Handelsblatt - 11.03.2020

(singke) #1

für den Konzern.“ Next47 investiere nicht nur. Im
Rahmen eines Catalyst-Programms bringe es Start-
ups und operative Einheiten zusammen und ver-
mittle intern Expertise über neue Geschäftsmodel-
le. Zudem können über ein Accelerator-Programm
Siemens-Entwickler in einem zwölfwöchigen Pro-
gramm neue Konzepte entwickeln. Ob die Invest-
ments von Next47 ein Erfolg seien, werde sich erst
mit etwas Abstand zeigen. Schließlich gab es noch
keinen Exit. „Im Venture-Capital-Umfeld braucht
man eine gewisse Geduld“, heißt es.
Bei manchen aber gibt es Zweifel an Erfolgsbi-
lanz und Strategie. Dabei ist es kein Zufall, dass die
Diskussionen jetzt geführt werden und dies nach
außen dringt. Bei Siemens steht der Chefwechsel
bevor. Im Sommer wird Vize Busch wohl zum
Nachfolger des Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser
benannt – und der Technologievorstand ist für die
Einheit zuständig.
Next47 hält derzeit 23 Beteiligungen, von 15Five,
einer Plattform für Mitarbeiter-Feedback, bis zum
Datenspezialisten Yellowbrick. Kernprodukt von
15Five ist eine Software, mit der regelmäßige Befra-
gungen von Teams und Mitarbeitern realisiert wer-
den können. Ziel ist ein kontinuierliches Feedback.
An das Performance-Management-System
sind Tools angebunden, zum Beispiel
für die Kommunikation mit Be-
schäftigten. Yellowbrick ist ein
Data-Warehouse-Spezialist. Da-
hinter stecken Systeme, um
große Datenmengen aus un-
terschiedlichen Quellen zu
speichern und etwa für die
Datenanalyse mithilfe
Künstlicher Intelligenz zur
Verfügung zu stellen. Das
System von Yellowbrick eig-
net sich besonders für hybri-
de IT-Landschaften, also Unter-
nehmen, die IT im eigenen Re-
chenzentrum und in der Cloud
haben.
Dass diese beiden Start-ups wie etwa die Hälfte
der Next47-Beteiligungen in Kalifornien sitzen, ist
kein Zufall. Einerseits spielt die Start-up-Musik nun
mal vor allem im Silicon Valley. Doch steht
Next47-Chef Lak Ananth auch Siemens-intern im
Verdacht, das Silicon Valley nur ungern zu verlas-
sen. „Zumindest in München ist er nicht sehr oft“,
sagt ein Insider. Bei einem seiner ersten Besuche in
der Siemens-Zentrale ließ sich Ananth von den Kol-
legen im frostigen München erst einmal einen
Schal und eine Jacke kaufen.
In der deutschen Start-up-Szene war die Ent-
täuschung groß, dass Next47 anfangs ausschließ-
lich im Ausland investierte. Derzeit sind immer-
hin zwei deutsche Firmen im Portfolio: Scoutbee
aus Würzburg, das eine KI-basierte Lieferantensu-
che bietet, und der Berliner Logistikspezialist
Sennder. Auch vernetzt sich Next47 inzwischen
stärker mit der Szene. In München lud der Sie-
mens-Ableger im vergangenen Herbst die Com-
munity zum Austausch ein. „In den ersten Jahren
hatten sie sich ziemlich abgeschottet“, sagt einer,
der dabei war.
Doch so richtig hat Next47 seine Rolle im Kon-
zern noch nicht gefunden. Vor einigen Jahren noch
hatte Siemens vor allem in Start-ups relativ nah am
eigenen Geschäft investiert. Unter Ananth ging die
Truppe auch räumlich auf Distanz zur Mutter und
zog in den Münchener Norden. Bei den Invest-
ments sieht sich Next47 als klassischer Venture-Ca-
pital-Geber. Das Kapital wird in der Regel in Min-
derheitsbeteiligungen gesteckt, und zwar auch in
Geschäftsfeldern, in denen Siemens nicht aktiv ist.
Bei diesem Ansatz, wenn es also nicht primär da-
rum geht, das eigene Geschäft technologisch zu
stärken, müsse dann aber die Rendite stimmen,
meint ein Insider. Dies sei bislang aber nicht sicht-
bar, womöglich auch, weil die Partner nicht mit ei-


