Der Spiegel - 19.10.2019

(John Hannent) #1
116

 Die Diskussion über Peter Handke
wird von Schlagwörtern und Zitaten be -
herrscht, viele davon sind bereits mehr als
20 Jahre alt, viele aus dem Kontext gelöst,
weiterverbreitet von Link zu Link. Einer
dieser Sätze lautet: »Sie können sich Ihre
Leichen in den Arsch stecken.« Vergan -
gene Woche ist er erneut erschienen, in
einem Beitrag der »New York Times«,
einer Abrechnung des bosnisch-amerika-
nischen Autors Aleksandar Hemon mit

Peter Handke. Auch andere Handke-Kri -
tiker haben das Zitat verwendet, so die
deutsche Schriftstellerin Jagoda Marinić.
Sie hat es nach der Nobelpreisverleihung
auf Twitter weitergegeben.
Der Satz ist empörend, er ist unmensch-
lich, er wäre ein Beleg dafür, dass Peter
Handke ein Wüterich ist, ein Verbalgro -
bian, dem die Opfer des Krieges in Jugo-
slawien im Zweifelsfall gleichgültig sind.
Sowohl Hemon als auch Marinić
verweisen auf einen Artikel in der »Irish
Times«, dort sei das Zitat im April 1999
erschienen. Der Text steht online. Die
»Irish Times« zitiert Handke auf Englisch.
Weil es keine weiteren englischsprachigen
Quellen aus diesem Zeitraum gibt, weil
die Personen des Textes und sein Bezugs-
rahmen aber auf den deutschen Sprach-
raum verweisen, ist davon auszugehen,


dass das Zitat ursprünglich auf Deutsch
gefallen ist.
Die Suche im SPIEGEL-Archiv führt zu
einem Artikel, den die »Welt am Sonntag«
kurz vor der »Irish Times« veröffentlicht
hat, am 7. März 1999. Es ist eine Polemik
des österreichischen Publizisten Günther
Nenning, die Überschrift lautet: »Handke
nach Serbien! Dichter gehören in den
Krieg«. Darin findet sich schließlich auch
das Zitat in der deutschen Fassung: »Sie

können sich Ihre Leichen in den Arsch ste-
cken.« Es ist das erste Mal, dass der Satz
erwähnt und Handke zugeschrieben wird.
Der SPIEGELübernimmt das Zitat
kurz darauf. Der Autor des Artikels ist
mittlerweile im Ruhestand. Er geht davon
aus, dass er den Handke-Satz damals
nicht selbst gehört, sondern im Archiv -
material gefunden hat. Der Satz macht
Karriere, wird immer wieder zitiert – und
das, seit ihn die »Irish Times« übersetzt
hat, weltweit.
Nenning schreibt in seinem Text, das
Zitat sei bereits 1996 gefallen, bei einer
Diskussion im Wiener Akademietheater.
Damals hatte Peter Handke während
einer Lesereise sein gerade erschienenes
Buch »Eine winterliche Reise zu den
Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina
oder Gerechtigkeit für Serbien« verteidigt.

Im Archiv finden sich auch Zeitungs -
artikel über den Abend im Akademie -
theater. Dort allerdings steht ein anderer
Satz: »Der Dichter hatte (...) geraten, sich
die Betroffenheit über Bosnien, die er
in Handkes Reisebetrachtungen aus
Serbien vermisste, ›in den Arsch‹ zu
stecken« – so die »Süddeutsche Zeitung«
am 5. Juni 1996.
Wer im Internet weitersucht, stößt auf
eine historische Fernsehaufnahme aus
dem Akademietheater. Zu hören
und sehen ist Handke selbst, der
von der Bühne herab einen Mann
im Publikum an pöbelt. Wobei
»anpöbeln« es nicht ganz trifft,
denn Handkes Ton wirkt aufge-
kratzt, übermütig in diesem
Moment.
Der Mann im Publikum, dem
dieser Satz damals galt, ist der
österreichische Journalist Karl
Wendl. Er ist, nachdem Günther
Nenning im Jahr 2006 gestorben
ist, wohl der entscheidende Zeu-
ge. Die Person, die klären kann,
was Handke damals tatsächlich
gesagt hat.
Am Telefon kann Wendl sich
sofort an diese Szene erinnern.
Er hat sich später Notizen
gemacht, auf die er jetzt zurück-
greift, schildert, wie Peter
Handke auf ihn losgegangen sei,
nachdem er aus dem Publikum
heraus eine Frage gestellt habe.
Ein typischer schillernder, wider-
sprüchlicher Handke-Moment,
aggressiv einerseits, aber auch absurd,
fast aber witzig: Er solle doch besser
»an seinem großen Zeh lutschen« habe
ihm Handke von der Bühne zugerufen.
Und ob er denn glaube, Be troffenheit
sei ein Wert, den man besitzen könne,
der im Grundbuch eingetragen sei?
»Gehen Sie nach Hause mit Ihrer Betrof-
fenheit, stecken Sie sich die in den
Arsch«, habe Handke gerufen. »Ich
bin mir tausendprozentig sicher, dass
Handke nicht ›Leichen‹ gesagt hat«,
erklärt Wendl.
Doch der Satz ist in der Welt und wird
weiter verlinkt werden, er wird weiter
dafür herhalten müssen, dass der neue
Nobelpreisträger ein Unmensch ist. Einer,
der diesen Preis nicht verdient.
Das falsche Zitat hat längst eine eigene
Wirklichkeit geschaffen.

Ein viel zitierter Satz dient dazu, Peter Handke zum literarischen Kriegsverbrecher zu stempeln.
Nur: Er hat ihn nie gesagt.

»Sie können sich Ihre Leichen in den Arsch stecken«


MARKO DROBNJAKOVIC / AP
Trauernde Frauen in der Nähe von Srebrenica 2011:Betroffenheit über Bosnien
Free download pdf