Die Zeit - 12.09.2019

(singke) #1

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Gladwell erzählt beispielsweise die Geschichte der persön-
lichen Begegnung des britischen Premierministers Neville
Chamberlain mit Adolf Hitler 1938. In ihrem Gespräch
beteuerte Hitler, er wolle lediglich das Sudetenland be-
setzen, das sei alles. Anschließend schrieb Chamberlain in
einem Brief an seine Schwester, er habe den Eindruck, Hit-
ler sei ein Mann, auf den man sich verlassen könne, wenn
er sein Wort gegeben habe. Ein tragischer Irrtum.
Malcolm Gladwell richtet sich jetzt in seinem Sessel auf:
»Chamberlain hätte Hitler nie treffen sollen!« Warum
nicht? »Das Unglaubliche an der Geschichte ist, dass alles,
was Hitler wollte, bereits in Mein Kampf stand, ausgebreitet
auf Hunderten von Seiten, er war da sehr klar und unmiss-
verständlich. Warum sollte man ein einstündiges Treffen
mit Hitler wichtiger einstufen als die Lektüre seines Buchs?«
Das ist Gladwell, der in seinem Leben viele Stunden in
Bibliotheken verbracht hat, zutiefst suspekt.
In seinem Buch schreibt Gladwell auch über ein Ereignis
aus seiner eigenen Familie. Sie steht in einem Kapitel, in
dem es um Mimik geht und darum, dass wir sie bei Frem-
den oft falsch einschätzen. Er schreibt, ganz im Ton eines
Podcasters: »Dazu fällt mir ein unangenehmes Erlebnis
meiner Eltern ein, die in einer Ferienwohnung Urlaub
machten. Mein Vater stand unter der Dusche, als er hörte,
wie meine Mutter einen lauten Schrei ausstieß. Er rannte
nach draußen und sah einen großen, jungen Mann, der
meiner Mutter ein Messer an die Kehle hielt. Was tat mein
Vater? Bedenken Sie, er war siebzig, nackt und klatschnass.
Er zeigte auf den Angreifer und sagte mit lauter, fester
Stimme: ›Raus. SOFORT!‹ Und der Mann ging.«
Auf den Überfall angesprochen, sagt Malcolm Gladwell,
dass sein Vater natürlich innerlich vor Angst gebebt habe,
»aber ich bin sicher, dass das in seiner Mimik nicht zu er-
kennen war. Ich habe kein einziges Mal erlebt, dass mein
Vater in seinem Leben Angst gezeigt hätte.« Der Fremde
hatte Gladwells Vater offenbar falsch eingeschätzt und floh,
entweder hatte er die Angst des Vaters nicht in seinem Ge-
sicht erkannt – oder falsch interpretiert, als Wut, der er
lieber aus dem Weg gehen wollte.
Malcolm Gladwell hat das Buch seinem Vater Graham ge-
widmet, der vor zwei Jahren mit 83 Jahren verstorben ist.
»Er hatte ein langes, wundervolles Leben«, sagt sein Sohn.
Wie war sein Vater? »Er war Mathematiker, ein Mann der

Zahlen, Engländer, eher reserviert, introvertiert, er liebte
lange Spaziergänge. Als Mathematiker war er immer mehr
am Abstrakten als am Konkreten interessiert.«
Graham Gladwell lernt seine spätere Frau Joyce Nation im
England der Fünfzigerjahre kennen. Sie stammt aus Jamai-
ka, arbeitet später als Therapeutin. »Ich habe meine Mutter
gerade letzte Woche in Italien gesehen, bei einem Familien-
treffen. Sie wird 89, reist viel, ist topfit. Sie ist eine richtige
jamaikanische Lady, 1,60 Meter, vielleicht sogar noch etwas
kleiner, eine nachdenkliche Person. Sie redet nicht viel, aber
wenn sie etwas sagt, sollte man immer genau zuhören. Als
Familientherapeutin hat sie sich immer dafür interessiert,
was andere Menschen antreibt. Und sie ist zäh. So zäh, wie
man wahrscheinlich sein musste als schwarze Frau, die in
den Fünfzigerjahren nach England kam. Und 1956 einen
weißen Mann heiratet.« Ende der Sechzigerjahre hat seine
Mutter eine Autobiografie geschrieben, in der sie auch den
Rassismus dieser Zeit beschreibt. Malcolm Gladwell hat das
Buch vor einigen Jahren wiederveröffentlicht.
Die Gladwells bekommen drei Söhne, Malcolm wird als
jüngster 1963 in Kent geboren. Sechs Jahre später erhält
sein Vater einen Ruf an die kanadische University of Water-
loo, die Familie zieht in eine Kleinstadt bei Toronto. Mal-
colm Gladwell ist ein mittelmäßiger Schüler, aber ein sehr
guter Leichtathlet, »ich war ein Läufer«, sagt er und lächelt.
Als Teenager läuft er sogar den nationalen Rekord über die
1500-Meter-Strecke in seiner Altersklasse. »Aber ich hat-
te nie die Illusion, dass ich einer der ganz Großen werden
könnte, auch damals nicht. Ich konnte den Unterschied
zwischen mir und den wirklich guten Läufern spüren.« Er
trainiert mit zwei gleichaltrigen Läufern, und eines Tages
sagen die anderen beiden zu ihm, dass sie als Nächstes einen
Hügel rückwärts hochlaufen würden. Das sei der Moment
gewesen, hat er einmal erzählt, in dem ihm klar geworden
sei, dass die anderen beiden größere Sportlerambitionen
hatten als er, »sie sind den Hügel rückwärts hochgelaufen,
und ich bin nach Hause gelaufen«. Läuft er heute noch?
»Ja, zurzeit bin ich verletzt, aber wenn ich laufe, mache ich
das fünf Tage in der Woche.«
Sein beruflicher Ehrgeiz – kommt er aus seiner Sportler-
zeit? »Vielleicht. Wobei mir das Training mehr Spaß ge-
macht hat als der Wettbewerb. Die Einsamkeit beim Trai-
nieren habe ich genossen, sie ist mit der beim Schreiben

»Im Alter von sechs Jahren hatte ich eine


Geburtstagsparty zu Hause, und an-


schließend hab ich zu meiner Mutter


gesagt: Das war’s, nie wieder«

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