Süddeutsche Zeitung - 10.09.2019

(Darren Dugan) #1
von marie schmidt

D


ie Premierenpartys neuer Romane
sind für gewöhnlich lauschige Aben-
de – mit einer eingeschworenen
Gruppe von Freunden des Autors oder der
Autorin, berufsenthusiastischen Verlags-
mitarbeitern, ein paar Fans und den bran-
chenüblichen Mengen lauwarmen Weiß-
weins. Der neue Roman von Margaret At-
wood dagegen wird in einem mehrstufigen
Verfahren in die ganze Welt geschossen.
Das ist keine Übertreibung: Über 1000 Ki-
nos vor allem in der englischsprachigen
Welt, aber auch in deutschen und skandina-
vischen Städten übertragen am Dienstag-
abend den Book Launch aus London.
Und das wird nur der Höhepunkt. Schon
in der Nacht von Montag auf Dienstag wird
in der Buchhandlung Waterstones am Pic-
cadilly Circus in London auf diesen Roman
hingefiebert. Die Zeit vergeht mit einer
Podiumsdiskussion zwischen Autorinnen
wie Elif Shafak und Jeanette Winterson
und Statements von ausgewählten Dich-
terinnen und Frauenrechtsaktivisten. Bis
dann um Mitternacht der Erscheinungs-
tag von „The Testaments“ anbricht und die
Autorin selbst aus ihrem Roman vorliest.


Um den Hype aufzubauen, musste der
Roman zuvor strenger Geheimhaltung
unterworfen werden, harten Auflagen für
lizenznehmende Verlage und Kritiker, die
ihn vorab lesen wollten. Zur Strategie ge-
hört aber auch die wohllancierte Brechung
aller Sperrfristen, zum Beispiel durch Mi-
chiko Kakutani, die sich von ihrem Amt als
weltgrößte Literaturkritikerin eigentlich
vor zwei Jahren losgesagt hat, für den
neuen Atwood-Roman aber eine doppelte
Ausnahme machte und ihn bereits eine Wo-
che vor Erscheinen in derNew York Times
pries. Auch die Jury des Man-Booker-Prei-
ses, auf dessen Shortlist das Buch steht,
hat es schon gelesen. Und einige amerikani-
sche Fans, die es auf Amazon vorbestellt
hatten und es durch einen technischen Feh-
ler zu früh geliefert bekamen.
Das einzigartige Ereignis besteht aber
nicht in dieser Marketingkampagne allein,
sondern darin, dass sie einen gewaltigen
politischen Resonanzraum hat. „The Testa-
ments“, das auf Deutsch unter dem Titel
„Die Zeuginnen“ im Berlin-Verlag er-
scheint, ist die Fortsetzung des Romans
„Der Report der Magd“ von 1985, der, spä-
testens seit er Vorlage einer gleichnamigen
Serie war, zu einem ikonischen Text des
Kampfs für Frauenrechte wurde. Bei De-
monstrationen für liberale Abtreibungs-
rechte tragen Frauen die bodenlangen ro-
ten Kleider und weißen Hauben der Hand-
maids, die Margaret Atwood erfunden und
die Serie ins Bild gesetzt hat. Dazu Schil-
der, auf denen steht: „The Handmaid’s
Tale is not an instruction manual“ – der
„Report der Magd“ ist keine Bedienungsan-
leitung zur Beschneidung des Rechts auf
körperliche Selbstbestimmung.
Das Szenario des Romans, den Marga-
ret Atwood im Frühling des Orwellschen
Jahres 1984 zu schreiben begann, war
folgendes: In einer nahen Zukunft sind die


Vereinigten Staaten zu einer religiösen Dik-
tatur namens Gilead geworden, die eine
Kastengesellschaft einführt, in der Frauen
keine Rechte haben, ihr Eigentum an ihre
männlichen Verwandten verlieren und nur
noch als Hausfrauen und Mütter gelten.
Weil die Zerstörung der Umwelt aber
gleichzeitig zur Sterilität weiter Teile der
Bevölkerung geführt hat, werden jene Frau-
en, die noch Kinder bekommen können,
als Mägde zeugungsfähiger Männer gefan-
gen gehalten. Am Ende der Geschichte
steigt die Hauptfigur, die Magd Offred (auf
Deutsch Desfred, der Name ist Besitzanzei-
ge eines Mannes namens Fred) in ein Auto,
von dem man nicht weiß, ob es sie in ein
Lager oder in die Freiheit transportiert.
Der neue Roman „Die Zeuginnen“ nimmt
die Geschichte mit den Töchtern dieser
Frau wieder auf, ihrer Suche nach ihrer
Herkunft und den verschiedenen Lebens-
läufen und Haltungen in einer Diktatur.

