Das Goldene Blatt - 29. Juli 2019

(Jeff_L) #1

Als sie den Schrank fast leer ge-


räumt hatten, kamen braune Cow-


boystiefel zum Vorschein. Svenja


betrachtete sie erstaunt. „Ich hatte


keine Ahnung, dass Mama so et-


was besaß“, stellte sie fest.


Irene nickte. „Die Stiefel! Ja, die


hat sie geliebt. Sie hat Nachhilfe-


unterricht gegeben, um sich das


Geld dafür zu verdienen. Unser


Vater hat die grässlichen Ami-Din-


ger gehasst und hat ihr sogar ver-


boten, sie anzuziehen. Aber was


das betraf, hatte Gabi das Durch-


setzungsvermögen eines Panzers.“


„Echt jetzt?“ Svenja hielt die

Stiefel hoch wie eine Trophäe.


Plötzlich lachte sie, zog ihre eige-


nen Schuhe aus und die Stiefel an.


„Sie passen!“ Sie stolzierte damit


hin und her. „Ich werde sie auf je-


den Fall behalten.“ Sie setzte sich


aufs Bett und sah Irene ernst an.


„Weißt du, wer mein Vater ist?“


„Nein.“ Irene schüttelte den

Kopf. „Gabi hat nie darüber ge-


sprochen. Aber ich vermute, du


wurdest gezeugt, als sie auf Klas-


senfahrt in Hamburg war.“


„Dann ist mein Vater vielleicht

ein Klassenkamerad von ihr“,


überlegte Svenja laut.


„Das nehme ich jedenfalls an.“

Irene nickte und machte sich wie-


der ans Aufräumen.


Svenja saß auf ihrem Balkon.

Die Stiefel standen neben ihr, auf


dem Schoß hatte sie ein Fotoalbum


ihrer Mutter aus dem Jahr, in dem


sie Abitur gemacht hatte. Sie hatte


es ganz hinten in einer Schublade


gefunden. Auf den meisten Bildern


von der Klassenfahrt nach Ham-


burg waren Mädchen oder Sehens-


würdigkeiten zu sehen. Auf man-


chen auch kleinere Gruppen von


sechs oder sieben Jugendlichen,


die offensichtlich auf etwas warte-
ten. Aber auf einer der Aufnahmen
saß ihre Mutter mit zwei Jungs und
einem jungen Mann auf einer Mau-
er. Alle drei deuteten lachend auf
sie, und Gabi schien die Aufmerk-
samkeit zu genießen.
Svenja löste das Bild aus dem
Album. Hinten drauf war hand-
schriftlich notiert: Ich mit Friedo-
lin, Martin und Rudolph.
Svenja runzelte die Stirn, dachte
eine Weile nach, stand dann plötz-
lich auf, um ihre Tante anzurufen.
„Hallo, Irene! Sagen dir die Namen
Friedolin, Martin und Rudolph et-
was? Scheinen Klassenkameraden
von Mama gewesen zu sein.“

„Friedolin – der war


Lehrer an unserer


Schule“, sagte Irene


„An einen Martin oder Rudolph
erinnere ich mich nicht. Aber an
Friedolin Ansmann schon. Der war
Lehrer an unserer Schule und kaum
älter als wir, etwa 26 Jahre. Alle
Mädchen schwärmten für ihn, und
sogar die Jungs fanden in toll.“
„Friedolin Ansmann“, wieder-
holte Svenja langgezogen. „Kennst
du sonst noch jemanden aus Ma-
mas Klasse? Irgendein Mädchen,
vielleicht eine gute Freundin?“
„Klar, Birgit. Die kennst du
auch. Die lebt jetzt in Köln, aber
immer wenn sie in München war,
hat sie Gabi besucht. Und sie war
auch auf der Beerdigung.“
„Birgit Köhler. Natürlich! Ich
hab sie zur Beerdigung eingeladen,
sie stand auf Mamas Liste. Danke!
Das hilft mir schon weiter.“
„Wobei?“, fragte Irene erstaunt.

Svenja zögerte, bevor sie ihr ge-
stand: „Ich werde nach meinem
Vater suchen. Ich will endlich mei-
ne Wurzeln kennenlernen.“
„Na, dann viel Glück!“ Man hör-
te Irenes Tonfall die Zweifel an.
Offensichtlich glaubte sie nicht,
dass die Recherchen ihrer Nichte
von Erfolg gekrönt sein würden.
So verlief auch das Telefonat mit
Birgit nicht vielversprechend. Sie
hatte ebenfalls keine Ahnung, wer
Svenjas Vater sein könnte.
„Gabi hat mit niemandem darü-
ber geredet, nicht mal mit mir –
und wir waren ganz dicke Freun-
dinnen. Aber dieses Thema war
tabu. Hat man Gabi darauf ange-
sprochen, hat sie gefaucht wie eine
Wildkatze: Das geht niemanden
etwas an, lasst mich alle in Ruhe!
Oder sie hat total zugemacht. Vi-
sier runter, Klappe zu, fertig.“
„Könnten ein Martin oder Ru-
dolph aus eurer Klasse mein Vater
sein?“, forschte Svenja weiter.

̈


„Hm, möglich. Ich hatte damals
meinen ersten festen Freund – auch
aus unserer Klasse. In Hamburg
war ich nur mit ihm unterwegs und
habe Gabi sehr vernachlässigt und
kaum was von ihren Angelegen-
heiten mitbekommen. Das hat sie
mir ziemlich übelgenommen. Mar-
tin und Rudolph waren jedenfalls
verknallt in sie und sind beide or-
dentlich hinter ihr her gewesen.“
„Und dieser Lehrer? So ein blon-
der – der war doch auch dabei.“
„Friedolin Ansmann? Um ehr-
lich zu sein, ich hatte ihn damals
auch in Verdacht, denn er hat sich
sehr für Gabi eingesetzt. Sie wäre
nämlich beinahe wegen Mathe

Der große abgeschlossene


LIEBES-ROMAN Du solltest mei nen V

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