Handelsblatt - 27.11.2019

(Barré) #1

rund 40 000 Fahrzeugen leidlich aus-


gelastet. Die Kapazität liegt seit dem


Bau unverändert bei 50 000. Wäre


Xinjiang ein blühender Landstrich,


wäre die Fabrik wie andere bereits


ausgebaut worden. Bis heute schreibt


der Standort laut Konzernkreisen ro-


te Zahlen.


Dennoch will Volkswagen nun den


Standort ungeachtet der Kritik von


Menschenrechtsschützern stärken:


„Da wir davon ausgehen, dass der


Westen Chinas in den kommenden


Jahren weiteres Wirtschaftswachstum


erfahren wird, setzen wir weiterhin


auf unser Werk in Ürümqi und wei-


ten das Engagement in der Region


aus“, so der Sprecher.


Neben dem Santana soll ab dem


kommenden Jahr auch ein sportli-


cher Geländewagen – SUV – in Ürüm-


qi produziert werden. In diesem Jahr


hat VW in Xinjiang zudem ein Testge-


lände in Betrieb genommen, dort


schwanken die Temperaturen ex-


trem.


Firmen setzen auf Regeln


Auch BASF weist den Vorwurf zu-


rück, aus politischen Gründen zum


Investment in Xinjiang gedrängt wor-


den zu sein. Der Chemiekonzern hat


2013 zwei Gemeinschaftsunterneh-


men mit der Markor Chemical Indus-


try Co gegründet. Seit 2016 läuft die


Produktion an diesem im BASF-Maß-


stab eher kleineren Standort. Grund


für das Engagement sei die Verfüg-


barkeit natürlicher Ressourcen gewe-


sen, heißt es bei BASF.


Immerhin: Der Konzern unter-


streicht, sich der sozialen Probleme


in Raum Xinjiang bewusst zu sein


und die Medienberichte über die Si-


tuation der Minderheiten zu verfol-


gen. „Wir schließen aus, dass unsere


Mitarbeiter dort unter Zwang für uns


arbeiten. Die BASF toleriert weltweit


keine Form von Kinder- und Zwangs-


arbeit, Sklaverei oder Menschenhan-


del“, heißt es in einer Erklärung des


Konzerns. In beiden Joint Ventures


habe BASF „vorbeugende Maßnah-


men“ ergriffen, um die Einhaltung


des globalen Verhaltenskodex des


Unternehmens sicherzustellen.


Kritik an Kooperationen


Bei Siemens beobachtet man die Ent-


wicklung laut Konzernkreisen sehr


genau. Der Konzern hat zwar kein


Werk in der Region Xinjiang. Men-


schenrechtsorganisationen sehen


aber eine Kooperation mit der China


Electronics Technology Group


(CETG) kritisch. Der Militärzulieferer


soll eine Überwachungs-App entwi-


ckelt haben, die in der Uiguren-Regi-


on genutzt wird. Zudem besitzt CETG


einen 42-prozentigen Anteil an Hikvi-


sion. Die chinesische Firma gilt als


ein weltweit führender Anbieter von


Überwachungstechnik. Anfang des


Monats landete sie mit sieben ande-


ren chinesischen Firmen auf der


schwarzen Liste des US-Handelsmi-


nisteriums.


Siemens hatte vor einigen Jahren


offiziell eine Kooperation mit CETG


verkündet. Laut Industriekreisen be-


schränkte sich die damals vereinbar-


te Zusammenarbeit bislang auf die


einmalige Lieferung von Automatisie-


rungstechnik für die Produktion. Sie-


mens liefere keine Produkte, die im


Endprodukt des Kunden verwendet


würden.


Max Zenglein


„China führt den Westen vor“


D


er Leiter des Wirt-
schaftsprogramms am
Mercator Institute for
China Studies (Merics) in Ber-
lin wirft Politik und Unterneh-
men in Deutschland vor, sich
von der Aussicht auf gute Ge-
schäfte in China zu stark blen-
den zu lassen.

Herr Zenglein, halten Sie es
für vorstellbar, dass ein deut-
sches Unternehmen in der
Provinz Xinjiang eine eigene
Repräsentanz oder eine Ferti-
gung unterhält und nichts von
der Menschenrechtslage dort
weiß?
Nein. Man muss schon sehr
ignorant sein, wenn man
nichts von der Unterdrückung
der Uiguren mitbekommen
will.