Sie habe streng darauf geachtet, dass
nichts an ihrer Dystopie aus der Luft gegrif-
fen war, hat Margaret Atwood über den
ersten Roman geschrieben: „Eine meiner
Regeln war, dass ich keinen Vorfall in das
Buch bringen würde, den es nicht schon
gegeben hätte in dem, was James Joyce
den ,Albtraum‘ der Geschichte nannte,
und auch keine Technologie, die nicht
schon vorhanden wäre.“ Diese historische
Wahrscheinlichkeitsökonomie führte da-
zu, dass der Roman auch neueren Entwick-
lungen in geradezu prophetischer Weise
zu entsprechen schien. Dem verdankt sich
auch der Erfolg der Serie, die im Jahr 2017
startete, im Jahr eins der Präsidentschaft
Trumps, in der bald auch die Einschrän-
kung der Abtreibungsrechte durch den
Obersten Gerichtshof bevorsteht. „Wir ha-
ben angefangen, uns mit den Hoffnungen
der Mägde zu identifizieren“, schreibt etwa
Michiko Kakutani, „dass der Albtraum

enden wird und die Vereinigten Staaten –
ihre demokratischen Werte und verfas-
sungsmäßigen Sicherheiten – bald wieder-
hergestellt werden“.
Auf diesen Hallraum von Ängsten, Em-
pörung und Hoffnungen bezieht sich
Margaret Atwood, wenn sie in der Ankündi-
gung des globalen Kinoevents sagt: „Liebe
Leser, alles was ihr mich je über Gilead und
seine inneren Vorgänge gefragt habt, war
eine Inspiration für dieses Buch. Oder fast
alles! Die andere Inspiration ist die Welt, in
der wir gelebt haben.“ Worauf das Publi-
kum mit dem Erscheinungstermin der
„Zeuginnen“ also hinfiebert, ist nicht nur
die Auflösung der Frage, wie es mit Offred
weiterging. Deren Figur haben die Autoren
der Serie „The Handmaid’s Tale“ über zwei
Staffeln weitererzählt. Vor allem geht es
jetzt darum, noch einmal die Stimme des
Originals zu hören und von Margaret At-
wood im Lichte der Gegenwart zu erfah-

ren, was aus einer Welt werden soll, in der
die Umweltzerstörung die Voraussetzun-
gen des Lebens völlig ändert, und in der
Menschen auf die Beschneidung ihrer eige-
nen Freiheiten hinarbeiten.
Belletristische Neuerscheinungen mit
einer derart rasenden Anschlussfähigkeit
an die populäre Vorstellungswelt, den Ge-
schmack sehr vieler Leser und an brennen-
de politische Themen sind selten. Aber die
Buchbranche braucht sie dringend. Wäh-
rend mittelgroße Erfolge und literarische
Überraschungstreffer nie planbar sind,
können Spitzentitel wie dieser die Bilan-
zen eines Verlags über mehrere Jahre stabi-
lisieren. Für ein kleineres Haus wie den
Berlin-Verlag, der unter dem Dach des
schwedischen Bonnier-Konzerns um seine
Geltung kämpft, ist so ein Buch ein un-
schätzbares Ereignis. Zumal, wenn es auf
den Flügeln einer internationalen Kampa-
gne zu seinen Lesern getragen wird.

