GEO - 09.2019

(Nancy Kaufman) #1

128


Dann stoppen die Männer die Ma­
schine, ziehen Gesteinsproben heraus.
Und drillen weiter; in drei Monaten sind
sie so rund 680 Meter in Richtung Erd­
bebenzone gelangt. Es kann nicht mehr
lange dauern, bis der Bohrer die von der
Urgewalt zerrissene Felszone erreicht.
In einer benachbarten Goldmine hat
Maggie Laus Boss Tullis Cullen Onstott,
64, Professor für Geomikrobiologie in
Princeton, vor einigen Jahren eine sen­
sationelle Entdeckung gemacht. Beim
Bohren eines Erkundungstunnels war
plötzlich Wasser aus einer Wand gequol­
len. Ein Zufall. Onstott, den alle nur TC
nennen, mobilisierte aufdie Nachricht
hin seine Kollegen, und sie setzten sich
ins Flugzeug.
Im Grubenwasser aus 2,8 Kilometer
Tiefe fanden die Wissenschaftler mas­
senhaft Bakterien-DNA. Was sie nicht
erwartet hatten: Sie stammte nur von
einer Art. Es war das erste bekannte
Ökosystem des Planeten, das nicht mehr
als einen einzigen, einsamen Bewohner
beherbergte. Sein 60 Grad heißes Bio­
top musste seit Abermillionen Jahren
abgeschottet gewesen sein, kalkulier­
ten die Forscher anband von Isotopen.
Es blieb nicht die einzige verrückte Er­
kenntnis: Die Mikrobe überlebt dank
der Spuren des radioaktiven Urans, die
in vielen Goldlagerstätten vorkommen.

w

Ä H R E N D P F LA N Z E N das
Licht der Sonne nutzen,
um Zucker für den Eigen-
bedarfherzustellen, baut
der Winzling auf die alternative Energie
der Strahlung. Sie spaltet aus Wasser­
molekülen Wasserstoff ab. Diesen Vor­
gang nutzt der Einzeller in einer Folge
chemischer Reaktionen zur Ummode­
lungvon Mineralen, etwa Eisensulfaten.
Bei diesem Prozess gewinnt er Energie.
Nicht viel, aber es reicht. Denn der Ere­
mit ist genügsam.
Zudem fanden die Forscher Hinwei­
se auf ein besonderes Lebenskonzept
Anders als die Wesen an der Erdober­
fläche ist das Bakterium nicht Teil ei­
nes organischen Kreislaufs- kein Blatt
verrottet in seiner Welt, das es aufzeh­
ren könnte. Es muss auf die unorgani­
sche, unbelebte Materie zurückgreifen.

Sämtliche Körperteile fertigt der Einzeller aus Molekülen
an, die im unterirdischen Wasser gelöst sind. So nutzt er etwa
Kohlendioxid, um den Kohlenstoff auszubauen und daraus
Zellstrukturen zu errichten. Und auch sämtliche Eiweiße
stellt er selber her. Solange Nachschub vorhanden ist, geht die
Do-it-yourself-Show immer weiter.
"Niemand hätte darauf gewettet, dass wir auf ein so auto­
nomes Geschöpf treffen würden, welches sich auf radikale
Weise selbst genug ist", sagt Onstott. Der Fund öffnete die
Tür zu einerneuen Dimension des Lebens, das vom Sonnen­
licht vollkommen unabhängig war.
Nach einem Zitat aus Jules Vernes Roman "Die Reise zum
Mittelpunkt der Erde" tauften sie das Bakterium auf den Na­
menDesulforudis audaxviator. Der Namenszusatz bedeutet

Maggie Lau sucht in
einem aufgegebenen
Stollen nach rostigen
Verschlüssen alter
Bohrlöcher. Denn Rost
könnte ein Hinweis
sein auf Wasser, das
dahinter schwappt.
Und Wasser kann
immer Leben enthal­
ten, weiß die Mikro­
biologin - Bakterien
oder andere Einzeller

GEO 09 2019
Free download pdf