Der Spiegel - 19.10.2019

(John Hannent) #1
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Ausland

DER SPIEGEL Nr. 43 / 19. 10. 2019

leeren Lega-Zelt. Salvini und er sind be-
freundet. Hier in Ligurien hätten sie oft
Urlaubstage zusammen verbracht, sagt er.
Im Europaparlament waren sie ein Ge-
spann, Salvini als Abgeordneter, Campo-
menosi als sein Assistent. Fast 15 Jahre ist
das her.
»Matteo hat sich kaum verändert. Er hat
diese unglaubliche Fähigkeit, einen direk-
ten, tiefen Kontakt zu den Menschen auf-
zubauen«, sagt Campomenosi, der inzwi-
schen selbst Europaabgeordneter und
Gruppenchef der Lega in Straßburg ist.
»Wenn das bedeutet, Populist zu sein, ist
das wunderbar.«
Das System Salvini funktioniert in sei-
nen Augen so: Im Hintergrund arbeiten
der Parteivorstand, das Social-Media-
Team (»the beast«) und ein Netzwerk aus
Provinzgouverneuren und Bürgermeistern
der Lega. Sie liefern ihrem »Frontmann«
immer aufs Neue eine »fotografia« des
Landes oder ihrer Region – ein Briefing
über die Stimmungslage und das Auf und
Ab der Themen, auf der Straße und in den
sozialen Medien.
Salvini entwickelt daraus und durch sei-
ne endlosen Bürgergespräche eher spon-
tan, mit Bauchgefühl, seine Slogans und
Anekdoten. Während sein Parteiapparat
die Analysen nutzt, um politische Initiati-
ven zu definieren. »Wir schlagen kurzfris-
tige Ziele vor, die man in sechs Monaten
umsetzen kann«, sagt Campomenosi. Kei-
ne Vorhaben, deren Resultate erst in drei
Jahren sichtbar werden.
Kurz: keine Politik, wie sie traditionelle
Parteien betreiben. »Salvini könnte jetzt sa-
gen, wir wollen Establishment werden«,
sagt Campomenosi, »aber dann würden wir
denselben Fehler wie die Fünf-Sterne bege-
hen, die den Wechsel forderten und sich
jetzt ans Establishment angepasst haben.«
Die Lega ist schwer zu fassen. Kaum
wird es mal zu ruhig, zu harmonisch, plat-
ziert Salvini auf der Bühne und in den so-
zialen Medien die nächste Provokation.
Im Gespräch geben sich führende Lega-
Politiker dagegen fast immer als besonne-
ne Konservative, die die Wirtschaft ankur-
beln und für mehr Arbeitsplätze im Land
sorgen wollen. Der Kontrast zu Salvinis
Rhetorik ist groß.
Gian Marco Centinaio war bis Anfang
September Landwirtschaftsminister der
Lega und kennt Salvini seit vielen Jahren.
»Er sagt auf der Bühne das Gleiche wie die
Leute auf der Straße. Italien ist nicht in
der Lage, ganz Afrika aufzunehmen.«
Die Regierung mit der Fünf-Sterne-Be-
wegung sei nicht an der Flüchtlingspolitik
gescheitert. »Die Migrantendebatte lief
eher im Fernsehen, nicht im Kabinett.« Sei-
ne Partei habe die Justiz reformieren wol-
len, eine Steuersenkung verlangt und we-
niger Bürokratie. Und sie habe dafür sor-
gen wollen, dass junge Italiener nicht mehr

frustriert das Land verlassen. M5S habe
vieles blockiert.
Jasager gegen Neinsager, aufbauen oder
verhindern, auf diesen Widerspruch ha-
ben Salvini und seine Leute am Ende den
Konflikt in ihrer Koalition reduziert; so
erfolgreich, dass Inhalte und Fakten an
Bedeutung verloren und die Lega in allen
Umfragen die Fünf Sterne über flügelte.
Als Centinaio Salvini kennenlernte, gab
es noch die alten Parteien, Christdemokra-
ten, Kommunisten. »Heute sind wir die äl-
teste Partei im Land«, sagt Centinaio, aber
Italien habe sich verändert, auch die Lega
habe sich gehäutet.
Salvini hat die ursprünglich im reichen
Norden verankerte Autonomiebewegung
radikal umgebaut und die Attacken gegen
den armen und vermeintlich faulen Süden
eingestellt. Das war die Voraussetzung für
jenes Ziel, das er sogar ins Parteilogo
schreiben ließ: »Salvini Premier«. Zum
neuen Sündenbock machte er Europa und
Migranten. Größere Freiheiten für die
wirtschaftsstarken Gebiete zwischen Ve-
nedig, Mailand und Turin, massive Inves-
titionen im Süden, so lautet heute sein
Programm.
Seit der Parlamentswahl 2018 hat die
Lega mit ihren Bündnispartnern jede Re-
gionalwahl in Italien gewonnen, von den
Abruzzen bis nach Piemont. Ende Oktober
gibt es in Umbrien den ersten Stimmungs-
test seit dem Regierungswechsel, danach
folgen Emilia Romagna und Toskana, alles
Hochburgen der Sozialde mokraten, die
Salvini nahezu täglich attackiert.
Hat Salvini seinen Höhepunkt über-
schritten? Oder kann er die Regierung zer-
mürben, bis sie fällt?
Seine Gegner beobachten jeden seiner
Schritte genau, auch wenn sie versuchen,
ihn und seine Themen zu marginalisieren.
Doch seine Methoden, seine Social-Me-
dia-Strategie, seine Präsenz auf der Straße
haben sie kopiert. So wie Anfang Oktober,
als die Sozialdemokraten landesweit zu
Versammlungen auf tausend Plätzen auf-
riefen. »Aus Liebe zu Italien« lautete der
Slogan – ein Signal gegen den »Marsch
auf Rom«, zu dem Salvini an diesem Sams-
tag einige Zehntausend Fans erwartet.
Auch in Cosenza in Kalabrien streiten
sie am Abend des Salvini-Besuchs, wie es
weitergeht. In der Nähe des Theaters sind
linke Aktivisten aufgezogen und schlagen
lautstark Protest. Drinnen im Saal jubeln
Anhänger ihrem »Capitano« zu.
Und vor dem Theater steht Francesco
Perrone, der Rentner, mit all jenen, für die
es drinnen keinen Platz mehr gab, und
schaut sich das Spektakel an. »Links oder
rechts, das ist den meisten Leuten hier völ-
lig egal«, sagt er. »Die wollen nur, dass es
ihnen besser geht.« Frank Hornig
Mail: [email protected]

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