Die Zeit - 12.09.2019

(singke) #1
Der Künstler vor seinen
Bildern: »Ich kann das
Handwerk nicht«

Foto: Laura Stevens/Camera Press/ddp/Picture Press

»Ich mache alles, was verboten ist«


Von der deutschen Kritik wird Anselm Kiefer gehasst. Hat der im Ausland gefeierte Künstler das verdient? Ein Atelierbesuch in Südfrankreich VON ADAM SOBOCZYNSKI


W


eit, flach und trocken
ist das Land, von einer
monatelang andauernden
Dürre geplagt. Und weit-
gehend unbesiedelt, man
fährt, von Montpellier
kommend, durch eine
menschenleere Landschaft, durch Platanenalleen
und Dörfer, die mit ihren Steinhäusern zeitlos
wirken und ausgestorben. In der Ferne erheben
sich etwas unwirklich helle Felsen, die Cevennen,
der südliche Teil des französischen Zentralmassivs
mit seinen tiefen Schluchten. Nach zwei Stunden
in dieser Tiefebene zwischen Meer und Bergen ge-
langt man in das Renaissance-Städtchen Barjac,
das so pittoresk südfranzösisch aussieht wie ausge-
dacht. Von hier aus führt ein schmaler Weg hinauf
zu einer stillgelegten Seidenfabrik, wo der Künstler
Anselm Kiefer in diesem Sommer für eine Weile
wieder lebt und arbeitet, weit entfernt von seinem
Hauptatelier bei Paris.
Der 74-jährige Kiefer, der 1993 nach Frank-
reich zog, zählt zu den international erfolgreichs-
ten und gefeiertsten, in Deutschland aber zu den
verachtetsten Künstlern. Nicht, dass es nicht auch
Bewunderer, ja regelrechte Pilger gäbe, die Kiefer
verehrungsvoll aufsuchten, wie etwa jüngst der
Bestsellerautor Ferdinand von Schirach, der sich
gemütsschwer und kettenrauchend, begleitet von
einem Kamerateam, zur Sinnsuche in Barjac ein-
fand. Oder Alexander Kluge, der in mehreren auf-
gezeichneten, wunderbar sprunghaften Interviews
mit dem Maler, einem emphatischen Leser, über
Rimbaud, Shakespeare, das 17. Jahrhundert und
natürlich über Kriegsschlachten sprach. Kiefer
kam zwei Monate vor dem Ende des Zweiten
Weltkriegs im Luftschutzkeller eines Kranken-
hauses in Donaueschingen zur Welt, und er hat,
was ihm immer wieder übel ausgelegt worden ist,
die deutschen Mythen, die bombastische Über-
bietungslust, die viel beschworene »Tiefe« und mi-
litärische Unwucht nicht etwa ausgeblendet und
abgehakt, sondern, im Gegenteil, den heiklen
Traditionsbestand des deutschen Nationalismus,
wenn auch verfremdet, erneut ins Bild gesetzt und
sich ihm ausgesetzt. Die Installationen und Bilder:
ungewöhnlich groß. Die Farben und Materialien
düster: grau und braun, Blei und Holz. Die titel-
gebenden Sujets gern germanisch: Parsifal, Der
Nibelungen Leid, Deutschlands Geisteshelden, Die
Herrmanns-Schlacht und so weiter. Derartiges bie-
tet Angriffsfläche. Den Bildern, wurde manchmal
behauptet, sei die Faszination für das »Dritte
Reich« eingeschrieben, in jedem Fall Gigantoma-
nisches und Überwältigendes.
Anselm Kiefers langjährige Assistentin Waltraud
Forelli, eine angenehm distinguierte Frau, begrüßt
einen vor der Seidenfabrik. Das alte Gebäude aus
hellem Stein, es steht im prallen Sonnenlicht, hat