Man kann gespannt sein, was Petina Gap-
pah sagenwird, wenn sie am Mittwoch das
internationale Literaturfestival in Berlin er-
öffnen wird. Das Programm gibt dazu we-
nig her, außer, dass der Pianist Christian
Beldi sie zum Auftakt am Flügel begleiten
wird. Die recht umfangreiche Autoren-Bio-
grafie der Autorin informiert die Besucher
darüber, dass Gappah in Sambia geboren
wurde und in Simbabwe aufwuchs, dass
sie immer Schriftstellerin werden wollte
aber erst Jura studierte, dass sie viele Jahre
lang bei der Welthandelsorganisation in
Genf arbeitete und gleichzeitig Bücher
schrieb, die mit vielen Preisen ausgezeich-
net wurden. Oft geht es in ihren Werken,
wie ihrem Ende August auf Deutsch er-
schienenen Roman „Aus der Dunkelheit
strahlendes Licht“ um einen Perspektiv-
wechsel, eben nicht die europäische Sicht
auf Afrika, sondern den umgekehrten
Blick auf den Kolonialismus. Was die Besu-
cher bis Sonntagabend auf der Website des
Festivals nicht im Detail erfuhren, ist, dass
Gappah bis vor wenigen Tagen eine enge
Beraterin von Simbabwes Präsident Em-
merson Mnangagwa war, einem Mann, der
für Millionen Menschen im südlichen Afri-
ka ein übler Diktator ist.
Während man in Deutschland, Europa
und den USA vor allem über das Buch von
Gappah spricht, ihr Werk im Deutschland-
funk und derNew York Times lobend
besprochen wird, debattieren Kritiker in
Simbabwe über ihr Engagement für die
Regierung. Der Menschenrechtsaktivist
Brilliant Mhlanga schreibt auf Twitter:
„Wie kann Petina Gappah öffentlich einen
Putsch unterstützen, in dem sie den barba-
rischen Mnangagwa und seine Bande von
Plünderern verteidigt.“ Die ebenfalls preis-
gekrönte Schriftstellerin Novuyo Rosa
Tshuma sagt, ihre Kollegin sei „nicht zu
einer ehrlichen Kritik von Mnangagwa in
der Lage, dazu, wie er Menschenrechte
und Demokratie missbraucht hat“.
Am Mittwoch nun hält sie die Eröff-
nungsrede bei einem Literaturfestival, das
sich „den Menschenrechten verpflichtet“
sieht. Während Schriftsteller oder Künst-
ler in Deutschland sehr genau unter die Lu-
pe genommen werden, wenn sie Sympa-
thien für extremistische Parteien äußern,
bleibt das Wirken von Petina Gappah bis-
her unbeachtet. „Wenn wir Autoren einla-
den, die sich politisch äußern, dann sind es
gerade solche, die sich den Menschenrech-

ten verschreiben“, teilt das Festival mit.
Und der Fischer-Verlag schreibt: „Wir sind
überrascht von dieser Diskussion und ver-
suchen, uns ein Bild zu machen.“
Petina Gappah sagte ein bereits zugesag-
tes Interview wieder ab, als sie auf Nachfra-
ge erfuhr, dass es in dem Gespräch auch
um ihre Arbeit für die Regierung gehen soll-
te. Sie sagt, ihre Aussagen seien in der
Vergangenheit immer von der Opposition
missbraucht worden, die Debatte in Sim-
babwe sei zu polarisiert. Sie nennt Referen-
zen, bei denen man sich über sie erkundi-
gen möge. Der einzig namentlich genannte
Simbabwer sagt: Petina Gappah sei eine er-
wachsene Frau, die ihre Entscheidungen
selbst erklären müsse. Spricht man mit
weiteren Journalisten und Kulturschaffen-
den, dann erzählen viele, wie überrascht
sie gewesen seien, die ehemalige Kritike-
rin des Regimes plötzlich als Beraterin der-
selben Leute wieder zu treffen.

Gappah hat immer wieder darüber ge-
schrieben und gesprochen, wie Robert Mu-
gabe Simbabwe erst befreite und dann in
den Abgrund riss. Den „Gründer“ und „Zer-
störer“ des Landes nannte sie ihn einst.
Mugabe wurde im November 2017 durch
einen Putsch gestürzt. Er war gerade da-
bei, seine Frau als Nachfolgerin in Stellung
zu bringen, sie zur Vize-Präsidentin zu ma-
chen, als die Generäle putschten und Em-
merson Mnangagwa ins Amt hoben, der
fünf Jahrzehnte lang treu an der Seite von
Mugabe stand. Der Sicherheitsminister
war, als im Matabeleland ein Massaker an
Oppositionellen verübt wurde bei dem et-
wa 20 000 Menschen getötet wurden. Der
in führender Position Verantwortung trug,
als weiße Farmer vertrieben und ermordet
wurden. Der dabei war, wenn Wahlen ver-
schoben und Oppositionelle verschleppt
wurden. Als er zum Nachfolger Mugabes er-
nannt wurde, gab es in Simbabwe Stim-
men, die glaubten, der Nachfolger werde
womöglich schlimmer wüten als Mugabe.
In dieser Zeit schloss Petina Gappah ei-
ne Vertrag mit dem Präsidialamt, die Regie-
rung startete eine Kampagne unter dem
Slogan „Zimbabwe is open for business“.

