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Als zwei Tage später Irene an-
rief, um sich nach dem Fortgang
der Dinge zu erkundigen, antwor-
tete Svenja ausweichend. „Ich bin
nicht weitergekommen, und ich
lass das jetzt auch sein. Es ging bis-
her ohne meinen Vater, es wird
auch in Zukunft ohne ihn gehen.“
Irene spürte, dass Svenja frust-
riert war und nicht wirklich mein-
te, was sie sagte, aber sie beließ es
dabei. Stattdessen versicherte sie:
„Wenn du jemanden brauchst, ich
bin immer für dich da.“
„Das weiß ich doch!“ Svenja
schickte ihrer Tante einen Kuss
durchs Telefon und legte auf.
̈
Am Wochenanfang hielt Svenja
das Ladengeschäft geschlossen. Da
nahm sie Termine mit Kunden
wahr. Heute war Dienstag, und sie
erwartete niemanden. Als an die
Tür klopfte wurde, sah sie erstaunt
nach, wer das sein konnte. Auf der
anderen Seite der gläsernen Laden-
tür erkannte sie Rudolph Forster.
„Nanu“, sagte sie, als sie aufge-
schlossen hatte, „Mit Ihnen hatte
ich überhaupt nicht gerechnet.“ Sie
bat ihn herein. „Haben Sie etwa
Neuigkeiten für mich?“
Äußerst verlegen sah er zu Bo-
den. „Können wir uns vielleicht
setzen? Was ich Ihnen zu sagen
habe, wird etwas länger dauern.“
„Ja, natürlich.“ Sie führte ihn in
die anschließende Werkstatt, wo in
einer Ecke auch ein großer Schreib-
tisch mit zwei Stühlen stand und
bot ihm einen Platz an.
Interessiert schaute er sich um.
Auf einer Arbeitsplatte stand ein
Hocker, den sie gerade bezog.
„Solche Dinge machen Sie auch?“,
„Ja, kleinere Objekte bearbeite
ich selbst.“ Erwartungsvoll sah sie
ihn an. „Was haben Sie für mich?“
„Ein Geständnis.“ Er sah auf sei-
ne Hände. „Also, ich bin es ... Ich
meine, ich bin dein Vater.“
Es folgte ein langes Schweigen.
„Ja ... aber ...“, begann Svenja.
Weiter kam sie nicht, die Worte
blieben ihr im Halse stecken.
„Ja, aber“, übernahm Rudolph
mit leiser Stimme. „Es gibt viele
Ja, viele Nein und viele Aber. Ich
will dir gerne alles erklären.“ Er
blickte ihr fest in die Augen. „Fan-
gen wir mit deinem Besuch bei mir
an. Ich fühlte mich in dem Moment
einfach überrumpelt, kaum fähig,
einen klaren Gedanken zu fassen.
Und hätte ich zugegeben, dein Va-
ter zu sein, hätte ich dir vieles er-
klären müssen. Das konnte ich in
diesem Moment nicht. Ich fühlte
mich, als hätte mich jemand ganz
plötzlich in Einzelteile zerlegt ...“
Svenjas Herz raste,
ihre Gefühle fuhren
plötzlich Achterbahn
Rudolph rang um Fassung. „Ich
brauchte einfach ein paar Tage, um
meine Gedanken zu ordnen. Und
jetzt bin ich da, und ich möchte Ja
sagen. Ja zu dir, auch Ja zu meinen
Fehlern, denen ich mich mit die-
sem Geständnis stellen musste.“
Svenjas Herz raste. Ihre Hände
zitterten. Ihre Gefühle fuhren Ach-
terbahn. „Warum ...“ Mehr brach-
te sie nicht über die Lippen.
„Weil ich jung und dumm war.
Und schrecklich feige! – Mein Va-
ter war gestorben, kurz vor meinem
fünften Geburtstag. Meine Mutter
zog mich allein groß, und sie ließ
keine Gelegenheit verstreichen,
mir das vorzuhalten. Dass sie für
mich auf alles verzichten musste.
Dass sie mir ihr Leben geopfert
habe. Dass sie mir eine Schulbil-
dung ermöglichte, wo andere an
meiner Stelle längst mitverdienen
mussten. Ich bin aufgewachsen
unter dem Druck eines furchtbar
schlechten Gewissens und mit dem
Gefühl, für alle, vor allem für mei-
ne Mutter, eine Zumutung zu sein.“
Er zuckte die Schultern. „Und
dann war da Gabi. So hübsch, so
fröhlich, so liebenswert und so
klug. Ich habe ihr in Mathe gehol-
fen, wir haben gemeinsam gelernt.
Niemals hätte ich damit gerechnet,
dass sie sich ausgerechnet in mich
verlieben würde – und trotzdem ist
es geschehen. Wenige Monate lang
war ich der glücklichste Mann auf
Erden!“ Er lächelte, sein Blick
schien in weite Ferne zu schwei-
fen. „Doch dann ...“ Er brach ab.
„Dann war Mama schwanger“,
erwähnte Svenja nüchtern.
„Ja, sie war schwanger.“
„Und da war es auf einmal vor-
bei mit deiner großen Liebe?“
Rudolph schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich hätte sie sofort geheira-
tet. Ich hätte einen Job gefunden
und mich um euch gekümmert.
Natürlich war mir klar, dass meine
Mutter nicht begeistert sein würde.
Aber wie sie tatsächlich reagierte,
damit hatte ich gar nicht gerechnet.
Sie forderte, dass Gabi abtreiben
sollte. Als ich ihr erklärte, dass ich
das niemals von ihr verlangen wür-
de, passte sie Gabi ohne mein Wis-
sen vor der Schule ab. Ich weiß
nicht, was sie zu ihr sagte. Ich weiß
nur, dass sie Gabi schrecklich ver-
letzt haben muss. Ich fragte beide,
en Vater kennenlernen