überraschenderweise gar nichts Fabrikhaftes an sich.
Es war zuvor ein Herrenhaus und ist unter Künstler-
vorzeichen, wenn man so will, wieder zu einem ge-
worden. Wir gelangen in einen lang gestreckten
Raum mit offener Küche, in der Kiefers Koch Franco,
ein Neapolitaner, hantiert. Von den Fenstern aus ist
nur ein sehr kleiner Teil des 35 Hektar großen An-
wesens zu sehen, auf dem Kiefer seit Jahren zahlreiche
Gebäude, Gemälde, Skulpturen, Tunnel gestaltet hat.
Aus der Tiefe des Raums kommt einem nun auch der
Künstler selbst mit schwarzem T-Shirt und weißer
Leinenhose entgegen, ziemlich athletisch, ein Mann
von interessanter, nervöser Jugendlichkeit, der zwan-
zig Jahre jünger wirkt, als er ist, und das ist keine
Übertreibung. Wir setzen uns, während Franco
Kaffee serviert, auf eine lang gestreckte Couch und
sprechen über seine jüngste Ausstellung.
Die wurde im April in der Stuttgarter Staatsgalerie
eröffnet und wird von dieser Woche an in den Ham-
burger Deichtorhallen zu sehen sein. Sie heißt Die
jungen Jahre der Alten Meister und vereint Frühwerke
von Kiefer, Georg Baselitz, Gerhard Richter und
Sigmar Polke, vier der international renommiertesten
deutschen Künstler. Der Bundespräsident hatte sie
eingeweiht, und ein wenig Kritik hat es dann auch
gegeben, vor allem am Kurator, dem Kunsthistoriker
Götz Adriani, der im Katalog mehrfach die sehr ei-
genwillige Pointe setzte, anstelle des von Paul Celan
beschworenen Todes sei dank der so ungeheuer erfolg-
reichen Nachkriegsmaler die Kunst zu einem »Meis-
ter aus Deutschland« geworden. Die deutsche Kunst
als ein Triumph über Auschwitz? Als die glorreiche
Bezwingerin der NS-Verbrechen? Come on.

N


un besitzt Anselm Kiefer, der Adria-
ni seit Langem kennt, die bewun-
dernswerte Gabe, wenn es darauf
ankommt, auf fröhliche Weise di-
plomatisch zu formulieren; sich zu
distanzieren, ohne sich zu distanzieren. »Natür-
lich«, sagt er, »wurden wir zu Staatskünstlern er-
klärt, was mir eher fremd ist.« Schon die Eröff-
nung, eigentlich eine Zumutung. Kiefer war zu
seiner eigenen Überraschung der einzige Maler,
der anwesend war. Der repräsentative Akt erschien
ihm unwürdig: »Eigentlich wartet der Künstler
nicht auf den Präsidenten. Der Präsident wartet
auf den Künstler. Das hat man in Stuttgart nicht
verstehen wollen.«
Kiefer macht zudem auf einen Widerspruch in
der Nationalkünstler-Ausstellung aufmerksam. Die
ausgestellten Maler seien nur mit Gewalt in ein Kon-
zept zu bringen: So habe Gerhard Richter einen eher
»indirekten Bezug zu deutscher Geschichte, weil das
Kleinbürgerlich-Ostdeutsche sichtbar wird«. Bei
Polke sei der Bezug zwar stärker, »weil er Zyniker ist.
Beim Blick auf die Welt können Künstler nicht anders
als Zyniker sein, alles andere wäre Affirmation.« Le-
diglich bei Baselitz und ihm aber könne »man die