genem Geld investiert seien. So könnten sie ein ho-
hes Risiko eingehen. Zudem investiere Siemens vor
allem in die „Big Shots“, um die sich alle balgten,
meint ein Insider – und nicht in der frühen Phase
in die aussichtsreichsten Start-ups.
Auf der Homepage von Next47 werden drei „Suc-
cess Stories“ aufgelistet. Dabei handelt es sich aber
nicht um erfolgreiche Exits, sondern um Beteili-
gungen, die sich gut entwickeln. Vor allem auf die
Beteiligung an Verkada, einem Hersteller von Si-
cherheitskameras aus Kalifornien, sind sie bei
Next47 stolz. Dabei handele es sich um das erste
Einhorn mit einer Bewertung von mehr als einer
Milliarde Dollar, an dem Next47 beteiligt sei.
Vor gut einem Jahr hatte Ananth im Gespräch
mit dem Handelsblatt noch betont: „Wir schauen
sehr weit voraus, auch in Gebiete, für die es heute
bei Siemens noch gar keine Division oder Busi-
ness-Unit gibt.“ Inzwischen aber hat sich der Fo-
kus offenbar wieder etwas verschoben. Next47 in-
vestiere in Themen wie das Internet der Dinge
und Cybersecurity, die für Siemens von großer
Bedeutung seien, heißt es in Industriekreisen. Es
gebe in der Regel eine „inhaltliche Korrelation“.
Zudem wird im Umfeld von Siemens stärker als
früher betont, dass die Start-ups von Sie-
mens profitieren sollen. Der Konzern
wolle nicht nur Geld geben – da-
von sei am Markt genug vorhan-
den –, sondern auch zum Bei-
spiel bei der Globalisierung
der Geschäfte helfen.
Als Vorbild in der Corpo-
rate-Venture-Szene gilt SAP.
Der inzwischen eigenstän-
dige Ableger Sapphire hat in
mehr als 100 Start-ups in-
vestiert, mehr als 50 Verkäu-
fe und Börsengänge gelangen,
viele mit Profit. Nach eigenen
Angaben half man, Firmen mit
mehr als 100 Milliarden Dollar Unter-
nehmenswert aufzubauen, darunter Lin-
kedIn, Fitbit, Square, Box und Nutanix.
Schon bei der Gründung des Venture-Capital-
Fonds 1996 – damals unter dem Namen SAP Ven -
tures – sollte es nicht nur ums Geld gehen: Der
Softwarehersteller aus Walldorf wollte mit der Fir-
ma in attraktive Start-ups investieren. 2011 gab er
die Hoheit ab, es erfolgte eine Umfirmierung. Die
Nähe zum Konzern sollte nicht abschrecken. Heute
ist Sapphire Ventures in den Entscheidungen voll-
kommen unabhängig. Das Kapital kommt aber fast
vollständig von SAP, der Dax-Konzern hat mehr als
2,5 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt.
Trotz der Unabhängigkeit ist die Nähe zu SAP ein
wichtiges Differenzierungsmerkmal, mit dem sich
Sapphire Ventures von Konkurrenten unterschei-
den will. Die Beteiligungen können Unterstützung
im Vertrieb bekommen und vom Netzwerk profi-
tieren. Primär geht es aber auch für SAP bei den In-
vestments darum, Geld zu verdienen. Bislang
klappt das: Laut Branchenschätzungen liegt die
Rendite im zweistelligen Prozentbereich.
Bei Siemens ist von solchen Renditen bislang
noch nichts zu sehen – kein Wunder, die Exits ste-
hen ja noch aus. Doch stehen die Zahlen bei den
Münchenern unter besonders genauer Beobach-
tung. Kaeser will nach Einschätzung in Industrie-
kreisen auch in seinem mutmaßlich letzten vollen
Geschäftsjahr als Vorstandschef die Prognosen wie-
der erfüllen.
So soll es in der Vorstandsetage schon einige Dis-
kussionen über Next47 gegeben haben. Angesichts
der offenen Führungsfragen bei Siemens – der Auf-
sichtsrat will im Sommer über die Kaeser-Nachfol-
ge entscheiden – sind solche Themen derzeit be-
sonders brisant. Für Next47 sei zwar Busch zustän-
dig – doch bei diesem Thema sitze Kaeser als CEO
genauso mit im Boot, meint ein Berater, der viel im
Hause Siemens unterwegs ist.

