Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1

Als Drittklässler will er sich das Leben neh-
men. Die Mutter findet ihn. Er wolle nicht mehr
leben, schreit er. Er sei blöd, er gehöre nicht zu
dieser Welt.
Ein Psychiater diagnostiziert ADHS und einen
sehr hohen Intelligenzquotienten, «wie bei
einem Erwachsenen». Leander ist acht.


Ein wenig Hoffnung. Die Mutter beantragt einen
Schulwechsel, sie fürchtet um Leanders
Gesundheit. Die Erziehungsberatungsstelle hat
ihr zu diesem Schritt geraten. Die Schulleitung
sagt, Leander werde nicht schikaniert, man habe
nichts bemerkt. Die Schulkommission entschei-
det, dass eine Angestellte der Erziehungsbera-
tung heimlich auf dem Pausenplatz recherchie-
ren soll. Die Frau ist entsetzt von dem, was sie
beobachtet. Es sei grauenhaft, Leander werde
kaputt gemacht. Er darf die Schule wechseln.
Leander ist Fan des Physikgenies Albert
Einstein. Er liest die Biografien von Bill Gates und
von Astrophysiker Stephen Hawking.
In der vierten Klasse hat er zum ersten Mal in
seinem Leben einen Lehrer, der ihn versteht und
fördert. Ihn so nehmen kann, wie er ist. Wenn er
schreit, weil ihm alles zu viel wird, zum Beispiel.
Und ihn beruhigt, wenn ihm jemand zu nah
kommt. Leander blüht auf, findet sogar einen
Freund.
Doch die Freude währt nur kurz. In der fünf-
ten Klasse bekommt er eine neue Lehrerin. Wie-
der glaubt man ihm nicht, dass er die Rechnun-
gen selber gelöst hat. Leander sieht viele Wege,
eine Rechenaufgabe zu lösen. Da er sich nicht
entscheiden kann, welchen Weg er aufschreiben
soll, schreibt er nur die Lösung hin.
Das gehe nicht, das entspreche nicht den Vor-
schriften, sagt die Lehrerin. «Bschiss!», schreit
sie vor der ganzen Klasse. Sie verdonnert ihn zu
einem Wettrechnen: Leander gegen sie. Der Bub
gewinnt, deutlich. Er sagt der Lehrerin, sie sei
halt zu blöd zum Rechnen. Im Zeugnis bekommt
er in Mathematik die Note 4,5.
Kaum zu glauben, dass in einer Kleinstadt
mitten in der Schweiz keine Lehrperson auf die
Idee kam, den Buben abzuklären. Sein Verhalten
deutet klar auf eine Autismus-Störung hin.
Mit dem Übertritt in die Sekundarschule wird
Leander von seinem einzigen Freund getrennt.
Wieder wird er zum Opfer. Seine Klassenkame-
raden schreiben zwar die Hausaufgaben bei ihm
ab, er wird aber nie zu Partys eingeladen, darf
nie mit in die Badi.
Auch in der Sek legt er sich mit dem Mathe-
matiklehrer an, der ihm wieder nicht glaubt. Das
hat Leander schon so oft erlebt, dass er ausrastet,
schreit und sich verweigert. Mit der Zeit spielt er
den Trottel, weil er glaubt, so besser davon-
zukommen.


Ich litt darunter, dass mich niemand verstand.
Ich litt darunter, nicht ernst genommen zu wer-
den. Ich litt darunter, dass ich mich nicht weh-
ren konnte. Ich litt darunter, dass mich alle als


«verrückt» abstempelten und hinter meinem
Rücken über mich redeten. Mein ganzes «Ich»
habe ich verleugnet.

Leanders Mutter wendet sich in ihrer Ver-
zweiflung an den Kinder- und Jugendpsycho-
logischen Dienst (KJPD). Sie sieht, dass ihr Sohn
den Boden unter den Füssen verliert.

Die Diagnose. Leander wird getestet. Man stellt
fest, dass er Asperger-Autist ist, eine Form der
Autismus-Spektrum-Störung. Aufgrund dieser
Diagnose hat der Teenager heilpädagogische
Unterstützung zugute. Weil seine sozialen Fähig-
keiten beschränkt sind, er Hilfe braucht im
Umgang mit anderen Menschen. Autismus ist ein
Geburtsgebrechen, anerkannt von der IV. Betrof-
fene nehmen ihre Umwelt anders wahr, können
sich nur mit Mühe in andere Menschen einfühlen
und angemessen kommunizieren. Sie befassen
sich gern mit einem Spezialgebiet und können
sich nur schwer auf neue Situationen einlassen.
Die Psychiaterin vom KJPD klärt Leander
über die Diagnose auf und sagt ihm, dass er
viele gute Fähigkeiten habe. Dass er nichts dafür
könne, Asperger zu sein. Sie bedauert, dass die
Schule nicht früher einbezogen wurde. «Sie hat

«Ich habe
viele Jahre
geglaubt,
ich sei
psychisch
schwer
krank. Ich
habe viele
Jahre
gelitten.»
Aus Leanders
Notizbuch
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