Hätte man als westliches Un-
ternehmen überhaupt jemals
in Xinjiang investieren dür-
fen?
Neuinvestitionen westlicher
Unternehmen in Xinjiang sind
aus meiner Sicht undenkbar.
Bei den bestehenden Investi-
tionen muss man unterschei-
den. Viele Projekte haben ei-
nen jahrelangen Vorlauf und
sind teilweise auf politischen
Druck hin entschieden wor-
den. Wer vor fünf, sechs oder
sieben Jahren eine Investiti-
onsentscheidung getroffen
hat, konnte noch keine Vor-
stellung von der Entwicklung
der Menschenrechtslage in
Xinjiang haben. Die Situation
für die Menschen dort hat
sich in der jüngeren Vergan-
genheit dramatisch ver-
schlechtert. Einige Unterneh-
men haben nur auf massives
Drängen der chinesischen
Führung hin in Xinjiang inves-
tiert.

Seit mindestens zwei Jahren
ist die Lage in Xinjiang aber
nicht mehr zu ignorieren.
Sind die Unternehmen, die in
der jüngeren Vergangenheit
dennoch investiert haben, na-
iv oder böswillig?
Mir ist es zu schlicht, einfach
immer nur zu sagen, man ha-
be nichts gewusst. Viele Unter-
nehmen dürften sich von der
Aussicht auf gute Geschäfte ge-
blendet haben lassen. Manche
mögen auch das ganze Aus-
maß der Repression unter-
schätzt haben. Insgesamt ha-
ben sich die Unternehmen in
eine schwierige Lage manö-
vriert.

Wie geht man denn damit
um?

Die Unternehmen stecken in
einem Dilemma. Einerseits ist
es ethisch schwer vertretbar,
dort Geschäfte zu machen. Die
Bekundungen der Unterneh-
men, man wahre die Rechte
seiner Mitarbeiter unabhängig
von deren ethnischer Zugehö-
rigkeit, wirken sehr hilflos. An-
dererseits ist es schwierig, sich
zurückzuziehen.

Warum?
Wer nun seine Zelte in Xinji-
ang abbricht, muss mit Re-
pressionen der chinesischen
Regierung rechnen. Das Risi-
ko, in China aufs Abstellgleis
zu geraten, ist groß.

Westliche Unternehmen, da-
runter auch deutsche, sollen
am Aufbau des Überwa-
chungssystems beteiligt gewe-
sen sein. Was empfehlen Sie
diesen Unternehmen?
Wenn man aktiv Geschäfte mit
dem Aufbau eines Überwa-
chungsstaates gemacht hat,

gibt es dafür keine Entschuldi-
gung. Es ist beschämend, dass
erst drohende US-Sanktionen
einige Unternehmen dazu be-
wegen, sich aus diesem hoch-
problematischen Geschäftsfeld
und auch aus Kooperationen
mit chinesischen Firmen zu-
rückzuziehen.

Was kann man aus der Situati-
on in Xinjiang für die Zukunft
lernen?
Die Entwicklung zeigt, dass es
schwierig ist, mit China Ge-
schäfte zu machen. Die Ge-
fahr, einen hohen Preis zu zah-
len, ist groß. Politik und Wirt-
schaft im Westen tun sich
schwer, sich mit dieser Realität
auseinanderzusetzen.

Die Idee vom „Wandel durch
Handel“ scheint in China
nicht aufzugehen, oder?
Stimmt. Dieses Konzept ver-
sagt in China komplett. China
führt den Westen vor. Ob Mer-
kel oder Macron – die Staats-
und Regierungschefs machen
der chinesischen Führung re-
gelmäßig ihre Aufwartung.
Keiner hat den Mut, die Dinge
beim Namen zu nennen. Alle
sind durch die Aussicht auf gu-
te Geschäfte verblendet.

Die Fragen stellte Klaus
Stratmann.

Der Forscher ist davon überzeugt, dass das Konzept vom „Wandel durch Handel“ im Umgang mit Peking versagt.


Max Zenglein: Der Merics-
Forscher äußert Kritik.

merics / Marco Urban

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MITTWOCH, 27. NOVEMBER 2019, NR. 229


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