Reflexion der Geschichte, besonders der deutschen,
klar sehen«.
In der Ausstellung ist Kiefer mit Selbstporträts
aus den Sechzigerjahren vertreten, die einen beson-
ders entschiedenen Bezug zu deutscher Geschichte
haben und seinerzeit einen ziemlichen Skandal aus-
lösten. Sie zeigen den Maler mit Hitlergruß und
Wehrmachtsuniform vor geschichtsträchtigen Or-
ten auf Fotos und auf Gemälden. Bewusst dilettan-
tisch gemalt, der Künstler steht als Nazi mickrig vor
dem Papst oder einer antiken Ruinenlandschaft.
»Mit den Bildern«, erklärt Kiefer, »wollte ich auf
das Lächerliche und Komische Hitlers verweisen.
Das Monstrum war ja tatsächlich unfreiwillig ko-
misch, das hat Chaplin auch so gesehen.« Kiefer
war damals eine Schallplatte in die Hände gefallen,
die die Amerikaner in Umlauf gebracht hatten, um
den Deutschen zu zeigen, was geschehen war. Da-
rauf waren auch Reden Hitlers zu hören: »Ich war
fasziniert, und in der Aktion wollte ich meinen Ort,
mein Verhältnis zu diesem fremden Monströsen er-
kunden, indem ich sozusagen einen Schritt auf den
Spuren der Täter ging.« Heute erscheint Kiefer das
allzu Direkte und Naive der Bilder unangemessen,
er verbucht sie als Jugendwerk.
Es kommen, woher auch immer, zwei große,
sehr aufgeweckte Hunde herbeigelaufen, die be-
stimmt nur spielen wollen. Zwei laut hechelnde,
hellfellige Labradore, die auf die Namen Figaro
und Danaé gehorchen. Kiefer ermuntert zum Strei-
cheln, die drehten immer ein bisschen auf, wenn
Besucher da seien. Er lacht. Kiefer lacht überhaupt
ziemlich häufig, wenn er erzählt und dabei auf eine
Pointe stößt. Das ist spontan einnehmend, weil
sich die Schwere, die ihm häufig unterstellt wird,
mit dem Witz, der ihm eigen ist, so herrlich
schlecht verträgt. Nur wenn es um die Deutschen
geht, wird es etwas ernst. Kiefer, der Merkels
Flüchtlingspolitik befürwortet und der Kanzlerin
auch einen entsprechenden Brief geschrieben hat,
sieht im Aufstieg der AfD lang Verdrängtes am
Werk: »Schon in den Sechzigerjahren war mir klar:
Das ist ein Sumpf. Der ist zugedeckt durch eine
ganz dünne Schicht. Aber irgendwann kommt das
wieder raus.«
Warum er in Deutschland weniger Anerken-
nung findet als im Ausland, erklärt sich Kiefer da-
mit, dass er in seinem Leben auf »leere symbo-
lische Gesten« verzichtet habe: »Ich habe mich nie
als Antifaschisten bezeichnet. Das wäre mir lächer-
lich vorgekommen. Es hätte die wahren Wider-
standskämpfer doch verhöhnt.« Was über ihn ge-
schrieben wird, verfolgt Kiefer genau: »Wenn ich
eine Ausstellung im Ausland mache, berichten die
New York Times, der Guardian, die Financial
Times. Nicht immer positiv, auch kritisch, aber das
ist ja in Ordnung, damit kann man sich auseinan-
dersetzen, wenn es begründet ist. In Deutschland
werde ich beschwiegen oder gleich polemisch an-

gegangen.« Er verweist auf zum Teil jahrzehntealte
Artikel in der ZEIT, die ihm, bis in die Formulie-
rungen hinein, erstaunlich präsent sind.
Wie er die politische Situation in Frankreich ein-
schätzt? Die Gelbwesten? Da müsse er eine gewisse
Ratlosigkeit eingestehen, sagt Kiefer. Sind sie Aus-
druck sozialer Ungerechtigkeit? Ja, schon, »aber auch
der Konsumismus spielt eine Rolle. Niemand hun-
gert, aber man möchte halt die neuesten, besonders
teuren Sportklamotten. Steuern kann man in Frank-
reich ja kaum erhöhen, von einem Bildverkauf bleiben
bei mir 18 Prozent.« Er erinnere sich noch sehr genau
daran, was es heißt, arm zu sein und haushalten zu
müssen. Das hätten die Menschen offenbar verlernt.

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eit, sich ein wenig umzuschauen. Auf
der Rückseite des Herrenhauses hat
Kiefer einen großzügigen Swimming-
pool angelegt, den er ausgiebig nutzt,
wie er erzählt. Immer morgens zieht er
seine Runden. Wir machen nun einen langen Spa-
ziergang durch das ausgedehnte und labyrinthische
Reich, das sich der Künstler hier in all den Jahren
mit mehreren Baufirmen erschaffen hat. Es fällt
schwer, das, was man sieht, kohärent zu beschrei-
ben. Man verfällt als Besucher in eine Art kind-
liches Vergnügen, lacht immer wieder überrascht
auf. Düster? Schon, ja, aber mit der größten Freude.
Der jugendliche Spaß, den es gemacht haben muss,
ein ganzes, 35 Fußballfelder großes Gelände zu
bebauen, überträgt sich sofort. Man betritt eine Art
Amphitheater mit Gängen und Aussichtsplattfor-
men und imaginiert unzählige Besucher, die sich
hier einfinden, um einen Kampf zu beschauen. An
der Wand, über neun Meter hoch, ein Bild, das
einen Hörsaal zeigt. Wer vor ein solches Werk tritt,
sieht mit einem Mal die sehr konkrete, abstrakte
Struktur der Materialien, die Holzsplitter etwa, die
alles Monumentale sehr vergänglich machen, und
das Blei, das alles Vergängliche verewigt. Es geht
durch Tunnel und Bunker, tief in die Erde ge-
graben, durch die Betonbäume eines Zauberwal-
des, die unterirdisch wachsen, durch einen ägyp-
tischen, ziemlich klaustrophobischen, 50 Meter
langen Gang aus Wachs des Künstlers Wolfgang
Laib. Dann, mit dem Geländewagen hinaus und
hinauf, durch eine Art Trümmerfeld, vorbei an
riesigen Türmen, die auseinanderzufallen drohen,
wie nach einem Atomschlag. Dann Frauentorsi in
einem Wald, sie stehen gespenstisch weiß gekleidet
zwischen Bäumen, Märtyrerinnen der Geschichte,
ein prachtvoller Albtraum, vor allem in der Däm-
merung. Und ein abgestürztes Flugzeug, irgendwo
im Feld, verlassen und vergessen. Und so vieles
mehr. Man kann gar nicht anders, als erschlagen
und begeistert zu sein.
Kiefer läuft zumeist wortlos, aber beschwingt
durch sein Reich. Es ist ein Kindertraum, das alles
hier, nicht wahr? Und ob, sagt Kiefer, als Kriegs-

