Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1
die richtigen Worte gefunden und sein Selbst-
vertrauen gestärkt», sagt seine Mutter.

Leidet man an Autismus? Manche Autisten
sehen Autismus als Chance, andere als
Behinderung. Manche Autisten führen augen-
scheinlich ein normales Leben, andere müssen
rund um die Uhr betreut werden. Aber leiden
diese Menschen? Und wer sagt, dass die, die an-
gepasst leben und kaum auffallen, nicht leiden?
Und: Leidet man unter Autismus oder unter der
Umwelt, dem Unverständnis der Mitmenschen,
den Anforderungen der Gesellschaft oder unter
eigenen unerfüllten Erwartungen?

Endlich ist die Schulzeit zu Ende. Leander be-
ginnt eine Lehre als Informatiker. Er hofft, dass
nun ein neues Leben anfängt. Ein besseres. Er
schneidet sich die Haare ab, ist bereit für den Neu-
start. Im Betrieb läuft es gut, er macht die Arbeit
gern. Doch zwei Tage pro Woche muss er in die
Berufsschule. Dort läuft es so wie immer: Er be-
kommt wenig Unterstützung, verzweifelt, legt
sich mit den Lehrern an, fühlt sich unverstanden.
Kurz vor den Sommerferien wird Leander und
seinen Eltern mitgeteilt, dass er nicht weiter an
die Berufsschule gehen könne. Es sei zu schwie-
rig für ihn und mit ihm.
Für Leander bricht eine Welt zusammen. Wie-
der fühlt er sich ausgestossen, wieder will ihn

niemand. Er ist blöd, nichts wert. «Man schmeisst
mich lieber raus, als mir zu helfen», sagt er.
Als er auf dem Heimweg sein Portemonnaie
verliert, wirft ihn das vollkommen aus der Bahn.
Er verschanzt sich in seinem Zimmer. Am nächs-
ten Morgen findet ihn die Mutter blutüberströmt.
Seine Psychiaterin vom KJPD schreibt ihn krank,
in die Schule muss er nicht mehr.

Die Haare wachsen wieder. Zum Glück finden
seine Eltern ein Integrationsprojekt für Autisten.
Dort kann Leander sich ein Jahr lang auf das
zweite Lehrjahr vorbereiten. Wenn er seine In-
formatiklehre beenden will, muss er aber nächs-
tes Jahr wieder in die Berufsschule. Wie das ge-
hen soll? Leander zuckt mit den Schultern. Seine
Psychiaterin sagt, es brauche ein gutes Coaching
für alle Beteiligten. Dann könne es funktionieren.
Sie habe schon gute Erfahrungen gemacht.
Leanders grösster Wunsch ist ein Rolls-Royce.
Aber ein altes Modell, einer dieser Wagen, die
sich nach hinten öffnen. In diesem Moment wirkt
Leander wie ein ganz gewöhnlicher Jugend-
licher. Er fährt sich durch die blonden Locken,
die längst wieder nachgewachsen sind. Lange
Haare gehören zu ihm.

«Das Leben der Menschen endet nicht, wenn sie
sterben. Sie sterben, wenn sie ihre Hoffnung
verlieren und niemand mehr an sie glaubt.»

«Leidet
man an
Autismus?
Manche
Autisten
sehen ihn
als Chance,
manche
als Behin-
derung.».
Aus Leanders
Notizbuch

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