Der Spiegel - 19.10.2019

(John Hannent) #1

Ende der Arbeit, sondern in ihrer Huma-
nisierung.
Bietet die Digitalisierung dafür die
Chance? Danach sieht es nicht unbedingt
aus, trotz aller Versprechen, stupide Rou-
tinen und entfremdete Arbeit könne dem-
nächst von Robotern und Algorithmen
übernommen werden, sodass alle zu »Krea -
tiven« und Influencern werden.
Ökonomische Modelle, die Arbeit nur
als Ware betrachten, als ein Mittel zum
Zweck des Einkommenserwerbs, sind ver-
fehlt. Sogar für die oft als Beispiel ange-
führten Frauen an der Supermarktkasse
ist die Arbeit mehr als nur ein Instrument
zum Geldverdienen. Eine viel beachtete
Studie der belgischen Soziologin Isabelle
Ferreras zeigt etwa, dass die befragten
Kassiererinnen nicht auf ihre Arbeit ver-
zichten wollten, selbst wenn sie finanzielle
Alternativen gehabt hätten. Vielmehr
schätzten sie den gefühlten Gewinn von
Autonomie, den ihre Tätigkeit ihnen ver-
schaffte. Sie empfanden nicht die Arbeit


an sich als Belastung, sondern konkrete
Bedingungen und bestimmte Aspekte wie
fehlende Mitsprachemöglichkeiten oder
die Willkür autoritärer Chefs. Wenn aber
die Organisation von Arbeit Teil unserer
gemeinsamen öffentlichen Welt ist, so die
Schlussfolgerung, die auch Herzog zieht,
müsse sie unseren Vorstellungen von der
Würde und den Rechten der Einzelnen
und vom Wohl der Gesellschaft als Gan-
zes entsprechen.
Das klingt in seiner Allgemeinheit so
banal wie harmlos, bedeutet in Wirklich-
keit jedoch, dass die Demokratie vor der
Wirtschaft nicht kapitulieren darf. Der Ge-
gensatz zwischen der kapitalistischen Öko-

nomie, dem Reich der Ungleichheit, und
der politischen Demokratie, in der gleiche
Rechte für alle gelten, muss immer wieder
neu überwunden werden, damit er nicht
in Gewalt umschlägt.
Herzog verweist auf den Begriff des
»workplace republicanism«. Er kommt
aus der englischsprachigen Fachliteratur
über die Arbeitswelt und meint die Siche-
rung von Mitsprache- und Kontrollrech-
ten, die den Einzelnen auch im Unterneh-
men den Status von Bürgern geben sollen.
Partizipation, Repräsentation, Verantwor-
tung und Kontrolle, die tragenden Pfeiler
der Demokratie, müssten genauso im
Wirtschaftsleben anwendbar gemacht wer-
den – stärker noch als es Betriebsräte oder
Gleichstellungsbeauftragte heute garan-
tieren würden. Die Veränderung müsste
in die Arbeit selbst hineinreichen.
Lisa Herzog hat Philosophie und Volks-
wirtschaft parallel studiert. Sie hat am
Frankfurter Institut für Sozialforschung
mit dem renommierten Philosophen Axel

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STEFAN ZIESE / IMAGEBROKER / DDP IMAGES
Bürogebäude in Frankfurt am Main: Eine der elementaren Sinnressourcen des Menschen

Irgendeine Form der
Solidarität als Grundlage
des Zusammenhalts
braucht jede Gesellschaft.
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