National Geographic Germany - 03.2020

(backadmin) #1
Keine noch so große Feuer-
kraft hielt Dickey Chapelle
vom Krieg fern. Auf ihrem
Foto aus dem Vietnamkrieg
(u.) treibt eine Feuersbrunst
Vietcong-Soldaten aus einer
Hütte im Mekongdelta.
Chapelle berichtete über
Dutzende von Konflikten. Sie
starb an einer Verwundung
auf einer Patrouille mit Elite-
soldaten in Vietnam.
FOTOS: GEORGE F. MOBLEY (O.);
DICKEY CHAPELLE

Im Jahr 1959 machte Dickey Chapelle
sich bereit, von einem Turm zu sprin-
gen. Die wegweisende Kriegskorres-
pondentin begleitete die 101. Division
der Luftlandetruppen der US-Armee
und hatte mit 41 Jahren ihren ersten
Fallschirmsprung vor sich. Sie hatte
entsetzliche Angst. Hinterher erklärte
sie das Fallschirmspringen zu einer
der „großartigsten Erfahrungen, die
man machen kann“.
Bis dahin hatte Chapelle über
viele Konflikte berichtet, darunter
den Zweiten Weltkrieg. Während des
ungarischen Volksaufstands hatte sie
in Einzelhaft gesessen und war als
erste Journalistin von den algerischen
Rebellen akkreditiert worden. Fidel
Castro nannte sie „die höfliche kleine
Amerikanerin mit viel Tigerblut in
den Adern“.
Chapelle wurde als Georgette Meyer
geboren und übernahm den Spitzna-
men Dickey von ihrem Helden, dem
Polarforscher Admiral Richard Byrd.
Sie träumte von einer Karriere als P i-
lotin oder Luftfahrtingenieurin. Mit
14 Jahren verkaufte sie ihren ersten
Artikel an die Zeitschrift U.S. Air Ser-
vices, mit 16 schrieb sie sich am MIT
ein, dem renommierten Massachusetts
Institute of Technology. 1940 heiratete
sie Tony Chapelle.
Das Paar begann in den Fünfziger-
jahren, für NATIONAL GEOGRAPHIC
zu schreiben und zu fotografieren;
nach der Trennung übernahm Dickey


beide Rollen. Mit Abzeichen der viet-
namesischen Fallschirmjäger und der
Fallschirmspringer der US-Armee
drang sie an Orte vor, an die andere
Reporter sich nicht wagten. Obwohl
ihre Anwesenheit etwas Neues war,
garantierte ihr das keine Sonder-
behandlung. Sie nannte ihre Auto-
biografie „What’s a Woman Doing
Here?“ („Was macht die Frau hier?“)
nach einem Kehrvers, den sie auf
dem Schlachtfeld häufig zu hören
bekam. Es stehe außer Frage, dass
der Krieg kein Ort für eine Frau sei,
sagte Chapelle einmal in einem Inter-
view. „Es gibt nur noch eine andere
Spezies auf der Welt, für die ein
Kriegsgebiet auch kein Ort ist, und
das ist der Mann.“
1962 erhielt Chapelle als zweite
Frau überhaupt den George Polk
Memorial Award, die höchste Tap-
ferkeitsmedaille des Overseas Press
Club of America. Sie hatte in Viet-
nam mehr Kämpfe erlebt als jeder
andere Amerikaner. Am 4. Novem-
ber 1965 begleitete Chapelle einen
Einsatz der US Marines in der Nähe
der Küstenstadt Chu Lai. Um etwa
acht Uhr morgens trat die Patrouille
auf einen Stolperdraht, der eine mit
einem Mörser verkabelte Granate
auslöste. Chapelle wurde von einem
Schrapnell am Hals getroffen. Sie
starb am Boden eines Hubschrau-
bers, als erste amerikanische Kriegs-
berichterstatterin.

WEGBEREITERINNEN 133
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