Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1

ExportExport








 
































 







 



















 



 





Alligtoren
USA

Krokodile
SüdafrikaSimbabwe
AustralienThailand

Pythons
VietnamThailand
MalaysiaIndonesien

Wrne
MalaysiaSudan
IndonesienMali

Import


Das Elend


am Handgelenk


E


in Mann hängt Schlangen an
Haken auf. Den zuckenden Tieren
stopft er einen Schlauch in den
Schlund und lässt Wasser laufen, bis
ihre Organe platzen. Den halbtoten
Schlangen wird dann die Haut abge­
zogen. Die Bilder aus Indonesien
schockten. Die SRF­«Rundschau» zeig­
te schon 2010 weitere Qualmethoden:
Waranen band man die Beine zusam­
men, sie wurden tagelang in Säcken
transportiert und dann erschlagen.
So brutal diese Methoden, so begehrt
sind Reptilienhäute in der Luxusindus­
trie. Weil sie so geschmeidig sind und
wegen ihrer exotischen Zeichnung.

250 beteiligte Schweizer Firmen. Die
Schweiz ist einer der grössten Handels­
plätze für Produkte aus Reptilienleder.
Hier geschäften mehr als 250 Firmen
mit Erzeugnissen aus Häuten von Alli­
gatoren, Schlangen, Krokodilen und
Waranen. Hauptabnehmer ist die Uh­
renbranche. Sie verarbeitet pro Jahr
über eine Million Lederteile von Alliga­
toren zu Uhrenarmbändern. Daneben
werden rund 150 000 Stück andere
Exotenleder ein­ und wieder ausge­
führt. Sie gelten als problematischer.
Im Modebereich spielen vor allem
zwei Firmen eine wichtige Rolle: die
französische Kering­Gruppe und die
schweizerische Richemont. Diesen
Modegiganten gehören Label wie Gucci
und Cartier, die unter anderem Schuhe
aus Schlangenleder oder Ta schen aus
Krokodilleder führen.
Kering betreibt Verteilzentren im
Tessin, Richemont in der Westschweiz.
Beide Firmen wickeln grössere Teile
ihres Warenverkehrs über die Schweiz
ab, teils via Zollfreilager – vermutlich
nicht zuletzt, um Steuern zu sparen.
Kering wird wegen krasser «Steuer­
optimierung» über ihren Tessiner
Holdingsitz strafrechtlich verfolgt. Die
Firma schuldet dem italienischen Staat

Milliarden. Sie hat ihren Sitz vor kurzem
zurück nach Italien verlegt. Auf wieder­
holte Fragen des Beobachters reagierte
Kering nicht, Richemont äusserte sich
nur sehr allgemein.
Dabei gibt es Erklärungsbedarf. Der
Schweizer Tierschutz STS hat in einem
umfangreichen Bericht festgestellt,
dass viele der Reptilien mit Methoden
getötet werden, die hierzulande strafbar
sind. Die Quälerei sei nur deshalb legal,
weil die Herkunftsländer in Asien und
Afrika kaum Tierschutzgesetze kennen.
In der Schweiz werden Reptilien­
lederimporte aber nur darauf abgeklärt,
ob sie gegen das Artenschutzgesetz
verstossen. Manche Importeure glaub­
ten fälschlicherweise, alle bewilligten
Produkte seien unter akzeptablen Be­
dingungen hergestellt. Daher fordert
der STS einen generellen Verzicht auf
Reptilienleder.
Die Schweiz als grosser Handels­
platz für Reptilienleder könne mit ihrer
Gesetzgebung international Einfluss
auf das umstrittene Geschäft nehmen,
findet die Schaffhauser SP­ Nationalrätin
Martina Munz. Heute werde das «unter
tierquälerischen Bedingungen gewon­
nene Leder mit dem Swissness­Label
reingewaschen».

Eine Deklaration soll helfen. Munz for­
derte ein Importverbot – ohne Erfolg.
Nun will sie mit einer Motion wenigs­
tens durchsetzen, dass Reptilienleder
genauer deklariert werden muss, näm­
lich nach Herkunftsland, Art der Hal­
tung und Wildfang oder Zucht. «Damit
sollen die Konsumentinnen und Konsu­
menten besser informiert werden und
sich auch eher gegen solche Produkte
entscheiden können.»
Der Bundesrat lehnt die Motion ab,
im Nationalrat rechnet sich Munz aber
Chancen aus. Sie arbeitet ausserdem
an einem Label für kontrollierte Repti­
lienlederwaren.

Doch ist die Situation wirklich so
schlimm, wie Tierschützer behaupten?
«Der Umgang mit den Reptilien hat sich
in den letzten Jahren in den grossen
Exportländern Indonesien, Vietnam
und Malaysia verbessert», sagt Mathias
Lörtscher vom Bundesamt für Lebens­
mittelsicherheit und Veterinärwesen
(BLV). Er habe sich vor Ort selber ein
Bild machen können.

Besser, aber nicht gut. Die Schweiz
engagiere sich ausserdem bei der
Welt organisation für Tiergesundheit für
mehr Tierschutz bei Reptilien. Kürzlich
habe die Organisation Tötungsempfeh­
lungen publiziert, sagt Mathias Lört­
scher. Dazu gehören etwa die Ver­
wendung von Bolzenschussgeräten
oder das elektrische Betäuben vor dem
Tötungsakt. Auch die Branche habe
reagiert. Verschiedene Firmen – allen
voran Kering – würden sich in Südost­
asien für einen besseren Umgang mit
Reptilien einsetzen. Etwa mit Work­
shops, bei denen sie den Mitarbeitern
von Farmen und Schlachthöfen tier­
freundliche Tötungsmethoden zeigen.
Die grosse Nachfrage bedrohe viele
wild lebende Schlangenpopulationen,
sagen Tierschützer. BLV­Experte Lört­
scher widerspricht: «Die Wildfänge in
Indonesien und Malaysia stellen aus
Sicht des Artenschutzes heute kein Pro­
blem mehr dar und sind nachweislich
nachhaltig.» Jahrzehntelange in ter­
nationale Kon trollen hätten in Asien
gewirkt. Die Schlangenjagd ermögliche
der oft armen lokalen Bevölkerung
zudem ein wichtiges Einkommen.
Nach wie vor unbefriedigend sei
aber die Situation in weiten Teilen Afri­
kas und Südamerikas. Von dort stam­
men viele Krokodilhäute. Lörtscher
geht deshalb davon aus, dass «ein
gewisser Teil» der in der Schweiz
gehandelten Reptilienleder auf nicht
tierfreundlichen Methoden basiert.

TIERSCHUTZ. Die Schweiz ist ein Top-Umschlagplatz für exotische Leder. Ob sie aus
tierquälerischer Haltung und Tötung kommen, will die Branche nicht so genau wissen.

QUELLEN: CITES, STS, BLV
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