Präsident Mnangagwa bekam von seinen
Beratern einen bunten Schal umgehängt,
bereiste die Welt und gab Interviews, in
denen er von der neuen Zeit erzählte, von
Reformen und Menschenrechten. In einer
großen Geschichte derFinancial Timesbe-
schrieb der Journalist, wie eine „quirlige“
Gappah beim Interview zugegen gewesen
sei, wie sie den Präsidenten überredet ha-
be, sich der Öffentlichkeit zu stellen. „Sie
ist einer der ehemaligen Kritiker, die zu
hoffen wagen, dass sich ihr Heimatland
wirklich verändern kann.“ Die offenbar
auch hoffte, dass Mnangagwa sich ändern
kann. Gappah wurde im Ausland das
freundliche Gesicht des Regimes. Die Rech-
nung schien aufzugehen, viele westliche
Diplomaten verbreiteten die Kunde der
neuen Zeit. Deutschland eröffnete eine
Vertretung der Handelskammer. Auch die
Kritiker gestehen ihr zu, das Land wieder
international ins Gespräch gebracht und
die lähmende Isolation zumindest ein biss-

chen beendet zu haben. Gappah sah sich
selbst als jemand, der versuchte, das Sys-
tem von innen zu verändern und dafür
auch Risiken einging.
Doch das Morden ging weiter. Aus Sicht
vieler Menschenrechtsaktivisten ist die La-
ge in Simbabwe heute mindestens genau-
so schlimm wie unter Mugabe. Oppositio-
nelle werden entführt, Demonstranten er-
schossen. Gappah beendete ihren Berater-
vertrag dennoch nicht. Nach den Anfragen
an das Literaturfestival und den Verlag ant-
wortet sie schließlich per Mail auf Fragen
und verschickt eine Erklärung. Sie sei in
einer Zeit des Umbruchs gefragt worden,
ob sie ihre Expertise einbringen könne, um
ihrem Heimatland zu helfen. Sie sei weder
eine enge Beraterin des Präsidenten gewe-
sen noch eine Mitarbeiterin der Regierung.
„Ich wurde als externe Beraterin ange-
stellt, um meine Expertise in der Förde-
rung von Investitionen und strategischer
Kommunikation zu Verfügung zu stellen.“
Sie habe für eine Regierung gearbeitet, die
mit Deutschland und anderen Ländern vol-
le diplomatische Beziehungen unterhält.
Da man das Regime von Simbabwe als
„bösartig“ bezeichnet, wolle sie folgende
Gegenfrage stellen: „Die Deutschen hatten
das bösartigste Regime des vergangenen
Jahrhunderts. (...) Kein Verbrechen in den
modernen Zeit ist mit der Shoah vergleich-
bar. Heißt das nun, dass nie wieder jemand
für die deutsche Regierung arbeiten
kann?“ Die Nachfragen zu ihrer Arbeit fühl-
ten sich an „wie eine Kampagne“, die von
der Opposition in Simbabwe angestiftet
wurde. Ihr Abschied sei in „diplomati-
schen Kreisen mit Bestürzung zur Kennt-
nis genommen worden, weil ich einen Ruf
habe, aufrichtige und ehrliche Ratschläge
zu geben, eine Agentin des Wandels zu sein
und zu liefern “.
Seit einigen Tagen ist Petina Gappah kei-
ne Agentin des Wandels mehr sondern
Schriftstellerin, die in Europa auf Lesereise
ist und darauf hofft, dass ihr neues Buch für
sich selbst steht und nicht mit ihrer Arbeit
für die Regierung in Simbabwe verwechselt
werde. Dort wird gerade der alte Diktator
zu Grabe getragen, unter dem neuen geht
das Morden weiter. Am Montagnachmittag
kommt noch mal eine Mail von Petina Gap-
pah, mit einem Link zu einem Text im
Guardianvom selben Tag, in dem sie so
kritisch über Mnangagwa schreibt wie viel-
leicht nie zuvor. bernd dörries