CEO-Nachfolge

Rätselraten


um Kaeser


D


ie Überraschungsparty war trotz Corona-
virus gut besucht. Mehr als 100 Siemens-
Mitarbeiter versammelten sich Anfang
vergangener Woche im Atrium der Konzernzen-
trale. Ein DJ legte Musik aus den 70er-Jahren auf,
wie sie Konzernchef Joe Kaeser mag.
Der Anlass: Die Beschäftigten stießen mit
Kaeser auf sein 40-jähriges Dienstjubiläum an.
Damit hat der 62-Jährige nun fast doppelt so
viel Zeit mit Siemens wie ohne Siemens ver-
bracht, wie er es selbst einmal sagte. Die Zu-
kunft des Konzerns liegt ihm deshalb am Her-
zen – aber auch die Frage, wie einmal auf sein
Erbe geblickt werden wird.
Was 1980 in der Bauelemente-Sparte begann,
findet in nicht allzu ferner Zukunft ein zumindest
vorläufiges Ende. Im Sommer will der Aufsichts-
rat über Kaesers Nachfolge entscheiden. Klarer
Favorit ist weiterhin sein Stellvertreter Roland
Busch. Laut Aufsichtsratskreisen gibt es an der
Berufung derzeit keinen Zweifel.
Gerade die Arbeitnehmer, aber auch maßgebli-
che Aufsichtsräte wünschen sich einen Ingenieur
an der Spitze. Nach der Abspaltung des Energie-
geschäfts wird die Siemens AG künftig kleiner
sein und ein anderes Gesicht haben. Wo Kaeser
heute um die Welt reist, um mit Staatslenkern
über große Kraftwerke zu verhandeln, konzen-
triert sich Siemens künftig stark auf die Digitalge-
schäfte. Gefragt sind hohes Tempo und technolo-
gische Innovationen.
Viele im Konzern erwarten, dass der Wechsel
an der Spitze etwas schneller vollzogen wird:
Kaesers Vertrag läuft noch bis zur Hauptver-
sammlung Anfang 2021. Doch bietet sich ein
Wechsel bereits zum Ende des Geschäftsjahrs am


  1. September an.
    Zwar hatte Kaeser zwischenzeitlich Zweifel an
    dem Fahrplan geweckt. In einem Interview er-
    klärte er, notfalls noch einmal zwei Jahre dran-
    hängen zu können. Doch das gilt in Aufsichtsrats-
    kreisen derzeit nicht als Option. Ungeklärt aber
    ist die große Frage, die alle auf den Fluren um-
    treibt und die viele Implikationen nach sich
    zieht: Was wird dann aus Kaeser? Denn Siemens
    ohne Kaeser, das kann sich nicht nur der Vor-
    standschef selbst schwer vorstellen.
    In Industriekreisen geht man derzeit davon
    aus, dass Siemens-Aufsichtsratschef Jim Hage-
    mann Snabe Gefallen an dem Job gefunden hat.
    Dieser Weg könnte Kaeser daher nach der zwei-
    jährigen Abkühlphase verbaut sein. So gilt es der-
    zeit als am wahrscheinlichsten, dass er Chefkon-
    trolleur bei der neuen Siemens Energy werden
    könnte. Allerdings, heißt es in Aufsichtsratskrei-
    sen, ist auch das kein Selbstläufer. Manche glau-
    ben, dass es besser wäre, wenn sich Vorstands-
    chef Michael Sen erst einmal freischwimmen
    könnte. Auf der anderen Seite, argumentieren In-
    sider, passe der Job zu Kaeser. Als Botschafter in
    der Welt könne er Sen beim Kraftwerksverkauf
    unterstützen. Noch ist alles offen: Siemens steht
    vor spannenden Monaten. Axel Höpner


Siemens-Chef
Kaeser, Vize
Busch: Nach-
folgeentschei-
dung noch in
diesem Jahr.

Bloomberg

Next


leistet einen


wertvollen


Beitrag


für die Weiter -


entwicklung


des Unter-


nehmens.


Stellungnahme
Siemens

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BETEILIGUNGEN
an Start-ups hat die Siemens-
Einheit Next47 derzeit im
Portfolio.

Quelle: Unternehmen

Unternehmen & Märkte


MITTWOCH, 11. MÄRZ 2020, NR. 50
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