sind in der Slowakeinicht
immer einKarrierehemmnis. Es gibt

jedochauchdas Schicksal desevangeli-
sche nTheologenOndrejProstredník,
der ebenfalls für PS-Spolu zurWahlan-
trit t. Ihmhat 2017die Evangelisc he
Kircheder Sl owakei dieuniversitäre
Lehrerlaubnis entzogen, nachdem er
an der RegenbogenparadeinPress-
burg teilgenommen hat.
JozefŽuffa stimmtder Fall Pro-
stredníknochimmer nachdenklich.Zu-
demwurde erkürzlichselbstOpfer ei-
nerAttac ke.Die fürDesinformation
berüchtigte Websit e„Hlavnésprávy“
schrieb überŽuffa:„Wieist es mög-
lich,dassjemand mitsolchen ideologi-
schen Voraussetzungen eineleitende
Funktion an einertheologischenFa-
kultät ausübt?“Der Angegriff ene
sagt ,ersei zwischenzeitlichnicht si-
cher gewesen,wie langeder Dekan
ihnnochunter stütze. Umso erleichter-
terist er,als die Dozenten seinerFa-
kultät kürzlicheine Erklärungveröf-
fentlicht haben, in der sie sichgegen
dieVerbindungvonChris tentum und
Hass aussprechen.FürŽuffa istdas
ein„großer Erfolg“.
Nichtnur liberale Christenlehnen
dieZusammenarbeit mit derrechtsex-
tremen ĽSNSgenausoabwie das
Bündnis mit demRechtspopulistenŠte-
fanHarabin,der nachrussischemVor-
bild Gesetzegege n„homosexuelle Pro-
paganda“forder t. Im eherkonservati-
venchristlichenMainstream derSlo-
wakeigibt es neue Bewegung :Der Kin-
derbuchautor Daniel Hevier,der im
Septemberam „Marsch für das Leben“
teilgenommen hat,war im JanuarErst-
unterzeichnerder Erklärung „Chris-
tengegen Hass“. Sierichtet sichiners-
terLinie gegendie Rechtsaußenpartei-
en,denensie Missbrauchchristlicher
Werteund dieSpaltung des Landes
vorwirft.

Gemeinsamkeitengesucht

Weil die Erklärung als zweiteHauptaus-
sageauchdie liberale „Relativierung“
christlicher Prinzipiengeißelt, haben
laut JozefŽuffa vielefortschrittliche
Gläubigesichgeweiger tzuunterschrei-
ben.Žuffa hat es dennochgetan. „Der
erstePunkt istfür michwichtiger als
der zweite“, sagt er.Die Lagesei
„ernst“. Der Theologeplädiertganz
pragmatischdafür,inhaltlicheUnter-
schiede nicht überzubetonen, wenn es
Gemeinsamkeiten gibt.Ebenso hofft
er,dassdie christdemokratischePartei
KDH, die lautUmfragen mit derFünf-
prozenthürde kämpft,ins Parlament
einzieht.Žuffa sagt:„Die Partei is tsehr
konservativ,aber demokratisch.“
Weitaus skeptischer istder imAus-
land bekannteSchriftsteller Michal
Hvorecký.Erschrieb 2015 in derTages-
zeitung „DenníkN“, er sei „glücklich“,
dassernicht der Kircheangehöre.Über
Unterzeichner von„Chris tengegen
Hass“ wie den früherenchristdemokra-
tischen InnenministerVladimrPalkoí
sagt Hvorecký:„Das sindFundamenta-
listen.“ Jahrelang hätten sie Marián
Kuffaprotegiertund sicherstvon ihm
abgewandt, als er das Bündnis mit der
ĽSNS eingegangen sei. DiePartei is tfür
den Führer kult umParteichef Marián
Kotleba und dieVerherrlichung des slo-
wakischen Hitler-Vasallenstaats be-
kannt, dervon1939 bis 1945 bestand.
Dessen „Führer und Präsident“warder
katholische PriesterJozef Tiso.
Hvoreckýsagt über dengegenwärti-
genKulturkampf: „Es macht mirgroße
Sorge.“ Der linksliberale Schriftsteller
befürchtet, das sbei einemWahlsieg der
demokratischen Opposition derStreit
erst richtig losgeht.Nochvereint dieAb-
scheugegeneine sozialdemokratische
Regierungspartei, die als sehrkorrupt
gilt und deren Rhetorikgegen Liberale,
Minderheiten und Migranten sichim-
mer stärkerjener derRechtsradikalen
annähert. Undnacheiner vielleicht er-
folgreichenWahl? „Wir sind nichtwei-
terals vorfünfzehn Jahren“, sagt Hvo-
recký.Die Christdemokraten hatten da-
mals nacheiner Auseinandersetzung
um „Gewissenskonflikte“vonKatholi-
kendie proeuropäischeRegierungsko-
alition platzen lassen.
Werdie Reden vom„Bösenaus Is-
tanbul“ hört, neigtdazu,Hvoreckýs
Befür chtung zuteilen.Dochdie Frage,
ob di eSlowakenweiter sind alsvorei-
nigenJahren, führttendenziellind ie
Irre.Als die Slowakei 2011die Is tan-
bul-Konvention unterzeichnete,stritt
das Landzumeist überlinke und rech-
te Wirtscha ftspolitik. Mittlerweilepo-
larisier tsichdie slowakische Gesell-
schaf tvor al lementlangder kulturel-
len Achse.Sie is toffener undgeschlos-
senerzugleich. Dasmacht einelibera-
le Präsidentin möglich.
Pfar rerMariánKuffa gingjedoch
denumgekehrtenWeg:vom karitati-
venHelferdiskriminierterRoma in
derOstslowakei zumAushängeschild
derRechtsextremen. Dafür gibt es,
wenn überhaupt, nur eine Erklärung:
Istanbul. NIKLASZIMMERMANN

Damals wareseine Kuh,h eute istesein Auto


AmerikanischeTräume: „First Cow“vonKelly Reichardt und „One of These Days“von Bastian Günther


Die Spur der Trä nen


Kuf fa oder

Žuff a, dasist

die Frage

VomMyth os in die


Gegenwart:Christian


Petzolds Märchenfilm


„Undine“ und Philippe


GarrelsLiebes drama


„Lesel des larmes“ im


Wettbe werb der


Filmfestspiele.


Vorder slo wakischen


Parlamentswahlüben


sich libe rale und


konservativ eChris ten


im Glaubenskampf.

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