Fußball plus Symbolik ist gleich Emotion,
dieGleichung ist bekannt und auch, dass
da immer ein bisschen Wahnsinn mit-
schwingt. Gerade ist das mal wieder im
Klagenfurter Wörthersee-Stadion zu beob-
achten, allerdings ohne dass dafür Fußball
gespielt würde. Der Neubau des Stadions
zur EM 2008 war das letzte Großprojekt
Jörg Haiders. Es bietet Platz für 30 000 Be-
sucher, ist Spielstätte des österreichischen
Zweitligisten SK Austria Klagenfurt und
für diesen ehrlich gesagt ein wenig zu
groß. Außerdem kostet es die Stadt jedes
Jahr rund eine Million Euro.
Seit Sonntag ist dort die Installation
„For Forest“ des Basler Kunstvermittlers
Klaus Littmann zu sehen, wo sonst Fußball
gespielt wird, stehen jetzt 299 Bäume. Litt-
mann hat sich das Stadion nicht bewusst
wegen dessen emotionaler Vorgeschichte
ausgesucht. Es sei nur einfach sehr schwer
gewesen, überhaupt ein Stadion dieser Grö-
ße für die Kunstaktion zu bekommen.
„Wenn ein Fußballklub einigermaßen er-
folgreich spielt, ist so viel Geld involviert,
dass es eigentlich unmöglich ist, sich für
ein paar Monate mit einem Kunstprojekt
einzumieten“, sagte Littmann in einem In-
terview. Das Wörthersee-Stadion, in dem
zuletzt Jon Bon Jovi auftrat, war vergleichs-
weise einfach zu mieten.
Deswegen steht hier jetzt dieser Misch-
wald, den der Klagenfurter Tourismusver-
band als „das größte Kunstprojekt Öster-
reichs“ anpreist. Den Eröffnungszeit-
punkt von „For Forest – Die ungebrochene
Anziehungskraft der Natur“ hätten sich
Littmann und der Landschaftsarchitekt
Enzo Enea angesichts der Amazonasbrän-
de nicht passender aussuchen können. Die
Natur sei in Zukunft vielleicht nur noch in
„speziell zugewiesenen Gefäßen“ zu be-
wundern, sagt Littmann, vergleichbar mit
Tieren im Zoo.
In dem Projekt kommt vieles zusam-
men: Klimawandel und der Wald, Profifuß-
ball, Kapitalismus, und im Hintergrund
geistert auch noch Jörg Haider herum. Das
ließ sich das Bündnis Zukunft Österreich
(BZÖ) , eine von Haider gegründete Abspal-
tung der FPÖ, nicht entgehen. Seit Wochen
wettert die brachialpopulistische Splitter-
gruppe gegen die Kunstaktion: Das
Projekt sei wahnsinnig, weil die Bäume
nicht aus Kärnten stammten, sondern aus
Deutschland, Italien und Belgien (was
wahr ist). „For Forest“ sei außerdem durch
Steuergelder finanziert (was nicht wahr ist,
Littmann nennt als Geldgeber anonyme
Spender) und halte ferner die heimischen
Vereine vom Fußballspielen ab, was teilwei-
se wahr ist: Tatsächlich Pech gehabt hat
der Wolfsberger AC aus der Nähe, der sich
überraschend in diesem Jahr für die Euro-
pa League qualifiziert hat. Weil im Klagen-
furter Stadion aber nun diese hölzerne
Kunst stattfindet, müssen die Wolfsberger
nach Graz ausweichen. In den Augen des
BZÖ sind das gleich mehrere Gründe, sich
bei der Eröffnung der Kunstaktion mit
„funktionsunfähigen Motorsägen“ vor
dem Stadion zu versammeln.
Die Bäume sollen bis zum 27. Oktober
auf dem Rasen des Stadions stehen und
dann auf den nahe gelegenen Universitäts-
campus verpflanzt werden, wo sie ihre Ru-
he haben dürften. Gerade müssen sie näm-
lich Tag und Nacht vor Menschen bewacht
werden, die nicht zur symbolischen, son-
dern zur funktionsfähigen Motorsäge grei-
fen wollen. theresa hein

