Der Spiegel - 19.10.2019

(John Hannent) #1

Umgang mit Manuskripten möchte er
sprechen. Ein ehemaliges Mitglied der Re-
daktion redet offener, möchte allerdings
anonym bleiben. Es sagt, jeder der etwa
zehn Redakteure müsse täglich bis zu vier
Manuskripte begutachten. Während an-
dere wissenschaftliche Zeitschriften zum
Teil ausgewiesene Fachredakteure hätten,
sei bei »Cell« jeder für fast alle weitver-
zweigten Gebiete der Lebenswissenschaf-
ten zuständig: von der Genetik über Neu-
rowissenschaft bis zur Virologie. »Ich ver-
mute, dass der Autor seine Kernbotschaft
nicht deutlich genug gemacht hat«, sagt
das ehemalige Redaktionsmitglied. »Aber
natürlich kann einem hin und wieder auch
ein Thema durchrutschen.«
Was es auch sagt: Erfahrenen Wissen-
schaftlern sei bewusst, dass jede Ableh-
nung anfechtbar ist. Ein Redakteur einer
anderen Zeitschrift stoppt manchmal die
Zeit, nachdem er eine Absage herausge-
schickt hat. Einige Wissenschaftler riefen
nur Sekunden später an und beschwerten
sich. Šikšnys schwieg.
Zwei Monate später, während er seit Wo-
chen auf die Begutachtung seines Artikels
wartete, öffnete Šikšnys die Website der
Zeitschrift »Science«, unter Wissenschaft-
lern noch angesehener als »Cell«. Dort sah
er eine Studie seiner Konkurrentinnen,
eingereicht am 8. Juni, veröffentlicht am



  1. Juni. Weniger als drei Wochen! Ungläu-
    big starrte er auf den Bildschirm, las von
    dem »Potenzial, das System für RNA-pro-
    grammierbare Genomveränderungen zu
    nutzen«.
    Es war seine Schlussfolgerung, nur in
    anderen Worten.
    Šikšnys ist ein zurückhaltender Mensch.
    Fragen wägt er ab und beantwortet sie
    dann gern mit einem Sowohl-als-auch. So
    verarbeitete er diesen Moment der Nie-
    derlage still und in sich gekehrt. Es sei nicht


der glücklichste Tag gewesen, sagt er und
schweigt lange.
In einem Telefoninterview nennt Jenni-
fer Doudna den Kollegen Šikšnys einen
»ausgezeichneten« Forscher. Sie sagt je-
doch, er habe die Rolle einer bestimmten
Nukleinsäure im Crispr-Cas9-System nicht
erkannt. In Šikšnys’ Artikel, der schließlich
ohne große Beachtung im Magazin
»PNAS« erschien, fehle somit einer von
drei Bestandteilen der Genschere. Šikšnys
entgegnet, er habe diese Nukleinsäure
zwar nicht im Artikel, aber bereits zuvor
in einem Patent erwähnt. Auf diesen Ein-
wand antwortet Doudna: »Ich bin Wissen-

schaftlerin. Für mich zählt, was in wissen-
schaftlichen Artikeln steht.«
Es ist nicht ohne Ironie, dass die Ge-
schichte um Crispr noch eine weitere Wen-
dung nahm. Jennifer Doudna und Emma-
nuelle Charpentier wurden zwar berühmt
für ihre Entdeckung, doch ein vierter Wis-
senschaftler macht ihnen ihr wichtigstes
Patent streitig. Feng Zhang vom Broad In-
stitute im amerikanischen Cambridge
nutzte die Genschere als erster Forscher
in Zellen mit Zellkern. Sein Patent umfasst
die entscheidende Technik, um die DNA
von Pflanzen, Tieren und Menschen zu
verändern – um Bodybuilderschweine zu
züchten oder Erbkrankheiten zu heilen.
Obwohl das US-Patentamt schon einmal
zugunsten des Broad Institute entschieden
hatte, wurde der Fall Ende Juni wieder auf-
gerollt. In einer Schrift bezichtigten Doud-

nas und Charpentiers Anwälte den Mole-
kularbiologen Zhang daraufhin offen der
Lüge. Seine Experimente hätten erst funk-
tioniert, nachdem er ihren »Science«-Arti-
kel gelesen habe. Zhang habe »seine Re-
sultate falsch dargestellt«. Der Streit um
die Anwendung von Crispr-Cas9 wird mitt-
lerweile mit harschen Worten und Scharen
von Anwälten geführt.
Es ist ein sonniger Abend im Juli, als
Virginijus Šikšnys ein Bierlokal in der Alt-
stadt von Vilnius betritt. Er bestellt ein
Bier und Schweineohren. »Die standen
schon zu sowjetischen Zeiten auf der Kar-
te«, sagt er. »Damals wurden sie als ganzes
Ohr serviert, nicht klein geschnitten. Wür-
de heute niemand mehr bestellen.«
Fragt man Šikšnys, was ihm zu seinem
Glück fehle, fällt ihm lange keine Antwort
ein. »Das ist wohl ein Zeichen dafür, dass
ich ein glücklicher Mensch bin.«
Den Ruhm seiner Konkurrentinnen, be-
hauptet er, den vermisse er nicht. Denn
Ruhm komme ja mit einer Bürde. Man
müsse mehr Zeit auf Podien, mit Anwälten
und Journalisten verbringen als mit seiner
Forschung; das möchte er nicht. Bis heute,
sagt Šikšnys, fühle er sich am wohlsten in
seinem Labor. Deshalb sei er schließlich
Wissenschaftler geworden.
Längst widmet sich Šikšnys anderen
Rätseln. Kürzlich entschlüsselte er in Bak-
terien ein weiteres interessantes Protein.
Es schneidet Nukleinsäuren nicht gezielt
an einer Stelle durch, sondern zerschnip-
selt sie wie mit einer Heckenschere. Wofür
dieses einmal nützlich sein könnte, weiß
er nicht. Doch ihm war klar, dass er von
seinem Fund berichten musste.
Virginijus Šikšnys sagt, bei »Cell« habe
er es nicht versucht. Sein Artikel erschien
in »Science«. Martin Schlak
Mail: [email protected]

DER SPIEGEL Nr. 43 / 19. 10. 2019 107


STEPHEN LAM PETER RIGAUD / LAIF
Šikšnys-Konkurrentinnen Doudna, Charpentier: »Für mich zählt, was in wissenschaftlichen Artikeln steht«

Den Ruhm, sagt er, den
vermisse er nicht.
Denn Ruhm komme ja
mit einer Bürde.
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