ILLUSTRATION: GEORG WAGENHUBER
E
s ist der Fehlkauf meines Lebens. Nicht
dass das Bett seinen Zweck verfehlt.
Zum Schlafen geht es bestens. Nur zum
Aufstehen ist es die Hölle.
Meine morgendlichen Qualen habe ich
immer auf anderes geschoben. Auf meinen Bio-
rhythmus. Auf zu wenig Licht am Morgen. Auf
zu viel Licht am Abend. Auf zu oft «nur noch
eine Folge» meiner aktuellen Lieblingsserie.
Dabei ist es mein Bett. Genauer gesagt:
seine Breite. Der Weg zum Boden ist weit – und
er ist kuschlig. So kuschlig, dass man nicht
will, dass er aufhört. Der Weg ist das Ziel. Und
so kommt man nie an. Oder zumindest eine
oder zwei Zugverbindungen später als geplant.
Die Wissenschaft hat in dem Bereich ihre
Pflicht schmählich vernachlässigt. Grundsätz-
lich gibt es eine Studie zu allem. Allein letztes
Jahr erfuhren wir, dass Zooschimpansen und
Zoobesucher den jeweils anderen etwa gleich
oft nachäffen; dass Lego-Geniesser sich ein bis
drei Tage gedulden müssen, bevor das Figür-
chen seine abenteuerliche Reise durch das
menschliche Verdauungssystem hinter sich
gebracht hat; und dass Tintenfische auf Ecstasy
von Einzelgängern zu ausdrucks tanzenden
Gspürsch-mi-Fetischisten mutieren.
Nur zur Bettgrösse wird nicht geforscht.
Wahrscheinlich weil alle Wissenschaftler, die
sich je mit der Frage konfrontiert sahen, gar
nie erst aus den Federn gekommen sind. Viel-
leicht aber auch, weil der Zusammenhang
so son nen klar ist, dass es dazu gar keine For-
schung braucht. Wer sich nur einmal falsch
drehen muss, um aus dem Bett auf den harten
Boden der Realität zu fallen, steht am Morgen
natürlich leichter auf. Wie viel schwerer hat es
da jemand, der sich erst durch einen halben
Meter warmer Bettlandschaft kämpfen muss,
bevor er sich einer Welt stellt, die meist nicht
ganz so warm und kuschlig ist.
Kleiner oder grösser? Diese Erkenntnis stellt
mich vor ein grosses Dilemma. Schulde ich es
der Produktivität unserer Volkswirtschaft,
mein Bett gegen ein kleineres einzutauschen?
Wäre ich vielleicht schon Bundesrat oder
Nobelpreisträger, wenn ich nur jeden Morgen
über die Bettkante rollen und mich der Politik
oder Physik widmen könnte? Wäre ich schon
zehnmal deutscher Superstar? Roger Federer?
Oder bin ich im Gegenteil dazu verpflichtet,
mir ein noch viel breiteres Bett zu besorgen,
um so meinen ökologischen Fussabdruck auf
die Grösse einer Matratzeneinbuchtung zu
verringern? So ein Roger Federer hat ja nicht
gerade einen klimaneutralen Lifestyle. Ich wer-
de mir das alles durch den Kopf gehen lassen.
Während ich noch ein bisschen liegen bleibe.
JONAS KELLER
Bettgedanken
Wer sich
nur einmal
falsch
drehen
muss,
um aus
dem Bett
auf den
Boden der
Realität
zu fallen,
steht
leichter
auf.
SCHLUSSPUNKT