Süddeutsche Zeitung - 22.02.2020

(WallPaper) #1

D


ie Volksrepublik China ist in
einen tiefen Schlaf gefallen.
Millionen Menschen müssen
zu Hause bleiben, sie sollen
auf keinen Fall reisen, das war
bislang die Strategie der Regierung in Pe-
king. Die Ausbreitung des neuen Virus mag
man so am effektivsten bekämpfen – die
Wirtschaft aber auch. Seit mehr als einem
Monat ruht die Produktion des Landes.

Das Virus wütet unterdessen weiter,
Tausende sind schon gestorben, das Ge-
sundheitssystem ist überfordert. Aber
eben auch für die Wirtschaft werden die
kommenden Tage und Wochen entschei-
dend sein. Kommt China noch glimpflich
davon? Oder steht das Land eine der
schwersten Wirtschaftskrisen bevor, mit
fatalen Folgen für die ganze Welt?
Diesen Schicksalsfragen nähert man
sich am besten über das wohl begehrteste
der unzähligen Produkte, die aus den chi-
nesischen Fabriken hinaus in alle Welt ver-
schickt werden: das iPhone. Manche sei-
ner Bauteile stammen aus China, und das
allein würde schon reichen für eine Krise,
aber vor allem wird das Handy auch noch
in einer Fabrik nicht weit von Wuhan zu-
sammengesetzt. Dort, wo das Virus zuerst
ausbrach.
Am kommenden Montag wird sich zei-
gen, ob die Arbeiter wieder in diese Fabrik
zurückkehren dürfen, dann sollen wenigs-
tens für Millionen Wanderarbeiter im
Land die zwei Wochen Quarantäne enden


  • viele andere werden weiter zu Hause ein-
    geschlossen bleiben, vor allem viele kleine
    Unternehmen sind dadurch betroffen. Die
    Zulieferer oder Zulieferer von Zulieferern.
    In dieser chinesischen Krise zeigt sich
    auch, wie fragil die Weltwirtschaft doch
    ist. Fehlt nur ein einziges Bauteil für das
    iPhone, bringt das die Fließbänder in Chi-
    na zum Stehen und die Banker an der Wall
    Street zum Stöhnen. Ein Problem, das die-
    ser Tage in China beginnt, sich aber viel,
    viel schneller als das Coronavirus selbst
    über den Erdball ausbreitet. Die Folgen
    spürt man in San Francisco genauso wie in
    München, in Barcelona, in Taipeh und na-
    türlich in der Fabrik in Zhengzhou, in der
    sonst bis zu 350 Handys pro Minute zusam-
    mengesetzt werden.


Zhengzhou, 468 Kilometer
von Wuhan entfernt

Der letzte Halt vor Wuhan, dem Seuchen-
gebiet, heißt Zhengzhou-Ost. Danach stop-
pen einige Schnellzüge auf ihrem langen
Weg von Peking nach Süden erst wieder
Hunderte Kilometer nach Wuhan. Die Stati-
on ist so groß wie ein Flugterminal, ein Ei-
senbahnpalast aus Stahl und Sichtbeton.
Sonst steigen hier jeden Tag Zehntausende
Menschen ein und aus, und Smog von den
Stahlwerken aus dem Umland hängt in der

Luft. Und heute? Blauer Himmel, kaum
Menschen. Dabei leben mehr als zehn Milli-
onen in dieser Stadt. In der Bahnhofshalle
hat sogar jemand die Getränkeautomaten
ausgesteckt. Im Grunde aber ist es so, als
hätte jemand einer ganzen Stadt den Ste-
cker gezogen. Alles steht still. Die Schwerin-
dustrie und auch das große Werk mit den
iPhones vor den Toren der Stadt.
Gut möglich, dass das iPhone, das man
in einer deutschen Fußgängerzone ge-
kauft hat, aus dieser Stadt stammt. Gut
möglich, dass das iPhone 8, das man dieser
Tage in Düsseldorf nicht bekommt, aus
Zhengzhou hätte kommen sollen.
Ein Besuch dort beginnt mit einer
schroffen Ermahnung. „Registriere dich,
sonst kommst du hier nicht rein!“, ruft ein
Parteifunktionär am Bahnhof. Er trägt
Schutzanzug, Maske, Plexiglasbrille. Jeder
Passagier muss an ihm vorbei und Aus-
kunft erteilen. Woher man kommt, wohin
man will, wo man wohnt.

 Fortsetzung nächste Seite

Seit Kurzem trägt das
Virus den offiziellen Namen
Covid-19. Das ist die Kurzform
für „Coronavirus Disease
2019“. Mehr als 75 000 Fälle
wurden seit dem Ausbruch in
China gemeldet, etwa
2200 Menschen sind
verstorben. Die neue
Lungenkrankheit grassiert
vor allem in China,
mittlerweile haben sich aber
auch in anderen Ländern
Menschen angesteckt –
in Deutschland sind derzeit
16 Menschen infiziert. Der
Weltgesundheitsorganisation
(WHO) zufolge könnte ein
wirksamer Impfstoff gegen
das Coronavirus frühestens
in 18 Monaten zur
Verfügung stehen.

DEFGH Nr. 44, Samstag/Sonntag, 22./23. Februar 2020 HF2 11


BUCH ZWEI


Angesteckt


Das iPhone wird in China hergestellt und auf der ganzen


Welt verkauft. Aber was passiert, wenn die Fabriken stillstehen?


Wie das Coronavirus das Geschäft mit dem erfolgreichsten


Produkt unserer Zeit infiziert – und mit ihm die Weltwirtschaft


Covid-


Es ist so, als hätte jemand
einer ganzen Stadt den Stecker
gezogen. Alles steht still

von lea deuber, thomas fromm,
christoph giesen,
claus hulverscheidt,
helmut martin-jung,
jürgen schmieder
und martin wittmann,
illustrationen: julia schubert
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