kind habe er nur mit Trümmern spielen können.
Das tue er noch heute.
Drei Eigentümlichkeiten aus seinem Leben er-
zählte Anselm Kiefer an diesem langen Tag noch,
die nachzutragen wären. Sie stehen in keinem rech-
ten Zusammenhang, aber wir wollen sie nicht ver-
schweigen. Er erzählte erstens, dass er, der einstige
Messdiener, katholisch streng erzogen worden sei,
in seiner Familie sei die Hölle finster ernst genom-
men worden: »Selbst ich sehe noch die Hölle,
nachts, wenn sich das Bewusstsein trübt.« Und
dass der Katholizismus bei ihm Marotten hinter-
ließ: »Ich habe zu Hause Kirchengewänder, alle
Kleider, vom Bischof, Kardinal, bis hin zum Papst.
Als ich klein war, wollte ich Papst werden. Da hat
man mir gesagt: Du bist dazu schon in der Lage,
aber leider werden immer nur Italiener Papst.«
Er erzählte zweitens (und nicht zum ersten Mal),
dass er im handwerklichen Sinne nicht malen könne.
»Wenn ich ein Bild von Manet sehe, zum Beispiel den
großartigen Spargel, dann fühle ich mich als Maler
ganz klein. Ich kann das Handwerk nicht. Ich ar-
beite sehr unhandwerklich. Ich mache alles, was ver-
boten ist. Bild abbrennen, Säure aufs Bild geben. So
malen, dass am nächsten Tag alles abfällt.« Anderer-
seits: »Talent ist nicht wichtig. Van Gogh hat sein
Werk erst in den letzten drei Jahren gemalt. Er hatte
kein Talent. Darauf kam es bei ihm auch nicht an.«
Was natürlich heißt: Auch bei Kiefer kommt es auf
das Talent nicht an. Er ist van Gogh, nicht Manet.
Er erzählte drittens, wie bei ihm der Schaffens-
prozess intellektuell vonstattengeht. »Ich gehe über
die Romantik hinaus. Wenn ich etwas beginne,
dann ist das schon die Negation von dem, was ich
begonnen habe.« Und er ergänzt: »Es ist nicht zuerst
etwas und dann das Nichts. Da ist für mich keine
Chronologie. Sondern das Nichts ist gleichzeitig
mit dem Seienden. Laotse hat das einmal wunder-
bar auf den Punkt gebracht: ›Dass etwas da ist, be-
deutet Gewinn. Aber das Nichts darin macht ihn
nutzbar.‹ Der wahre Künstler ist ein Ikonoklast.
Deswegen sind die Bilder für mich eigentlich nie
fertig. Ab und zu muss ich eines verkaufen, damit
ich weitermachen kann.« Das ist die Gelegenheit zu
fragen, warum Gerhard Richter eigentlich noch ein
klein wenig höhere Preise für seine Werke erzielt als
er, nämlich die höchsten auf der Welt? Da gibt Kie-
fer zu bedenken, dass seine Werke, der Größe we-
gen, in keinen Safe passten. Das drücke ein wenig
die Preise. Sie seien eben nicht gut versicherbar.
Am Abend, auf der Terrasse der Seidenfabrik, ser-
viert Franco Pasta und Rotwein. Figaro und Danaé
liegen träge in einer Ecke. Und endlich regnet es auch,
aber noch immer nicht bei Barjac, sondern weit in
der Ferne in den Cevennen, wo die Blitze im Zickzack
einschlagen unter mächtigem Donnern und das
Herrenhaus ab und an schlagartig erleuchten.

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  1. SEPTEMBER 2019 DIE ZEIT No 38 FEUILLETON 57

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