Jacques Aumont, Filmwissenschaftler
in Paris, und Michael Cook, Islamwis-
senschaftler an der Princeton Univers-
ity, werden mit dem diesjährigen
Balzan-Preis ausgezeichnet. Diese
Ehrung durch die schweizerisch-italieni-
sche Balzan-Stiftung gehört zu den am
höchsten dotierten Wissenschaftsprei-
sen weltweit. Jeder Preisträger erhält
750 000 Schweizer Franken (etwa
680 000 Euro) und muss die Hälfte
davon für weitere Forschungsprojekte
verwenden. Jacques Aumont wird für
seine Beiträge zur Filmästhetik und zur
„Begründung der Filmwissenschaft“
prämiert, Michael Cook für „die Erfor-
schung der Herkunft und Frühgeschich-
te des islamischen Denkens“ und der
Weltgeschichte des Islam. Die weiteren
zwei Balzan-Preise 2019 gehen an den
in Pisa lehrenden Mathematiker Luigi
Ambrosio sowie an eine deutsche For-
schergruppe, die sich mit der Therapie
von Lungenerkrankungen beschäftigt
hat. Die Preisverleihung wird am 15. No-
vember in Bern stattfinden. sz


DEFGH Nr. 209, Dienstag, 10. September 2019 HF2 9


Rückkehr der Prophetin


Seit Margaret Atwoods „Report der Magd“ als Fernsehserie die Welt bewegt, übertrifft der Hype um


die Fortsetzung alle Erwartungen – Montag um Mitternacht erscheint „Die Zeuginnen“


Gute Laune für den Diktator


Petina Gappah war Beraterin für das Regime in Simbabwe, doch sie eröffnet das Literaturfestival Berlin


Gappah wurde im
Ausland das freundliche
Gesicht des Regimes

Feuilleton
Aufbruch in die Moderne? Eine
Ausstellung über Goethe und
die Naturwissenschaften 11

Literatur
Ernst-Wilhelm Händlers neuer
Finanzwelt-Roman
„Das Geld spricht“ 12

Forum
Warum Strafzinsen für Sparer
wie Unternehmer ein
großes Problem sind 15

Wissen
Wie lassen sich
Suizide unter Senioren
verhindern? 16

 http://www.sz.de/kultur

Fußball, Wald


und Kettensäge


Eine Kunstaktion in Klagenfurt
bringt Populisten auf die Palme

Jesus Christus wird bei den berühmten
Oberammergauer Passionsspielen im
nächsten Jahr nicht auf einem E-Roller
nach Jerusalem einziehen. Die Organisa-
tion Peta hatte den Ritt eines erwachse-
nen Christus-Darstellers auf einem Esel
als tierschutzwidrig gesehen und den
Ersatz des Tieres durch einen E-Scooter
vorgeschlagen. Wie eh und je werde
Gottes Sohn auf einem Esel reiten, teil-
ten die Passionsspiele am Montag offizi-
ell mit. Das Veterinäramt des Landrats-
amtes Garmisch-Partenkirchen stellte
klar, dass grundsätzlich dem traditionel-
len Ritt auf dem Esel nichts entgegenste-
he. Die Behörde werde wie stets in sol-
chen Fällen kontrollieren, sagte Land-
ratsamtssprecher Stephan Scharf. „Das
wurde vor zehn Jahren so gehandhabt.
Auch damals wurde geschaut, ob alles
mit dem Tierschutzgesetz konform
geht.“ Dazu gehöre, ob das betreffende
Tier für die Aktion geeignet und stark
genug sei, den Jesus-Darsteller die
nötige Strecke von ungefähr dreißig
Metern zu tragen. Sollte ein Veterinär
ein Tier für nicht geeignet halten, kön-
ne Ersatz gesucht werden, sagte der
Behördensprecher. dpa


Das Frankfurter Waldstadion heißt mitt-
lerweile Commerzbank-Arena. Schade.
Aber dafür gibt es momentan in Klagen-
furt dieses echte Waldstadion. FOTO: UNIMO

Auch die Brechung der


Sperrfristen gehört zum Plan


Symbol der Abtreibungsdebatte: Demonstrantinnen in Kostümen der „The Handmaid’s Tale“-Serie im Aufzug des US-Senats. FOTO: JIMWATSON / AFP

FEUILLETON

KURZ GEMELDET


Blick Afrikas auf den Kolonialismus: Peti-
na Gappah. FOTO: ROBERTO RICCIUTI/GETTY

HEUTE


Kein E-Scooter für Jesus


DieBalzan-Preise 2019

Free download pdf