Das Goldene Blatt - 29. Juli 2019

(Jeff_L) #1

was geschehen war, aber keine hat


mir eine Antwort gegeben. Alle


meine Versuche, mit Gabi wieder


in Kontakt zu treten, scheiterten.


Meine Briefe blieben unbeantwor-


tet, meine Telefonanrufe ebenfalls.


Ein einziges Mal hat sie noch mit


mir gesprochen – als ich sagte,


dass das Kind, das sie unter dem


Herzen trug, doch auch mein Kind


sei. Da schrie sie mich an und be-


hauptete, dass sie mir das Kind nur


hatte unterjubeln wollen, und dass


sie allein aus diesem Grund mit mir


ins Bett gegangen sei.“


„Und das hast du ihr geglaubt?“,


war Svenja entsetzt.


„Nein – ja, vielleicht ein biss-

chen. Aber nicht wirklich.“


„So, wie man vielleicht nur ein


bisschen schwanger ist?“, setzte


Svenja nach und sah ihn aus dün-


nen Augenschlitzen an.


„Wie gesagt, ich war 19, und ich


war feige. Gabi wollte nie wieder


ein Wort mit mir reden, und das hat


sie auch durchgezogen. Und ir-


gendwann fing ich an, mir einzu-


reden, dass ich ja vielleicht wirk-


lich nicht dein Vater bin. Ich habe


deine Existenz verdrängt und alles


schließlich ganz vergessen.“


̈


Tränen verschleierten Svenjas

Blick. Ihre Gefühle schwankten


zwischen Abneigung und Liebe.


Zwischen Unverständnis und Mit-


leid für die beiden jungen Leute,


die damals unabsichtlich Eltern


werden sollten – und die man allein


ließ, statt ihnen zu helfen.


Schweigend sah sie den Mann

an, der da wie das sprichwörtliche


Häufchen Elend vor ihr saß und auf


ein versöhnliches Wort von ihr


hoffte. Und dann fiel ihr ein, was
sie noch vor ein paar Tagen im Zu-
sammenhang mit Joris gedacht
hatte: Es ist oft leicht, einen Men-
schen zu verurteilen, unendlich
viel schwerer fällt es zu verzeihen.
„Hast du etwa deshalb diesen
Beruf gewählt? Um jungen Men-
schen, die man allein ließ, zu hel-
fen?“, wollte sie wissen.
„Ja, ich glaube schon. Eigentlich
hatte ich geplant, zum Theater zu
gehen, Maskenbildner zu werden.“
Er lächelte verlegen, so als sei
Maskenbildner etwas Unerhörtes.
„Gut, dass du gekommen bist“,
sagte Svenja leise. „Aber damit
muss ich erstmal fertig werden.“
„Das verstehe ich.“ Er stand auf,
legte seine Hand auf ihre Schulter.
„Danke, dass du mir zugehört
hast.“ Leise schlug die Glocke an,
als die Ladentür hinter ihm zufiel.

War es jetzt an der


Zeit, noch einmal bei


Joris anzurufen?


Sechs Wochen waren ins Land
gegangen. Svenja hatte Rudolph
noch einige Male wiedergesehen.
Sie hatten viel geredet und waren
sich langsam nähergekommen.
Bei ihrem letzten Treffen hatte
er sie gefragt: „Glaubst du, es wäre
Gabi recht, dass ich sie besuche –
immerhin jetzt an ihrem Grab?“
Lange hatte Svenja darüber
nachgedacht. Schließlich war sie
zu dem Schluss gekommen, dass
ihre Mutter ihm heute, nach allem
was er ihr erzählt hatte, verziehen
hätte. Deshalb willigte sie ein.
Gemeinsam gingen sie zum
Friedhof. Als Rudolf mit gefalteten

Händen schluchzend am Grab
stand, zog sich Svenja zurück.
Längst hatte sie sich vorgenom-
men, Joris noch einmal anzurufen,
und jetzt war in ihren Augen der
richtige Zeitpunkt dafür.
Sie setzte sich auf eine Bank und
wählte seine Nummer. Vielleicht
würde er nicht abnehmen, er sah ja
auf dem Display, dass sie es war?
Doch ihre Angst erwies sich als un-
begründet. „Wie schön, dass du
anrufst“, hörte sie seine Stimme an
ihrem Ohr. „Ich hatte mir auch vor-
genommen, es zu tun, aber irgend-
wie fehlte mir der Mut.“
„Ich wollte mich noch einmal
entschuldigen“, begann sie, doch
er ließ sie nicht ausreden.
„Nein, ich muss mich entschul-
digen. Ich habe überreagiert. Ich
war sauer auf dich, aber später
dachte ich, vielleicht hätte ich ge-
nauso gehandelt. Ich hätte auch
erst einmal versucht, etwas über
diejenigen herauszufinden, die als
mein Vater infrage kämen ... Kön-
nen wir uns wiedersehen?“
„Aber ja!“, rief sie so fröhlich
ins Telefon, dass eine Frau, die
Blumen auf ein Grab pflanzte, är-
gerlich zu ihr herübersah.
„Und dann“, fügte sie etwas lei-
ser an, „kann ich dir auch gleich
meinen Vater vorstellen. Du soll-
test ihn unbedingt kennenlernen!
Ich meine, für den Fall, dass du
vielleicht irgendwann einmal um
meine Hand anhalten willst.“

ENDE


Nächste Woche lesen Sie
den großen abgeschlossenen

L A DY- K R I M I


Der große abgeschlossene LIEBES-ROMAN

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