Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1

S


cham kann eine wichtige Energie für
Veränderung sein. Zunächst einmal ist
sie ein wertvolles Signal, das uns darauf
hinweist, dass etwas nicht gut gelaufen ist.
Scham hat etwas mit verletzter Würde zu tun.
Wenn Eltern schimpfen, verletzen sie die
Würde ihrer Kinder und meist auch ihre
eigene. Schimpfen nützt nichts. Es lehrt unsere
Kinder nicht, bessere Menschen zu werden,
es lehrt sie schimpfen.
Für Eltern ist es unangenehm, wenn sie
anhören müssen, wie die siebenjährige
Tochter den kleinen Bruder mit den gleichen
vorwurfs vollen Worten «erzieht», die sie selber
benützen. Und unter denen sie früher selber
gelitten haben, als ihre Mutter ihnen vorhielt:
«Ich tue alles für dich, und du benimmst dich
so schlimm, dass ich ganz traurig werde!»
Familienleben ist oft anstrengend. Wir sind
eingebunden in eine schnelle, reizüberfüllte
Welt. Was früher leere Zeit war, wird gefüllt mit
Medien, Selbstoptimierung, Frühenglisch. Wir
gönnen uns keine Atempause, der Stress pegel
von Eltern und Kindern ist permanent hoch.
Anspannung führt früher oder später aber
zu Entladung. Kinder erledigen dies körperlich
und laut, auch Eltern zeigen Impulsdurch­
brüche. Sie schreien und drohen, schimpfen
und nörgeln. Gerade Eltern, die einen hohen
Anspruch an eine gute Erziehung und eine
glückliche Familie haben, geraten ins Schlin­
gern. Kinder, die nicht gehorchen, und Dis­
harmonie erhöhen den Druck noch weiter.
Irgendwann läuft das Fass über, und schon
steckt man in einem Teufelskreis.
Dieser Verlauf lässt sich zum Glück in jeder
Phase beeinflussen:

Vorher
„Entrümpeln Sie den Familienalltag. Schaffen
Sie Zeitinseln, um einfach zusammen zu sein,
zu spielen, kuscheln, reden. Versuchen Sie,
Notwendiges lustvoll und gemütlich zu erledi­
gen: den Weg in die Kita, Anziehen, Flaschen
entsorgen.
„Reduzieren Sie den Druck. Senken Sie die Er­
wartungen auf ein realistisches Niveau. Es darf
auch mal disharmonisch sein. Setzen Sie Prio­
ritäten. Ab und zu Bummeln und stressfreies
Sandwich statt hektischem Vollwertmenü.

„Nehmen Sie das Stresslevel aller regelmässig
wahr und entschleunigen Sie – bevor jemand
den Point of no Return erreicht hat.

Mittendrin
„Versuchen Sie, frühzeitig zu erkennen, wenn
ein gereiztes Klima (bei sich und den Kindern)
entsteht. Schaffen Sie Luft und Raum, um wie­
der runterzufahren.
„Seien Sie klar in Ihren Forderungen, aber
nicht eng. Kein «jetzt sofort», sondern ankün­
digen und sich etwas Zeit lassen oder einen
Zeitraum aushandeln. Wenn etwas sofort
geschehen muss: Handeln Sie ohne grosse
Worte, ohne Vorwürfe (Lego wegräumen,
TV abstellen).
„Wenn das nichts bewirkt: Ziehen Sie sich
kurz zurück, prüfen Sie Ihr Stresslevel und
überlegen Sie, um was es Ihnen genau geht
und warum. Versuchen Sie dann klarer und
verständlicher aufzutreten.
„Wenn Ihnen trotzdem «der Kamm anschwillt»
und Sie loslegen: Je wütender und lauter Sie
werden, umso wichtiger sind Ich­ Botschaften.
Ein laut gebrülltes «Ich bin total frustriert und
sauer!» verletzt weniger als ein gezischtes «Du
bist genau wie dein Grossvater!».

Danach
„Übernehmen Sie Verantwortung für Ihr
Verhalten während des Konflikts.
„Entschuldigen Sie sich, wenn Sie unfair
waren. Aber: keine Pseudoentschuldigung à la
«Es tut mir leid, was ich gesagt habe, aber du
warst ja auch wirklich unerträglich». Eine
echte Entschuldigung heisst: «Sorry wegen
eben. Das war wirklich falsch von mir, dich so
anzuschimpfen.»
„Jesper Juul riet: «Schmieden Sie das Eisen,
wenn es kalt ist.» Warten Sie, bis sich alles beru­
higt hat, besprechen Sie dann die Situation mit
dem Kind. Auch hier gilt: Vorsicht vor Vorwürfen!
Beschreiben Sie, was bei Ihnen abgegangen ist,
und fragen Sie, was das Kind empfunden hat.
Schauen Sie gemeinsam, was Sie beim nächs­
ten Mal vielleicht anders machen können.

Buchtipp
Nicola Schmidt: «Erziehen ohne Schimpfen»;
Verlag Gräfe und Unzer, 2019, 176 Seiten, Fr. 23.90

Haben Sie psychische
oder soziale Probleme?
Schreiben Sie an:
Christine Harzheim,
Beobachter, Postfach,
8021 Zürich;
christine.harzheim@
beobachter.ch


Ich liebe meine Kinder, aber ich bin


oft von ihnen genervt und schimpfe


heftig. Danach schäme ich mich.


PSYCHOLOGIE


Psychologin FSP
und systemische
Familientherapeutin


Christine Harzheim,


«Wenn


Eltern


schimpfen,


verletzen


sie die


Würde ihrer


Kinder und


auch ihre


eigene.»


RATGEBER

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